Studie: Stress bei Müttern fördert Übergewicht ihrer Kinder

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BERLIN/LEIPZIG. Wer Übergewicht bei Kindern verhindern will, muss möglicherweise die Mütter entlasten. Wissenschaftler aus Berlin, Leipzig und Bristol haben anhand einer Langzeitstudie mütterlichen Stress im ersten Lebensjahr ihres Kindes als einen erheblichen Risikofaktor dafür identifiziert, dass die Kinder frühzeitig und dauerhaft Übergewicht entwickeln.

Immer mehr Menschen in Deutschland sind übergewichtig, vor allem auch Kinder. Jedes zehnte Kind ist mittlerweile übergewichtig, jedes zwanzigste sogar fettleibig. Die Ursachen sind vielfältig und abgesehen von hochkalorischer Ernährung und zu wenig Bewegung ebenso umstritten, wie Rezepte, mit denen die Gesellschaft dem Übergewicht entgegentreten sollte. Wissenschaftler aus Berlin und Leipzig haben im Rahmen der vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) koordinierten Mutter-Kind-Studie LiNA nun einen bislang wenig untersuchten Zusammenhang aufgeklärt.

Mütterlicher Stress wirkt sich auf das Gewicht ihrer Kinder aus. Foto: reksik 004 / Pixabay (P.L.)

Der empfundene Stress der Mutter im ersten Lebensjahr des Kindes begünstigt demnach Übergewicht im Kleinkindalter. Mütterlicher Stress wirke sich vor allem auf die Gewichtsentwicklung von Mädchen aus und führe zu einer langfristigen Prägung, schreiben Forscher des UFZ, der Universität Bristol und des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung in einer gemeinsamen Studie. Dabei werteten die Forscher um Irina Lehmann und Saskia Trump Daten von 498 Mutter-Kind-Paaren aus.

Aus den Angaben zu Größe und Gewicht ermittelten die Forsche den Body Mass Index (BMI) der Kinder und normierten ihn auf Alter und Geschlecht. Den empfundenen Stress der Mütter während der Schwangerschaft und während der ersten beiden Lebensjahre der Kinder erhoben sie mithilfe validierter Fragebögen, der die Themen Sorgen und Ängste, Anspannung, allgemeine Zufriedenheit sowie den Umgang mit täglichen Anforderungen umfasste. Die Daten setzten die Forscher dann mit der Entwicklung des BMI der Kinder bis zu ihrem fünften Lebensjahr ins Verhältnis.

Wir haben dabei deutlich gesehen, dass der empfundene Stress der Mutter während des ersten Lebensjahres des Kindes mit der Gewichtsentwicklung des Kindes in den ersten fünf Lebensjahren zusammenhängt“, sagt Irina Lehmann, die gemeinsam mit Saskia Trump die Untersuchung konzipiert und geleitet hat. „Gestresste Mütter haben häufiger übergewichtige Kinder als entspannte Mütter.“ „Besonders auffällig ist der Einfluss von mütterlichem Stress auf Mädchen“, ergänzt Saskia Trump. Es gebe Studien, die zeigen, dass solche psychologischen Faktoren wie das Stressempfinden der Mutter von Jungen möglicherweise weniger intensiv wahrgenommen oder besser kompensiert würden.

Keinen Einfluss auf das Gewicht der Kinder hatte mütterlicher Stress während der Schwangerschaft oder während des zweiten Lebensjahrs der Kinder. „Das erste Lebensjahr scheint eine sensible Phase und für die Neigung zu Übergewicht prägend zu sein“, sagt Kristin Junge, eine der beiden Erstautorinnen der Studie. „In dieser Zeit sollte dem Befinden der Mutter daher besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden“, ergänzt die UFZ-Wissenschaftlerin.

Um den Ursachen für mütterlichen Stress auf den Grund zu gehen, haben die Forscher weitere Daten der Mutter-Kind-Befragungen untersucht und nach möglichen Einflussfaktoren wie Haushaltseinkommen, Bildungsstatus sowie Qualität des Lebensumfeldes gefahndet. Dabei entdeckten sie, dass die gestressten Mütter häufiger als nicht-gestresste Mütter in einem einfachen Wohnumfeld lebten, häufiger Lärm und Straßenverkehr ausgesetzt waren und im Durchschnitt über ein niedrigeres Haushaltseinkommen verfügten.

Mütterlicher Stress, verursacht durch schwierige Lebensbedingungen oder ein ungünstiges Wohnumfeld, kann bei Kindern langfristig zu Übergewicht führen. „Der von Müttern empfundene Stress sollte ernstgenommen werden“, sagt Kristin Junge. Hebammen, Frauen-, Kinder- und Hausärzte sollten nach Meinung der Wissenschaftler mindestens bei der Untersuchung der Kinder im ersten Lebensjahr immer auch einen Blick auf die Mütter werfen und sie bei Anzeichen für Stress auf ihre Situation ansprechen. Es gebe bereits viele gute Hilfsangebote für junge Mütter, viele wüssten aber nichts davon. „Wenn man hier ansetzt, könnte man den Müttern helfen und damit womöglich ihren Kindern späteres Übergewicht ersparen“, so Saskia Trump.

In zukünftigen Forschungsarbeiten will das Team nun untersuchen, ob die Auswirkungen mütterlichen Stressempfindens auch über das fünfte Lebensjahr der Kinder hinausgehen, welche weiteren Risikofaktoren die kindliche Gewichtsentwicklung prägen können und welche Mechanismen an der lang anhaltenden Fehlsteuerung des Stoffwechsels beteiligt sind. (zab, pm)

• Die Studie ist im Fachmagazin BMC Public Health erschienen.

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