Amtsärztin schlägt Alarm: Immer mehr Schulanfänger weisen sprachliche Defizite auf, weil sie zu lange vor Bildschirmen sitzen

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NEUSS. Sind die aktuellen PISA-Ergebnisse nur der Anfang eines Leistungsverfalls auf breiter Front? Vor der Einschulung, bei der Untersuchung durch den Amtsarzt, fallen immer mehr Fünf- und Sechsjährige auf, deren Sprachentwicklung nicht altersgerecht ist. Die Leiterin der Schuleingangsuntersuchungen im nordrhein-westfälischen Kreis Neuss schlägt aktuell Alarm: Sie sieht viele Kinder durch zu hohen Konsum digitaler Medien beeinträchtigt. Tatsächlich sind bundesweit wachsende Probleme beim Schriftspracherwerb in der Grundschule erkennbar. 

Gebannt: Mädchen vor Smartphone-Schirm. Foto: r. nial bradshaw / flickr (CC BY 2.0)
Gebannt: Mädchen vor Smartphone-Schirm. Foto: r. nial bradshaw / flickr (CC BY 2.0)

Die Schuleingangsuntersuchungen in diesem Jahr ergeben ein erschreckendes Bild, so bilanzierte Barbara Albrecht, Leiterin des Kinder- und Jugendlichen-Gesundheitsdienstes beim nordrhein-westfälischen Kreis Neuss. Exakt 4294 Kinder wurden zum laufenden Schuljahr kreisweit untersucht – und nur für 70 bis 80 Prozent der einzuschulenden Kinder gab‘s unauffällige Befunde. Umgekehrt ausgedrückt: Gut ein Viertel der untersuchten Fünf- und Sechsjährigen wiesen Anzeichen für  eine verzögerte Entwicklung auf. Und das betrifft vor allem Sprachauffälligkeiten und fehlende Vorläuferfertigkeiten zum Textverständnis.

Die Defizite der Kinder werden sichtbar, wenn es um das Textverständnis geht

„Der Anteil der Kinder mit Sprachauffälligkeiten schwankt zwischen 25 und 29 Prozent“, erklärte die Amtsärztin laut einem Bericht der „Neuss-Grevenbroicher Zeitung“ vor den Bildungspolitikern des Kreises. Die Medizinerin schlug dabei Alarm: Sie sieht einen engen Zusammenhang zwischen diesen Defiziten und einem zu hohen Medienkonsum. Zwar verfüge kaum ein Kind kurz vor der Einschulung über ein eigenes Smartphone oder einen PC. Die Vorschüler verbrächten aber augenscheinlich viel zu viel Zeit vor den Bildschirmen von Geräten, die es in der Familie gebe, also von Eltern und Geschwistern.

Die Defizite würden dann in der Schule sichtbar, wenn es um das Verstehen von Texten geht, so erklärte Albrecht. Aber nicht nur mit der Sprache, auch im Umgang mit Zahlen zeigten sich zu viele Kinder nicht altersgerecht entwickelt. Besser: die visuelle Wahrnehmung und die Körperkoordination.

Sprachprobleme weisen keineswegs nur Kinder aus zugewanderten Familien auf

Der Kreis Neuss ist kein Einzelfall: Erst in der vergangenen Woche hatte Andreas Gold, Professor für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt, in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau, vor einer besorgniserregenden Entwicklung gewarnt – weil sich eine zunehmend „größere Gruppe Leseschwacher“ abzeichne, Kinder eben, die bereits bei den Schuleingangsuntersuchungen durch sprachliche Defizite auffielen. Und das betreffe – wie aktuell im Kreis Neuss – ein Viertel bis sogar mehr als ein Drittel der Fünf- bis Sechsjährigen.

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„‘Wo geht’s hier nach ALDI?‘ ‚Zu ALDI!‘ ‚Wie? ALDI schon zu?‘. Der gesprochene Sprachwitz illustriert die sprachlichen Defizite vieler Kinder: Fehlerhaft verwendete Präpositionen und fehlende Satzglieder. Hinzu kommen Fehler bei der Pluralbildung und bei der Verwendung von Artikeln. So zeigen es Schuleingangsuntersuchungen, die eine halbwegs differenzierte Erfassung des mündlichen Sprachgebrauchs zulassen“, schreibt Gold. Und das betreffe keineswegs nur Kinder aus zugewanderten Familien. „In einer hessischen Großstadt weisen 2018 immerhin 20 Prozent der Kinder ohne Zuwanderungsgeschichte Defizite beim Satzbau und bei der Verwendung von Präpositionen auf, noch etwas höher ist der Prozentsatz bei der korrekten Verwendung der Artikel. Bei Kindern mit Migrationshintergrund sind es zwischen 50 und 70 Prozent.“

