Syndrom oder Superkraft? Asperger-Autismus: Was Greta Thunbergs Krankheit bedeutet

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BERLIN. Asperger-Autisten gelten oft als besonders begabte Wunderkinder – so wie Greta Thunberg. Doch viele haben eine falsche Vorstellung von der Krankheit. Genau genommen gibt es Asperger-Autismus nicht einmal.

Hat die Welle der Schulstreiks losgetreten: die Schwedin Greta Thunberg. Foto: Anders Hellberg / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Als Greta Thunberg auf dem UN-Klimagipfel in New York eine Wutrede hielt, waren manche Zuschauer überrascht. Ist Greta nicht Autistin? Und haben die überhaupt Gefühle? Bei Twitter beschreibt sich Thunberg selbst als «16-jährige Klima- und Umweltaktivistin mit Asperger». Tatsächlich wirkte sie zuvor fast immer rational kühl.

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Für Millionen Menschen ist die Schwedin zu einem Vorbild geworden. Für andere zu einer Hassfigur. Gegner beleidigen sie auch wegen ihres Autismus. Greta sei ein Roboter, gehöre in die Psychiatrie, projiziere ihre Probleme auf den Klimawandel.

Das öffentliche Bild von Greta schwankt zwischen «Wunderkind» und «krankhaft». Um Autismus und das Asperger-Syndrom ranken sich einige Mythen. In manchen Aspekten sind sich sogar Wissenschaftler noch nicht einig.

Autismus bedeutet laut den diagnostischen Kriterien zum einen, dass Betroffene in sozialen und kommunikativen Fähigkeiten eingeschränkt sind. Ihnen fällt es beispielsweise schwer, Gesichtsausdrücke zu deuten oder Ironie zu verstehen. Greta Thunberg nennt bei Facebook ihre mangelnden Fähigkeiten im «Socializing» als entscheidenden Grund dafür, anfangs alleine protestieren gegangen zu sein. «Wenn ich “normal” und gesellig gewesen wäre, hätte ich mich einer Organisation angeschlossen oder selbst eine gestartet.»

Das zweite entscheidende Merkmal für Autismus ist, dass Betroffene zu Monotonie neigen. Sie haben etwa den Wunsch nach Ritualen, den immer gleichen Speisen oder Themen. Meist leiden sie auch unter starken Sinneseindrücken: Licht und Geräusche erscheinen ihnen extrem hell beziehungsweise laut.

Autisten wird nachgesagt, sich nicht in andere Menschen hineinfühlen zu können. «Dass autistische Menschen keine Empathie haben, ist nicht der Fall», widerspricht der Autismusforscher Simon Baron-Cohen von der Universität Cambridge. Viele hätten zwar Schwierigkeiten, sich gedanklich in Mitmenschen hineinzuversetzen. Aber Empathie habe – neben diesem kognitiven – auch einen affektiven Teil, das heißt eine emotionale Reaktion auf andere Menschen.

Während Autisten in sozialen Bereichen meist Probleme haben, gelten sie in anderen manchmal als wahre Genies. Speziell Asperger-Autisten werden häufig als hochintelligent porträtiert. Etwa im Film Rain Man, in dem Dustin Hoffman einen Autisten spielt, dessen enorm gutes Gedächtnis sich beim Kartenspiel auszahlt.

Manche Unternehmen beschäftigen sogar speziell Autisten, weil sie als besonders detailorientiert gelten. Das kann etwa bei Fehleranalysen im IT-Bereich hilfreich sein. «Autistische Talente können in allen Bereichen auftauchen, in denen Muster analysiert werden können», so Baron-Cohen. Also zum Beispiel auch in der Musik.

Doch Menschen mit Autismus sind längst nicht immer hochbegabt – auch nicht alle Asperger-Autisten. Außergewöhnliches Können ist meist eine Savant-Fähigkeit, das heißt eine Inselfähigkeit, die sich nur auf einen Bereich auswirkt. Und nur wenige Autisten sind Savants.

Die Intelligenz kann sehr unterschiedlich sein. Ärzte und Psychologen unterschieden lange verschiedene Autismus-Varianten anhand des Intelligenzgrades. Menschen mit Asperger oder sogenanntem hochfunktionierendem Autismus haben eine höhere Intelligenz als Menschen mit «klassischem» Autismus, dem Kanner-Autismus. Leo Kanner hatte das Autismus-Krankheitsbild 1943 erstmals beschrieben. Ein Jahr später veröffentlichte Hans Asperger seine Habilitation, die der anderen Autismusvariante einen Namen gab. Doch höhere Intelligenz bedeutet nicht gleich hochbegabt.

