Debatte um den Sportunterricht: Trägt Völkerball dazu bei, schwächere Schüler zu demütigen? Forscher sprechen von „Mobbing“

17

BERLIN. Fördert das im Sportunterricht übliche Völkerballspiel Mobbing? Kanadische Forscher um die  Bildungswissenschaftlerin Joy Butler haben im Rahmen einer Studie Schüler zu Dodgeball – einer international verbreiteten Variante – befragt und sind laut „Spiegel online“ zu erschreckenden Ergebnissen gekommen: Insbesondere von schwächeren Kindern und Jugendlichen wird das Spiel als „unterdrückend“ und „entmenschlichend“ wahrgenommen. „Die Botschaft des Spiels lautet: Es ist okay, andere zu verletzen“, so erklärte Butler laut Bericht.

Alle gegen einen: Ist Völkerball (oder hier: Dodgeball) von der Grundidee her ungeeignet für den Sportunterricht? Foto: chewonki_mcs/Flickr (CC BY 2.0)

Beim Völkerball spielen zwei Mannschaften gegeneinander mit dem Ziel, die Spieler des gegnerischen Teams mit dem Ball zu treffen („abzuwerfen“), sodass sie der Reihe nach ausgeschaltet werden. Tatsächlich lässt schon die Herkunft des Spiels  erahnen, dass die Grundidee pädagogisch problematisch sein könnte. Das Völkerballspiel sei aus einem rituellen Kriegsspiel entstanden, heißt es auf „Wikipedia“.

Anzeige


“Der Ball ist die Angriffswaffe”

„Der ursprüngliche Spielgedanke symbolisiert die Schlacht zwischen zwei Völkern, die sich unter ihren Königen in einem Vernichtungskrieg gegenüberstehen. Die abgegrenzten Spielfelder (der Kampfplatz) sind die Territorien. Der Ball ist die Angriffswaffe. Jeder Treffer eines gegnerischen Spielers markiert einen Gefallenen, der aus dem Spielgeschehen ausscheiden muss. Als Gegenwehr stehen den Verteidigern nur das Ausweichen vor den Schüssen oder das Auffangen und damit Unschädlichmachen des Schusses zur Verfügung. Damit verändert sich der Schlachtablauf, indem die Verteidiger zu den Angreifern werden, bis der Ball wieder verloren geht. Das Spiel (die Schlacht) endet mit der vollständigen Vernichtung eines der beiden Völker“, so heißt es.

Das sehr alte Parteienspiel zeige sich unter dieser kriegerischen Grundidee bei verschiedenen Urvölkern noch heute verbreitet. Wissenschaftler hätten „das Ausarten eines zunächst friedlichen Spiels bei den Papua in Neuguinea zu einer handgreiflichen, mit Prügeln und Dreschflegeln ausgetragenen blutigen Stammesfehde, nachdem sich die Verlierer durch den Spott und Hohn der Sieger gedemütigt sahen“, beschrieben. „Das als Völkerschlacht oder Gemetzel bezeichnete rituelle Spiel verwandelte sich in wenigen Minuten über ein Hämespiel zu einem ernsthaften Stammeskrieg (tribe-war).“

Noch bei Friedrich Ludwig Jahn, dem Schöpfer der deutschen Turnbewegung (1778–1852), habe das von ihm als Turnspiel bezeichnete Völkerballspiel einen eindeutig wehrertüchtigenden Charakter. Erst in heutiger Zeit und im westlichen Kulturkreis hätten sich die Spielregeln unter pädagogischen Gesichtspunkten gewandelt, etwa in der Form, dass sich abgeschossene Spieler vom Spielfeldrand aus durch einen eigenen Treffer wieder ins aktive Feldgeschehen zurückbringen konnten. Der symbolische kriegerische Hintergrund sei den Akteuren heute in der Regel nicht mehr bewusst, heißt es.

