Protest für „Flugscham“ – Klimaaktivisten demonstrieren am Flughafen

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STUTTGART. Flugscham ist derzeit in aller Munde. Auf dem Weg in die Sommerferien dürfte bei manchem Urlauber das schlechte Gewissen mitreisen. Gut so, finden Aktivisten von Fridays for Future. Erstmals demonstrierten sie nun an einem Flughafen für den Klimaschutz.

Freitagmittag, Flughafen Stuttgart, Terminal 1: Es herrscht Hochbetrieb. Tausende Reisende starten in die baden-württembergischen Sommerferien, sie laufen durch die Halle, warten an Schaltern, geben Gepäck auf. Plötzlich beginnt der Lärm. Sprechchöre schallen von oben herunter in die riesige Halle. «30 Euro, Stuttgart-Berlin – wo bleibt die Steuer auf Kerosin!» rufen die Klimaaktivisten. Sie schreien, pfeifen, trommeln, klatschen. Die Fluggäste blicken nach oben, manche interessiert, andere verwirrt.

Für viele Menschen starten die Ferien mit dem Urlaubsflug. Foto: Politikaner / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Mehrere Hundert Klimaaktivisten demonstrierten am Freitag am Stuttgarter Flughafen gegen umweltschädliches Fliegen. Bei der Protestveranstaltung am letzten Schultag vor den Sommerferien in Baden-Württemberg handelte es sich nach Angaben der Veranstalter um die erste Demonstration von Fridays for Future an einem deutschen Flughafen überhaupt. Laut Veranstalter beteiligten sich rund 350 Personen an der Aktion.

Die Aktivisten hingen Plakate und Transparente auf, skandierten Sprüche wie «Attacke, Attacke – Fliegen ist kacke» oder «Runter mit den Bahnpreisen – hoch Kerosinsteuer». Weitere regionale Klima- und Umweltgruppen beteiligten sich an dem außergewöhnlichen Protest. Steffen Siegel von der Schutzgemeinschaft Filder hob mitten im Pulk der Demonstranten eine Zeitungsanzeige in die Luft, dort wird ein Flug von Stuttgart nach Bologna für 5,99 Euro angepriesen. «Das ist schlichtweg obszön!», rief der 74-Jährige wütend in die Menge.

Unter dem Motto «Ferienstreik fürs Klima» demonstrierten Fridays for Future-Aktivisten am Freitag auch vor der Verwaltungszentrale des Braunkohleunternehmens Leag in Cottbus (Brandenburg). Nach Angaben der Organisatoren beteiligten sich dort rund 200 Menschen.

Der Klimaschutz ist derzeit das politische Thema schlechthin, die Grünen sind im Höhenflug, auch das Phänomen der Flugscham ist in aller Munde. Beginn einer neuen Protestwelle an deutschen Flughäfen? «Es ist wichtig, dass wir auch an andere Orte gehen», sagt der 21 Jahre alte Demo-Organisator Elias Zand-Akbari von der Stuttgarter Regionalgruppe von Fridays for Future. «Wir müssen die Leute erreichen, die nicht zu unseren Demos auf dem Rathausplatz kommen.»

Er hofft, dass es nun regelmäßig solche Aktionen an Flughäfen gibt. Man müsse auch nicht in Indien Urlaub machen, sagt er. Man müsse den Leuten klarmachen, dass das Fliegen die Umwelt zerstöre. Inlandsflüge sollten verboten werden, Kerosin gehöre ordentlich besteuert. Es sei aber auch Sinn der Sache, den Fluggästen ein schlechtes Gewissen zu machen.

«Das hatten wir so noch nicht», sagte eine Sprecherin des Flughafens. Es sei gut, dass sich junge Leute engagierten. Auch dem Flughafen sei Klimaschutz wichtig. Aber man wolle das Fliegen eben nicht verbieten, sondern klimafreundlicher machen, etwa durch neue Treibstoffe. Außerdem könne man Billigflieger nicht verbieten. «Wir als Flughafen können nicht vorschreiben, wer hier fliegt und zu welchen Preisen», sagte sie. «Das ist Marktsache.»

Die Schule hatte dafür diesmal niemand geschwänzt. Schließlich wollte man die Zeugnisvergabe nicht verpassen, wie ein Aktivist sagte. Dafür gab es dann im Terminal 1 gleich nochmal Zeugnisse, wenn auch eher scherzhaft. Dutzende Teilnehmer ließen sich an einem Tisch kleine Zeugnis-Zettel stempeln. Dort wurde eingetragen, an wie vielen Streiks man schon teilgenommen hatte. Statt Schulfächer wurden andere Felder benotet, etwa «Verantwortungsbewusstsein», «Schilder basteln», «Friedlich demonstrieren» und «Ziviler Ungehorsam». Und zwar ausschließlich mit «sehr gut». Am Freitag blieb es auch völlig friedlich. Es kam kaum zum direkten Kontakt zwischen Fluggästen und Fluggegnern, wegen der räumlichen Trennung.

Die 56-Jährige Susanne Woitsch aus Göppingen war auf dem Weg nach Amsterdam vom Protest überrascht worden. Ein Betriebsausflug übers Wochenende mit ihren Kolleginnen, da wollte sie nicht nein sagen. «Ich habe ein schlechtes Gewissen», sagt sie. Aber sie sei schon Jahre nicht mehr geflogen. «Das ist richtig und wichtig, weil sich sonst nichts ändert», sagt sie zu dem Protest. «Die Politiker brauchen Druck.» Manch anderer Urlauber wollte sich lieber nicht zu seinen Flugplänen äußern.

Am Ende hatten die Aktivisten dann selbst sogar noch ein wenig Spaß am Fliegen. Sie falteten Dutzende Papierflieger und ließensie unter Pfiffen und Rufen in die Terminalhalle hinunter segeln zu den Urlaubern – ganz klimaneutral. (Nico Pointner, dpa)

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