“Das ist nicht mal eben zu machen”: Warum der schulpraktische Teil der Lehrerausbildung so wichtig ist – ein Interview

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BERLIN. Wer die Weichen für die Zukunft der Schulen stellen möchte, der muss die Lehrerausbildung in den Blick nehmen. Gerade in der schulpraktischen Phase werden Junglehrer nachhaltig geprägt. Das Zukunftsthema Nummer eins in der Bildung – die Digitalisierung – ist im Zusammenhang mit dem Referendariat jedoch bislang kaum auf der Agenda der Bildungspolitik aufgetaucht. Der Bundesarbeitskreis (bak) Lehrerbildung, der bundesweite Berufsverband der Ausbilderinnen und Ausbilder im Vorbereitungsdienst, möchte das ändern – und veranstaltet nach den Sommerferien einen großen Kongress zum Thema (News4teachers berichtete) an der TU Kaiserslautern. Wir sprachen mit dem Bundesvorsitzenden des bak Lehrerbildung, Helmut Klaßen, über die Hintergründe.

“Hardware allein macht aber keine bessere Schule aus – weder im Unterricht noch in der Lehrerausbildung“: Helmut Klaßen, Bundesvorsitzender des bak Lehrerbildung. Foto: bak Lehrerbildung

News4teachers: Sie veranstalten im September einen Bundeskongress zum Thema „Digitalisierung im Kontext der Lehrerausbildung“. Wie sieht es denn dabei aus? Sind die jungen Lehrerinnen und Lehrer, die jetzt in die Schulen kommen, fit im Umgang mit digitalen Medien?

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Helmut Klaßen: Bislang beschränkt sich die Politik weitgehend darauf, Mittel für die Hardware-Beschaffung bereitzustellen. Die Hardware allein macht aber keine bessere Schule, keine bessere Bildung aus – weder im Unterricht noch in der Lehrerausbildung. Sicherlich ist es eine wichtige Voraussetzung, dass wir an den Seminarstandorten gute WLAN-Verbindungen haben, dass die Seminarräume vernünftig digital ausgestattet sind. Das nützt aber nur, wenn die Ausbilderinnen und Ausbilder entsprechend geschult und fortgebildet werden.

Und zwar nicht nur in der Bedienung der technischen Geräte, sondern auch in einem konzeptionellen Denken in Richtung „Bildung in der digitalen Welt“, das auch einen kritischen Blick auf die Entwicklung beinhaltet. Um dorthin zu gelangen, liegt noch ein weiter Weg vor uns. Diesen Weg zu gehen, dafür möchten wir auch mit unserem Seminartag motivieren. Es geht darum, die Ausbilderinnen und Ausbilder an den Seminarstandorten so zu schulen, dass sie die Referendarinnen und Referendare mitnehmen können, um am Ende die Schülerinnen und Schüler zu erreichen.

News4teachers: Was bringen die jungen Leute denn mit? 

Helmut Klaßen: Was ich so wahrnehme ist, dass die Masse der Lehramtsstudierenden noch weit davon entfernt sind, die Digitalisierung als selbstverständlich im Kontext Schule zu erachten, wie man es von sogenannten „digital natives“ vielleicht erwartet. Im Social-Media Bereich jedoch schon, ebenfalls in der Beschaffung von Informationen, welche häufig  nur online erfolgt (vgl. Literaturlisten…). Es gibt sicherlich einen Teil, der sehr versiert mit digitalen Medien umgeht, aber es gibt auch einen großen Teil – in meinen Augen der größere –, der noch mit großem Respekt vor der Digitalisierung steht. Wir können uns also nicht darauf verlassen, dass die Digitalisierung bei den Studierenden gut vorbereitet ist, so dass wir uns nur noch darum kümmern müssten, wie eine Lernsituation digital gestaltet werden kann. Es geht auch noch darum, die Scheu vor der digitalen Welt zu nehmen.

News4teachers: Wie sieht es denn bei Ausbilderinnen und Ausbildern aus? Muss man ihnen auch die Schwellenangst nehmen, oder sind sie schon weiter?

