Neue medizinische Leitlinie sieht gesellschaftlichen Lebensstil als Ursache für Adipositas bei Kindern

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ULM. Immer mehr Jugendliche sind von krankhaftem Übergewicht betroffen. Eine medizinische Leitlinie macht nun auch offiziell die „adipogenen“ Lebensbedingungen in der Gesellschaft verantwortlich. Maßnahmen sollten nach Ansicht der beteiligten Wissenschaftler zukünftig verstärkt an den Lebensbedingungen der Betroffenen ansetzen, anstatt wie bisher am Verhalten.

(Medizinische) „Leitlinien sind systematisch entwickelte Handlungsempfehlungen, die Ärzte und Patienten bei der Entscheidungsfindung über die angemessene Behandlung einer Krankheit unterstützen. Als wichtiges Instrument der evidenzbasierten Medizin geben sie den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der in der Praxis bewährten Verfahren wieder.“

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Wissenschaftler fordern, im Kampf gegen die Pfunde vermehrt auf verhältnispräventive anstatt auf verhaltenspräventive Maßnahmen zu setzen Foto: TheOtherKev / Pixabay (P.L.)

Auch wenn sie rechtlich nicht bindend sind, zeigt die oben zitierte Formulierung von der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums ziemlich deutlich die hohe Bedeutung evidenzbasierter Leitlinien für die medizinische Behandlung von Krankheiten in Deutschland. Bereits seit knapp 20 Jahren sind sie ins Sozialgesetzbuch eingeführt.

40 Experten aus 16 medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Berufsverbänden haben nun eine neue Leitlinie „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ erarbeitet. Ein zentraler Befund kommt geradezu revolutionär daher: Die Ursache für Adipositas finden sich demnach vor allem im Lebensstil unserer Gesellschaft. Weder übergewichtigen Kindern und Jugendlichen selbst noch ihren Eltern könne die Schuld an einer Adipositas gegeben werden. Vielmehr führen die sogenannten „adipogenen“ Lebensbedingungen in Konsum- und Wohlstandsgesellschaften zu einem Anstieg an extremem Übergewicht junger Menschen. Egal ob Säuglinge, Kleinkinder oder Jugendliche – die Zahl der Minderjährigen, die von Übergewicht betroffen sind, hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen.

„Adipositas bei Kindern und Jugendlichen ist das Ergebnis des Lebensstils unserer Gesellschaft und entwickelt sich auf der Basis einer biologischen Anlage“, erklärt der Ulmer Endokrinologe Martin Wabitsch, der federführend an der Leitlinie mitgearbeitet hat. Beides sei durch das Individuum nur begrenzt beeinflussbar. Um Übergewicht in dieser Altersgruppe in Zukunft zu verhindern, müssten „Gesellschaft und Politik sich dafür einsetzen, den aktuellen Lebensstil zu ändern. Eine wichtige Maßnahme wäre beispielsweise, den Zuckergehalt in unseren Lebensmitteln – vor allem in Getränken – zu reduzieren,“ so Wabitsch. Die derzeitigen Maßnahmen gegen Adipositas seien unzureichend und teilweise unpassend, da sie in erster Linie am Verhalten der Betroffenen und nicht an deren Lebensbedingungen ansetzten.

Statt auf verhaltenspräventive, wollen die Wissenschaftler vermehrt auf verhältnispräventive Maßnahmen setzen. So fordern die Leitlinienersteller neben tiefgreifenden Änderungen auf Bevölkerungsebene etwa eine Ausweitung des ambulanten Therapieangebots. Dabei sollten Bewegungs-, Ernährungs- und Verhaltenstherapien kombiniert werden. „Wir empfehlen, junge Patientinnen und Patienten gemeinsam mit ihren Familien ambulant in ihrem gewohnten Umfeld zu betreuen“, formuliert Martin Wabitsch.

„Hierfür ist es aber notwendig, mehr Therapieplätze und Schulungsangebote zu schaffen, die bisher leider fehlen. Um mehr Angebote zu schaffen, sind wir vor allem auf die Unterstützung der Krankenkassen angewiesen.“ Besonders die Schulung von Kindern im Grundschulalter zeige positive Effekte. Für ältere Jugendliche, die unter extremer Adipositas leiden, müssten laut der Leitlinie jedoch neue Therapiekonzepte geschaffen werden, da bei ihnen die Erfolgsrate deutlich niedriger liege.

Eine entscheidende Rolle bei der Früherkennung und Behandlung von Übergewicht in jungen Jahren sprechen die Wissenschaftler außerdem Haus- und Kinderärzten zu. Deshalb sollte das Thema schon in der Ausbildung angehender Ärzte einen hohen Stellenwert einnehmen.

„Ziel unserer Leitlinie ist es nicht nur, das Bewusstsein für das Gesundheitsproblem Adipositas zu stärken. Wir wollen auch eine orientierende Hilfe für alle im Gesundheitswesen und der Gesundheitspolitik Tätigen geben und Informationen zur Therapie und Prävention der Adipositas bereitstellen“, betont Wabitsch. (zab, pm)

• Der Text der Leitlinie Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter ist online im Angebot der AWMF erhältlich.

Anteil übergewichtiger Kinder ist stark gestiegen – um mehr als 30 Prozent

 

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