Was der Nobelpreis mit der Idee zu tun hat, Klassen nicht mehr nach Alter zu bilden

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STOCKHOLM. Für ihren Beitrag zum Kampf gegen die Armut in aller Welt erhalten drei Ökonomen in diesem Jahr den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Auch die Bildung spielte bei ihren Forschungen eine bemerkenswerte Rolle.

Die Armutsforscherin Esther Duflo ist erst die zweite Frau, die den Nobelpreis für Wirtschaft erhält. Foto: Kris Krüg / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Die gebürtige Französin Esther Duflo, ihr aus Indien stammender Ehemann Abhijit Banerjee und der US-Amerikaner Michael Kremer werden für ihren experimentellen Ansatz zur Linderung der globalen Armut ausgezeichnet, wie die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm bekanntgab. Die in Frankreich geborene Duflo ist erst die zweite Frau in der Nobelgeschichte, die den Wirtschaftspreis bekommt. Alle drei Preisträger lehren an US-Universitäten.

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«Ihre Forschung hat uns geholfen, Armut zu bekämpfen», urteilte die Jury in ihrer Begründung der Preisvergabe. Die Möglichkeiten der Armutsbekämpfung seien dank der Erkenntnisse der drei Wissenschaftler in der Praxis dramatisch verbessert worden. So hätten sie etwa gezeigt, wie sich die Schulbildung und die Gesundheit von Kindern mit kleinen, konkreten Schritten verbessern ließe. Mit ihrem neuen, auf Experimenten basierenden Ansatz hätten sie die Entwicklungsökonomie innerhalb von nur knapp zwei Jahrzehnten in ein florierendes Forschungsgebiet verwandelt.

«Wie man die globale Armut verringern kann, ist eine fundamentale, aber auch beängstigende Frage», sagte der Vorsitzende des Preiskomitees, Peter Frederiksson, bei der Bekanntgabe. Die Preisträger hätten den Schlüssel zum Erfolg darin gefunden, dieses große Problem in kleinere, präzisere Fragestellungen aufzuteilen.

Heterogenität in den Klassen war (zu) groß, stellten die Forscher fest

Duflo und ihr Ehemann taten sich in Indien mit einer lokalen NGO zusammen, wo sie zufällig ausgewählte Gemeinden näher untersuchten. So fanden sie einem Bericht der „Welt“ zufolge zum Beispiel heraus, dass Kinder in Entwicklungsländern sehr unterschiedliche Voraussetzungen für den Schulbesuch mitbringen. – und es daher sinnvoll ist, sie nicht nach Alter, sondern lieber nach ihren Fähigkeiten in Klassen einzuteilen. Sonst seien zu viele Kinder überfordert. Die Effekte sollen groß gewesen sein. Die Forscher fanden zudem heraus, dass mehr Geld für Schulbücher kaum etwas bringt, betonten dafür aber die große Rolle von Gesundheit.

Jakob Svensson vom Komitee sagte der Deutschen Presse-Agentur, durch diesen Ansatz könne man aus den im Kleinen gefundenen Erkenntnissen auch allgemeinere Schlussfolgerungen ziehen, um das große Ganze anzugehen. Bei der Armutsbekämpfung habe man dadurch in den vergangenen 20 Jahren große Fortschritte erzielt. Es werde aber noch lange dauern, bis Armut weltweit beseitigt sei. «Es ist noch ein langer Weg», sagte Svensson.

Duflo selbst sagte, sie versuche stets, jedes Problem für sich und dafür rigoros anzugehen. Die 46-Jährige, die die französische und US-amerikanische Staatsbürgerschaft hat, ist mit ihrem Mitpreisträger Banerjee (58) verheiratet. Sie sind damit das erste Ehepaar, das gemeinsam mit dem Wirtschaftspreis geehrt wird. Duflo ist zudem die jüngste Wirtschaftsnobelpreisträgerin der Nobelgeschichte und erst die zweite Frau unter den Preisträgern in der Kategorie. Wie ihr Mann, der ebenfalls einen US-Pass hat, arbeitet sie am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Laut MIT sind mit Duflo und Banerjee bisher insgesamt sieben Wissenschaftler mit dem Preis geehrt worden, während sie am Institut gearbeitet haben.

Die Nobelpreisträger sind relativ jung

Michael Kremer lehrt an der Harvard University. Er ist 54 Jahre alt und damit wie die weiteren beiden Geehrten relativ jung als Preisträger. Duflo hat nach eigener Aussage nicht damit gerechnet, schon in ihrem Alter mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet zu werden. Sie hätte gedacht, dass man viel älter sein müsse, um sich den Preis zu verdienen. Der Nobelpreis erfülle sie mit Demut.

Die kommissarische SPD-Chefin Malu Dreyer hielt es für ein gutes Zeichen, dass der Wirtschaftsnobelpreis an drei Armutsforscher geht. «Sie zeigen, wie Wirtschaft allen dienen kann und mit welchen Mechanismen Armut verringert werden kann», erklärte sie. Ähnlich äußerte sich Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) zur Arbeit der Ökonomen: «Ihre innovative Forschung zeigt, wie das Leben der Armen verbessert werden kann. Und sie hilft uns besser zu verstehen, was tatsächlich wirkt.»