Helmut Klaßen: Bei ihnen würde ich es genauso sehen. Es gibt die ganze Bandbreite – angefangen bei denjenigen, die ablehnend der Digitalisierung gegenüberstehen, bis hin zu denen, die schon intensiv mit digitalen Medien arbeiten. Dass wir alle uns mit der Digitalisierung auseinandersetzen müssen, ist gar keine Frage mehr. Die Frage lautet vielmehr, wie schnell wir es hinbekommen, dass wir uns alle damit auseinandersetzen. Es gibt Handlungsbedarf.

News4teachers: Allerdings nicht nur beim Thema digitale Bildung…

Helmut Klaßen: In den vergangenen Jahren sind viele Themen in den Schulen – und damit auch in der Lehrerausbildung – dazugekommen: Arbeiten in multiprofessionellen Teams, Ganztag, Interkulturalität, sprachsensibler Unterricht oder förderpädagogische Grundkompetenzen im Kontext der Inklusion zum Beispiel.

News4teachers: Lassen sich diese pädagogischen Großthemen allesamt in einem Referendariat vermitteln?

Helmut Klaßen: Im Ideal gehen wir ja davon aus, dass diese Themen bereits im Studium vermittelt worden sind. Allerdings stellen wir fest, dass es eine große Spanne gibt, wie intensiv das passiert ist. Es gibt ja an der Universität Wahlbereiche, sodass die Studierenden sich nicht wirklich mit allen Themen auseinandersetzen müssen. Gleichwohl ist es machbar, ja, aber in 18 Monaten Referendariat sehr eng.

“Wir fordern ein Referendariat von 24 Monaten”

News4teachers: Das Referendariat war früher länger…

Helmut Klaßen: Ursprünglich waren es zwei Jahre bundesweit. Bayern ist heute das einzige Bundesland, das jetzt noch ein 24-monatiges Referendariat hat, allerdings mit einer anderen Ausbildungsstruktur als in den anderen Bundesländern. In den meisten Bundesländern liegt das Referendariat bei 18 Monaten – in einigen Bundesländern im Osten aber nur bei zwölf Monaten. Nun wird andernorts überlegt, auch in Richtung zwölf Monate zu gehen und stattdessen eine Praxisphase in die universitäre Ausbildung zu integrieren. Das aber wäre ein falscher Weg. Die Praxisorientierung kann in einem Semester nicht so hergestellt werden wie im Referendariat. Es geht darum, eine starke kohärente Verschränkung zwischen Theorie und Praxis herzustellen. Dabei ist eine kontinuierliche personelle Begleitung und auch eine individuelle Beratung wichtig, auch um die Persönlichkeit der angehenden Lehrerinnen und Lehrer zu stärken. Das ist nicht mal eben zu machen, dafür sind 18 Monate schon das Minimum. Jetzt kommt noch das große Feld „Bildung in der digitalen Welt“ mit hinein. Wir fordern deshalb 24 Monate, um eine wirklich gute, fundierte Lehrerausbildung gewährleisten zu können.

News4teachers: Was sind für die Ausbilderinnen und Ausbilder die größten Probleme?

Helmut Klaßen: Die größte Herausforderung ist tatsächlich, diese thematische Bandbreite im Blick zu haben. Es wird erwartet, dass wir uns fortbilden, um in allen Bereichen vorne zu sein. Aber die Ressourcenausstattung ist eng, auch wenn die Landesverbände des bak Lehrerbildung dabei sehr engagiert unterstützen. Sie machen den Fachleiterinnen und Fachleitern qualitativ hochwertige Fortbildungsangebote, um eben gezielt die zentralen Themen aufzugreifen. Diese Angebote in der Breite aufrechtzuerhalten ist aber nicht einfach, weil überall an den Mitteln gespart wird.

