Der Freistaat bekommt die umkämpfte Gemeinschaftsschule – mit einer hohen Hürde

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DRESDEN. Das längere gemeinsame Lernen ist seit langem in Sachsen ein Streitthema. Sogar einen Volksantrag gab es bereits dazu. Mit der neuen Kenia-Koalition soll nun endlich die Gemeinschaftsschule im Freistaat eingeführt werden. Allerdings sind die Hürden so hoch, erklärt ein Experte, dass sich am bestehenden zweigliedrigen Schulsystem faktisch wenig ändern werde.

Der Weg ist frei für die Gemeinschaftsschule – aber wohl nur auf dem Papier. Foto: Shutterstock

Der Dresdner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Melzer sieht den Kompromiss zur Einführung einer Gemeinschaftsschule in Sachsen kritisch. «Es ist nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Am meisten profitieren die Freien Schulen davon, weil sie von den einschränkenden Regelungen zur Mindestgröße der Schulen ausgenommen sind», sagte der Professor im Gespräch. Das mache die ursprüngliche Idee marode.

Melzer war maßgeblich am Volksantrag für ein längeres gemeinsames Lernen beteiligt, für den das Bündnis «Gemeinschaftsschule in Sachsen» mehr als 50.000 Unterschriften sammelte und der nun zur Abstimmung im Landtag steht. Er wurde auch von Linken, Grünen und Sozialdemokraten unterstützt. Deshalb kam das Thema bei den Koalitionsverhandlungen auf den Tisch. Allerdings wurde der Inhalt des Volksantrages auf Betreiben der CDU verändert, die sich mit Händen und Füßen gegen die Einführung der Gemeinschaftsschule gewehrt hatte. Wichtige Einschränkung jetzt: Für eine Gemeinschaftsschule müssen ab der Klassenstufe 5 mindestens vier parallele Klassen vorhanden sein.

Nur wenige „Leuchtturm-Gemeinschaftsschulen“ zu erwarten

Eine Gemeinschaftsschule, die zusammenhängend von Klasse 1 bis 12 unterrichte, komme so flächendeckend kaum in Betracht, sagte Melzer: «Viele Schulen, die sich als Gemeinschaftsschule auf den Weg machen wollen, fangen klein an und entwickeln sich dann. Die Vierzügigkeit ist eine so große Hürde, dass man in fünf Jahren nur einige wenige „Leuchtturm-Schulen“ haben wird.» Allenfalls große Städten wie Dresden kämen dafür infrage.

Ferner sollen nach dem Willen der Kenia-Koalition Oberschulen im ländlichen Raum längeres gemeinsames Lernen von der 1. bis zur 10. Klasse ermöglichen und sich damit zur «Oberschule Plus» entwickeln. Darin sieht Melzer einen Etikettenschwindel, weil sich dahinter die Gemeinschaftsschule der Klassen 1 bis 10 verberge – ohne Oberstufe eben. Außerdem würden auf diese Weise gleich zwei neue Schularten eingeführt.

Umfrage: Mehr als 70 Prozent der Sachsen sind für die Gemeinschaftsschule

Melzer erinnerte daran, dass der Volksantrag an sich schon einen Kompromiss darstellt und nichts anderes als eine «sanfte Revolution» im sächsischen Schulwesen gewesen wäre. Die Gemeinschaftsschule sollte lediglich als Option im Schulgesetz verankert werden, wenn Schüler, Eltern, Lehrer und Schulträger diese Schulform gemeinsam wollen: «Der Volksantrag war absolut normengerecht. Daran haben Fachleute gearbeitet, da waren Erziehungswissenschaftler und Juristen beteiligt und Leute, die wissen, wie man ein Gesetz macht.»

Melzer sieht in einer politischen Gesamtbewertung einen krassen Widerspruch zur Präambel des Koalitionsvertrages von CDU, Grünen und SPD. Dort stehe unter anderem geschrieben, die Bevölkerung solle besser in Entscheidungsprozesse einbezogen werden. «Die Art und Weise, wie hier mit einem ausgewogenen Volksantrag verfahren wird, konterkariert das, was in der Präambel steht. Das ist nicht nachzuvollziehen.» Zwei Drittel bis drei Viertel der Bevölkerung würden hinter dem Volksantrag stehen.

Tatsächlich hatte ein Umfrage der «Sächsischen Zeitung» am Donnerstag erneut ein überwältigendes Votum für ein längeres gemeinsames Lernen in der Gemeinschaftsschule erbracht. 72 Prozent der Befragten stimmten dafür, 19 Prozent dagegen und neun Prozent waren bei dieser Frage unentschieden. Die CDU hatte bisher Änderungen am Schulsystem konsequent abgelehnt und dabei stets auf das vergleichsweise gute Abschneiden Sachsens bei Bildungsvergleichen abgehoben.

„Schüler sind unterschiedlich und benötigen unterschiedlich viel Zeit zum Lernen“

Melzer zufolge ist der Erfolgsgarant für gute Bildungsabschlüsse aber nicht die Schulstruktur, sondern die Qualität des Unterrichtes. Und dafür tritt die Gemeinschaftsschule an. Eine Schule dürfe nicht nur verwaltet werden, es gehe um pädagogische Reformen: «Mit einer Standardisierung kommt man nicht weiter. Die Schüler sind unterschiedlich und benötigen unterschiedlich viel Zeit für das Lernen. Sie brauchen ein Umfeld, wo sie sich Dinge selbst aneignen können. Diese pädagogische Qualität hat eine Gemeinschaftsschule, wie sie im Volksantrag skizziert ist.» News4teachers / mit Material der dpa

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2 KOMMENTARE

  1. „Mit einer Standardisierung kommt man nicht weiter. Die Schüler sind unterschiedlich und benötigen unterschiedlich viel Zeit für das Lernen. Sie brauchen ein Umfeld, wo sie sich Dinge selbst aneignen können. Diese pädagogische Qualität hat eine Gemeinschaftsschule, wie sie im Volksantrag skizziert ist.“

    Warum das nur in einer Gemeinschaftsschule oder einer Oberschule plus möglich sein soll, verstehe ich nicht. Ich befürchte da eher einen noch größeren Run auf die Gymnasien. Gerade die Schüler, die etwas länger brauchen, sind sehr häufig auch die Schüler, die sich Dinge selbst nicht aneignen können. Insgesamt ist ein Niveauverlust zu befürchten.

  2. Sachsen reagiert vernünftig auf die bekannte Entwicklung der Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg. Wenn es eine deutliche Mindestgröße gibt, kann es nicht so leicht geschehen, dass die Schule nach 10 Jahren wegen zu geringer Schülerzahlen schließen muss.

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