Ausbildung: Unternehmen und Bewerber finden (zu) oft nicht zueinander

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BERLIN. Viele Firmen suchen händeringend Nachwuchs. Aktuelle Daten zeigen das erneut. Gleichzeitig finden aber auch Zehntausende Jugendliche keine Lehrstelle, die zu ihnen passt. Wie die Lücke geschlossen werden kann, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Die duale Ausbildung gilt als Erfolgsmodell – trotzdem bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt. Foto: holding graz / flickr / CC BY 2.0

Auch in diesem Ausbildungsjahr sind wieder Zehntausende Lehrstellen unbesetzt geblieben, während zur gleichen Zeit Zehntausende Jugendliche keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Die Nachfrage nach Lehrstellen sinkt außerdem. Das geht aus einer Bilanz des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervor, die am Mittwoch vorgelegt wurde. Aus Sicht der Wirtschaft sind die Zahlen ein weiterer Beleg für den Fachkräftemangel. Gewerkschaften dagegen sind der Meinung, die Probleme seien hausgemacht. Sie sehen die Unternehmen und den Staat in der Pflicht.

Der Bilanz des BIBB zufolge blieben zum Stichtag 30. September rund 53.000 und damit fast 10 Prozent aller von Betrieben angebotenen Ausbildungsplätze unbesetzt. Nach jahrelangem Anstieg gab es in diesem Jahr einen leichten Rückgang bei den offenen Stellen (-4500). Fast 74.000 Jugendliche suchten auf der anderen Seite aber auch vergeblich nach einem ihnen passend erscheinenden Ausbildungsplatz.

Weniger neue Ausbildungsverträge als im Vorjahr

Im laufenden Ausbildungsjahr wurden den Angaben zufolge 525.100 neue Ausbildungsverträge geschlossen, ein Minus von 6300 im Vergleich zu 2018. Die Nachfrage nach Lehrstellen – also die Zahl der neuen Azubis plus die Zahl der Bewerber, die noch keinen Platz gefunden hatten – sank laut BIBB zum ersten Mal unter 600.000.

Als Grund für die sinkende Nachfrage wird die demografische Entwicklung mit sinkenden Schulabgängerzahlen genannt. Bislang habe das durch eine wachsende Nachfrage junger Geflüchteter nach Ausbildungsplätzen ausgeglichen werden können. Der Anstieg in diesem Bereich ist den Angaben zufolge aber zum Stillstand gekommen.

Gewerkschaften forderten angesichts der Zahlen mehr Anstrengungen von Unternehmen und Politik: «Die Wirtschaft muss mehr betriebliche Ausbildungsplätze bereitstellen», mahnte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. Zudem müsse in Regionen mit einem angespannten Ausbildungsmarkt verstärkt auch außerbetriebliche – also staatliche – Ausbildung angeboten werden. «Nur so lassen sich weitere Brüche auf dem Ausbildungsmarkt vermeiden.»

Die Engpässe bei der Ausbildung sind laut Gewerkschaft hausgemacht

Auch aus Sicht der IG Metall bieten die Unternehmen zu wenig Ausbildungsplätze an. Die Gewerkschaft verweist darauf, dass die Zahl der unversorgten Bewerber höher ist als die Zahl der nicht besetzten Lehrstellen. IG-Metall-Vorstand Hans-Jürgen Urban sagte, die Ausbildung habe mit der positiven Beschäftigungsentwicklung der vergangenen Jahre in vielen Branchen nicht mitgehalten. «Die von Arbeitgebern häufig beklagten Engpässe sind hausgemacht.»

Aus Sicht der Wirtschaft stellt sich die Lage anders dar: Die Unternehmen hätten in diesem Jahr eine Rekordanzahl an Ausbildungsplätzen bereitgestellt, sagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Das Ausbildungsangebot sei «aus Sicht der Jugendlichen so gut wie noch nie» gewesen. «Der Fachkräftemangel bleibt in vielen Bereichen der Wirtschaft eine große Herausforderung.»

Dercks wies auch darauf hin, dass parallel zum Rückgang der Zahlen der im BIBB-Bericht abgebildeten Bereiche Industrie, Handel oder Handwerk die Auszubildendenzahlen in der Pflege und in den Erziehungsberufen anstiegen seien. «Ein breiterer Blick auf den Ausbildungsbereich ist daher erforderlich, um die Veränderungen richtig abzubilden», sagte er.

Jens Brandenburg, Sprecher für berufliche Bildung der FDP-Bundestagsfraktion, sagte, die sinkende Nachfrage nach einer beruflichen Ausbildung sei erschreckend. «Mit Theoretikern allein werden wir die Zukunft nicht gestalten.» Brandenburg forderte eine bessere Berufsberatung an den Schulen und «Azubi-Botschafter», die in Schulklassen aus der eigenen Ausbildung berichten. dpa

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