Das bekommen wir auf verschiedenen Ebenen zu spüren. Ob das Änderungen der Ausbildungs- und Prüfungsordnungen betrifft, die – wenn man genau hinschaut – meist Sparmaßnahmen sind, etwa wenn Hospitationszeiten reduziert werden. Oder ob das Änderungen an der Arbeitsplatzbeschreibung der Seminarbeschäftigten betrifft, was praktisch meist eine gravierende Absenkung der Besoldung bedeutet. Deshalb ist es zunehmend schwierig geworden, Ausbilderinnen und Ausbilder für die Seminarstandorte zu finden, weil die Arbeit in der Schule im Vergleich finanziell attraktiver ist. Die Verkürzung des Referendariats ist ja auch eine Sparmaßnahme, auch wenn das anders verkauft wird. Aus diesen Gründen ist die politische Arbeit unserer Landesverbände so wichtig. Wir müssen den Ministerien und senatorischen Behörden die Realität in der Lehrerausbildung aufzeigen, um als Sprachrohr für die Fachleiterinnen und Fachleiter zu dienen. Der Einfluss ist begrenzt, aber er ist sichtbar gegeben.

“Neben der Fachkompetenz steht für mich im Kern eine gute Lehrerpersönlichkeit”

News4teachers: Der Lehrermangel bringt immer mehr Seiteneinsteiger in die Schulen, denen einen pädagogische Ausbildung fehlt. Lassen sich die Grundlagen im Schnellkurs vermitteln?

Helmut Klaßen: In den Ländern gibt es viele verschiedene Modelle für die Qualifizierung von Seiteneinsteigern oder Quereinsteigern – von einem vollwertigen Referendariat mit ergänzendem pädagogischen Seminar bis hin zu einer eigenen Ausbildung über zwei Jahre, die dann aber nebenher geschieht, während die Arbeit in der Schule schon läuft. Verschärfend kommt hinzu, dass der Lehrermangel in einigen Regionen bereits ein solches Ausmaß angenommen hat, dass dort eigentlich jeder Kandidat in den Schuldienst durchgewunken wird. Selbst diejenigen, die am Ende durchfallen, bekommen hinterher eine unbefristete Stellte im Lehramt. Wir haben hier ein großes, ernsthaftes Problem.

News4teachers: Was macht denn für Sie einen guten Lehrer aus?

Helmut Klaßen: Neben der Fachkompetenz steht für mich im Kern eine gute Lehrerpersönlichkeit. Eine Lehrerin oder ein Lehrer muss einen Zugang zu Menschen finden und dafür ein gewisses Maß an Empathie mitbringen. Ein weiterer Punkt ist die Offenheit: Jeder, der in der Schule anfängt zu arbeiten, bringt Ideen und Vorstellungen mit, die vielleicht noch aus Erfahrungen in der eigenen Schulzeit rühren. Trotzdem muss ich möglicherweise diese sehr persönliche Vorstellung von gutem Unterricht loslassen, weil die Situation nicht vergleichbar ist. Schule und Schüler sind heute anders als vor 20 Jahren. Auf eine solche Professionalisierung lasse ich mich als guter Lehrer ein.

Deshalb ist ja auch das Referendariat so wichtig: Durch das persönliche Coaching bekomme ich die professionelle Perspektive als Lehrkraft vor einer Klasse intensiv vermittelt. Es geht darum, durch eine individuelle Beratung für den Schuldienst gestärkt zu werden. Das setzt aber auch starke Fachleiterinnen und Fachleiter voraus – und hier fangen die Probleme an: Wenn bei ihnen immer weiter gespart wird, verlieren die Stellen in den Ausbildungsseminaren an Attraktivität. Deswegen fordern wir ein Beförderungsamt für alle Ausbilderinnen und Ausbilder, sodass eine Entwicklungsperspektive besteht. Wir brauchen auch weiterhin die Besten an den Seminaren. Agentur für Bildungsjournalismus

In einer “Berliner Erklärung” hat der bak Lehrerbildung seine Positionen zur Lehrerausbildung zusammengefasst. Hier geht es zu dem Papier.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers konmentiert.

bak-Seminartag: Die Lehrerausbildung stellt die Weichen für die Digitalisierung der Schulen – aber: In welche Richtung?

