Gehen Sie hin und wieder mal zum Arzt, um sich durchchecken zu lassen? Warum die PISA-Studie unverzichtbar ist – eine Gegenrede

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DÜSSELDORF. Alle drei Jahre – zuletzt Anfang Dezember – bekommen Deutschlands Schüler attestiert, dass ihre Leistungen aus internationaler Sicht mehr oder weniger mäßig sind. Die PISA-Studie, 2001 sorgte ihr erstmaliges Erscheinen für den bereits sprichwörtlichen „PISA-Schock“, nervt seitdem mit wenig erbaulichen Befunden zum deutschen Bildungssystem. Aber ist sie deshalb überflüssig, wie der renommierte Psychologe und Bildungsforscher Prof. Dr. Rainer Dollase unlängst in einem Gastkommentar auf News4teachers meinte? Hier kommt die Gegenrede: News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek erklärt, warum er PISA für unverzichtbar hält.

Hier geht es zum Gastkommentar von Prof. Dollase.

Wie genau muss der Blick auf Schule sein? Foto: Shutterstock

Gehen Sie hin und wieder mal zum Arzt, um sich durchchecken zu lassen? Ist sinnvoll, oder? Allerdings waren die letzten Untersuchungen doch eher unspaßig. Das Herumsitzen im Wartezimmer. Dann mussten Sie sich ausziehen, auch nicht schön. Gefunden hat er mal wieder nur das, was Sie ohnehin schon wussten. Übergewicht – Sie essen zu fett. Kurzatmigkeit – Sie rauchen. Muskelschwäche – Sie sitzen zu viel. Statt Ihnen dann aber einen präzisen Lebensplan aufzuschreiben, an den Sie sich Tag für Tag und Stunde für Stunde halten können, kamen lediglich die üblichen Ratschläge: gesünder essen, nicht mehr rauchen, mehr Sport treiben. Naja. Dann kann man den Arztbesuch auch sein lassen …

Als die erste PISA-Studie erschien, gab’s den mittlerweile sprichwörtlichen „PISA-Schock“

Sollte man den nächsten Untersuchungstermin wirklich canceln? Wenn’s nach Prof. Rainer Dollase geht: Klar. Denn neue Erkenntnisse sind von einer empirischen Untersuchung nicht zu erwarten. Er meint natürlich keine medizinische, sondern eine bildungswissenschaftliche – und zwar die größte der Welt: PISA. Seine Argumentation läuft aber auf das Gleiche hinaus: „PISA erlaubt keine eindeutigen kausalen Schlussfolgerungen darüber, was man tun muss, um besser zu werden.“ (Das tut eine medizinische Untersuchung auch nicht.) „Gerade wegen dieser kausalen Unsicherheit ist mit Ergebnissen mal so, mal so, mal besser, mal schlechter zu rechnen.“ (Ist beim Arzt auch so.) Weil ja ohnehin bekannt sei, woran es im deutschen Schulsystem hapert, hält er PISA für „nutzlos“.

Andrej Priboschek, Gründer und Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus (hier auf der Bildungsmesse didacta in Köln). Foto: Anna Hückelheim

Um im Bild zu bleiben: Wäre ein regelmäßiger Gesundheitscheck auch dann noch nutzlos, wenn sich daraus eine Krebsdiagnose ergäbe? Die Antwort vorneweg: Natürlich nicht. Denn ein frühzeitiger Befund erhöht die Chance auf Heilung – das gilt für den Menschen, das gilt auch für ein Bildungssystem.

Erinnern wir uns doch mal: Als die erste PISA-Studie 2001 erschien, war ein Großteil der deutschen Öffentlichkeit tatsächlich davon überzeugt, dass die Bundesrepublik bei der Bildung Weltspitze sei. Deutschland, das Land der Dichter und Denker. Experten hatten damals schon so ihre Zweifel, denn dem PISA-Schock ging ein TIMSS-Schock voraus. Die erste repräsentative Vergleichsstudie in Mathematik und den Naturwissenschaften hatte 1997 ergeben, dass die deutschen Schüler allenfalls Mittelmaß sind. Und dann kam PISA.

