Pause für die Prüfer? Regierungspräsidenten warnen vor Aussetzen der Schulinspektion

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DÜSSELDORF. Die fünf Regierungspräsidenten in Nordrhein-Westfalen haben sich gemeinsam in einem Brandbrief an Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) gegen die Aussetzung der Schulinspektion gewandt. Es gebe Hinweise, dass die Ministerin die seit 14 Jahren laufende sogenannte „Qualitätsanalyse“ – wie die Insektion der einzelnen Schulen im Land offiziell heißt – zeitweilig auf Eis legen wolle, heißt es darin laut einem Bericht der „Rheinischen Post“. Dabei zeige die enttäuschenden Ergebnisse der  jüngsten PISA-Studie, wie wichtig die Sicherung der Unterrichtsqualität sei.

Unterricht unter der Lupe - notwendig oder sinnlos? Foto: Yohann Legrand / flickr (CC BY-SA 2.0)
Wo läuft’s in der Schule – und wo nicht? Der Schul-TÜV soll genau hinschauen. Foto: Yohann Legrand / flickr (CC BY-SA 2.0)

In Nordrhein-Westfalen ist die Schulaufsicht dreistufig organisiert: Das staatliche Schulamt fungiert als untere Schulaufsicht, die fünf Bezirksregierungen als obere und das Ministerium als oberste Schulaufsichtsbehörde. Die Qualitätsanalyse (QA) wurde als eine Art Schul-TÜV 2005 – im Zuge zahlreicher Reformen nach dem ersten PISA-Schock – eingeführt, „um Schulen in ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklung zu unterstützen“, wie es auf der Seite des Schulministeriums heißt.

Konkret läuft das Verfahren so ab: Nach einer „Vorphase“, in der die Schulleitung Berichte über die Schul- und Unterrichtsentwicklung liefert und in einem Abstimmungsgespräch gemeinsam Schwerpunkte der Begutachtung festgelegt werden, begleitet ein sogenanntes „QA-Team“ – meist zwei Personen – über mehrere Tage den Unterricht, befragt Schüler, Eltern, Lehrer und Schulleitung. Am Ende steht ein umfangreicher Bericht, den die Schule veröffentlichen kann, aber nicht muss.

„Die Qualitätsprüfer kennen die schule von innen“

Wer sind die Prüfer? „Die Qualitätsprüferinnen und -prüfer waren lange Zeit in der Schule tätig, kennen die Schule also von innen. Sie arbeiteten bisher in der Schulleitung, der Schulformaufsicht oder den Studienseminaren. Mit dem Wechsel in die neue Aufgabe sind die Qualitätsprüferinnen und -prüfer Teil der Schulaufsicht und als solcher für die Qualitätsanalyse zuständig. Zunächst werden sie für diese neue Aufgabe qualifiziert. Dann bereiten sie Schulbesuche vor und führen sie durch, dokumentieren die Ergebnisse“, so erklärt das Schulministerium.

Gleichwohl sehen die Kollegien die Arbeit der QA-Teams oftmals kritisch. „Seit Jahren wird QA an den Schulen durchgeführt. Lehrkräfte und Schulleitungen arbeiten an der Qualitätsverbesserung in den Bereichen, in denen sie laut Qualitätsbericht  ihre Arbeit verbessern sollen. Zur Unterstützung erhalten sie Angebote für Fortbildungen und Beratung durch die Schulaufsicht. Das ist vielen Schulen zu wenig. Sie vermissen eine echte Unterstützung im Entwicklungsprozess“, so berichtet die GEW. „Zwar sehen die Lehrkräfte  (…)  ihre Arbeit durch das QA-Team meist richtig dargestellt, akzeptieren die festgestellten Entwicklungsbedarfe und glauben, dass die QA wichtige Impulse für die Weiterentwicklung gegeben hat.“ Allerdings: Viele Schulen sähen „ein Missverhältnis zwischen Zeitaufwand und Ertrag“ der Qualitätsanalyse. „Die Arbeit in Steuergruppen und Konferenzen ist eine hohe Belastung, die den zeitlichen Rahmen ihrer wöchentlichen Arbeitszeit und insbesondere die qualitative Belastungsgrenze sprengt. Fortbildungen, die fast ausschließlich nach Unterrichtsschluss und am Wochenende stattfinden sollen, binden Zeit und Kraft, die für das Kerngeschäft im Unterrichtsalltag fehlen.“

„An der Unterrichtspraxis und an der schulischen Realität vorbei“

Noch strenger geht der Verband „lehrer nrw“ mit der QA ins Gericht. „Qualitätsanalyse ist ein wichtiges und sinnvolles Instrument. So, wie sie aber von der Landesregierung praktiziert wird, geht sie an der Unterrichtspraxis und an der schulischen Realität vorbei“, erklärte Verbandsvorsitzende Brigitte Balbach in einer Landtagsanhörung zum Thema (News4teachers berichtete). „In der Regel kommen die Qualitätsprüfer der Bezirksregierungen für eine 20-minütige Stippvisite in den Unterricht, haken ihren Kriterienkatalog ab und besuchen dann die nächste Unterrichtsstunde. Das wirft bestenfalls ein Schlaglicht auf das Unterrichtsgeschehen und begünstigt inszenierte Vorführstunden, in denen gezeigt wird, was der Prüfer sehen will.“

Erschwerend komme hinzu, dass die Qualitätsanalyse für die Schulen mit enormem bürokratischem Aufwand verbunden sei. Schulleiter hätten berichtet, dass sie drei bis vier A4-Ordner Datenmaterial für die Qualitätsanalyse zusammenstellen mussten – vom Schulprogramm bis hin zu Konzepten für Sprachförderung, Leistungsbewertung, individuelle Förderung oder Vertretungsunterricht.

Liegt die Qualitätsanalyse erst einmal auf Eis – ist sie faktisch tot

Die Regierungspräsidenten beurteilen das Verfahren, nicht überraschend, deutlich anders. Ein Aussetzen der QA würde bedeuten, „dass wir damit von unserem Qualitätsanspruch abweichen würden“, so meinen sie. Angesichts der jüngsten PISA-Ergebnisse könne es nicht im Interesse des Schulministeriums liegen, jene Arbeiten einzustellen, die Grundlage für mehr Qualität des Unterrichts seien. Und: Es sei höchst unwahrscheinlich, dass die QA – wenn sie einmal auf Eis liege – wieder angeschoben werden könne. „Vielmehr fürchten wir, dass ein Aussetzen der Qualitätsanalyse den Einstieg in den Ausstieg bedeuten könnte.“

Was sagt das Schulministerium dazu? Soll die Qualitätsanalyse nun tatsächlich pausieren, die die Regierungspräsidenten gehört haben wollen? Das Ministerium hält sich bedeckt. „Mit dem wichtigen Ziel der Sicherung und Weiterentwicklung von Qualität in Schule und Unterricht und der hierzu im Einsatz kommenden Instrumente sind wir regelmäßig auch mit den Bezirksregierungen im Austausch, allerdings ohne jeden Streit“, so antwortet es auf eine Anfrage der „Rheinischen Post“ hin. Keine Antwort ist auch eine Antwort. News4teachers

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Zur Diskussion: Gegen “blinde Flecken” – Warum wir Schulstatistik, Vergleichsarbeiten und zentrale Prüfungen brauchen

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