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16 KOMMENTARE

  1. Herr Klaßen hat schon recht, die Verkürzung des Referendariats auf 18 und gewünscht auf 12 Monate, ersteres unter Beibehaltung des BDUs ist eine reine Sparmaßnahme. Referendare sind billiger als Lehrer und man braucht zudem noch weniger teure Fachleiter. Um Untertichtsqualität geht es dem Land und den Schulträgern schon lange nicht mehr. Die gut klingende Statistik (hohe Abitur- und geringe Abbrecherquote) reicht.

    • Das würde ich zwar auch so sehen, aber man muss hier noch eine zweite Komponente aufmachen. Die Dauer ist nicht das einzige Kriterium, welches heutzutage fraglich erscheint. Referendare erhalten eine Besoldung, die nicht mal dem Mindestlohn entspricht. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß und durchaus skandalös. In allen anderen Branchen, selbst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, welcher promoviert, verdient man nach einem Masterstudium das Doppelte.

      • Eine teilweise Verlagerung an die Hochschule als Praxissemester wäre schlimmer, weil mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit komplett unbezahlt. Darum geht es den Lehrerausbildungsreformern ja im Wesentlichen.

        • Das ist ja schon geschehen, zumindest in NRW. 1 Praxissemester, natürlich unbezahlt, und dann 18 Monate Referendariat. Wenn man sich mit Referendaren unterhält, stellt man fest: die Bezahlung ist ein großes Übel. Es wird von einem verlangt weit über 40 Stunden pro Woche zu arbeiten und das für knapp über 1000€ netto. Trotz 5 Jahre Studium. Das gibt es nur bei Beamten.

          Zudem halte ich die jetzige Ausbildungssituation für nicht sinnvoll. Ja es ist wichtig Referendare zu unterstützen, aber aktuell sieht es doch so aus, dass diese zum großen Teil alleine unterrichten und nur alle paar Wochen ein Unterrichtsbesuch stattfindet. Im Vordergrund steht da natürlich die Bewertungssituation und die zu erreichende Note. Insofern sollte man lieber das Referendariat abschaffen, Junglehrer direkt zu 100% bezahlen und diese Junglehrer von Kolleginnen von der eigenen Schule über 1-2 Jahre begleiten und coachen lassen. Der Sinn des Referendariats ist schon lange verloren gegangen. Die Grundidee dahinter aber immer noch wichtig.

          • Was ja auch daran liegt, dass die Betreuung und der Ausbildungsunterricht zusammengestrichen wurden, schließlich kostet es Geld und Lehrerstunden.

          • @emil Können Sie auch einmal einen Beitrag an mich verfassen, der keine Interpretationen ihrerseits beinhaltet? Natürlich sollen die Lehrkräfte nicht zum Nulltarif coachen. Es würde genügen, wenn jeder Referendar für sein Fach einen Ansprechpartner hat und dieser Ansprechpartner eine oder zwei Anrechnungsstunde dafür bekommt. Das käme dem Land sogar günstiger, als die vielen A15-Stellen der Seminarleiter.

          • Ihnen ist schon klar, dass Grundschulen insgesamt nur 2-3 Anrechnungsstunden für alle !! Aufgaben haben, oder? Ergo machen Grundschullehrer alle !! Zusatzaufgaben kostenlos obendrauf. So ist nun mal die Realität an Grundschulen ….
            Im übrigen bekommen Fachliteratur für Grundschule in NRW A12 mit Zulage. Von wegen A15 ….

          • A15-Stellen für Seminarleiter?
            In meinem BL ist es gerade eine Zulage auf A12 und Verlagerung von Std. je nach Größe des Seminars.

            Und die Betreuung der Referendare findet außerhalb des Unterrichts statt, da man die Mentorentätigkeit zumeist ohne Ausgleich übernehmen muss.
            Ich stimme zu, dass die „Ausbildung“ unter diesen Umständen schwierig ist und würde mir auch hier andere Bedingungen wünschen, die nicht allein an Kosten orientiert sind.
            Das System mit Ausbildungsseminaren finde ich jedoch gut, das könnte aber auch an positiven Erfahrungen im eigenen Ref und mit Referendarinnen und deren Seminarleitungen liegen. Neben (hoffentlich) gestandenen Lehrkräften in den Schulen hat man zusätzlich externe Begleitung und Rückmeldung.

