Jugend 2019: optimistisch, tolerant, umweltbewusst – und in großen Teilen populistisch. VBE: Demokratiebildung stärken!

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BERLIN. Die Jugendlichen in Deutschland sind mehrheitlich tolerant und gesellschaftlich liberal. Sie artikulieren ihre Interessen und Ansprüche. Dabei blickt die Mehrheit eher positiv in die Zukunft. Andererseits: Die Angst vor der Umweltzerstörung wächst. Und: Populistische Behauptungen, sogar Verschwörungstheorien verfangen bei erstaunlich vielen jungen Menschen. Das sind zentrale Resultate der 18. Shell Jugendstudie, die nun in Berlin vorgestellt wurde. Der VBE fordert Konsequenzen.

Die Gesellschaft wird immer bunter – und die Jugendlichen schätzen das in großer Mehrheit. Foto: Shutterstock

„Bereits im Jahr 2015 hatten viele Jugendliche ein größeres Engagement für politische und gesellschaftliche Themen gezeigt. Dieses Engagement verstärken sie inzwischen durch ein zunehmendes Umwelt- und Klimabewusstsein. Obwohl die Jugendlichen optimistisch in ihre persönliche und die gesellschaftliche Zukunft blicken, sehen sie doch, dass es Zeit ist, zu handeln“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Mathias Albert von der Universität Bielefeld. Die Botschaft der Jugend an ältere Generationen laute: „Wir bleiben zuversichtlich, aber hört auf uns, und achtet jetzt auf unsere Zukunft!“

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Der VBE zeigt sich hingegen besorgt, dass sich laut Studie viele junge Menschen anfällig für populistische Argumentationsmuster zeigen – und nimmt die Ergebnisse zum Anlass, auf die besondere Bedeutung von Demokratievermittlung in der Schule, aber auch auf die dafür notwendigen Ressourcen hinzuweisen. „In Zeiten des Populismus hat Schule umso mehr die Aufgabe, Schülerinnen und Schüler zu informieren und sie zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen”, so erklärt Stefan Behlau,  Landesvorsitzender des VBE Nordrhein-Westfalen. “Wir wollen das Grundgesetz und unsere Demokratie erlebbar machen können – in allen Schulen des Landes. Voraussetzung dafür ist aber auch Bildungsgerechtigkeit. Wer die Schulen stärkt und angemessen ausstattet, stärkt unsere Demokratie und schwächt den Populismus”.

Die wesentlichen Ergebnisse im Detail:

Demokratiebildung: Kostenloser Online-Kurs für Lehrer
„Schule ist ein zentraler Ort, an dem junge Menschen Demokratie und Engagement lernen, erfahren und gestalten können.” Foto: Shutterstock

Die Demokratiebildung in der Schule hat im Zuge der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen an Bedeutung gewonnen. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, sich als Part der Gesellschaft zu begreifen, der diese aktiv verändern kann. Doch wie können Lehrkräfte dies erreichen? Unterstützung bietet der kostenlose Online-Kurs „Citizenship Education – Demokratiebildung in Schulen“, den die Bertelsmann Stiftung zusammen mit dem Institut für Didaktik der Demokratie an der Leibniz Universität Hannover entwickelt hat.

Hier gibt es weitere Informationen.

Interesse an Politik

Das seit Beginn des Jahrtausends stark gestiegene Interesse an Politik bleibt stabil. Jugendliche meinen, dass politisches Engagement eine hohe Bedeutung hat. Diese Auffassung nimmt insbesondere bei Mädchen zu, bleibt jedoch vornehmlich auf höher gebildete Jugendliche beschränkt.

Höher gebildete Jugendliche interessieren sich mehr für Politik als die weniger gebildeten. Insgesamt bezeichnen sich 41 Prozent der Jugendlichen als politisch interessiert. Die Bedeutung politischen Engagements nimmt jedoch weiter zu: 2019 liegt der Anteil der Jugendlichen, die es wichtig finden, sich persönlich politisch zu engagieren, bei 34 Prozent (2010: 23 Prozent). Weibliche Jugendliche holen dabei gegenüber männlichen Jugendlichen auf.

Populismus

In der Shell Jugendstudie wurden die Jugendlichen zu ihrer Position zu bestimmten populistischen Aussagen befragt. Anhand ihrer Antworten wurde ihnen dann ein Populismus-Score zugeordnet. Er zeigt, dass 39 Prozent der Jugendlichen eher weltoffen orientiert, während 33 Prozent eher populistisch orientiert sind. 28 Prozent sind nicht eindeutig positioniert. Der Anteil der populistisch Orientierten ist dabei unter Jugendlichen mit niedrigem Bildungsgrad größer als unter höher gebildeten Jugendlichen.