Meidinger: Man kann nicht alles Unangenehme aus Schule entfernen

Körperlich schwächere Schüler empfinden die spielerische Menschenjagd aber offenbar häufig als demütigend. „Völkerball ist gleichzusetzen mit legalisiertem Mobbing“, sagt auch Wissenschaftlerin Butler. Dabei solle Sportunterricht doch dazu beitragen, auch weniger bewegliche Kinder und Jugendliche an Sport heranzutragen. Von der „Bild“-Zeitung befragt, zeigt Heinz-Peter Meidinger (64), Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Direktor eines bayerischen Gymnasiums, wenig Verständnis für die Debatte. Man könne nicht alle unangenehmen Dinge aus der Schule entfernen, so zitiert ihn das Blatt. Denn dann werde man eines nicht erreichen: „Die Kinder darauf vorbereiten, in der späteren Berufs- und Lebenswelt zu bestehen.“

Der  Anti-Mobbing-Coach Carsten Stahl, der in Schulen Kurse für mehr Sozialkompetenz gibt, sieht das allerdings anders. „Völkerball ist eine akzeptierte Form des Mobbings, bei dem einer in der Mitte steht, und alle dreschen auf ihn ein. Und später tut das Opfer genau das Gleiche, vom anderen Spielfeldrand aus, um selbst nicht wieder zum Opfer zu werden“, so zitiert ihn „Bild“. Für Stahl beginnE Mobbing sogar schon früher – nämlich beim Wählen der Mannschaften, wo die Schwächsten am Ende allein und ungewählt am Rand stünden. News4teachers

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Höher, schneller, weiter: Lässt der Schulsport einen Großteil der Schüler auf der Strecke? Forscherin plädiert für Neuausrichtung

Anzeige


17 KOMMENTARE

  1. Es ist erbärmlich anzusehen, wozu wichtige Forschungsgelder ausgegeben werden. Auch der Herr Stahl erblödet sich nicht sich zu äußern. Wieso wird der immer wieder als Experte bezeichnet, arbeitet aber bei RTL2? Das schließt sich aus.

  2. Das größte Angstfach an der Schule ist Mathe,- Quelle unendlicher Demütigungen und Misserfolgserlebnisse.
    Warum nur Völkerball verbieten, warum nicht auch Mathe?

    Die Kernfrage ist doch, wie eine Lehrkraft pädagogisch solche Spiele begleitet,- da muss es fair zugehen, da müssen regelbrechende Schüler sofort verwarnt werden, da kommt es auf die Pflege eines wertschätzenden, guten Klassenklimas an. Mobben kann ich nicht nur beim Völkerball, sondern auch bei allen anderen Ballsportarten. Die Forscher tun ja grade so, als ob der Völkerball ein Kind der Weltkriege und Völkerschlachten ist. Merke, nicht das Spiel ist böse, allenfalls der Mensch ist es!

  3. Wenn jeder Bereich, in dem es unterschiedliche Fähigkeiten bei den verschiedenen Schüler_innen gibt (und das sind alle Bereiche, die es gibt) unter Mobbing-Verdacht gerät, können wir den Laden dicht machen.
    Kunst (jemand kann besser zeichnen als andere -> Mobbingverdacht)
    Sport (Mobbing-Fach pur)
    Mathe (jemand kann besser rechnen als andere -> Mobbingverdacht)
    Deutsch (jemand kann besser lesen als andere -> Mobbingverdacht)
    Musik (jemand kann besser singen als andere -> Mobbingverdacht)
    Was soll der Quatsch?

    • Absolut. Es geht ja letztendlich auch um die Frage, wie man dieses Spiel interpretiert. Man kann es wie in der Studie machen, als Kriegsspiel mit dem Ziel schwache Opfer fertig zu machen, oder eben den sportlichen Aspekt in den Vordergrund zu stellen: Beweglichkeit, Treffgenauigkeit, Koordination, Kondition UND Teamarbeit. Völkerball ist ein Teamsport. Alleine hat man keine Chance. Man kann also der größte Sporthengst sein und gegen ein gut organisiertes Team dennoch verlieren. Zudem gibt es niemanden, der nicht zur “Zielscheibe” wird. Es wird auch der Sporthengst Bälle abbekommen. Ich glaube kaum, dass es ihn oder sie stört.

      Ich frage mich auch, ob es Schüler gibt, die Dinge die sie nicht gut können mit positiven Eigenschaften beschreiben. Wohl kaum. Wie Sie @GriasDi bereits sagten, dieses Phänomen kann man auf alle Dinge, und Fächer, des Lebens projizieren.

  4. Der eigentlich demütigende Teil des Völkerballspiels zu meiner Zeit (Jg 1953) war die „Rekrutierungs-Phase“, in der völlig klar wurde, wer unter den Letztgewähiten war, gehörte ‚nicht dazu‘ und war automatisch erstes Ziel. Also doch Mobbing, auch wenn es den Terminus damals noch nicht gab.