          • @emil Mit Ausrufezeichen wird ihre Aussage nicht korrekter. Zudem sollte ihnen mittlerweile bekannt sein, dass sie sich vor mir mit ihrer Schulform nicht rechtfertigen müssen. Mir ist die Schulform an der Lehrer unterrichten völlig egal, es sollte darum gehen die bestmöglichen Bedingungen für alle Schulformen und Fachlehrer zu schaffen.

            Ja das mag sein, dass Grundschulen insgesamt nur 2-3 Anrechnungsstunden haben. Das sieht an anderen Schulformen nicht anders aus, auch wenn der Prozentsatz am Gymnasium höher ist. Inwiefern das gerechtfertigt ist, mag ich nicht beurteilen. Ich selbst gehöre ebenfalls zu den vielen Kollegen, die Zusatzaufgaben völlig kostenslos leisten. Auch an Gymnasien ist das die Realität.

            Fachleiter für Gymnasium und Gesamtschule erhalten in NRW A15. Davon gibt es in NRW am meisten.

            @Palim

            “Ich stimme zu, dass die „Ausbildung“ unter diesen Umständen schwierig ist und würde mir auch hier andere Bedingungen wünschen, die nicht allein an Kosten orientiert sind.”

            In NRW erhalten zumindest Fachleiter für Gymnasium/Gesamtschule pro Referendar eine Ermäßigung der Pflichtstunden von 0,7 Stunden. Wenn ein Seminar also 20 Referendare beinhaltet, entspräche das 14 Pflichtstunden. Deswegen sind Fachleiter, zumindest für diese Schulformen, in NRW kaum noch selbst im eigenen Unterricht bzw. an der eigenen Schule. Es wird also genügend Freiraum geschaffen. Dieser Freiraum wird jedoch nur bedingt sinnvoll genutzt.

            Ich kann hier eigentlich nur nochmal betonen: meiner Meinung nach sollte für alle Schulformen gelten, dass es kein Referendariat mehr gibt. Stattdessen sollten Neueinsteiger über 1-2 Jahre begleitet werden durch erfahrene Kollegen aus der eigenen Schule. Dazu sollte es dann eben Entlastungen geben. Das könnte dann eben die 0,7 Stunden pro Woche und Fach sein. Das würde den meisten Referendaren/Neueinsteiger genügen.

            “Das System mit Ausbildungsseminaren finde ich jedoch gut, das könnte aber auch an positiven Erfahrungen im eigenen Ref und mit Referendarinnen und deren Seminarleitungen liegen. Neben (hoffentlich) gestandenen Lehrkräften in den Schulen hat man zusätzlich externe Begleitung und Rückmeldung.”

            In meinem Fall hatte ich auch sehr kompetente Seminarleiter. Dennoch war der Mehrwert der Seminare nur gering, wenn man bedenkt, dass ein kompletter Arbeitstag + Arbeitsaufträge für zuhause dem gegenüberstehen. Wenn sich das im Rahmen von 2-3 Stunden pro Woche bewegen würde, okay, aber bei so viel Arbeitszeit ist der Output viel zu gering.

          • Sie wollen hohen Output bei schlanker Ausbildung und so gut wie keiner Entlastung bzw. finanzieller Anerkennung.
            Es reicht eben nicht, bei einer Lehrkraft mitzulaufen.
            Der Lehrkraft wird es nicht reichen, 0,7 Std Entlastung zu erhalten, unter jetzigem System wären schon 2 Stunden pro Referendar angemessen als Entlastung für die MentorInnen, sodass diese mit in den Unterricht gehen können (wenigstens 1 Stunde!) und Beratung geben zu können. Darin sind die Inhalte des heutigen Seminars noch gar nicht enthalten, müssten dann aber von allen MentorInnen zusätzlich zum annähernd normalen Deputat immer aktuell erarbeitet und weitergegeben werden.