Die problematischen Befunde von damals haben bis heute Bestand

Erstmals kamen die – bis heute weitgehend ungelösten – Probleme auf den Tisch: ein lediglich mäßiges Leistungsniveau insgesamt, eine relativ große Gruppe von abgehängten Schülern (rund 20 Prozent), eine Leistungsspitze, die im internationalen Vergleich weder breit noch spitze ist, ein international beispiellos enger Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg, der den optimistischen Ansatz vom Aufstieg durch Bildung als Märchen entlarvt. Dass sich an diesen Befunden bis heute nichts Wesentliches geändert hat, ist ja nicht PISA anzulasten. Deshalb aus der Bildungsstudie auszusteigen hieße, den Boten der schlechten Nachricht zu erschlagen – am Realitätsgehalt der schlechten Nachricht würde das jedoch nichts ändern.

Und die gibt es aktuell mal wieder. Die aktuelle PISA-Studie zeigt auf, dass sich die Schülerleistungen binnen drei Jahren in allen drei getesteten Kategorien, also Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften, verschlechtert haben – auch dann übrigens, wenn man die Flüchtlingskinder unberücksichtigt lässt (News4teachers berichtete). Dieser Trend nach unten ist sogar schon seit 2016, der letzten Studie, festzustellen. Es liegt nahe zu vermuten, dass sich der Lehrermangel einerseits und steigende Aufgaben andererseits (die Inklusion zum Beispiel) auswirken. Und das soll kein wichtiger Befund sein?

Wie sähen wohl die Schulen aus, wenn es PISA nicht geben würde?

Nebenbei: Dollase moniert, dass PISA nur Durchschnittswerte abbildet, aber die Unterschiede zwischen den Bundesländern so groß seien, dass die Aussagekraft des Durchschnitts begrenzt sei. Da ist schon etwas dran. Aber woher stammt die Erkenntnis denn, dass die Leistungsspreizung von Bundesland zu Bundesland so groß ist? Genau, aus PISA, genauer: aus PISA-E, einer 2003 zuletzt erschienenen Ergänzungsstudie (die dann eingestellt wurde, weil die Kultusministerkonferenz die zum Teil erbärmlichen Länderergebnisse so genau dann doch nicht mehr wissen wollte).

Apropos Kultusminister: Wie sähen wohl die Schulen in Deutschland aus, wenn es PISA nicht geben würde – wenn also von Seiten der Politik am Bildungssystem gespart werden könnte, ohne dass die Folgen zumindest alle drei Jahre öffentlich sichtbar gemacht würden? Schon deshalb ist die Bildungsstudie unverzichtbar: Sie liefert Lehrerverbänden und all den anderen, denen an gut ausgestatteten Schulen liegt, immer wieder Munition, um im gesellschaftlichen Kampf um stets knappe staatliche Ressourcen bestehen zu können.

Was guter Unterricht ist, wissen wir heute – auch dank PISA

Interessant ist dann der inhaltliche Schwenk, den Dollase am Schluss seiner Ausführungen vollzieht – hin zu einem Plädoyer für „einen deutlich konservativeren Unterricht“. Woher er seine  „Impulse und Denkanstöße“ nimmt, verrät er in seinem Essay nicht. Dabei wissen wir ziemlich genau, was guten Unterricht ausmacht. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie extrahierte in seiner wegweisenden Meta-Studie „Visible Learning“ die Faktoren, die potenziell das schulische Lernen beeinflussen.

