Nach antisemitischen Posts: Schulleiterin zeigt Abiturienten wegen Volksverhetzung an

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MANNHEIM. Antisemitismus stellt Schulen vor große Herausforderungen. Ein aktueller Fall: Abiturienten eines Mannheimer Gymnasiums fallen mit rechtsradikalen Sprüchen und Posts auf. Die Schulleitung geht das Problem offensiv an – und bekommt Lob dafür.

„Du Jude“ ist heute wieder ein Schimpfwort in vielen Schulen. Foto: Shutterstock

Judenfeindliche Chats angehender Abiturienten an einem Mannheimer Gymnasium sorgen in diesen Tagen für Schlagzeilen. Einer Lehrkraft waren während der Abschlussfahrt die volksverhetzenden Inhalte in einer Chatgruppe aufgefallen. Laut „Rhein-Neckar-Zeitung“ hatten mitreisende Schüler Bilder und Kennzeichen mit gewaltverherrlichenden, verfassungsfeindlichen, antisemitischen, rassistischen und menschenverachtenden Inhalten in einzelnen WhatsApp-Gruppen geteilt. Auch sollen Symbole verbotener Organisationen genutzt und gezeigt worden sein. Darüber hinaus sei es vereinzelt zu nicht hinnehmbaren Äußerungen seitens mancher Abiturienten gekommen. Die Lehrkraft gab die Informationen an die Rektorin weiter, die die Vorfälle dem Kultusministerium meldete.

Schulleitung schrieb einen Elternbrief

Das war nicht die einzige Reaktion der Schulleitung des kirchlichen Gymnasiums, das von der Evangelischen Landeskirche in Baden getragen wird. Sie erstattete überdies Anzeige unter anderem wegen Volksverhetzung und der Verbreitung verfassungsfeindlicher Bilder und Kennzeichen – und schrieb einen Elternbrief, in dem sie ihr Entsetzen über das Geschehen Ausdruck verlieh. Schließlich lege die Schule inner- und außerhalb des Unterrichts besonders viel Wert darauf, einen wertschätzenden, würdigen und friedlichen Umgang der Menschen miteinander zu vermitteln, hieß es in dem Schreiben.

Zudem hat das Gymnasium laut Bericht in Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat für kommende Woche ein „Pädagogisches Forum“ für Schüler ab Klasse zehn organisiert. Dabei wird der auf Rechtsextremismus spezialisierte Präventionsfachmann Wolfgang Reich vom Mannheimer Polizeipräsidium zum Thema Radikalisierung sprechen. Unbekannt ist die Zahl der beteiligten Schüler, unter denen offenbar auch Mädchen waren. Die Polizei gab keine Details zum laufenden Verfahren bekannt.

Problem greift um sich – „an allen Schularten“

Der aktuelle Fall ist aus Sicht des Antisemitismusbeauftragten der baden-württembergischen Landesregierung, Michael Blume, nur die Spitze des Eisbergs. «Das ist ein Problem, das um sich greift, und zwar an allen Schularten von der Hauptschule bis zum Gymnasium», sagte Blume am Montag in Stuttgart. Beim Kultusministerium sind seit April 2018 insgesamt 62 solcher Fälle gemeldet worden. «Aber die Dunkelziffer ist riesengroß.» Das Beispiel der Mannheimer Oberstufenschüler sei bedrückend, aber nicht überraschend. «Digitale Verrohung» gebe es auch in gutbürgerlichem Milieu.

Die Zahl der gemeldeten Vorfälle wird nach Blumes Prognose noch stark ansteigen. Die seit April 2018 geltende Meldepflicht für antisemitische Vorfälle helfe den Rektoren enorm, weil diese den Vorwurf entkräfte, die Schulleiter schwärzten ihre eigene Schule an. «Dabei ist es genau umgekehrt: Wer solche Entgleisungen vertuscht und nicht rechtzeitig gegensteuert, gefährdet die Zukunft der Jugendlichen.»

Die scheinbare Anonymität des Internets erleichtere es jungen Menschen, sich zu radikalisieren, sich gegenseitig mit judenfeindlichen und rassistischen Witzen zu übertrumpfen und schließlich die Grenze zur Strafbarkeit zu überschreiten. Blume: «Sie vergessen dabei ganz, dass WhatsApp eine Teilöffentlichkeit darstellt und Folgen im realen Leben haben kann.» Die jungen Menschen hätten jetzt die Chance, dies zu erkennen. Geschehe dies erst im Erwachsenenalter, habe das weit schlimmere Folgen.

„Holocaust-Pädagogik ist nicht mehr zeitgemäß“

Blume hat nach eigenen Angaben die betroffene Schule Anfang des Jahres besucht. Er lobte die Transparenz, mit der die Schulleitung den Vorfall behandelte. «Viele Lehrer sagen mir, wenn ich jede Entgleisung melden würde, könnte ich kaum etwas anderes tun. »

Probleme bereite den Pädagogen der adäquate Umgang mit Antisemitismus im Unterricht. «Die auf Mitleid und Schuldgefühl basierende Holocaust-Pädagogik ist nicht mehr zeitgemäß, und es fehlt an geeigneten Materialien, die den Fokus auf ein künftiges friedliches Zusammenleben legen, und auch Möglichkeiten für Begegnungen.» Der Beratung- und Fortbildungsbedarf der Lehrer sei enorm. Das Kultusministerium hat eine Handreichung «Umgang mit Antisemitismus an Schulen» entwickelt, die fachdidaktische und pädagogische Grundlagen sowie konkrete Unterrichtsvorschläge enthält. News4teachers / mit Material der dpa

Hier lässt sich die Handreichung für Lehrer und Schulleitungen herunterladen.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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3 KOMMENTARE

  1. Gut, wenn in solchen Fällen judenfeindlicher Texte in asozialen Medien scharf reagiert wird! Das Ganze ist nach meiner Beobachtung auch eine Ausformung der allgemeinen Tendenz, sich rücksichts- und empathielos über Andersdenkende zu äußern und gar nicht über Bedeutung und Auswirkung der eigenen Sprache nachzudenken. Das geht quer durch alle politischen oder unpolitischen Gruppen. So bezeichnete es letzte Woche ein Schüler als „asozial“, als ich einen Text über eine erteilte Hausaufgabe schrieb. Angeheizt und vorgeführt wird es auch durch die medial präsenten „Comedy“- und „Satire“-Macher.

  2. Endlich mal ein Schulleiter, der in so einem Fall das einzig richtige macht. Mit Worten kommt der Lehrer/die Schule hier eh nicht weiter. Grenzüberschreitende Schüler müssten generell häufiger angezeigt werden und auch vor den Jugendrichter – häufiger gibt es dann aber doch nur die X. „Konferenz“, bei dem Schülervertreter den Schüler in Schutz nehmen, wirksame Maßnahmen heruntergekocht werden und letztlich dem Lehrer nur noch selbst der Gang zur Polizei bliebe – nur eben ohne Unterstützung der Schulleitung, weil es gab ja eine Konferenz. Dass grobes Fehl-Verhalten auf mehreren Ebenen bestraft werden kann, scheint vielen ein neuer Fakt zu sein.

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