            War es früher so, dass Referendare 3 Monate zu Beginn komplett doppelt liefen, was auch Nachteile haben konnte, sind in den meisten BL inzwischen von Beginn an komplett eigenständige Stunden zu übernehmen einschließlich aller damit verknüpfter Verpflichtungen. Je nach Versorgung ist es MentorInnen möglich, überhaupt mal in den Unterricht zu gehen und zu hospitieren, oft geht es nicht.

            Die Seminare sind zum Teil inzwischen pädagogisch anders aufgestellt als früher, dennoch empfinden viele die UBs als dauerhafte Überprüfungssituation, die mit Beratung, Hilfe oder Anleitung wenig zu tun hat. Dennoch braucht es m.E. organisierte bzw. standardisierte Anlässe, in denen das Können oder die Entwicklung unter Beweis gestellt werden müssen. Wie wollte man das ohne Referendariat gewährleisten? Schon im Praktikum dürfen manche täglich Unterricht halten, während andere zu stillen Beobachtern in die Ecke des Klassenraumes beordert werden.

            Wie in vielen anderen Bereichen der Bildung zeigt sich auch hier: Man will alles haben und die Anforderungen stetig steigern, gleichzeitig darf es nichts kosten und die Einsparungen gehen zu Lasten der KollegInnen, der Ausbildung und immer auch der Schüler.

          • @Palim Sie haben mich missverstanden.

            “Es reicht eben nicht, bei einer Lehrkraft mitzulaufen.”

            Das ist damit nicht gemeint. Schließlich sollen die Neueinsteiger eben voll in den Beruf starten und zu großem Teil selbstständigen Unterricht geben. Aktuell liegt der eigenständige Unterricht bei 9 Stunden pro Woche. Würde man den Seminartag streichen, könnten auch ohne weiteres 14-15 Stunden unterrichtet werden. Zudem entstehen aktuell durch Arbeitsaufträge aus den Seminaren und UB-Vorbereitungen Mehrarbeit, die man auch wiederum durch 1-2 Kurse ersetzen könnte. Man sieht es bei den Seiteneinsteigern. Diese unterrichten 18-19 Stunden + Seminartag. Warum sagt man dann nicht: 18-20 Stunden + pro Fach 1 Kurs bei einem Ausbildungslehrer. Mit diesem Lehrer trifft man sich zusätzlich einmal pro Woche, um über die Beobachtungen zu sprechen, Unterricht nach- und vorzubereiten, Fragen zu stellen, usw.

            Mehr wird doch heute auch nicht gemacht. Im Gegenteil: man unterrichtet als Referendar 9 Stunden pro Woche ohne jegliche Rückmeldung + 5 Stunden bei Ausbildungslehrern. Inwiefern diese Ausbildungslehrer qualifiziert sind oder die Referendare unterstützen wird nicht überprüft. Alle paar Wochen kommt dann der Fachleiter und schaut sich im UB den Fortschritt an. Wer da behauptet mein Vorschlag sei nicht besser, soll mir mal erklären wo genau der gewinnbringende Aspekt beim aktuellen System liegt.

            “Darin sind die Inhalte des heutigen Seminars noch gar nicht enthalten, müssten dann aber von allen MentorInnen zusätzlich zum annähernd normalen Deputat immer aktuell erarbeitet und weitergegeben werden.”

            Die da wären? Mein Referendariat liegt auch noch nicht so lange zurück. Die Inhalte hätte man in einer Kompaktwoche vermitteln können. Der Großteil bestand aus Diskussionen und Reflexionsphasen. Zudem gibt es, zumindest bei uns, ABB-Sitzungen. Dort werden relevante Dinge von Kollegen vermittelt.

            “Die Seminare sind zum Teil inzwischen pädagogisch anders aufgestellt als früher, dennoch empfinden viele die UBs als dauerhafte Überprüfungssituation, die mit Beratung, Hilfe oder Anleitung wenig zu tun hat. ”

            Weil es so ist. Sie können nur eine beratende Funktion einnehmen, wenn Sie über die Arbeit des Referendars informiert sind. Dazu müssten Sie aber auch regelmäßig Unterricht dieser Person sehen. Da reichen 5 UBs über 18 Monate nicht aus.