„Der Schriftspracherwerb in der Grundschule verläuft holpriger“

Die Folgen seien für die Grundschulen – und schließlich für die gesamte Bildungskarriere – gravierend: „Aufgrund der sprachlichen Defizite verläuft der Schriftspracherwerb in der Grundschule holpriger. Weil die basalen Leseprozesse nur mühsam vorangehen und weil die Kinder unflüssig lesen, macht ihnen das Lesen keinen Spaß. Wem Lesen Mühe bereitet, wird nicht gern und nicht zum Vergnügen lesen. Lesesituationen werden – innerhalb und außerhalb der Schule – gemieden. Wo aber die Viellesephase am Ende der Kindheit fehlt, bleiben wichtige Lernerfahrungen aus. So entwickelt sich ein ungünstiges Selbstkonzept der eigenen Lesefähigkeit. Das unterminiert die Anstrengungsbereitschaft und beeinträchtigt die Kompetenzentwicklung. Die unzureichenden Lesekompetenzen vieler 15-Jähriger sind nur der Endpunkt eines früh gescheiterten Anfangs.“

Heißt: Die aktuell enttäuschenden PISA-Ergebnisse mit Rückschritten auf allen gemessenen Feldern, also Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften, sind für Gold erst der Anfang einer nach unten zeigenden Entwicklung – wenn jetzt nicht entschieden gegengesteuert werde.

Forderung nach Sprachförderung – und zwar möglichst früh

„Natürlich ist es auch bei den Sechsjährigen noch nicht zu spät für eine intensive sprachliche Förderung. Noch größere Wirkungen erzielen Fördermaßnahmen, die bei den Drei- bis Fünfjährigen ansetzen“, schreibt der Professor. Und: „Wo sich die sprachlichen Defizite nicht vor Schulbeginn beheben lassen, wird man im Primarbereich zusätzliches und qualifiziertes Personal benötigen. Auch dies wird eine Menge Geld kosten. Aber die unzureichenden Lesekompetenzen unserer 15-Jährigen kommen uns noch teurer zu stehen.“ Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Bildungsforscherin McElvany zu den PISA-Ergebnissen: Die Grundschulen legen die Basis!

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7 KOMMENTARE

  1. Das ist genau das, was wir Grundschullehrer in den letzten Jahren gehäuft beobachten und seit längerem darauf aufmerksam machen. Ich hoffe, dass das jetzt endlich einmal als gesicherte Erkenntnis in die Köpfe derjenigen, die etwas verändern können, hineingeht. Man muss sich ganz viel Gedanken machen, wie man diesen Trend aufhalten kann und wann und wo Maßnahmen greifen.

  2. Es liegt aber auch am Medienkonsum der Eltern. Ich kann es nicht sehen, wenn z.B.stillende Mütter nebenher auf dem Handy daddeln. Die Säuglinge suchen den Augenkontakt beim Stillen, es wird Vertrauen aufgebaut, es ist toll, es ist friedlich. Wo schauen die Kleinen denn jetzt eigentlich hin?

  3. Erst in den Grundschulen?!?!, dieses Problem hat sich sogar schon in die BS geschlichen. Das Textverständnis bei viel zu vielen Schülern/Innen ist unter aller Kanone. Das Vokabular der eigenen Sprache ist extrem eingeschräkt.
    So etwas kann man nicht, mal wieder auf dem Rücken der Lehrkräfte austragen, um diesen Missstand zu beseitigen. Da sollen, nein müssen die Eltern mit ran. Diese können nicht alles an die Kindergärten/Schulen abschieben. Erziehung gehört zum Großteil ins Elternhaus. Was in den ersten drei Lebensjahren versäumt wird, kann in den wenigsten Fällen von den Kindergärten oder Schulen aufgefangen werden. Außerdem sollten die Eltern ihre Kinder nicht in einen Watteball packen, denn spätestens nach der Schule kommt ein Holzhammer, der die Kinder aus der Bahn werfen kann. Außerdem sind die Eltern irgendwann vielleicht nicht mehr da und was machen diese Kinder dann?

  4. Ihnen beiden stimme ich voll zu, liebe mississippi und liebe ysnp! Sprachliche Defizite sowie soziale Kälte und Verwahrlosung nehmen spürbar zu, weil die Menschen immer mehr voneinander abrücken, gegenüber den Mitmenschen abstumpfen und ihre Befriedigung im Medienkonsum bzw. in der digitalen Welt suchen. Das ist in der Tat ein zerstörerischer Trend, vor dem gar nicht genug gewarnt werden kann.

    • @Carsten60

      Weil der private Medienkonsum genau wie mit der Medienbenutzung in einer Bildungseinrichtung zusammenhängt?

      • In dem Link ist auch viel von den Eltern die Rede. Die Kinder sollen alles in die Kita mitbringen, von Spielekonsolen ist auch die Rede. Wenn es zu Hause viel Medienkonsum gibt, wird man die Kinder (und auch die Eltern) durch schöne Worte kaum davon abbringen können. Umgekehrt lernen Kinder, bei denen es sowas zu Hause nicht gibt, das in der Kita erst kennen und wollen es dann auch haben.
        Ich frage mich halt, ob das alles vor der Einschulung schon sein soll, und sehe einen gewissen Kontrast zwischen dem Link und dem obigen Artikel. Sprache lernt man wohl am besten ohne digitale Geräte, nämlich durch Sprechen. Mit der Medienkompetenz ist das so eine Sache: die scheint auch mehr postuliert als realisiert zu werden, so wie die Sprachkompetenz und Sozialkompetenz auch. Und ich gehe davon aus, dass die Digitalisierung von interessierten Herstellern angepriesen wird, die eine Umsatzsteigerung wittern. Auch der angegebene Link hat eine Endung .com.

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