Etliche seiner Erkenntnisse mögen tatsächlich in die Kategorie „konservativerer Unterricht“ fallen – im Mittelpunkt steht der Lehrer. Der große Unterschied zum Unterricht von anno dazumal ist allerdings die Kernbotschaft: Lehrer sollen evidenzbasiert unterrichten. Heißt: Pädagogen sollen nach Belegen für die Wirksamkeit des eigenen Handelns suchen und ihre eigene Arbeit auf den Prüfstand stellen. Wie ist ihr Einfluss? Wie wirken sie? Kommt das, was sie den Schülerinnen und Schülern vermitteln wollen, bei ihnen an? Wie muss sich der Unterricht gegebenenfalls ändern? Das ist dann doch näher an der Output- und Kompetenzorientierung des Post-PISA-Zeitalters, als manche konservative Vertreter der Zunft wahrhaben wollen.

Abschließend die Frage: Woher nimmt Hattie denn seine Daten – er selbst erhebt ja keine? Die Antwort: Er hat empirische Untersuchungen mit Lernergebnissen von insgesamt mehr als 88 Millionen Schülern analysiert. Und die größte davon ist, klar, PISA.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Ein Leser kommentiert auf der der Facebook-Seite von News4teachers:

Ein weiterer Leser antwortet ihm auf der Facebook-Seite von News4teachers:

Vom Wiegen allein wird die Sau nicht fett: Warum die PISA-Studie überflüssig ist – ein Gastkommentar

 

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16 KOMMENTARE

  1. Eine überfällige Replik auf die feuilletonistischen Plaudereien von Prof Dollase zur Überflüssigkeit von PISA. Herzlichen Dank dafür, Herr Priboschek. Stimme Ihnen voll zu.

  2. Wenn man schon das Bild vom Arzt bemühen will, dann sollte es vielleicht Tests geben, die Antworten geben auf z.B. folgende Fragen, die die „Gesundheit von Bildung“ betreffen:
    — Können Gymnasiasten und Gesamtschüler in der Oberstufe (nach 10 Jahren Mathematikunterricht) das kleine 1×1, und beherrschen sie die Bruchrechnung?
    — Inwieweit beherrschen Gymnasiasten und Gesamtschüler in der Oberstufe (nach 10 Jahren Deutschunterricht) die deutsche Rechtschreibung und Grammatik, wenn sie einen kleinen Aufsatz schreiben sollen?
    — Können wenigstens Gymnasiasten und Gesamtschüler in der Oberstufe ein paar korrekte Zeilen in einer der neueren Fremdsprachen (z.B. engl., franz.) formulieren?
    — Kennen wenigstens Gymnasiasten und Gesamtschüler in der Oberstufe das politische System der Bundesrepublik und können beschreiben, wie Bundeskanzler, Ministerpräsidenten und Minister in ihre Ämter kommen und was die Rolle der Parlamente dabei ist?
    All das wird niemals (!) getestet. Ich befürchte allerdings, alle vier Fragen sind für ein Drittel oder mehr mit „nein“ zu beantworten. Nur leider gibt es keine empirischen Resultate.

    Auch für die 15-Jährigen könnte man mal fragen:
    — Wie steht es um deren Rechtschreibkenntnisse, wenn sie mal ein paar deutsche Sätze selber formulieren sollen?
    — Wie weit beherrschen sie die vier Grundrechenarten und das kleine 1×1?
    — Wieviel Prozent dessen, was in den Bildungszielen und Lehrplänen bis Klasse 8 drinsteht, kommt tatsächlich nachhaltig und dauerhaft in den Köpfen an?
    PISA beantwortet das alles nicht. PISA testet nur „Literacy“, das ist eine angloamerikanische Sichtweise, die sich die OECD zu eigen gemacht hat, die aber mit dem deutschen Wort „Bildung“ nur wenig zu tun hat. Man schaue auf die Beispielaufgaben von PISA 2018 (im Netz leicht erreichbar), besonders die mit der Osterinsel.

    Unabhängig davon und für eine systematische Ehrlichkeit im Hinblick auf die Bildungsökonomie („das Humankapital soll eine Rendite hervorbringen“) wäre ein Test denkbar, der nicht Bildung, sondern direkt die Verwendbarkeit der Leute auf dem Arbeitsmarkt (=employability) testet. Vielleicht kann Bertelsmann solch einen Test präsentieren.