            “Dennoch braucht es m.E. organisierte bzw. standardisierte Anlässe, in denen das Können oder die Entwicklung unter Beweis gestellt werden müssen. Wie wollte man das ohne Referendariat gewährleisten? ”

            Da spräche auch nichts gegen. Ein Besuch von einem Fachkollegen und der Schulleitung wäre dazu mehr als ausreichend. Meine Fachleiter haben immer betont, dass die UBs und UPPs ja egal seien. Gerade die UPPs seien ja weltfremde Showeinlagen. Ihnen sei wichtiger uns im Alltag zu erleben. Tja das widerspricht aber der Bewertungssituation und der Wertung der Note bei der Jobsuche deutlich. Erklären Sie doch mal einem Referendar mit Deutsch und Geschichte, dass er sich keine Gedanken um die Note machen soll, Alltag in seinen UBs präsentieren soll, wenn nach dem Referendariat nur nach der Note geschaut wird.

          • Danke für die Erläuterungen.
            Eine Erfahrung ist eine andere, sowohl im Studium als auch im Ref.
            Was ABB ist, erschließt sich mir nicht.
            Im Studium wurde bei uns mit hohen Praxisanteilen schon vieles von Praktikern vermittelt, ab dem 1. Semester. Das gab es an anderen Unis damals offenbar nicht, weshalb es im Ref für die Anfänger jeweils Extraschichten gab, um Grundsätzliches zu vermitteln. Dabei ist meine Erfahrung z.B., dass es durchaus sinnvoll ist, Entwürfe zu schreiben, wenn sie dazu zwingen, Situationen einzuschätzen und danach zu verschärfen. Nur dass es sich bei mir quer durch das Studium zog und nicht im Ref anhand eines einzigen Musterentwurfes verlangt wurde, wie das in manchen Seminaren offenbar geschah.

            Auch sonst ist das Seminar dazu da, das Handwerkszeug zu vermitteln und zwar auf aktuellem Stand. Das ist kein Gewäsch, der Didaktikanteil im Studium war bei uns recht gering und sehr theoretisch, im Seminar anders aufgestellt und die Seminarleiter durchaus aus der Praxis. Es gab auch damals wenige, die in der Schule kaum noch Unterricht hatten, andere gaben neben der Seminarleitertätigkeit etwa ein halbes Deputat.

            Durch die Bewertungssituation gerät die Ausbildungssituation in eine Schieflage, sodass Seminarleiter äußern, sie seien ohnehin die „Bösen“, selbst wenn sie sich selbst und ihre Rolle ganz anders sehen und anlegen und sicher auch ausfüllen wollen. Gleichzeitig ist vieles heute meiner Meinung nach transparenter geworden, Kriterien liegen auf dem Tisch und Protokolle sind öffentlich.

            Dass die Besuche keine Beratung, sondern ständige Überprüfung sind, kritisiere ich, egal war bei uns nichts und die Note entschied über viele Jahre Wartezeit, über eine Lehrerstelle oder eine Jobalternative.
            Bei 19 Besuchen in 18 Monaten abzüglich Ferienzeiten sah man seine Seminarleiter häufiger hinten im Unterricht und ich bin inzwischen durchaus der Meinung, dass man auch an diesen Stunden sehen kann, was sich dazwischen ereignet, denn die „Vorführstunden“ laufen nur, wenn Vorgehensweisen, Rituale, Methoden auch sonst eingesetzt werden und greifen.

