Auslaufmodell Religionsunterricht? Der Mitgliederschwund bei den Kirchen macht sich jetzt auch in den Schulen bemerkbar

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MÜNCHEN. Der Mitgliederschwund in der katholischen und evangelischen Kirche macht auch vor den Schulen nicht Halt – mit deutlichen Auswirkungen auf den Religionsunterricht.

Immer weniger Menschen in Deutscnland sind Mitglied der christlichen Kirchen – das hat Folgen. Foto: pixabay

Wie war das mit Abraham und Isaak? Warum war der Samariter barmherzig? Und was genau passiert nochmal an Pfingsten? Viele Kinder und Jugendliche in Deutschland lernen die Antworten auf diese Fragen nicht mehr in der Schule. Die Schülerzahlen im klassischen Religionsunterricht gehen vor allem im Westen Deutschlands zurück.

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Nach Angaben der Kultusministerkonferenz (KMK) besuchten im Schuljahr 2017/18 noch gut 2,1 Millionen Schüler bundesweit den evangelischen und rund 1,8 Millionen den katholischen Religionsunterricht. Das war jeweils ein rundes Drittel aller Schüler. Ähnlich sahen die Prozentzahlen im Schuljahr 2015/16 aus.

Bischofskonferenz bestätigt: Teilnahme am Religionsunterricht ist rückläufig

Ältere bundesweite Vergleichszahlen hat die KMK zwar nicht. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz (DBK) bestätigt aber, dass die Teilnahme am Religionsunterricht in den vergangenen Jahren insgesamt zurückgegangen ist, «aufgrund der Zunahme der konfessionslosen Schülerinnen und Schüler, die meist den Ethikunterricht besuchen». «Regional unterschiedlich» und vor allem und am deutlichsten in den westdeutschen Bundesländern.

Selbst im noch immer als sehr katholisch geltenden Bayern zeigt sich diese Entwicklung: Dort nahmen nach Angaben des bayerischen Kultusministeriums im gerade abgelaufenen Schuljahr zwar noch 75 Prozent der 1,25 Millionen Schüler am katholischen oder evangelischen Religionsunterricht teil. Das sind allerdings satte elf Prozentpunkte weniger als vor zehn Jahren. Damals, im Schuljahr 2008/2009, lag der Anteil noch bei 86 Prozent.

“Immer noch 70 % katholische Schüler – das waren schonmal 10 % mehr”

«An meinem Gymnasium haben wir nach wie vor 70 Prozent katholische Schüler – aber das waren auch schonmal 10 Prozent mehr», sagt Heinz-Peter Meidinger, Leiter des Robert-Koch-Gymnasiums im niederbayerischen Deggendorf und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. «Da verschiebt sich was. Die Bandbreite ist groß, aber die Tendenz ist klar.» Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die katholische und die evangelische Kirche kämpfen seit Jahren mit sinkenden Mitgliederzahlen. Bei den Katholiken ist eine Hauptursache hierfür der Skandal um tausendfachen Missbrauch.

Die Zahlen zum Religionsunterricht in Niedersachsen ähneln denen in Bayern: Laut Statistik des Kultusministeriums nehmen dort noch 75 Prozent der Schüler am konfessionellen Religionsunterricht teil. 2005 waren es noch 82,3 Prozent, 1990 noch 84,3 Prozent.

Für die Kirchen sind die sinkenden Schülerzahlen ein großes Problem. Denn: «Der Religionsunterricht in der Schule ist für Schülerinnen und Schüler der erste und oft auch wichtigste Ort, an dem sie über viele Jahre sich mit Fragen der Lebensgestaltung und den Antworten des christlichen Glaubens und anderer Religionen auseinandersetzen können», sagte DBK-Sprecher Matthias Kopp. «Deshalb ist der Religionsunterricht ein unverzichtbares Schulfach.»

Der Einfluss der Religionslehrer auf die Schüler ist groß

Das sieht auch der Sprecher der katholischen Reformbewegung «Wir sind Kirche», Christian Weisner, so. «Der Religionsunterricht ist eine große Chance und hat ein ganz großes Potenzial. Da wird ein Fundament für das spätere Leben gelegt und gezeigt, was Religion bedeuten kann.» Der Einfluss der Religionslehrer auf die Schüler sei heute wahrscheinlich größer als der der kirchlichen Jugendarbeit. «Die Kinder sind ja gar nicht mehr in den Gemeinden verankert. Und es gibt Zehntausende Religionslehrer – sehr viel mehr als Priester und Pfarrer.» In Bayern sank die Zahl der Religionslehrer innerhalb von zehn Jahren von 20 700 auf 18 700.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sieht die Entwicklung deutlich positiver. Erstens müssten aus EKD-Sicht zur Rechnung der KMK noch Schüler dazugezählt werden, die an einem «übergreifenden Religionsunterricht» teilnehmen. Dieser werde in einzelnen Bundesländern «konfessionell-kooperativ» erteilt, gehe aber ebenso entweder auf evangelischen oder katholischen Religionsunterricht zurück. Dies eingerechnet läge der Anteil der Schüler, die in Deutschland den Religionsunterricht besuchen, nach EKD-Angaben bei knapp drei Vierteln.