    • Sehr geehrter Carsten60,

      „die Testaufgaben orientieren sich nicht an spezifischen Lehrplänen, sondern an Kompetenzen, die für den Lernprozess und den Wissenserwerb wichtig sind“, schreibt das Bundesbildungsministerium. Anders ausgedrückt: PISA misst nicht „Bildung“ (was immer das im Google-Zeitalter auch sein mag), sondern Bildungsvoraussetzungen.

      Wer nicht sinnerfassend lesen kann, wie immerhin rund 20 Prozent der deutschen Schüler, der liest auch Goethe nicht. Und wer mathematische Prinzipien nicht zur Lösung von Problemstellungen anwenden kann, der hat sie nicht wirklich verstanden. Darum geht es bei PISA.

      Herzliche Grüße
      Andrej Priboschek

      • Umgekehrt wird aber auch (k)ein Schuh draus:

        Wer Goethe liest und (formal-) mathematische Prinzipien versteht, kommt nicht unbedingt mit dem Testformat bei den PISA-Aufgaben klar.

      • „PISA testet nur “Literacy”, das ist eine angloamerikanische Sichtweise, die sich die OECD zu eigen gemacht hat, die aber mit dem deutschen Wort “Bildung” nur wenig zu tun hat.“

        Was Sie da herplaudern, hat wenig mit der PISA-Konzeption zu tun.
        Daher für Sie ein Auszug aus dem Berichtsband, S.190:
        „Aufgaben in PISA 2018 lassen sich jeweils mathematischen Prozessen zuordnen, die die zur Lösung notwendigen mathematischen Aktivitäten beschreiben und konkretisieren (OECD, 2019). So beinhaltet der Prozess Situationen mathematisch formulieren die Übersetzung eines Problems aus der realen Welt in ein mathematisches Problem. Dazu
        ist es notwendig, Möglichkeiten zur Nutzung von Mathematik zu erkennen und darauf aufbauend ein mathematisches Modell für ein Problem bereitstellen zu können. Dies umfasst etwa die mathematische Darstellung einer realen Situation unter Verwendung geeigneter Variablen, Symbole, Diagramme und generischer Modelle.
        Die Nutzung der Mathematik zur Problemlösung beschreibt der Prozess mathematische Konzepte, Fakten, Prozeduren und Schlussfolgerungen anwenden. Dies umfasst etwa arithmetische Berechnungen, das Lösen von Gleichungen, das Extrahieren mathematischer Informationen aus Tabellen und Grafiken, das Darstellen von Formen im Raum sowie die Analyse von Daten.
        Der Prozess mathematische Ergebnisse interpretieren, anwenden und bewerten umfasst schließlich den Umgang mit mathematischen Resultaten. Dazu müssen insbesondere mathematische Ergebnisse zurück in den realen Problemkontext überführt werden, indem sie zu interpretieren, auf Plausibilität zu prüfen und zu nutzen sind.
        Den drei mathematischen Prozessen liegen sieben fundamentale mathematische Fähigkeiten (capabilities) zugrunde – Kommunizieren, Mathematisieren, Repräsentieren, Argumentieren, Problemlösestrategien entwickeln, mit Mathematik symbolisch, formal
        und technisch umgehen sowie mathematische Hilfsmittel verwenden – die zur Lösung der gestellten Aufgaben notwendig sind (OECD, 2019; vgl. auch Sälzer et al., 2013, S. 55 für eine detaillierte Beschreibung des Zusammenhangs von Prozessen und Fähigkeiten).
        Diese sind von zentralen mathematischen Teilkompetenzen abgeleitet (Niss, 2003; Niss & Højgaard, 2011) und weisen Ähnlichkeit mit den in den Bildungsstandards formulierten allgemeinen mathematischen Kompetenzen auf (KMK, 2003).“

        Dies soll nichts mit Bildung zu tun haben?

