Fridays for Future: Brauchen wir Klimaschutz als Unterrichtsfach?

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Seit den Friday-for-Future-Demos denken viele Schulen darüber nach, wie sie mit dem Thema Klimaschutz im Unterricht umgehen sollen.

Die junge Generation mischt sich ein: Mit den Friday-for-Future-Demos, initiiert von der schwedischen Schülerin und Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg, haben zahlreiche Schülerinnen und Schüler in vielen Ländern Europas dafür gesorgt, dass das Thema Klimaschutz endlich ernst genommen wird. Trotz der fragwürdigen Praxis, dafür freitags die Schule zu schwänzen, finden sich auch unter Erwachsenen viele Befürworter. In den Schulen herrscht jedoch oft Ratlosigkeit, wie man mit dem „Schule schwänzen“ am besten umgehen soll. Viele Lehrer möchten ihre Schüler nicht durch den Eintrag eines unentschuldigten Fehltages schaden. Eine mögliche Lösung schlägt die Bildungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern, Birgit Hesse (SPD), vor: Man solle im Klassenverbund an den Demos teilnehmen und diese zum Schulprojekt machen, so die Ministerin. Dementgegen steht allerdings das Schulrecht, das Lehrern untersagt, zu Demonstrationen während des Unterrichts aufzurufen. Dies kann sogar disziplinarrechtliche Folgen für Lehrkräfte haben. Es spricht allerdings nichts gegen eine generelle Aufarbeitung der Thematik im Unterricht. Um Verweise wegen vollständigen Fernbleibens vom Unterricht kommen Schulen nicht herum, wer jedoch vor der Teilnahme an der Demo noch die Schule besucht und am Unterricht teilnimmt, kann beispielsweise mit einem Arbeitsauftrag „bestraft“ werden. Der kann so aussehen, dass die Schüler sich kritisch mit den Friday-for-Future-Demos befassen und die Ziele erörtern sollen. So haben Schulen auch schon denjenigen Extrastunden beim Umweltbeauftragten der Schule verordnet, die freitags während der Schulzeit an der Demo teilgenommen haben.

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Klimaschutz als Projektunterricht

Die Möglichkeiten, das Thema Umwelt- und Klimaschutz in der Schule aufzugreifen, gibt es viele. Projekte mit dem Ziel, Plastikmüll zu vermeiden, gab es bereits an zahlreichen Schulen. Hier können Schüler ihr eigenes Verhalten auf den Prüfstand stellen. Nach Recherchen zum Thema und der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Problematik können Handlungsempfehlungen erarbeitet werden, für die die Schüler Vorreiter sein können. Plastik findet sich im Alltag an jeder Ecke wieder und schon durch einige kleine Veränderungen, lässt sich der Plastikgebrauch reduzieren. So kann als Ziel des Projekts ein Verkauf von selbsthergestellten Jutetaschen mit Aufdruck des Schullogos oder des Projektmottos sein, oder es kann selbsthergestellte Bionade in Glasflaschen verkauft werden. Auch Broschüren mit Tipps zur Vermeidung von Plastikmüll könnte die Projektklasse gemeinsam erarbeiten. Schulfeste oder Tage der offenen Tür eignen sich gut für die Öffentlichkeitsarbeit des Projekts und dem Verkauf der klimafreundlichen eigens hergestellten Produkte.

Einige Projektideen zum Klimaschutz werden sogar im Rahmen eines Förderprogramms ausgeschrieben, für die entsprechende Fördergelder zur Verfügung stehen. Hier geht es um Aktionen mit Nachhall. Multiplikatoren geben ihr erlerntes Wissen zu bestimmten Klimaschutzmaßnahmen weiter, gezielte Klimaschutzaktionen werden umgesetzt und messbare Ergebnisse erzielt.

Materialien und Unterstützung für Klimaprojekte findet man zahlreich im Netz. Gemeinnützige Organisationen wie die „Das macht Schule gGmbH“ bieten Hilfestellung und Projektvorlagen für eine Klima AG an. Aber auch das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit bietet kostenlose Unterrichtsmaterialien zum Thema Umwelt an. Auf der Webseite www.umwelt-im-unterricht.de werden sogar alle zwei Wochen neue Materialien zu aktuellen Umweltthemen bereitgestellt. Die Angebote sind fächerübergreifend. So bestehen sogar Verknüpfungsansätze zwischen Umweltthemen und Digitalisierung, indem beispielsweise die Erhebung und Visualisierung von Umweltdaten mittels PC-Software als ein mögliches Unterrichtsthema vorgestellt wird.
Auch Energiekonzerne bieten Energiewissen für Schulen an und beraten sogar Lehrer in regelmäßigen Fortbildungen zu Energiethemen für die Unterrichtsgestaltung. Es kann allerdings nicht schaden, diese durchaus vorbildlichen Angebote kritisch zu betrachten und sich genauer anzusehen, wie hoch der Anteil mancher Konzerne an konventioneller Energieerzeugung wie Atomenergie und Braunkohle ist.

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Wie viel Klimaschutz im Unterricht?

