Website-Icon News4teachers

Fußen Schulöffnungen auf falschen Studien? Drosten: Schwedische Untersuchung weist bei jungen Menschen sogar häufiger Corona-Infektionen nach

Anzeige

BERLIN. Die Schulöffnungen – insbesondere der Verzicht auf die Abstandsregel im Unterricht – werden von Politikern seit einigen Wochen damit begründet, dass Kinder sich seltener mit dem Coronavirus anstecken und es auch weniger oft weitertragen. Tatsächlich gibt es einige Studien, die diesen Schluss nahelegen. Zweifel daran gibt es allerdings schon länger. Vor allem Deutschlands renommiertester Virologe, Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité, warnte vor zu schnellen Schritten. Jetzt berichtet er von einer schwedischen Studie, die das Bild nachhaltig verändern könnte.

In schwedischen Schulen sei in den vergangenen Monaten beobachtet worden, so berichtet der Virologe Christian Drosten, dass viele Schüler “mit einer Art Schnupfenkrankheit” zu kämpfen hatten – das könnte einen besonderen Grund haben. Foto: Shutterstock

Kaum eine Lockerung der Hygienevorschriften in Schulen, die in diesen Tagen von vielen Bundesländern angekündigt oder bereits vollzogen werden, kommt ohne Verweis auf vermeintliche wissenschaftliche Erkenntnisse aus – quer durch alle Parteien. Zu der Entscheidung, die Grundschulen zwei Wochen vor den Sommerferien ohne 1,50-Meter-Abstandsgebot wieder zu öffnen, habe auch die Einschätzung von Gesundheitsexperten beigetragen, dass sich Kinder deutlich seltener mit dem Virus infizierten als Erwachsene, erklärte beispielsweise Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) vergangene Woche.

„Die Wissenschaftler haben überzeugend deutlich gemacht, dass insbesondere Kinder von der Pandemie kaum betroffen sind und es an der Zeit ist, die Schulen für Kinder wieder zu öffnen. Nach diesem Gespräch bin ich sehr sicher, dass Hamburg nach den Ferien an allen Grundschulen zum Regelunterricht zurückkehren wird“, sagte Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) am vergangenen Freitag nach einer Videokonferenz der SPD-Kultusminister mit Vertretern von Ärzteverbänden, die seit Wochen für schnelle und weitgehende Schulöffnungen trommeln. Sie verwiesen auf einige Studien, die allerdings aufgrund von niedrigen Fallzahlen kritisiert worden waren – und womöglich ein falsches Bild zeichneten.

Anzeige

Kretschmann: Schulen sind nicht Treiber des Infektionsgeschehens

Kinder spielten nur eine untergeordnete Rolle bei der Übertragung des Coronavirus, behautete gleichwohl auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) Sie würden anscheinend nicht nur seltener krank, sondern seien wohl auch seltener infiziert als Erwachsene. Es könne zumindest schon mal ausgeschlossen werden, dass Kinder besondere Treiber des aktuellen Infektionsgeschehens seien. Kretschmann begründete damit, dass auch Baden-Württemberg seine Kitas und Grundschulen ab Ende Juni weit öffnet – ohne die bundesweit ansonsten in der Öffentlichkeit geltende Regel, dass Menschen einen Abstand von mindestens 1,5 Metern zueinander halten sollen.

Kretschmann verwies auf eine Studie, die er selbst in Auftrag gegeben hatte. Die vier Universitätskliniken in Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm hatten 5000 Menschen getestet, die keine Symptome aufwiesen. Sie wurden auf das Virus und auf Antikörper untersucht, darunter 2500 Kinder unter zehn Jahren und je ein Elternteil. Ergebnisse: Im Untersuchungszeitraum von 22. April bis 15. Mai war aktuell nur ein Elternteil-Kind-Paar infiziert. 64 Getestete hatten Antikörper gebildet und weitgehend unbemerkt eine Corona-Infektion durchlaufen, was einer Häufigkeit von 1,3 Prozent entspricht. Darunter befanden sich 45 Erwachsene und 19 Kinder. Aus der geringeren Zahl von betroffenen Kindern  schlussfolgerten die Mediziner, dass sie sich nicht so häufig mit dem Coronavirus infizieren wie ihre Eltern.

Allerdings: Die Schulen waren zum Zeitpunkt der Untersuchung schon wochenlang geschlossen. Sind womöglich die Schulschließungen der Grund dafür, dass weniger Kinder betroffen waren? Eine Frage, die für Klarheit hätte sorgen können, blieb unbeantwortet: Man habe nicht untersucht, ob Kinder besonders infektiös sind, hieß es seitens der Mediziner. Man könne bei den positiv getesteten Eltern-Kind-Paaren deshalb auch keine grundsätzliche Aussage darüber treffen, wer wen angesteckt hatte.

Drostens Warnungen blieben ungehört – das könnte sich rächen

Dass Deutschlands renommiertester Virologe, Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité, nach einer eigenen Untersuchung zu dem Ergebnis gekommen ist, dass Kinder genauso infektiös – also virenbelastet und womöglich auch ansteckend – sein könnten wie Erwachsene und deshalb vor unvorsichtigen Schulöffnungen warnte (News4teachers berichtete ausführlich), blieb in den Begründungen der Politiker unerwähnt. Das könnte sich jetzt rächen. Denn Drosten legt aktuell nach und verweist in seinem heute erschienenen NDR-Podcast auf eine aktuelle Untersuchung aus Schweden, die die These von den angeblich unproblematischen Schulöffnungen deutlich in Zweifel zieht.

Weil Schweden weitgehend auf Schulschließung verzichtete, sei das Ergebnis dieser Untersuchung „viel besser als alles, was wir bisher aus anderen Ländern haben“, erklärt Drosten. Das Coronavirus konnte sich in Schweden weitgehend ungehindert in der Bevölkerung ausbreiten. Das Ergebnis der Studie „spricht Bände“, sagt Drosten. Die aufgezeigte Seroprävalenz – gemeint ist der Nachweis auf Antikörper im Blut, die auf eine durchgemachte oder bestehende Corona-Infektion hindeuten – liege mit 7,5 Prozent bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen null und 19 Jahren sogar ein Prozentpunkt höher als bei den getesteten Erwachsenen.

“Wir müssen Schulen öffnen – aber sehenden Auges”

Heißt also: Junge Menschen sind vermutlich sogar stärker von Corona-Infektionen betroffen als ältere. Die Schulöffnungen bergen damit ein großes Risiko, das Infektionsgeschehen insgesamt wieder anzuheizen. „Ich sehe keinen Grund, warum das in Deutschland anders sein sollte“, mahnt Drosten. Für ihn bedeuten diese Ergebnisse zwar nicht, dass die Schulen in Deutschland weiter geschlossen bleiben sollten. Aber: „Wir müssen die Schulen öffnen – sehenden Auges.“ Die Öffnung müsse abgesichert werden, damit es nicht zu großen Ausbrüchen komme. News4teachers 

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Können Schulen vollständig öffnen, weil Kinder von Corona kaum betroffen sind? SPD-Kultusminister streiten über Abstandsregel

 

Anzeige
Die mobile Version verlassen