Auf die Ausbildung der Lehrer kommt es an: bak Seminartag diskutiert über Chancen und Risiken der Digitalisierung von Schulen

2

KAISERSLAUTERN. Was bringt Unterricht mit digitalen Lernmedien? Genauer: Wie sehen die Bedingungen aus, unter denen das digital unterstützte Lernen erfolgreich sein kann? Der Seminartag des bak Lehrerbildung – die jährlich stattfindende bundesweite Leitveranstaltung für alle Themen rund um die zweite Phase der Lehrerbildung – widmet sich in seiner 53. Auflage, die in diesen Tagen in Kaiserslautern stattfindet, der digitalen Bildung. Vorweg: Renommierte Expertinnen und Experten lieferten überraschend klare Antworten auf diese Fragen. Deutlich wurden aber auch die Schwierigkeiten, vor denen die Ausbilderinnen und Ausbilder des Lehrernachwuchses in Sachen Digitalisierung stehen.

Digitalsierung in der Bildung hat viele Facetten – hier unterrichtet eine junge Lehrerin “coding”, also Programmieren. Foto: Shutterstock

„Erfahrungen durch Unterrichtsstunden mit digitalen Medien in der Referendariatszeit sind ein relevanter Prädiktor für die spätere Einbindung digitaler Medien in den Unterricht“, so zitierte der Referent Tim Ripplinger aus einer Studie der Bildungsforscherin Prof. Birgit Eickelmann, die im Rahmen der internationalen Vergleichsstudie ICILS herausgefunden  hat, dass es mit den Computer-Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in Deutschland nicht allzu weit her ist. Anders ausgedrückt: Wer möchte, dass die Digitalisierung im Lehrerberuf wirklich ankommt (damit dann auch die Kinder und Jugendlichen besser auf den Umgang mit digitalen Medien vorbereitet werden), fängt am besten am Anfang an – in der  Lehrerausbildung.

Anzeige


„Dass wir uns mit der Digitalisierung auseinandersetzen müssen, ist gar keine Frage mehr“: Helmut Klaßen, Bundesvorsitzender des bak Lehrerbildung. Foto: Michael Zimmermann

Dass auch dort, im Vorbereitungsdienst jedenfalls, noch viel ungenutztes Potenzial schlummert, wurde beim Seminartag des bak Lehrerbildung deutlich. Aus Reihen der rund 250 anwesenden Ausbilder und Ausbilderinnen wurden etliche Probleme benannt.

„Ich erlebe Referendarinnen und Referendare, die vor allem Sicherheit suchen: Wie komme ich schnell und mit guten Noten durch den Vorbereitungsdienst?“, so berichtete eine Ausbilderin. Weil der Einsatz von digitalen Medien immer noch ein „eher experimentelles Feld“ sei, scheuten viele Junglehrer davor zurück. Auch das Thema Datenschutz, so ergänzte ein anderer , sorge für Verunsicherung: Was darf ein Lehrer überhaupt speichern? Was darf er an wen übermitteln? Das schrecke auch den Nachwuchs ab. Ein dritter berichtete, dass der Einsatz digitaler Medien von vielen immer noch als „on top“, also als zusätzliche Herausforderung gesehen werde. Die Chancen und Erleichterungen, die zum Beispiel aus einer digital unterstützten Kommunikation erwüchsen, würden dagegen kaum wahrgenommen.

Unbehagen erzeugen die Schwierigkeiten, mit denen Schulen zu kämpfen haben

Tatsächlich, so berichteten die Wissenschaftler Prof. Mandy Schiefner-Rohs und  Tim Ripplinger von der TU Kaiserslautern in ihrem Workshop mit dem bezeichnenden Titel „Angst nehmen! Thesen zur Nicht-Nutzung digitaler Medien in der zweiten Phase der Lehrerausbildung“, gibt es unter den Einsteigern in den Lehrerberuf, obwohl sie als „digital natives“ mit digitalen Medien aufgewachsen sind, Vorbehalte gegen die Digitalisierung der Schulen. Unbehagen erzeugen vor allem die real existierenden Schwierigkeiten, mit denen Schulen tatsächlich zu kämpfen haben: Funktioniert die Technik? Wie sieht ein „digitaler Workflow“ für Lehrerinnen und Lehrer überhaupt aus? Ist die eigene Medienkompetenz schon so gut entwickelt, dass man damit vor Schülerinnen und Schülern bestehen kann?

Aber auch die Kernfrage ist auch Sicht mancher Junglehrer  – und auch ihrer Ausbilder – längst nicht beantwortet: „Wo liegt denn der didaktische Mehrwert?“ Wie ein Menetekel tauchte die schriftlich gestellte Frage plötzlich auf dem Bildschirm über den beiden Referenten auf, dorthin geworfen von einem Teilnehmer des „interaktiven Workshops“ (der dem Publikum diese Möglichkeit zur Kommentierung ausdrücklich bot).

Digitales Lernen von Schülern: Droht „ein Tal der Enttäuschung“?

Die Frage hatte in seinem Eröffnungsvortrag auch der als „Digitalkritiker“ und Bestseller-Autor („Verzockte Zukunft“) bekannt gewordene Gerhard Lembke, Professor für Digitale Medien an der Hochschule Mannheim, aufgeworfen. „Die Digitalisierung der Bildung erfolgt in erster Linie technologie- und ökonomiebetrieben“, meinte er – pädagogische und didaktische Konzepte entstünden bestenfalls als „Abfallprodukt“. Nichts von dem, was die Digitalisierung des Unterrichts verspreche, habe sich bisher bewahrheitet. Weder ein stärker individualisiertes Lernen noch sogenannte Selbstlernprozesse zeigten sich erfolgreich in der Praxis. Lembke prophezeite angesichts vieler „überzogener Erwartungen“, die sich mit digitalisiertem Unterricht verbänden, „ein Tal der Enttäuschung. Das werden wir auf jeden Fall erleben“. Der Professor plädiert für einen stark dosierten Computereinsatz für Schülerinnen und Schüler frühestens ab der 7. Klasse (hier geht es zu einem aktuellen Interview mit Prof. Lembke).