            Die Ausbildung aber vollkommen in den Aufgabenbereich einer einzelnen Schule zu legen, halte ich für falsch UND unprofessionell. Während die Seminarleiter über die Entlastung, die womöglich noch höher sein könnte bzw. die Seminare kleiner, Zeit haben, sich mit neuen Inhalten auseinanderzusetzen und eine größere Vielfalt in den Blick zu nehmen, gelingt das vielen Lehrkräften im Alltag nur in Bruchstücken, weil sie sich neben den Fächern noch in viele andere Aufgaben einarbeiten müssen, z.B. weitere Fächer, Inklusion mit vielen Förderschwerpunkten und ein Haufen Beauftragungen zu irgendwas, und vielleicht auch, weil sie ihren Weg allein oder innerhalb der Schule gefunden haben und damit gut fahren. Das ist aber keine grundständige Ausbildung und ein „Das war schon immer so“ kann es auch nicht sein.

            Nur weil in der Not Quereinsteiger und andere mit oder ohne pädagogische Ausbildung vor die Klassen gestellt werden, sollte man das nicht zur Tugend erklären und meinen, das sei der richtige Weg. Die Vertretungskräfte übernehmen bei uns so einiges an Unterricht, mal gut, mal schlecht, aber zum Beruf des Lehrers gehört eine Menge mehr, das diese alle nicht abbilden und nicht übernehmen.
            Da stellt man fest, dass die 18jährigen Abiturienten in BY die Aufgabe ja auch irgendwie gemeistert haben, und lässt demnächst verlauten, das Studium sei überflüssig.

          • Sie nennen positive Dinge, die nicht überall Standard sind. Daran kränkelt es eben auch. Bei uns gab und gibt es keinen hohen Praxisanteil im Studium. Es gibt genauso wenig mehr als 5 UB pro Fach. Zudem haben wir beide scheinbar kompetente Fachleiter erlebt. Das ist jedoch nicht die Regel.

            “Auch sonst ist das Seminar dazu da, das Handwerkszeug zu vermitteln und zwar auf aktuellem Stand. Das ist kein Gewäsch, der Didaktikanteil im Studium war bei uns recht gering und sehr theoretisch, im Seminar anders aufgestellt und die Seminarleiter durchaus aus der Praxis.”

            Ich habe nichts neues im Referendariat gelernt. Es ging vielmehr um die Reflektion des eigenen Unterrichts und dem Austausch mit Fachleiter und anderen Referendaren.

            “Während die Seminarleiter über die Entlastung, die womöglich noch höher sein könnte bzw. die Seminare kleiner, Zeit haben, sich mit neuen Inhalten auseinanderzusetzen und eine größere Vielfalt in den Blick zu nehmen, gelingt das vielen Lehrkräften im Alltag nur in Bruchstücken, weil sie sich neben den Fächern noch in viele andere Aufgaben einarbeiten müssen”

            Deswegen sagte ich ja, dass man da die Anrechnung 1:1 auf diese Kollegen übertragen muss. Ein Fachleiter bekommt bei uns 0,7 Stunden pro Referendar. Ich möchte da mal folgendes Fragen: Trauen Sie sich zu bei Kollegen zu hospitieren? Ich denke schon und das sollte auch jede Lehrkraft können. Das bedeutet aber auch, dass Sie somit auch jeden Junglehrer hospitieren können.

            ABB = Ausbildungsbeauftragter

            Das sind Personen, die sich mind. einmal pro Woche mit den Referendaren treffen und ein vorgegebenes Ausbildungsprogramm, von der Bezirksregierung, durchführen. Da werden dann eben Dinge vermittelt wie Schulgesetz, Leistungsbewertung, Umgang mit Störungen, Schulkonzepte, usw. Zudem sind die ABBs stetiger Ansprechpartner und meist bei den UBs anwesend. Das sind im Grunde die Personen, die die Referendare am besten kennen und im Unterricht erleben.

            “Nur weil in der Not Quereinsteiger und andere mit oder ohne pädagogische Ausbildung vor die Klassen gestellt werden, sollte man das nicht zur Tugend erklären und meinen, das sei der richtige Weg.”

            Diesen Weg halte ich auch für falsch. Ich wollte damit nur ausdrücken, dass selbst Quereinsteiger und somit Anfänger dieses Pensum absolvieren können. Unsere Referendare, viel eher Profis als Quereinsteiger, traut man dagegen nichts zu.

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