Bestimmte populistische Aussagen stoßen bei der Mehrheit der Jugendlichen auf Zustimmung. Der Aussage, dass man in Deutschland nichts Schlechtes über Ausländer sagen dürfe, „ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden“, stimmen mehr als zwei Drittel (68 Prozent) zu. Dass sich der deutsche Staat mehr um Geflüchtete als um hilfsbedürftige Deutsche kümmere, glaubt eine knappe Mehrheit der Befragten. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) meint, “die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit”. Ein gutes Drittel ist der Meinung, die deutsche Gesellschaft werde “durch den Islam unterwandert”.

Ängste und Sorgen

Die Ängste und Sorgen reflektieren die Debatten der vergangenen Jahre. Umweltängste haben insbesondere bei höher Gebildeten stark an Bedeutung gewonnen. Hatten die Jugendlichen 2015 noch am meisten Angst vor Terroranschlägen, so steht an erster Stelle heute mit 71 Prozent die Angst vor Umweltzerstörung. 65 Prozent der Jugendlichen fürchten sich vor dem Klimawandel. Die Debatten um Flucht und Migration spiegeln sich in gestiegener Angst sowohl vor Ausländerfeindlichkeit als auch – auf niedrigerem Niveau – vor Zuwanderung wider. Angst vor Zuwanderung äußern tendenziell eher die niedriger Gebildeten. Trotz solcher Bedenken sieht eine knappe Mehrheit der Jugendlichen die gesellschaftliche Zukunft positiv.

Zuversicht und Gerechtigkeit

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen sieht die gesellschaftliche Zukunft eher positiv. 59 Prozent finden, dass es in Deutschland insgesamt gerecht zugeht. Das gilt für West- und Ostdeutschland gleichermaßen.

Europäische Union

50 Prozent der Jugendlichen stehen der EU insgesamt positiv, aber nur acht Prozent negativ gegenüber. Das Vertrauen in die Staatengemeinschaft hat eher zugenommen. Sie steht bei Jugendlichen für Freizügigkeit, kulturelle Vielfalt und Frieden, im Vergleich zu 2006 zunehmend aber auch für wirtschaftlichen Wohlstand und soziale Absicherung.

Vielfalt und Toleranz

Die Trends zu einer immer bunteren Gesellschaft geht bei Jugendlichen mit einem hohen Maß an Toleranz einher. Die Studie zeigt, dass Mädchen und Jungen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Minderheiten mit sehr großer Mehrheit positiv gegenüberstehen. Die Ablehnungswerte liegen durchweg bei unter 20 Prozent.

Ostdeutsche Jugendliche lehnen Geflüchtete, Türkischstämmige, Afrikanischstämmige und Juden – auf allerdings relativ niedrigem Niveau – stärker ab als westdeutsche. Bei Jugendlichen aus muslimisch geprägten Herkunftsländern ist die Ablehnung von homosexuellen und jüdischen Menschen höher als im Durchschnitt.

Zufriedenheit mit der Demokratie

Mehr als drei Viertel der Jugendlichen sind mit der Demokratie zufrieden. Gleichzeitig zeigt sich bei den Jugendlichen aber auch ein hohes Maß an Politik(er)verdrossenheit: So glauben 71 Prozent von ihnen nicht, dass sich „Politiker darum kümmern, was Leute wie ich denken“. Diese Verdrossenheit ist bei niedriger Gebildeten stärker verbreitet als bei höher Gebildeten, sie betrifft aber über alle demografischen Merkmale hinweg deutliche Mehrheiten. Entsprechend stimmen 84 Prozent der Jugendlichen der Aussage zu, dass junge Leute in der Politik mehr zu sagen haben sollten.

Bei der Frage nach dem Vertrauen in Institutionen kommen die Polizei, das Bundesverfassungsgericht und Umweltschutzgruppen auf deutlich überdurchschnittliche Werte. Großen Unternehmen, Kirchen, Parteien und Banken wird deutlich weniger Vertrauen entgegengebracht.

Wertorientierungen

Für die überwältigende Mehrheit der Jugendlichen bilden nach wie vor gute Freunde, eine vertrauensvolle Partnerschaft und ein gutes Familienleben die wichtigsten Werte. Ein hoher Lebensstandard und die Durchsetzung eigener Bedürfnisse verlieren vergleichsweise stark an Bedeutung. Insgesamt stehen idealistische, eher sinnstiftende Wertorientierungen bei jungen Menschen wieder höher im Kurs. Gegenläufig ist die Entwicklung bei tendenziell materialistischen Orientierungen, die darauf abzielen, die persönliche Macht und Durchsetzungskraft zu steigern.