        Aus der Praxis kann ich als langjähriges Mitglied der deutschen PISA-Expertengruppe in Mathematik bestätigen, dass diese oben dargestellte Konzeption bei der Erstellung der Testaufgaben zur Anwendung kommt.

    • Zum einen denke ich nach wie vor, dass das kleine 1×1 (auswendig, nicht mit dem Taschenrechner) zu den unverzichtbaren „Bildungsvoraussetzungen“ gehört, sofern man das auf irgendeine Art von mathematischer Bildung bezieht (nicht nur im akademischen Sinne, auch für Handwerker, die irgendwas auszumessen haben). Genau das wird aber nie getestet.
      Zu zweiten stören mich diese vielen, vielen Multiple-Choice-Aufgaben. Das erinnert mehr an Günther Jauch als an wirkliche Bildung. Und die Mathematikaufgaben enthalten enorm viel Text, wodurch auch dort praktisch nochmal die sog. „Lesekompetenz“ getestet wird statt mathematische Fähigkeiten. Das Lesen wird somit doppelt gewertet.
      Zum dritten zur Literacy: Im PISA-2000-Bericht
      http://www.oecd.org/germany/33684930.pdf
      steht auf „Seite 5: „PISA erfasst drei Bereiche: Lesekompetenz (Reading LIteracy), mathematische Grundbildung (Mathematical Literacy) und naturwissenschaftliche Grundbildung (Scientific Literacy). Und dieser Literacy-Begriff entspricht eben nicht der deutschen Schulbildung vor PISA, sondern entstammt dem angloamerikanischen Umfeld. Man hat jetzt z.T. den Schulunterricht schon danach ausgerichtet, aber warum? Es ist reiner Krampf, „Literacy“ übersetzen zu wollen. Der Sinn ändert sich dadurch.
      Zum vierten ist die PISA-Rezeption eine einzige Absurdität. Man huldigt einer PISA-Hysterie und starrt auf Rankings, ohne sich klarzumachen, was die nun wirklich bedeuten. Beispiel: Im INTERNATIONALEN Vergleich zu Deutschland wird Kanada hoch gelobt, weil man dort einen höheren Durchschnittswert hat UND weil dort die MIgranten auch höhere Werte erreichen. Im INNERDEUTSCHEN Vergleich hätte man analog Bayern hoch loben müssen, denn dort wurden höhere Durchschnittswerte als in anderen Ländern erreicht UND auch die Migranten erreichen höhere Durchschnittswerte, und zwar auch in den aktuellen IQB-Tests. Die Migranten der ersten Art haben in Bayern manchmal mehr Punkte erreicht als die Nicht-MIgranten in Bremen.
      Aber nichts da: Man wendet international eine gänzlich andere Logik an als national. Selbst PISA-Chef Schleicher hat das schlechte Vorbild gegeben, siehe Seite 15 hier:
      https://fddm.uni-paderborn.de/fileadmin/mathematik/Didaktik_der_Mathematik/Bender_Peter/Veroeffentlichungen/2006PISABuchAuflage1Bender.pdf
      Die GEW macht das auch mit Eifer: Kanada loben, aber auf Bayern schimpfen.

      Mein Fazit dazu: PISA wird politisch missbraucht. Parteien und Organisationen picken sich einzelne Zahlen heraus, um ihre schon vorher bestehenden Ziele zu propagieren. Die PISA-Macher selbst haben immer betont, dass sich aus PISA KEIN Vorteil für ein bestimmtes Schulsystem als SYSTEM ableiten lässt.