“Wir können nicht passiv bleiben”: Mark Dengler, Landesvorsitzender des bak Rheinland-Pfalz. Foto: Michael Zimmermann

Zuvor hatte Helmut Klaßen, Bundesvorsitzender des gastgebenden Bundesarbeitskreises (bak) Lehrerbildung, die Position seines Verbandes betont – in der konstruktiven Mitte zwischen einer naiven Digital-Euphorie und einer Verweigerungshaltung. „Dass wir uns mit der Digitalisierung auseinandersetzen müssen, ist gar keine Frage mehr“, sagte er mit Blick auf die Lehrerausbilderinnen und -ausbilder. Dafür sei die Gesellschaft schon viel zu sehr von digitalen Medien durchdrungen. Allerdings zeigten wissenschaftliche Befunde, dass der Einsatz digitaler Lernmittel den Unterricht nicht automatisch besser mache. So müsse genau hingeschaut werden, was sich in der Praxis bewähre und was nicht. Das brauche Zeit.

Eines könne allerdings schon mal festgehalten werden: „Es kommt auf die Akteure an“, auf die Referendarinnen und Referendare, Lehrerinnen und Lehrer, Ausbilderinnen und Ausbilder also. Und weniger auf die Technik. Mark Dengler, Landesvorsitzender des bak Lehrerbildung Rheinland-Pfalz, schlug in dieselbe Kerbe. „Wir können nicht passiv bleiben“, betonte er. Sonst würden andere – etwa die großen Internet-Konzerne – die Richtung vorgeben.

Hubig: Digitale Medien im Unterricht können auch schaden

Stephanie Hubig (SPD), Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, sieht das ähnlich. Sie verglich die Digitalisierung von heute mit der Elektrifizierung vor mehr als 100 Jahren – ein „Seinlassen“ sei keine ernsthafte Option. Sehr wohl aber ein aktives Mitgestalten. Hubig postulierte den Anspruch (dessen Umsetzung Lembke später in Zweifel ziehen sollte): „Das technisch Machbare folgt dem pädagogisch Sinnvollen!“ Die Ministerin zeigte sich allerdings auch als Realistin. Es gelte, so mancher „technischer Verlockung zu widerstehen. Oberflächlich eingesetzt, können digitale Medien dem Lernerfolg auch schaden“, befand sie. Umso wichtiger sei es, einen Großteil der Mühe – und damit wohl auch der Ressourcen – in die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte zu stecken (auch wenn es ohne technische Ausstattung, wie sie betonte, nun mal nicht gehe).

Schließlich gab es sogar auf die Grundsatzfrage eine Antwort: Was bringen denn digitale Medien in der Schule überhaupt? Prof. Tina Seidel vom Clearing House Unterricht der TU München – eine Institution, die wichtige wissenschaftliche Arbeiten für Lehrer und Lehrerausbilder zusammenfasst und für deren praktische Arbeit aufbereitet – berichtete von den Erkenntnissen neuester Meta-Studien zum Thema. „Es gibt einen positiven Effekt durch Lehren und Lernen mit digitalen Medien im Unterricht“, so erklärte sie, und zwar liege der im Bereich einer mittleren Effektstärke. Weitere Erkenntnis: „Der Effekt ist weitaus stärker, wenn Lehrkräfte vorher auch dafür geschult wurden.“ Überraschend ist vielleicht folgender Befund: „Schülerinnen und Schüler lernen zu zweit effektiver mit digitalen Medien als individuell.“

Nicht ganz so überraschend dagegen – wenngleich von zentraler Bedeutung: „Digitale Medien ersetzen den Lehrer nicht.“ Die positiven Effekte verpuffen, so Professorin Seidel, wenn die Schülerinnen und Schüler vor dem Bildschirm sich selbst überlassen bleiben. Agentur für Bildungsjournalismus

“Das ist nicht mal eben zu machen”: Warum der schulpraktische Teil der Lehrerausbildung so wichtig ist – ein Interview

Anzeige


2 KOMMENTARE

  1. Auch dieser Artikel – so gut er die verschiedenen Sichtweisen auch darstellt, lässt im Unklaren, wie “digitales Lernen” denn nun konkret aussieht. Das ist bezeichnend. Hat denn jemand überhaupt ein ausgearbeitetes Konzept für, sagen wir mal, Englisch oder Musik? Wo sind die Konzepte? Wo wurden sie von wie vielen Schulen getestet, was kam raus dabei? Mir scheint, es ist alles weiterhin auf der Ebene von “Probiert einfach mal irgendwas aus”.

    • Es liegt viel eher daran, dass oftmals die falschen Personen die Aufmerksamkeit erhalten. Es gibt sehr wohl Pilotprojekte, die oftmals über Jahre bereits erprobt sind. Teilweise werden und wurden diese auch von den Bildungsministerien ausgezeichnet, das war es dann auch. Es ist z.B. fraglich, warum Schule X mit einem Konzept scheitert, daraus lernt und 5 Jahre später denkt sich Schule Y mit dem gescheiterten Konzept selbst loslegen zu wollen, weil ihnen niemand sagt, dass dieses Konzept in der Praxis schon erprobt und für untauglich erachtet wurde.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here