Brennpunktschule gewinnt mit besonderem pädagogischen Konzept den Deutschen Schulpreis

21

HAMM. Deutschlands nominell beste Schule liegt im Ruhrgebiet. In einem Brennpunkt. Not machte die Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm erfinderisch. Gelebtes Motto: «Lachend Leistung lieben lernen». Es gibt Lerninseln, Kinderlehrpläne, Epochen und ein Morgentänzchen. Dafür wurde die Grundschule nun mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.

Bei der Preisverleihung in Berlin kam Freude auf. Foto: Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger

Viele Schulen klagen über schlechte Ausstattung, Enge und über zusätzliche Aufgaben, die Zuwanderung und Inklusion mit sich bringen. Die Gebrüder-Grimm-Schule in einem sozial benachteiligten Stadtteil von Hamm tickt anders. Man sehe es als «großes Glück», eine «arme» Schule zu sein, schreibt das Lehrerteam in der Bewerbung um den deutschen Schulpreis 2019. «Das, was uns bezüglich aller Qualitätsentwicklung vorangebracht hat, waren echte Herausforderungen und Nöte.» Am Mittwoch rückt die Brennpunktschule im Ruhrgebiet als nominell beste Schule Deutschlands ins Rampenlicht.

Anzeige


Was ist das Erfolgsrezept? «Probleme nicht als Probleme, sondern fröhlich als Herausforderung sehen», sagt Schulleiter Frank Wagner im Gespräch zum grundsätzlichen Ansatz. «Lachend Leistung lieben lernen», lautet das Motto. Es gibt acht Klassen mit 225 Kindern – und für sie ein ausgeklügeltes und ungewöhnliches Lernkonzept.

Mit wenigen Ressourcen und in räumlicher Enge habe die Einrichtung innerhalb von zehn Jahren «eine Umgebung geschaffen, in der Lernen hervorragend gelingt», betont Jury-Sprecher Michael Schratz. Ein «exzellentes Vorbild für innovative Schulentwicklung», befinden die Preisstifter – Robert Bosch Stiftung und Heidehof Stiftung.

Die Offene Ganztagsschule leitet zu Eigenverantwortung an. Die Kinder lernen möglichst selbstbestimmt, aber innerhalb eines klar gesetzten Rahmens, mit festen Ritualen und Arbeitsabläufen. Die rund 30 Lehrer und pädagogischen Mitarbeiter achten auf eine Balance zwischen individuellem und gemeinschaftlichem Lernen.

An der Gebrüder-Grimm-Schule wird – trotz einer nicht gerade luxuriösen Ausstattung – fröhlich gearbeitet. Foto: Robert Bosch Stiftung / Traube 47

Konkret sieht der Alltag so aus: Im Schuljahr wiederholen sich drei je mehrwöchige «Epochen»: In «Projekt-Epochen» arbeiten die Schüler in jahrgangsübergreifenden Projekten stark in Eigenregie. Die Schüler wählen sich selbst Themen und bearbeiten sie eigenständig in der vorgegebenen Zeit. Das diene der Talentförderung, komme auch besonders begabten Schülern entgegen. In «Kurs-Epochen» werden vor allem Basiskompetenzen wie Rechnen, Lesen, Handschrift trainiert. In «Klassen-Epochen» steht das Lernen im Klassenverband im Mittelpunkt.

Über die Lernziele bis zum Ende der vierten Klasse informiert der Kinderlehrplan in kindgerechter Sprache. Im Stundenplan fest verankert ist auch das Lernkaleidoskop. Dabei handelt es sich um eigens hierfür vorbereitete Lernräume, in denen Schülerinnen und Schüler individuell nach eigenem Tempo und Anspruch lernen. Einen besonderen Stellenwert nimmt an der Schule das Loben und Wertschätzen ein. Höhepunkt sind die monatlichen Schulversammlungen, bei denen sogenannte Lobbriefe verlesen werden, die nicht nur Lernleistungen würdigen, sondern auch positive Verhaltensweisen im Alltag.

Der Leistungsstand wird regelmäßig erhoben und mit den Kindern besprochen. Fast die Hälfte der Jungen und Mädchen kommt aus benachteiligten Familien, erhält Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Gut 100 Schüler haben nach Angaben der Preisstifter einen Migrationshintergrund, jeder zehnte sonderpädagogischen Förderbedarf. Keine privilegierte Schülerschaft also.