    • Ergänzung von Wikipedia zu „Literacy“:
      „Experts at a UNESCO meeting have proposed defining literacy as the ‚ability to identify, understand, interpret, create, communicate and compute, using printed and written materials associated with varying contexts‘. The experts note: ‚Literacy involves a continuum of learning in enabling individuals to achieve their goals, to develop their knowledge and potential, and to participate fully in their community and wider society‘.“
      Die erste Frage ist, was das mit dem in Deutschland üblichen Schulunterricht (etwa am Gymnasium) oder mit dem Begriff „Bildung“ direkt zu tun hat. Die zweite Frage ist, wie dieser PISA-Test mit seinen vielen Multiple-Choice-Aufgaben imstande sein soll, den Anspruch einzulösen, eben diese „Literacy“ sicher abzubilden und das Ergebnis gültig in Zahlen und ein internationales Ranking umzuwandeln. Das zweite halte ich für unmöglich.

  3. Ihr Lieben,
    das Schöne an Gegenreden und Kritiken ist ja, dass sie pädagogisch aufschlußreich sind. Man merkt, wo und wie Text (oder auch Realität)völlig anders aufgefasst werden kann – dadurch lernt man, welche Klarstellungen noch nötig sind. Andrej Priboschek – der sich fraglos um die deutsche pädagogische Diskussion verdient gemacht hat – liefert in der Tat Argumente gegen meine Position. Das ist gut – denn die übliche „Kritik“ verstanden als Absonderungen von likes und dislikes ermöglicht ja keine Klarstellungen sondern bestenfalls die Plakatierung unterschiedliche Geschmacksurteile.
    PISA hat für mich den gleichen Wert wie z.B. der 100m Lauf der Männer bei den olympischen Spielen – es gab nur einen deutschen Goldgewinner, Armin Hary(1960). Warum haben wir nicht mehr? Seit 1896 hat man alle vier Jahre wieder einen „100m Check“ („Gesundheitscheck“) bekommen – und nichts daraus gelernt. Meine Antwort: weil man aus dem bloßen Abschneiden in einem Test nicht lernen kann, was man besser machen kann, also übertragen, wie man eine Goldmedaille im 100m Sprint gewinnen kann. Weil es hunderte von Stellschrauben für den Erfolg gibt. Mehr habe ich nicht deutlich gemacht. Das gilt auch für die Qualitätsanalyse – sie ist ebensowenig ein Beitrag zur Qualitätssteigerung des Bildungswesens wie PISA.
    Kleine Fehler in Priboscheks Beitrag sind wohl Flüchtigkeitsfehler: Hattie hat nicht von PISA gelernt, sondern von Zusammenfassungen (Metaanalysen) empirischer Forschungen von rund 1000 Studien. PISA E ist längst durch den IQB Ländervergleich entbehrlich gerworden.
    Nun gut – zentrale Unterschiede zu Priboschek bestehen aber im Vergleich von PISA mit einem medizinischen Gesundheitscheck. Der wissenschaftliche Status der Erziehungswissenschaften ist meilenweit von dem der Medizin entfernt. Von einem großen Teil der Erkrankungen hat die Medizin eindeutige Ursachen und eindeutige Therapien zur Hand – wer Medizin lehrt, kann Diagnose und Therapie vormachen etc. Die Medizin weiß sogar, wo sie helfen kann und wo nicht: gegen Schnupfen z.B. ist kein Kraut gewachsen – man kann nur Symptome lindern. Das kann die Erziehungswissenschaft aber auch die Bildungsökonomie und andere ähnlich schwammige Disziplinen nicht.
    Wenn uns aber PISA nur zeigt, dass wir keine Goldmedaille gewonnen haben, dann wäre das vergleichbar einem/er Doktor/in die uns – wir suchen Heilung von einem Schnupfen – sagen würde: „Es stimmt, Sie haben Schnupfen, im Vergleich zu einer repräsentativen internationalen Stichprobe haben Sie einen durchschnittlichen Schnupfen. Nun gehen sie mal nach Hause und überlegen, was sie dagegen tun können, denn wir geben keine Empfehlung für Therapie“.
    Es hilft nichts – Papier Bleistift Wissenschaften haben ein Praxisdefizit: KunstwissenschaftlerInnen können selten tolle Bilder malen, LiteraturwissenschaftlerInnen noch seltener Weltliteratur schreiben und Erziehungswissenschaftler sind kaum in der Lage, guten Unterricht zu machen.Ihre einzige inhaltsleere Sprachblase heißt – „mehr anstrengen, weil ihr nicht gewonnen habt“. Jetzt wissen wir ja wie das gewinnen geht – oder?
    Schönen Tag noch!