    • Stimmt, das ist/war das Fragwürdigste an dem Spiel.
      Gut, dass jetzt andere Arten der Gruppeneinteilung populär sind, wo man das Wählen umgehen kann. Ich lasse nie die Schüler wählen, denn sie wählen tatsächlich nach Leistung und zum Schluss nach Freunden, sondern irgendein Zufallverfahren entscheidet die Gruppeneinteilung oder ich verteile die Spieler selbst.
      Das Völkerballspiel kann man auch dadurch entschärfen, dass immer derjenige, der jemanden abwirft, wieder ins Spielfeld kann. Nach einer gewissen Zeit beendet man einfach das Spiel, wenn es zu lange dauert.

      • @Efiath
        Auch bei der Auswahl der Mannschaften im Fußball, Handball und Basketball bleiben die schlechtesten Sportler zuletzt über. Nach dieser Logik eines angeblichen Mobbings dürfte es im Sportunterricht keinen Mannschaftsschulsport mehr geben.

    • Die Mannschaften könnte man auch auf andere Art zusammenstellen zusammenstellen. Wenn es bei allen Mannschaftsspielen eine „Rekrutierungs-Phase“ gäbe, die als Mobbing gewertet würde, könnte man alle abschaffen.
      Ich finde, der Begriff Mobbing wird enorm verharmlost, wenn man ihn jetzt schon auf solche Spiele anwendet.
      Die ersten drei Kommentare entsprechen vollkommen meiner Meinung.

    • @Efiafh: Das ist doch dummes Zeug! Wenn um die Zusammensetzung der Mannschaften geht, dann war doch jede Mannschaftssportart Mobbing. Das hat doch mit dem Völkerballspiel ansich nichts zu tun, das wurde früher auch im Fußball, Basketball usw auch gemacht.

      Tanzen wir doch nur noch unseren Namen im Sportunterricht, dann wird auch ja keine ach so arme Kinderseele verletzt.

    • Ich finde es fast schon fatal, da von Mobbing zu sprechen. Mobbing hat eine völlig andere Dimension, die viele Betroffene oftmals ihr Leben lang begleitet. Es klingt ja auch nicht so, als wären die Befragten aus dieser Studie dermaßen traumatisiert, dass dieses Spiel und das einhergehende “Mobbing” ihren Alltag massiv bestimmt. Ich finde es auch gut, dass es unterschiedliche Auswahlmethoden gibt. Das geschieht ja im Regelunterricht in anderen Fächern auch so. Manchmal dürfen Schüler ihre Gruppen selbst aussuchen. Da bilden sich meist Gruppen aus Freunden. Das ist ja dann wohl kaum Mobbing. Manchmal stelle ich als Lehrkraft möglichst heterogene Gruppen zusammen. Manchmal möglichst homogene Gruppen (ist das Mobbing?), usw.

      Ich finde es ein gutes Zeichen, wenn auch klar wird: im Gefüge dieser Klasse stehe ich ungefähr hier. Am Ende ist der Unterricht auch ein Bewertungsraum und an dem sozialen Gefüge orientiert sich die Lehrkraft bei der Benotung. Das sollte den Schülern auch transparent sein.

      Ich möchte zudem betonen, dass Sportunterricht ja aus weit mehr als Völkerball besteht. Eigentlich ist da für jeden etwas dabei. Wenn nicht, muss man auch mal festhalten, dass diese Person absolut unsportlich ist. Ich kann mich selbst auch an ein paar Fächer erinnern, da spielte das Thema überhaupt keine Rolle, ich war einfach schlecht. Das wusste die Lehrerin, die Mitschüler und ich selbst. Das ist dann kein Mobbing, sondern ein offener Umgang mit der eigenen Leistung. Ich gehörte damals zu den sportlichen Mitschülern. Es gab dann aber auch Unterrichtseinheiten zu Schwimmen und Turnen. Da bin ich kläglich untergegangen. Es wird ja so getan, als sei Völkerball das einzig Wahre.

  5. Ja, es ist Mobbing. Ganz klar. Jemandem, der in Sport schlecht ist, zu sagen, daß er in Sport schlecht ist (und deshalb als letzter gewählt wird), ist hart. Ja. Wo lernt der, damit umzugehen? Nicht nur, daß er sich damit nicht gut fühlt, sondern auch, daß ihm eine competitive Gesellschaft das immer wieder mal unter die Nase reiben wird? Nennen wir es Mobbing und schaffen wir eine weitere Chance ab, daß Jugendliche ebendas lernen können. Was kommt dann eigentlich als 30-jähriger dabei raus? Das “du schaffst das, du bist gaaaanz toll” haben GEFÄLLIGST die zugewandten und nicht vernachlässigenden Eltern schon in den ersten 10 Lebensjahren gemacht.