Bei Lernstandserhebungen über dem Durchschnitt

Die Gebrüder-Grimm-Schule weiß, das Leben halte auch für Schüler «immer wieder Zitronen bereit» – und hat dafür noch ein Rezept parat: «Mach’ Limonade draus.» Frei nach der US-amerikanischen Jugendromanautorin Virginia Euwer Wolff. «Man schaut auf das Positive, die Talente», erläutert Schulleiter Wagner. Bei den letzten Lernstanderhebungen hätten die Ergebnisse den Landesdurchschnitt übertroffen.

Es gibt weitere Besonderheiten in der «Märchenschule»: Einen täglichen Morgentanz ab 07.45 Uhr in der Aula. Den Schulhund Merlin. Oder auch einen Nutzgarten mit Obst und Gemüse, eine Grillecke für Feste mit Familien, einen Bereich mit Meerschweinchen, Kaninchen, Hühnern. Jeder Quadratmeter wird multifunktional genutzt.

Wertschätzung und Anerkennung regieren in der Schulgemeinde, sagt Wagner. Lobbriefe werden feierlich verliehen. Es gebe extrem selten Gewalt oder Mobbing, betont die Schule. Eltern können sich zeigen lassen, wie sie Zuhause am besten mit dem Nachwuchs üben. Man habe mit wenig Geld viel erreichen können, meint der Schulleiter. Aber was mit dem Preisgeld von 100.000 Euro angeschafft werden soll, weiß er auch schon: Mikroskope, Kletterwand, mehr Monitore für die Lerninseln – die Wunschliste ist lang. Von Yuriko Wahl-Immel, dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Hintergrund

Die Robert Bosch Stiftung vergibt den Deutschen Schulpreis seit dem Jahr 2006 gemeinsam mit der Heidehof Stiftung. Er ist der bekannteste, anspruchsvollste und höchstdotierte Preis für gute Schulen im Land. Seit dem Start des Programms haben sich rund 2.000 Schulen für den Preis beworben. Bei der Entscheidung über die Preisträger bewertet die Jury sechs Qualitätsbereiche: „Leistung“, „Umgang mit Vielfalt“, „Unterrichtsqualität“, „Verantwortung“, „Schulklima, Schulleben und außerschulische Partner“ und „Schule als lernende Institution“. Diese Merkmale sind inzwischen als Kennzeichen für gute Schulqualität allgemein anerkannt.

Neben der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm (Nordrhein-Westfalen), die den Hauptpreis gewann, wurden fünf weitere Schulen ausgezeichnet und mit je 25.000 Euro dotiert: an die Alemannenschule Wutöschingen (Baden-Württemberg), die GGS Kettelerschule in Bonn (Nordrhein-Westfalen), die Schiller-Schule in Bochum (Nordrhein-Westfalen), die Kurfürst-Moritz-Schule in Moritzburg (Sachsen) und die Deutsche Schule „Mariscal Braun“ in La Paz (Bolivien).

Den Hauptpreis überreichte der Hessische Kultusminister und Präsident der Kultusministerkonferenz Prof. Dr. R. Alexander Lorz heute im ewerk in Berlin und betonte dabei: „Der Deutsche Schulpreis ehrt Schulen, bei denen ein gut durchdachtes Schulkonzept auf hochmotivierte Lehrkräfte trifft. Da ist es kein Wunder, wenn die Begeisterung am Lernen von ganz allein auf unsere Schülerinnen und Schüler überspringt.”

Hier geht es zu einer Broschüre, in der die Preisträger vorgestellt werden.

Sechs Punkte, die eine gute Schule ausmachen – Der Jury-Sprecher des Deutschen Schulpreises im News4teachers-Interview

Anzeige


21 KOMMENTARE

  1. Wird eigentlich erhoben, welche endgültigen Bildungsabschlüsse diese Schüler im Vergleich zu von der Klientel her ähnlichen Grundschulen erreichen? Wenn die nicht deutlich besser bzw. höher sind, ist der Preis viel Lärm um nichts.

    • Sind die Grundschulen jetzt auch für die Abschlussvergabe zuständig? Wenn ja, warum bekommen Grundschullehrkräfte dann weniger – und nicht mehr – Gehalt als die Kolleginnen und Kollegen an weiterführenden Schulen, die ja offenbar nichts zu verantworten haben?

      • Darum geht es mir nicht. Mir geht es darum, dass die Schule faktisch nur dann den Preis tatsächlich verdient hat, wenn die Absolventen der Grundschule einen im Schnitt besseren Abschluss schaffen als eher klassische Grundschulen. Der Aufwand soll ja auch etwas bringen.