Und zweitens sei die Entwicklung im Osten erfreulich: «Über 20 Jahre hinweg hat sich die Zahl der Teilnehmer am Religionsunterricht etwas reduziert – in Westdeutschland ist das sicher so», sagt der zuständige Referent im Kirchenamt, Matthias Otte. Im Osten sei das aber anders. «In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel haben wir etwa 15 Prozent Kirchenmitglieder – und knapp 50 Prozent aller Schüler besuchen dort den evangelischen Religionsunterricht.»

Die Evangelische Kirche macht Werbung für den Religionsunterricht

Allerdings sind die absoluten Zahlen in Mecklenburg-Vorpommern auch nicht besonders hoch: Gut 42 000 Schüler besuchten dort im Schuljahr 2017/18 nach KMK-Angaben den evangelischen Religionsunterricht – und nur 828 den katholischen.

Tatsächlich sähe die Entwicklung der Schülerzahlen ohne die konfessionslosen Teilnehmer am Religionsunterricht aber wohl deutlich schlechter aus. In Bayern besuchten rund 60.000 der 188.000 Schüler, die keiner Religion angehörten, trotzdem den Religionsunterricht.

Die evangelische Nordkirche macht seit kurzem explizit Werbung für den Religionsunterricht – um «die Bildungsleistung des Faches zu betonen». Sie hat die Kampagne «#RaumfürFragen. Mein Religionsunterricht» mit Plakaten und Radio-Spots ins Leben gerufen. Auf einem der Poster ist ein junges Mädchen zu sehen und die Frage: «Bin ich mehr als die Summe meiner Likes?» Von Britta Schultejans und Michael Evers, dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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7 KOMMENTARE

  1. Der spezifische Religionsunterricht sollte durch einen “Werteunterricht” ersetzt werden, der verschiedene Religionen und Weltanschauungen vorstellt und thematisiert. Das gibt es meines Wissens in mehreren Bundesländern schon, mitunter neben dem Religionsunterricht.

    Religion sollte Privatsache sein.

    • … und die Inhalte und Bewertungen dieses “Werteunterrichts” werden dann vermutlich von Atheisten oder säkular denkenden Menschen festgelegt ??
      Religion ist seit vielen, vielen Jahrzehnten Privatsache. Darum gibt es die Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Religionsunterrichten und Ethik. Warum reicht Ihnen das nicht?

      • Beim Christentum bin ich bei Ihnen, bei Atheismus sowieso. Beim Judentum, Hinduismus, Buddhismus, Shintoismus usw. aufgrund der geringen Anzahl Angehöriger in Deutschland auch.

        Der Islam ist eine andere Hausnummer. Schweinefleischverzicht in Schulkantinen, Gefängnissen usw. ist klar den Muslimen geschuldet und ragt bereits in das Privatleben der anderen Glaubensrichtungen hinein. Aufgrund der Hindus wird in Deutschland ja auch nicht zunehmend auf Rindfleisch verzichtet, aufgrund der Juden auch nicht kosher gekocht.

  2. Es kommt doch immer darauf an, wie der Religionsunterricht aufgebaut ist, ob anderen Religionen mit dargestellt werden, ggf. Vertreter anderer Religionen punktuell mit einbezogen werden, um die ihre Religionen darzustellen und damit Vorurteile abzubauen. Alternativ könnte man auch Philosophie als Lehrfach anbieten, wodurch aber auch sehr viel zu Hause gelesen werden muss, um sich die Grundlagen anzueignen.

    • …mit anderen Worten, der (katholische und evangelische) Religionsunterricht gefällt Ihnen so, wie er ist. Denn genau das, was Sie beschreiben, machen meine Reli-Kollegen. Da hat sich seit 1950 wirklich etwas verändert.
      Philosophie als Lehrfach ist übrigens auch gut. Man könnte z.B. Blaise Pascal oder Robert Spaeman oder Sören Kierkegaard lesen ;-))

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