    • Woher weiß denn Herr Dollase, dass Erziehungswissenschaftler keinen guten Unterricht machen können? Genau diese Aussage weist auf das hin, was nötig ist: empirische Daten.
      gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass empirische Daten häufig nicht weiterhelfen. Ein Beispiel ist die Studie von Hattie. dieser bezieht sich nur auf Untersuchungen im anglo-amerikanischen Raum und kann daher die Mängel unseres Schulsystems, nämlich die Selektion der Schüler ab Klasse 4, nicht beurteilen. Das ist nämlich das Hauptproblem unsere schulsystems, wenn man alle empirischen Daten zusammenfasst. Wir müssen endlich aufhören diese Form der menschenverachtenden und leistungshemmend in Selektion durchzuführen.

      • Wenn die Selektion nach Klasse 4 das Problem ist, warum schneiden dann Bayerns Schüler (laut IQB-Studie) viel besser ab, als Berliner Schüler, wo erst nach Klasse 6 „Selektiert“ wird.
        Warum ist das viel geschmähte bayerische Bildungssystem (laut IQB-Studie) bildungsgerechter als das Berliner oder Bremer Bildungssystem?

        Wie Hattie schon sagte, nicht die Struktur des Bildungssystems sondern die Lehrer sind entscheidend.

        • GriasDi, wenn die Struktur lt. Hattie, den Sie hier zitieren, keinen Einfluss auf die Leistungen der Schüler hat, dann kann man die Strukturen doch ohne Risiko auf Leistungsverlust ändern.

          Man würde dadurch aber einige Vorteile gewinnen:
          -Verringerung der sozialen Segregation (vor allem beim Übergang in die Sek I) und damit Abbau der sozialen Benachteiligung;
          -Der Übergangsstress in der Grundschule bezüglich der Übergangsempfehlungen fiele weg.
          – Kinder würden länger gemeinsam lernen und nicht als 10-jährige
          nach dem Aschenputtelprinzip aussortiert und ausgegrenzt
          – aufgrund der Plastizität der menschlichen Entwicklung entfiele die unsichere Übergangsdiagnostik
          – Geeignete Schüler würden an der Gelenkstelle SekI/SekII nicht „verloren“ gehen, weil die Schule bei Eignung für die gymnasiale Oberstufe nicht gewechselt werden müsste (längeres Offenhalten im Hinblick auf die Abschlüsse).
          – Lehrkräfte könnten flexibler eingesetzt werden (siehe Lehrermangel in einigen Schulformen)
          – Ressourcen könnten bei Wegfall der verschiedenen Schulformen effizienter genutzt werden

          • Zitat:
            „Verringerung der sozialen Segregation (vor allem beim Übergang in die Sek I) und damit Abbau der sozialen Benachteiligung“

            Warum gehört dann Bayern (laut IQB-Studie) zu den sozial gerechtetsten und Berlin bzw. Bremen zu den ungerechtesten?
            Wozu also die (laut IQB-Studie) gute bayerische Strukur ändern???