        • @ xxx:
          Nur wenn man Schule als reine “Leistungsanstalt” versteht, kann man solche Fragen stellen.
          Die Jury bewertet sechs Qualitätsbereiche: „Leistung“, „Umgang mit Vielfalt“, „Unterrichtsqualität“, „Verantwortung“, „Schulklima, Schulleben und außerschulische Partner“ und „Schule als lernende Institution“.
          Also auch Leistung: hier schneidet die Schule bei den Vergleichsarbeiten über dem Durchschnitt ab.
          Eine merkwürdige Definition von Aufwand (= überflüssig?) scheint bei Ihnen vorzuliegen: Sie unterstellen zudem, dass die Schule einen Mehraufwand betreibe, weil sie anderen Konzepten folge als die von Ihnen als klassisch bezeichneten Grundschulen.

          • na ja, im Endeffekt interessiert bildungsbewussten Eltern die Empfehlung zum Gymnasium nach Klasse 4 bzw. das Bestehen des Abiturs. Schule darf nebenbei auch noch Spaß machen.

            (Ja, ich kenne den Unterschied zwischen Spaß und Freude.)

          • Nun, Forist xxx ist nicht der einzige oder erste, der kritische Rückfragen an die Jury des Deutschen Schulpreises hat. So fragte Lothar Edin 2017 kritisch an, ob “der Deutsche Schulpreis auf wissenschaftlich redliche und valide Weise die Qualität von Bildung und Erziehung misst…”.
            http://www.die-stadtredaktion.de/wp-content/uploads/2017/07/GEW-Artikel-Schulpreis-07-2017.pdf

            Mich persönlich würde interessieren, ob es eine Studie über die langfristige Entwicklung der preistragenden Schulen und Statistiken über den Werdegang der von ihnen betreuten Kindern gibt. Ich habe da nichts gefunden. Aber das wäre ein gutes Kriterium, die Aussagekraft dieses Preises zu bewerten.

        • Hamm gehört geographisch zum äußeren Rand des Ruhrgebiets, so wie Ahlen.
          Diese Schule liegt im Einzugsbereich von Bockum-Hövel, und so ist sie wahrlich in einem schwierigen sozialen Umfeld gelegen, geprägt vom inzwischen geschlossenen Bergbau und dem Stahlbereich, hier die Mannesmann Röhrenwerke. Der Anteil der Kinder mit einem Migrationshintergrund, meist mit türkischen Wurzeln, ist in diesen nördlichen und westlichen Gebieten von Hamm sehr hoch.

          • Aber oben wird der Migrantenanteil mit 100 von 225 angegeben, also ca. 45 %, was gar nicht so viel ist. Ich bin ziemlich sicher, dass eine solche Schule im Kern des Ruhrgebiets, etwa in Duisburg oder Essen, gar nicht als Brennpunktschule gelten würde. Innerhalb von Hamm wird das schon stimmen. Ob wohl die Leute in Hamm sich als Ruhrgebietler fühlen? Manche rechnen tatsächlich Hamm noch zum Ruhrgebiet, nicht aber die Bahn: Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, der eigentlich das weitere Ruhrgebiet umfasst und im Westen bis Mönchengladbach und im Norden bis Emmerich reicht, endet auf östlicher Seite in Kamen und Unna, womit Hamm nicht mehr erreicht wird, Ahlen erst recht nicht.

    • Hamm gehört zum Ruhrgebiet, siehe Wikipedia.
      Ahlen gehört zum Kreis Warendorf und grenzt direkt an Hamm-Heessen an, wobei beide Städte bzw. Stadtteile stark vom Kohleabbau geprägt waren.

    • Ach was? Der größte Teil des “Ruhrgebietes liegt in Westfalen. Lediglich der westliche Teil des Ruhrgebietes von Essen bis zum Niederrhein ist Rheinland.
      Die Grenze zwischen den Regierungsbezirken Südwestfalen (Arnsberg), Münster und Düsseldorf liegt im Städtedreieck Bochum, Gelsenkirchen und Essen. Das hat zur Folge, dass der weitaus größte Teil des Ruhrgebietes zu Westfalen gehört. Der Unternehmenssitz der RAG in Essen liegt nur eben nicht in Westfalen.

  2. Naja, laut Reiseführer umd Wikipedia liegt Hamm “am nordöstlichen Rand des Ruhrgebiets” – aber da steht nicht, an welcher Seite des Randes. Lassen wir’s offen…

  3. Ich geh mal davon aus, dass eine “Nicht-Brennpunkt-Schule” gar keine Chance hat, diesen Preis zu bekommen, auch wenn deren Lehrer mindestens so engagiert arbeiten wie die an einer Brennpunkt-Schule.