Eltern und Familie

Im Ergebnis zeichnet sich ein relativ familienorientiertes Bild ab. Das Verhältnis der Jugendlichen zu ihren Eltern ist überwiegend gut. Die Mehrheit sieht ihre Eltern als Erziehungsvorbilder. Der Kinderwunsch ist stabil. Bei der Familiengründung wünschen sich vor allem westdeutsche Männer und Frauen, dass der Mann der Haupt- oder Alleinversorger der Familie ist.

Religion

Die große Mehrheit der Jugendlichen ist Mitglied einer Religionsgemeinschaft. Dabei liegt der Wert aktuell zwar niedriger als 2015, aber höher als 2002. Während die christlichen Konfessionen seit 2002 stetig an jugendlichen Mitgliedern verloren haben (allein zwischen 2015 und 2019 um fünf Prozentpunkte), haben der Islam und andere nicht-christliche Religionen an Bedeutung gewonnen. Der Anteil der Konfessionslosen stagniert. Der Anteil der Jugendlichen, für die der Glaube an Gott tatsächlich wichtig ist, liegt mit fast einem Drittel allerdings deutlich niedriger und hat seit 2002 sogar leicht abgenommen.

Schule und Abschluss

Der Trend zu höheren Bildungsabschlüssen hält an. Das Gymnasium ist unangefochten die populärste Schulform und unter den Mädchen sogar schon die Schule, die von einer absoluten Mehrheit besucht wird. Entsprechend ist das Abitur der mit Abstand am häufigsten angestrebte Schulabschluss. Der Trend zur akademischen Bildung nimmt weiter zu. Integrierte Schulformen, die in fast allen Bundesländern eingeführt wurden, verzeichnen die stärksten Zuwächse seit 2015. Der Anteil der Jugendlichen, die sie besuchen, hat sich seit 2002 verdoppelt. Entsprechend weniger Jugendliche gehen auf eine Haupt- oder Realschule.

Zusammenhang Bildung und soziale Herkunft

Nach wie vor lässt sich ein starker Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft feststellen. Bei Jugendlichen aus bildungsfernen Elternhäusern ist es nur halb so wahrscheinlich, dass sie das Abitur erreichen wie bei Jugendlichen aus gebildeten Elternhäusern. Allerdings ist die Bildungspolitik der letzten Jahre insofern erfolgreich, als auch Jugendliche aus bildungsfernen Schichten das Abitur mittlerweile deutlich häufiger anstreben bzw. erreichen als früher.

Fazit der Forscher

„Jugendliche sind heute zufrieden mit ihrer Situation. Sie glauben, dass es gerecht zugeht und blicken optimistisch in ihre persönliche und auch die gesellschaftliche Zukunft. Sie haben jedoch auch einen scharfen Blick für gesellschaftliche Missstände, prangern diese an und fordern Veränderungen ein. Sie wollen ernst genommen werden und an der Gestaltung ihrer Zukunft mitwirken“, so bilanzieren die Studienautoren die Ergebnisse. News4teachers

Die Shell-Jugendstudie

Die Studie wurde von Prof. Dr. Mathias Albert (Leitung, Universität Bielefeld), Prof. Dr. Gudrun Quenzel (Universität Vorarlberg), Prof. Dr. Klaus Hurrelmann (Hertie School of Governance), sowie einem Expertenteam des Münchner Forschungsinstituts Kantar um Ulrich Schneekloth im Auftrag der Deutschen Shell verfasst.

Das Unternehmen finanziert die Jugendstudie bereits seit 1953. „Mit diesem Engagement für die Jugendforschung untermauern wir nicht zuletzt unsere Bereitschaft, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen“, sagt der Vorsitzende der Deutsche Shell Holding GmbH, Dr. Thomas Zengerly.

Die 18. Shell Jugendstudie stützt sich auf eine repräsentativ zusammengesetzte Stichprobe von 2.572 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren, die von Kantar-Interviewern zu ihrer Lebenssituation und ihren Einstellungen und Orientierungen persönlich befragt wurden. Die Erhebung fand auf Grundlage eines standardisierten Fragebogens im Zeitraum von Anfang Januar bis Mitte März 2019 statt. Im Rahmen der qualitativen Studie wurden zwei- bis dreistündige Interviews mit 20 Jugendlichen dieser Altersgruppe durchgeführt.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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1 KOMMENTAR

  1. Wie hoch wäre eigentlich die Ablehnung von Ausländern unter westdeutschen Jugendlichen, wenn man die Jugendlichen mit Migrationshintergrund unter ihnen abzieht? Das sind doch signifikant mehr als im Osten und die Stimmen ja kaum gegen sich selbst.

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