Inzwischen ist sogar umstritten, ob es das Asperger-Syndrom überhaupt gibt. Im aktuellen Diagnostikkatalog, nach dem Psychiater Erkrankungen einteilen, taucht das Syndrom nicht mehr auf. In dem sogenannten DSM V (der fünften Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) wurden 2013 die bisher getrennten Krankheitsbilder zur sogenannten Autismusspektrumsstörung zusammengefasst. Seitdem gilt Autismus als ein Kontinuum.

Die Geschichte des Asperger-Syndroms wäre damit kurz: Erst 1980 war es in den Diagnosekatalog aufgenommen worden. Doch die Diskussionen dauern an. Wissenschaftler untersuchen weiter, ob Unterschiede zwischen Autisten nur Nuancen sind oder auf separate Krankheiten hinweisen. Autismus-Experte Simon Baron-Cohen rät, einen Oberbegriff mit Subtypen zu haben – wie bei Diabetes Typ-1 und Typ-2. So ließe sich unter anderem besser verstehen, welche Hilfsangebote wem helfen.

Auch Betroffene sind sich nicht einig. Manche sehen Autismus als Behinderung. Andere sprechen sich unter dem Stichwort Neurodiversität dafür aus, dass sie nur eine andere Art der Wahrnehmung hätten. Wo Autismus anfängt, ist in der Tat unklar. Nach den neuen Diagnose-Kriterien würden viele Asperger-Autisten gar nicht mehr als Autisten gelten – laut einer Meta-Analyse träfe das auf jeden Vierten zu.

Für viele Autisten ist die Diagnose Teil ihrer Identität. Auch Greta Thunberg schrieb bei Twitter: «Ich habe Asperger und das bedeutet, dass ich manchmal ein bisschen anders als die Norm bin. Und – unter den richtigen Umständen – kann Anderssein eine Superkraft sein.»

Ob Autismus Fluch oder Segen ist, dürfte noch länger umstritten bleiben. Der Begriff Asperger-Autismus ist aber aus einem anderen Grund in Ungnade gefallen: Hans Asperger (1906-1980) soll am Euthanasie-Programm der Nazis beteiligt gewesen sein. Wissenschaftler raten schon länger, Erkrankungen nicht nach Personen zu benennen. Von Vanessa Köneke, dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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6 KOMMENTARE

    • ein häuptling der ursprünglichen americans gibt ihr den sinngemäßen namen : “das mädchen, den der himmel schickte” . vollkommen irrelevant also, ob es individuelle motive gab, da die konsequenzen allein ihrer handlungsweise schlussendlich allen zum vorteil gereicht.

    • Durch die drohende emotionale Isolation in Folge des Asberger-Syndroms, entwickelte sich bei einer normal verteilter Intelligenz des Asberger-Syndroms, die Gabe, sich auf die Lösung von Problemen sehr konzentriert fokussieren zu können und Sachzusammenhänge und deren Komplexität sehr genau zu erfassen.
      Allein es fehlt der Zugang zur Deutung der Emotionalität der Mimik des Gegenüber. Sonst sind diese Menschen völlig normal.
      Noch extremer von einer drohenden Isolation betroffen zu sein, sind gesichtsblinde Menschen betroffen, die Gesichter nicht unterscheiden können und sich daher auf ihr Gehör und den Geruchssinn verlassen müssen, um andere Menschen wiederzuerkennen.
      Eine fehlende Sensibilität für einen humanen Umgang mit Mitmenschen und ein fehlender emotional unvoreingenommener Zugang zu anderen Menschen, gleich welcher Herkunft, fehlt aber erst Recht jenen politischen Protagonisten, die sich auf Greta Thunberg versuchen einzuschießen, diese zu diffamieren trachten, um sie mit ihren menschenverachtenden Schmährufen und geistig dummen Wortmeldungen zu belegen.

    • “Ob es als Krankheit oder als eine Normvariante der menschlichen Informationsverarbeitung eingestuft werden sollte, wird von Wissenschaftlern und Ärzten sowie von Asperger-Autisten und ihren Angehörigen uneinheitlich beantwortet. Grundbedingung für die Diagnose eines Asperger-Syndroms ist jedoch, dass es zu Beeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen kommt. Medizinisch besitzt es somit Krankheitswert und wird daher momentan als psychische Störung eingestuft.” Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Asperger-Syndrom

    • Das Asberger-Syndrom ist keine Erkrankung, sondern eine Art stark eingeschränkte emotionale Wahrnehmungsfähigkeit der Gefühlswelt der Mitmenschen.
      Das völlig andere Bild des kindlichen Autismus, kann in Folge der sehr stark ausgeprägten emotionalen Zurückgezogenheit der betroffenen Personen, zu nachfolgend starken geistigen und kognitiven Beeinträchtigungen in der weiteren Entwicklung führen.

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