Dass in vielen Schulen die Themen Umwelt und Klimaschutz eine Rolle spielen, steht außer Frage. Meist werden sie projektbezogen umgesetzt, was von Schülern viel Eigeninitiative erfordert. Mit einer Projektwoche kann die Thematik aber realitätsnah und praxisorientiert erarbeitet werden, zudem kann man das gewählte Thema konzentrierter angehen als in einer normalen Unterrichtseinheit, nach der wieder Mathe, Deutsch und Englisch auf dem Plan stehen. Jedoch kann man sich einem Umweltprojekt nur innerhalb eines begrenzten Zeitraums widmen. Ist daher ein eigenes Schulfach mit Schwerpunkt Umweltbildung notwendig, um das Themenfeld nachhaltiger behandeln zu können? Anders gefragt: Sollte Schule der jungen Generation das Rüstzeug für einen nachhaltigeren Umgang mit unserer Umwelt mitgeben?
Neben der Klassensprecherwahl kann die Wahl eines oder mehrerer Umweltbeauftragter einer Klasse dazu dienen, den Klimaschutz nicht nur einmalig zum Projektthema zu machen, sondern durch Protagonisten innerhalb der Klasse langfristig in das Schulgeschehen zu integrieren. So könnten Umweltbeauftragte darauf achten, dass innerhalb des Schulgebäudes klimafreundliche Maßnahmen umgesetzt werden, z. B. weniger Verpackungsmüll entsteht oder dieser entsprechend entsorgt wird. Durch das Programm „Umweltschule“ wurden in den letzten 25 Jahren bereits zahlreiche Schulen als „Umweltschule in Europa – Internationale Nachhaltigkeitsschule“ ausgezeichnet. Dennoch werden immer wieder Stimmen laut, die ein spezielles Unterrichtsfach wie „Umweltlehre“ fordern. Der an der einstigen Orientierungsstufe erteilte WUK-Unterricht (Welt- und Umweltkunde) bestand eher aus einer Kombination aus Geschichts- und Erdkundeunterricht. In Frankreich gibt es ein Fach zur Umwelterziehung mit 60 Stunden bereits seit mehr als 15 Jahren. Ein ähnliches Schulfach würden viele auch in Deutschland begrüßen, so zum Beispiel Wirtschaftsethiker der Hochschule Fresenius.  Im Rahmen von Wahlpflichtfächern haben sich Schulen dieser Thematik bereits angenommen, zum Beispiel unter dem Titel „Ökologie und Technik“. An bayerischen Wirtschaftsschulen wurde das Fach „Mensch und Umwelt“ eingeführt. Generell eignen sich naturwissenschaftliche Fächer dazu, die Klimaschutzthematik aufzugreifen, aber auch im Politikunterricht kann die Klimapolitik in Deutschland und anderen Ländern diskutiert werden. Bereits in Grundschulen kann im Rahmen des Sachkundeunterrichts ein nachhaltiger Umgang mit unserer Umwelt gelehrt werden, und auch in den Fächern Religion und Ethik kann über Konsum und die Folgen für die Umwelt gesprochen werden. Es gibt also genug Ansätze, umweltpädagogische Themen in den Unterricht einfließen zu lassen.

Schülerdemos nur Hype?

Doch bis sich ein neues Schulfach zur Klimaproblematik durchgesetzt hat, könnte der Hype unter den jungen Menschen auch schon wieder vorbei sein. Ohnehin wird den Schülern oft nachgesagt, sie nutzen die Freitagsdemos nur, um der Schule fernbleiben zu können, aber wird da nicht ein falsches Bild der Jugend erzeugt? Gerade in den letzten Jahren haben sich junge Menschen oft eingemischt, wenn es um Themen ging, die unsere Zukunft betreffen: Trump, Brexit, Klimawandel, Europawahl – letzteres durch einen YouTuber ins öffentliche Bewusstsein der jungen Generation getragen – das ist nicht ohne Wirkung an uns vorübergegangen. Selbst wenn es eines Tages keine Freitagsdemos für den Klimaschutz mehr geben wird, sollte das noch nicht das Ende sein, sondern erst der Anfang. Dass es noch viel zu tun gibt, können auch die Schulen vermitteln. Was bei vielen Kritikern von „Fridays for Future“ als Populismus hingestellt wird, kann durch gezielte Unterrichtsmaßnahmen aufgegriffen und neutral diskutiert werden. Ein Thema, das Schüler erst zum Thema gemacht haben, bietet großes Potential, deutlich mehr davon im Unterricht aufzugreifen als das momentan noch der Fall ist. Sie mit den Sorgen und Ängsten um ihre Zukunft gänzlich allein zu lassen, kann zu einer zu einseitigen Sicht der Problematik bei den Schülern führen. Ein guter Ansatz wäre es daher, den Schülern bei der Umsetzung von Unterrichtseinheiten zur Klimaschutz-Debatte ein gewisses Maß an Selbstverantwortung zu geben, sie aber dennoch dort abzuholen, wo Zweifel oder Probleme auftauchen. Wenn Schüler an Klimaschutz-Demos teilnehmen, sich aber selbst noch nicht ausreichend informiert haben, um sich eine fundierte Meinung zu bilden, können Diskussionen und innovative Lernszenarien diese Defizite ausgleichen und zu einer eigenständigen Meinungsbildung der Jugendlichen beitragen. Pro und Contra-Argumente zu verschiedenen Fragen rund um den Klimaschutz können diskutiert werden, auch die Interessen der Wirtschaft und Industrie bieten Gesprächsstoff und die Möglichkeit zur Abwägung der eigenen Ansichten. Eigene Verhaltensweisen können hinterfragt und neue Wege aufgezeigt werden, wie man selbst etwas für den Klimaschutz tun kann. Im Hinblick dessen bedeuten eigene Handlungen immer auch, dass Dinge, die im Kleinen funktionieren, auch im Großen machbar sind. Daher liegt die Verantwortung für den Klimaschutz nicht allein bei den Verbrauchern, sondern in hohem Maße bei den Verantwortlichen der Politik und Wirtschaft.
Als Umweltaktivist mit dem Strom schwimmen sollte daher nicht Ziel eines klimapolitischen Unterrichts sein, vielmehr sollte das eigene Bewusstsein der Schüler gestärkt und ihr Wissen bereichert werden. 

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