    Übrigens ist ein Vergleich interessant, welche Position auf der Achse “konfrontativ/problemansprechend” gegenüber “problemverschweigend/nichtAufDieFüßeTretend” die Länder einnehmen. Kanada ist da mit einer ganz anderen Kultur geprägt als Deutschland; USA könnte interessant sein, die haben an ihren Schulen ein echtes Mobbing-Problem.

    • Ich war in Sport immer schlecht und wurde meistens als einer der Letzten gewählt. Habe ich davon psychische Schäden erlitten? Nein.

      Meiner Meinung nach müssen Kinder lernen, dass es Dinge gibt, in denen sie besser oder schlechter sind als andere. Der vielleicht sogar positive Umgang damit schult auch noch die Frustrationstoleranz. Kinder haben doch auch kein Problem damit, in Mathe schlecht zu sein und das auch direkt gesagt zu bekommen.

      • Wenn ich mir Ihr unentwegtes Gehetze gegen Migranten in Ihren Posts auf News4teachers vergegenwärtige, dann scheint bei Ihnen die Lektion angekommen zu sein, dass man sich stärker fühlt, wenn man Schwächere heruntermacht. Spricht nicht für Ihren Sportunterricht.

        • Erstens hat Ihr Kommentar mit dem Artikel nichts zu tun.
          Zweitens bin ich kein Sportlehrer (ist auch besser so).
          Drittens sind die meisten Migranten körperlich stärker als ich.
          Viertens mache ich Migranten nicht herunter, weil sie Migranten sind.
          Fünftens bin ich der Meinung, dass Kinder mal bedeutend weniger in Watte gepackt werden sollen als derzeit.

    • Mobbing ist normalerweise ein permanentes, wiederholtes Piesacken einer Gruppe einem Einzelnen gegenüber.

      Im strengen Sinne ist es kein Mobbing. Aber es hat ähnliche Auswirkungen wie das klassische Mobbing. Ein einzelnes Kind steht immer auf der Verliererseite. Ich finde es schon etwas unsensibel, da davon zu sprechen, dass es damit Frustrationstoleranz lernt. Allein auf der Verliererseite zu stehen, greift schon ganz schön in das Selbstbewusstsein ein. Oft trifft es auch noch die so oder so schulisch schwachen Kinder, die keine großen Erfolgserlebnisse in der Schule haben. Unsportlich und super gut in den kognitiven Fächern ist eher eine Ausnahme. Ich schreibe hier von einer heterogenen Grundschulklasse.

      Da sind Mannschaftswettspiele besser – da lernt man in der Gruppe fair zu gewinnen und auch fair zu verlieren. Als Grundschullehrer hat man da im Sportunterricht immer wieder das Problem – denn das ist äußerst schwierig für einige Kinder in einer Klasse. Vor allem für diejenigen, die gerne solche Gelegenheiten nutzen, andere zu ärgern (sich stark fühlen, siehe Bernd), sich durch das Gewinnen “groß” fühlen oder eine geringe Frustrationstoleranz haben und sehr wütend werden, am liebsten draufschlagen und alles unfair finden. Hier ist pädagogisches Geschick gefragt, das in die richtige Bahnen zu lenken. Dennoch mache ich Mannschaftswettspiele dosiert mit entsprechender Einführung, damit es nicht böse in der Umkleidekabine endet. Das hatte ich nämlich bei sozial schwierigeren Klassen öfter. Da gibt es oft richtig Zoff in der Umkleidekabine. Und bei den Kleinen wird das schnell handgreiflich.

  6. Ich würde hier niemals von “Mobbing” sprechen, weil Mobbing m. E. mit bösem Willen und absichtlicher Quälerei anderer verbunden ist. Immer häufiger werden Begriffe inflationär gebraucht und damit ihres eigentlichen Sinnes beraubt, nur um mehr Aufmerksamkeit und Zustimmung für eine Aussage (Behauptung) einzuheimsen. Bei “Mobbing” schrillen gewöhnlich die Alarmglocken und das sollen sie ja auch.
    Irgendwann wird wahrscheinlich auch dieser abschreckende Begriff so ausgelutscht sein, dass er auch dann nur noch ein müdes Lächeln hervorruft, wenn er wirklich Besorgnis und Hilfestellung auslösen sollte.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here