    • Gut möglich, weil die ja zwangsläufig in den Kategorien „Umgang mit Vielfalt“ und „Verantwortung“ aufgrund des fehlenden Bedarfs keine Chance hat. Mich würde es auch nicht überraschen, wenn diese beiden Kategorien stärker gewichtet werden als Leistung und Unterrichtsqualität. Schule soll ja in erster Linie Spaß machen und Lehrer sollen nur noch Lernbegleiter sein.

      • Akzeptieren Sie bitte alle, dass die dortigen Lehrer in einem sehr schwierigen sozialen Umfeld sehr gute Arbeit leisten und die Einstellung der Schüler zur Schule und das positive Bewusstsein für das Lernen gestärkt haben.

        • Vielen Dank für die anerkennenden Worte für die erfolgreichen Schulen mit schwierigen Ausgangsbedingungen. Diese Schulen ziehen sich nicht auf die häufig von Schulen und auch hier im Blog zu hörenden bzw. zu lesenden Äußerungen zurück, wie:
          “Wir tun unser Bestes. Mehr kann man von uns nicht erwarten.”
          “Wir arbeiten unter Bedingungen, die wir eigentlich so nicht
          akzeptieren können, aber wir müssen irgendwie damit klar
          kommen.”
          “Wenn ihr meint, ihr könnt es besser, dann kommt her und
          zeigt es uns.”
          “An uns liegt es nicht. Seht euch die Schüler und Eltern an.”

      • @ xxx und GriasDi:
        ich finde es ärgerlich, wenn Sie locker aus der Hand einfach unbegründete Vermutungen in den Raum werfen. Ernst gemeinte Diskussionen sehen anders aus.
        Es gibt genügend Gegenbeispiele: Eine der Preisträgerschulen in diesem Jahr, z.B. das Schiller-Gymnasium in Bochum, ist mit Sicherheit keine Brennpunktschule.
        Wieso die Kriterien Vielfalt und Verantwortung nicht für jede Schule ein Qualitätsmerkmal sein sollen, bleibt wohl das Geheimnis von xxx.

        • @GriasDi
          Ich finde es ärgerlich, wenn Sie anderen Schulen und Lehrkräften aufgrund von Äußerungen wie
          “Wir tun unser Bestes. Mehr kann man von uns nicht erwarten” usw.
          vorzuwerfen, nicht engagiert zu sein, nicht genug zu tun.
          Warum machen so viele Lehrkräfte Teilzeit?
          Nicht weil sie keine Lust haben, Geld zu verdienen, sondern weil sie mit ihren Kräften am Ende sind. Ihnen dann obige Aussagen vorzuwerfen finde ich ärgerlich.

          • Sollte eigentlich @ Gerd Möller heißen.

            Ich spreche ja den Lehrer_innen ihr Engagement nicht ab, im Gegenteil. Allerdings gibt es tausende Lehrer_innen, die mindestens genauso engagiert sind.

        • Bitte lesen Sie sich den Kommentar von Christian weiter oben inkl. der von ihm verlinkten Seite durch. Danke.

          Und nein, ich rede die Arbeit der Kollegen an den ausgezeichneten Schulen nicht schlecht. Ich habe allerdings Zweifel am deutschen Schulpreis, seine Kriterien und seine Auswirkungen (abseits eines Jubelartikels auf der Homepage).

          Ach ja: Bochum ist kein einfaches Pflaster, weil verarmtes Ruhrgebiet. Ich gebe allerdings zu, dass ein Gymnasium im Bochumer Zentrum noch eine vergleichsweise angenehme Schülerschaft beherbergt.

          • Bochum ist genauso wie die anderen Städte an der B1 bzw A40 kein einfaches Pflaster. Verarmt ist das Ruhrgebiet ebenfalls nicht. Das Problem liegt in der region zwischen A40 und A42, wo “kein Schwein tot über’m Zaun hängen möchte”. Alles südlich der A40 ist Ruhrgebiet vom feinsten und ist schon immer Siedlungsgebiet der wohlhabenderen Bevölkerungsschichten gewesen. – Und damit sind nicht nur die Villa Hügel oder das Schloss Hugenpoet gemeint.
            Ebenso der nördliche Rand des Ruhrgebietes – also der Übergang ins südliche Münsterland ist als Wohnumfeld nicht zu verachten.

            Die Problemquartiere liegen rechts und links (nördlich und südlich) der A42 entlang der Emscher – der “Köttelbecke”. Unten anne Ruhr und oben anne Lippe is alles gut.
            Der Hotspot der Brennpunkte an der Emscher ist Gelsenkirchen. Im Herzen (königs-)blau-weiß – ansonsten nur Scheiß!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here