Wieso Kitas recht haben, wenn sie mit Karnevalskostümen sensibel umgehen

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CAPPELN. Immer öfter machen Kitas, die keinen Karneval feiern möchten, Schlagzeilen. „Karneval-Eklat: Kita schafft Fasching ab – Verkleidungsverbot für Kinder“, so lautet aktuell eine Schlagzeile des „Merkur“. In den sozialen Medien wütet ein Mob, der deshalb das Ende des Abendlands mal wieder heraufziehen sieht. Dabei gibt es gute Gründe, warum Erzieherinnen und Erzieher durchaus sensibel mit Verkleidungsfeiern sein sollten. Aus pädagogischer Sicht spricht vor allem die Angst vieler jüngerer Kinder gegen das Fest.

Nicht alle Kinder mögen Karneval. Foto: Shutterstock

Kostüme sind erlaubt, aber eine große Feier gibt es nicht: Aus Rücksicht auf kleine Kinder im Alter bis zu drei Jahren verzichtet der katholische Kindergarten St. Marien im oldenburgischen Cappeln-Sevelten auf eine Karnevalsfeier. Die Kinder dürften zwar verkleidet kommen, sollten sich aber nicht schminken.

An Rosenmontag gebe es einen ganz normalen Kindergartenvormittag, sagt Leiterin Rita Latin. Kinder bis etwa drei Jahre kämen nicht damit zurecht, dass vertraute Personen auf einmal anders aussehen. «Wir haben schon in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass die Kinder bei den Karnevalsfeiern völlig überfordert sind und den ganzen Tag über bei den Erzieherinnen sind», sagte Latin.

Kinder im Krippenalter sind tief verunsichert

Die Entscheidung, komplett auf eine Karnevalsfeier zu verzichten, fiel nach einer Fortbildung, die der Psychologe Malte Mienert gehalten hatte. «Der Punkt ist nicht, dass sich Kinder nicht gern verkleiden, sondern dass sie andere nicht mehr wiedererkennen», erklärte der Experte für Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie. Kinder im Krippenalter verspürten in dieser Situation eine tiefe Verunsicherung, etwa vergleichbar mit der, die sie spüren, wenn sie einer Gruppe von Fremden gegenüberstehen.

Diskussionen über den Sinn von Karnevalsfeiern kommen in Kindertagesstätten häufig vor, sagte Cornelia Kröger, Landesvorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft Niedersachsen. Kinder bräuchten keinen Karneval für ihre Entwicklung. Aber in Regionen, in denen Karneval oder Fasching zur Tradition gehöre, machten sich die Erzieherinnen natürlich Gedanken darüber, ob und in welcher Form eine Feier Sinn macht. Dabei werde auch mit den Eltern gesprochen, um Rücksicht zu nehmen auf die jüngeren Kinder. «Generelles Ablehnen, nein, generelles Überlegen, ja, weil die Einrichtungen auch Kind- und situationsorientiert arbeiten sollen und müssen.»

«Dass junge Kinder mitunter Angst haben, wenn Leute verkleidet sind oder sehr fremd aussehen, und sie die vertrauten Personen nicht erkennen, das ist absolut nachvollziehbar», sagte auch Bettina Lamm, Geschäftsführerin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung in Osnabrück. Die Freude am Verkleiden und am Rollenspiel erfordere bestimmte sozial-kognitive Voraussetzungen, die bei den ganz jungen Kindern noch nicht gegeben seien.

Kinder sollten die Chance haben, sich zurückzuziehen – auch ältere

Einen generellen Verzicht auf Karneval in Kindertagesstätten finde sie aber auch schwierig, setzt Lamm hinzu. «Die Älteren haben schon Spaß daran, und für die ist es auch ein wichtiges Thema.» Karneval gehöre zur Kultur dazu.