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sprach von einer «exzellenten Wahl». «Es hat wohl selten Wirtschaftsnobelpreisgewinner gegeben, die das Leben so vieler Menschen so verbessert haben.» Die Preisträger hätten mit ihren Vorschlägen und Programmen dazu beigetragen, dass in den vergangenen 20 Jahren Hunderte Millionen Menschen aus der Armut geholt worden seien.

Mit der Auszeichnung sind alle Träger der diesjährigen Nobelpreise verkündet worden. In der vergangenen Woche waren in Stockholm bereits die Auszeichnungen in den Kategorien Medizin, Physik, Chemie und Literatur vergeben worden, am Freitag folgte dann die Bekanntgabe des Friedensnobelpreisträgers in Oslo.

Alle Preise sind in diesem Jahr mit neun Millionen schwedischen Kronen (rund 830.000 Euro) dotiert. Dieses Preisgeld bekommen die Geehrten am 10. Dezember, dem Todestag von Dynamit-Erfinder Alfred Nobel, überreicht – zusammen mit einer Medaille und einer Urkunde.

Der Wirtschaftsnobelpreis ist der einzige der Nobelpreise, der nicht auf Nobels Testament zurückgeht. Er wird vielmehr seit Ende der 1960er Jahre von der schwedischen Reichsbank gestiftet und gilt somit streng genommen nicht als klassischer Nobelpreis.

Seit der ersten Verleihung im Jahr 1969 war bisher erst ein Deutscher unter den Preisträgern: Der Bonner Wissenschaftler Reinhard Selten erhielt ihn vor 25 Jahren gemeinsam mit John Nash und John Harsanyi für ihre wegweisenden Beiträge zur nichtkooperativen Spieltheorie.

Besonders häufig wurden US-Amerikaner ausgezeichnet, darunter auch die vor Duflo bisher einzige Frau, die Professorin Elinor Ostrom. dpa

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11 KOMMENTARE

  1. Übertragen auf Deutschland bedeutet das:

    Leistungshomogene Klassen einrichten und die Digitalisierung nur mit Geräten bringt nicht viel.

    Das wird den Grünen, der SPD und den Linken nicht gefallen.

    @Gerd Möller übernehmen Sie.

    • Sicherlich bietet das Modell oben noch eine stärkere Differenzierung, aber die stärksten SuS würden dennoch die meiste Zeit gemeinsam arbeiten, genauso die schwächsten SuS. Da stimme ich ihnen zu. Das kommt in Deutschland sicherlich nicht gut an.

      “Die Forscher fanden zudem heraus, dass mehr Geld für Schulbücher kaum etwas bringt”
      Was bringt denn da mehr Geld? Die Bücher verändern sich dadurch doch nicht.

  2. Zitat: “So fanden sie einem Bericht der „Welt“ zufolge zum Beispiel heraus, dass … es daher sinnvoll ist, sie nicht nach Alter, sondern lieber nach ihren Fähigkeiten in Klassen einzuteilen. Sonst seien zu viele Kinder überfordert. Die Effekte sollen groß gewesen sein. Die Forscher fanden zudem heraus, dass mehr Geld für Schulbücher kaum etwas bringt, betonten dafür aber die große Rolle von Gesundheit.”

    Interessant.

    • Auch hier zeigt die neuere Forschung mal wieder, dass die Hirngespinste aus dem pädagogischen Elfenbeinturm auch als solche behandelt werden sollten. Möglichst alle Schüler eines Jahrgangs möglichst lange gemeinsam unterrichten – jeden individuell fördern bringt also nach der Meinung der obigen Forscher nicht viel.
      Weiter so.

    • Wieso spricht das gegen individuelle Förderung – und gegen Inklusion? Ganz im Gegenteil: Es spricht gegen den Gleichschritt nach Alter, den Schülerinnen und Schüler in deutschen Schulen zu gehen haben. Ein Unterrichtsniveau nach Fähigkeiten (und zwar nach echten Leistungskriterien, nicht nach sozialen Kriterien) widerspricht doch individueller Förderung in keinster Weise.

      Um allerdings die Arbeit beurteilen zu können, bedürfte es deutlich mehr Informationen über die Rahmenbedingungen, das Setting und die Ergebnisse. Was in einem Entwicklungsland mit 50 Kindern in einer Klasse und schlecht bezahlten sowie möglicherweise geringer qualifizierten Lehrkräften gut ist, muss in Deutschland noch lange nicht gut sein. Eine wissenschaftliche Belobigung des deutschen Gymnasiums lässt sich in Afrika oder Asien schwerlich finden.

      Bemerkenswert, wie schnell hier einige, die sonst alles ablehnen, was von der Bildungsforschung kommt, bereit sind, in Jubelposen zu verfallen, wenn sie eine Bestätitung ihres Weltbildes wittern. Das nennt man dann wohl ideologisch.

          • @ GriasDi: Der Link zu dem Artikel von Baumert & Köller ist sehr interessant. In diesem älteren Artikel redete man noch Klartext ohne Rücksicht auf die Wünsche von Politikern, die solche Studien in Auftrag geben. Im hinteren Teil steht: “Für den Vergleich von Haupt- und Gesamtschule ergeben sich nach Kontrolle des Vorwissens sowie der kognitiven und sozialen Variablen keine (!) unterschiedlichen Leistungseffekte zwischen den Schulformen.”
            Schulpolitiker von rot-grün behaupten aber weiterhin tapfer das Gegenteil. Sie versprechen sich Wunderdinge davon, die Hauptschule durch die Gesamtschule zu ersetzen.

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