      • „leistungshemmende Selektion“
        Wenn das so stimmt, warum sind die PISA-Ergebnisse in den mit D vergleichbaren Nachbarländern GB und F auch nicht besser, sondern eher schwächer, in Frankreich sogar bei der sozialen Gerechtigkeit ?? GB und F haben ein ungegliedertes Schulsystem.
        Manche Leute picken sich Rosinen aus dem PISA-Kuchen heraus, nämlich immer nur Länder, die gut abschneiden und gleichzeitig ein Gesamtschulsystem haben. Die Schweiz war auch immer gut und hat eine Gymnasialquote von 20 %, weniger als Bayern. Und weltweit haben die meisten Länder ein Gesamtschulsystem und liegen bei PISA klar hinter Deutschland. Man sollte also anders argumentieren, wenn man den Übergang nach Klasse 4 angreifen will. Aber bitte nicht vergessen: Dessen etwaige Abschaffung hätte nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile. Die deutschen Gesamtschulen waren bei PISA 2000 ganz schwach, um ca. 50 Punkte schwächer als die Realschulen.

  4. Lieber Herr von Saldern,
    ich bin ja selbst Erziehungswissenschaftler – insofern gilt die natürlich falsche Pauschalisierung auch für mich. Scherz beiseite – natürlich weiß ich, dass auch eine ganze Reihe ErziehungswissenschaftlerInnen sehr gut unterrichten können – aber viele auch gar nicht. Das wissen Sie selbst sicher am besten – ja einige wollen es auch gar nicht und lehnen es ab, etwas praktisch Verwertbares zu erforschen. Sie machen Erziehungswissenschaft – aber nicht Pädagogik. Wie man was macht – ist nicht deren Gebiet (vgl eine Studie von Job Günter Klink, 1978, Klasse H7e-Aufzeichnungen aus dem Schulalltag, Klinkhardt). Und recht haben Sie bei Hattie: so viele isolierte Faktoren in lebendiges Verhalten mit und vor der Klasse umzusetzen – das schafft sowieso niemand. Jetzt erst fängt die Arbeit an: wie transformieren wir quantitative Ergebnisse in reales Verhalten. Schöne Grüße Ihr Rainer Dollase PS GriasDi hat natürlich recht

  5. @MvS:

    Menschenverachtend war die Selektion an der Rampe von Auschwitz, weswegen Sie sich Ihre Wortwahl nochmals prüfend zu Gemüte führen sollten.
    Und dass jene „Selektion“, die man landläufig auch als „Grundschulabitur“ kennt (und das in den meisten Bundesländern, um bei der Wahrheit zu bleiben, gar nicht verlangt wird), angeblich „leistungshemmend“ sei, stellt Ihre individuelle Perspektive dar, die freilich nicht das Evangelium ist.

  6. Der Vergleich Patient-Arzt ist doch vollkommen an den Haaren herbeigezogen.
    In diesem Beispiel bin ich als studierter Lehrer der Arzt und der Schüler ist der Patient.
    Der Schüler bekommt vom Lehrer so häufig und regelmäßig Rückmeldungen, dass er genau weiß, was er hat, und woran es liegt.

    Der Vergleich Pisa mit einem Arzt würde bedeuten, dass alle vier Jahre geschaut wird, wie viele Patienten sterben oder geheilt werden und damit dann ein Ranking erstellt.
    Um das Ganze Gesundheitssystem zu verbessern würde man dann eine Qualitätsanalyse starten, in der man alle paar Jahre den Ärzten beim behandeln über die Schulter schaut. Dabei würde man so unsinnige Kriterien beobachten wie z.B. ob das Wartezimmer hübsch aussieht, und ob die Arzthelferin ab und zu mal fragt, ob man mit seiner Diagnose zufrieden ist. Ganz wichtig dabei ist auch, dass der Arzt, dann jedes Mal für die nächsten Jahre eine Aufgabe bekommt wie z.B. „Du musst von jetzt an jedem Patienten die Hand geben und damit die Patientenzufriedenheit erhöhen“, oder „Du darfst pro Woche nicht mehr als 5 Patienten abweisen, egal wie voll du bist.“

    Klingt wie totaler Unsinn und an den Haaren herbeigezogen? Ja genau, das System aus Qualitätsanalyse und PISA und ihrem Kausalzusammenhang.

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