Entwicklungspsychologe Mienert hingegen riet grundsätzlich, auf Karneval in Kinderkrippen zu verzichten. «Die Erwachsenen können ja feiern wie sie möchten», sagte er. «Die Kinder befinden sich aber in einer Situation, die sie sich nicht ausgesucht haben, deswegen finde ich da ein besonders sensibles Vorgehen sehr wichtig.» Eine Kindertagesstätte müsse sich nicht am Wohl der Erwachsenen orientieren, sondern am Wohl der Kinder. Karnevalsfeiern mit Kindern ab vier Jahren seien in Ordnung – wenn auch sie die Möglichkeit hätten, sich zurückzuziehen. dpa

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Wie „Bild“ und Söder gegen eine Kita hetzen, die vorurteilsfrei Karneval gefeiert hat

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10 KOMMENTARE

  1. Aus dem Artikel lese ich, dass Kinder unter 3-4 Jahren in einer KiTa nichts verloren haben. Es ist also Aufgabe der Politik, wieder die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass das möglich wird.

    • Steile These. Gibt es denn eine Karnvalspflicht in Deutschland? Wäre mir neu.

      Sie fordern zudem, „wieder die Rahmenbedingungen zu schaffen…“ Die einzigen Rahmenbedingungen, die es diesbezüglich gab, waren ein hoher moralischer Druck auf Frauen, gefälligst nicht arbeiten zu gehen, eine schlechte Berufsausbildung von Frauen sowie der Erlaubnisvorbehalt, mit dem Männer ihren Frauen bis 1977 in Deutschland per Gesetz die Erwerbstätigkeit verbieten konnten.

      Ist es das, wofür die Politik Ihrer Meinung nach „wieder“ sorgen soll?

      • Nein, mein Wunsch ist, dass die unterlassenen Lohnerhöhungen der vergangenen 30 Jahre nachgeholt werden. Ob Frauen oder Männer zuhause bleiben, ist mir reichlich egal.

        • Welche unterlassenen Lohnerhöhungen? Dass Löhne und Gehälter in Deutschland eine Sache der Tarifparteien sind, nicht der „Politik“, das wissen Sie, oder?

          • Gewerkschaften betreiben mittlerweile deutliche Politik. Das Beispiel GEW lässt grüßen. Außerdem feiern die sich seit Jahren für Abschlüsse, die kaum die Inflation ausgleichen. Die Leiharbeit, Zeitarbeit usw. kommt noch erschwerend dazu. Um den Zuwachs an Produktivität seit 2000 auszugleichen (und ein anständiges Abstandsgebot zu den Hilfeempfängern herzustellen), bräuchte man von jetzt auf gleich einen Zuwachs von 20%. Bezogen auf 1990, als Deutschland noch ein echtes Hochlohnland war, sicherlich nochmal deutlich mehr.

            https://makroskop.eu/2017/05/die-anstalt-faktencheck-zum-thema-loehne/

    • Wenn Karneval bzw. das Verkleiden wirklich das große Problem ist, dann müssten in Köln, Mainz, Düsseldorf usw. unfassbar viele psychische Wracks herumlaufen. Für mich ist das ein weiterer Versuch, einheimische Traditionen auszuhebeln. Das schreibe ich hier als überzeugter Karnevalsflüchtling aus einer Karnevalshochburg.

      • Mal wieder das typische AfD-Geschwurbel – natürlich gibt’s eine große Verschwörung, „teutsche Tratitionen“ auszuhebeln, natürlich nehmen Sie für sich in Anspruch, was Kinder in Ihren Augen nicht dürfen, vor Karneval auszuweichen nämlich. Was früher war, ist immer gut. Veränderung ist gefährlich.

        Dass Erzieherinnen und Erzieher schlicht ihre Aufgabe verantwortlich wahrnehmen und auf die veränderten Bedürfnisse einer neuen, heterogeneren Klientel (= kleinere Kinder) eingehen (müssen), kommt Ihnen nicht in den Sinn. Wie auch? In Ihren Posts ist ja auch immer nur von Ihren Befindlichkeiten die Rede, nie von denen Ihrer Schüler.

          • Klar, ob zwei oder sechs Jahre alt – macht praktisch keinen Unterschied. Es sei denn, die Eltern sind Muslime. Dann schwingt der Dreijährige natürlich gerne den Krummsäbel (außer im Karneval). Mannomann… Sie sind ein echter Pädagogikexperte.

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