Eine Analyse von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek
BERLIN. Etliche der 16 Kultusminister, so scheint es, haben die Lust an der Bekämpfung des Coronavirus verloren. Die KMK jedenfalls hat unter Berufung auf das Recht der Schüler auf Bildung den Regelunterricht im kommenden Schuljahr zum Ziel erhoben. Dumm nur: Die Pandemie wird sich par ordre du mufti nicht stoppen lassen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Sollten sich die Schulen als Infektionstreiber erweisen, könnte das einen Schaden anrichten, der weit über ein weiteres verlorenes Schulhalbjahr hinausgeht. Dann droht Deutschland ein schlimmer Corona-Herbst.
„Keiner will, dass Blasmusik oder Singen in unseren Schulen keinen Platz kriegt“, erklärte Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) vergangene Woche im Stuttgarter Landtag. „Wir prüfen das sehr engmaschig.“
Echt jetzt? Bislang haben Wissenschaftler noch nicht mal eindeutig klären können, welche Rolle Schulen und Kitas überhaupt in der Corona-Pandemie spielen – und eine Politikerin, die für immerhin rund 3.500 Schulen und damit für den Gesundheitsschutz von 1,5 Millionen Schülern und Lehrern in ihrem Bundesland verantwortlich ist, meint mal eben herausbekommen zu können, ob und wie Blasmusik und Chorgesang in Schulgebäuden vielleicht für Ansteckungen sorgen? Und sie beschäftigt sogar ihr Ministerium „engmaschig“ mit diesem Problem?
Um bei der Akustik zu bleiben: Eisenmann, die auf Pauken und Trompeten setzt, hat offenbar den Schuss nicht gehört. Damit steht sie unter Deutschlands Bildungsministern allerdings nicht allein da. (Über den wissenschaftlichen Streit um die Frage, wie infektiös Kinder sind, hat News4teachers immer wieder groß berichtet – hier geht es zu einer aktuellen Zusammenfassung.)
“Viele junge und gesunde Menschen werden schwer krank”
Die schottische Regierungsberaterin Devi Sridhar, Professorin für globale Gesundheitsversorgung an der University of Edinburgh, führt in einem Interview mit dem „Spiegel“ noch einmal eindrucksvoll aus, worum es derzeit eigentlich gehen sollte: „Sars-CoV-2 ist kein harmloses Virus. Selbst viele junge und gesunde Menschen werden schwer krank und haben später chronische Gesundheitsprobleme. Wir müssen versuchen, so viele Infektionen wie möglich zu verhindern“, so sagt sie. Und weiter: „Es ist nicht der richtige Zeitpunkt für Glücksspiele, denn wir spielen mit dem Leben, der Gesundheit und den Lebensgrundlagen der Menschen.“
Sridhar lobt Deutschland für seinen bisherigen Kurs in der Pandemie, sagt aber auch: Es reiche nicht aus, die Zahl der Neuinfektionen auf wenige Hundert Fälle zu drücken. „Ich vergleiche das gern mit dem schwierigen Versuch, Milch auf dem Herd vor sich hin köcheln zu lassen. Meist geht das schief, denn die Milch kann jederzeit überkochen und eine riesige Sauerei verursachen. Genauso gefährlich ist es, die Virusinfektionen auf niedrigem Niveau köcheln lassen zu wollen.“ Genau das aber versuche Deutschland derzeit. „Deutschland hat sich bisher toll geschlagen, und wir haben viel von Deutschland gelernt. Aber jetzt ist mein Eindruck, dass auch sie nur versuchen, die Zahl der Fälle niedrig zu halten, statt sie auf null zu bekommen. Sie lassen die Milch köcheln.“ Sie betont: „Wir müssen das Virus aggressiv jagen, um es loszuwerden!“
Die Schulen spielen in der Strategie eine entscheidende Rolle
Dass dabei die Schulen eine entscheidende Rolle spielen, macht sie an anderer Stelle deutlich – in der es um den (im Gegensatz zu England) höchst erfolgreichen Corona-Kurs Schottlands geht. Der sieht so aus: „Man lässt die Lockdown-Maßnahmen so lange bestehen, bis die Fallzahlen extrem niedrig im einstelligen Bereich liegen; dann löst man den Lockdown vorsichtig Schritt für Schritt wieder auf, indem man viel testet, Kontaktpersonen aufspürt und isoliert und Gesichtsmasken in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln verpflichtend macht. Außerdem hat Schottland beschlossen, die Schulen erst nach den Sommerferien wieder zu öffnen. Inzwischen sind wir fast am Ziel.”
In Deutschland wurden, zumindest in einigen Bundesländern, die Schulen bereits vor den Sommerferien wieder weit geöffnet – ohne dass dies für den Lernerfolg viel gebracht hätte. In Nordrhein-Westfalen oder Hessen zum Beispiel wurden die Grundschulen gezwungen, ihre mühsam erarbeiteten Hygienekonzepte zwei Wochen vor den Sommerferien über Bord zu werfen und Präsenzunterricht für alle Kinder aus dem Boden zu stampfen, in dem dann gerne mal – wie nach Zeugniskonferenzen üblich – gemeinsam Filme geguckt wurden. Dass dieser Aktionismus auch in Sachen Corona-Bekämpfung keine Erkenntnisse bringen würde, war absehbar. Denn wenn es außerhalb der Schulen nur wenige Infektionen gibt, wird es innerhalb der Schulen nicht mehr davon geben. Kinder „erzeugen“ das Virus ja nicht. In dieser vertanen Zeit hätten die Kollegien sinnvoller das kommende Schuljahr vorbereiten können, einschließlich des absehbar weiterhin notwendigen Fernunterrichts.
Das KMK-Konzept sieht Ausbrüche an Schulen praktisch nicht vor
Relevant ist, was im Herbst passiert. Der SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Prof. Karl Lauterbach forderte unlängst: „Wir bräuchten eine nationale Schulstrategie. Denn bisher weiß ja niemand, was an den Schulen passieren wird, wenn wir dort Ausbrüche sehen.“ Ausbrüche? Im Konzept der Kultusministerkonferenz sind die praktisch nicht vorgesehen. „Zur Gewährleistung des Rechts auf Bildung von Kindern und Jugendlichen streben die Länder an, dass alle Schülerinnen und Schüler spätestens nach den Sommerferien wieder in einem regulären Schulbetrieb nach geltender Stundentafel in den Schulen vor Ort und in ihrem Klassenverband oder in einer festen Lerngruppe unterrichtet werden“, so heißt es im nach wie vor gültigen KMK-Beschluss vom 18. Juni.
Wohlgemerkt: Ziel ist der Regelunterricht – und nicht die Bekämpfung des Coronavirus. Nur so ist zu erklären, dass die außerhalb der Schule geltenden Hygienevorschriften, vor allem die Abstandsregel, innerhalb der Klassenzimmer nicht gelten sollen.
Wie wenig stringent gedacht wird, machen zwei aufeinanderfolgende Sätze im Hygiene-Rahmenplan deutlich, den die KMK vor knapp zwei Wochen vorgelegt hat. Darin heißt es wörtlich: „Beim Unterrichtsbetrieb im regulären Klassen- und Kursverband sowie im Ganztag kann auf die Einhaltung des Mindestabstands zwischen Schülerinnen und Schülern des Klassenverbands, den unterrichtenden Lehrkräften, dem Klassenverband zugeordneten Betreuungspersonal sowie dem weiteren Schulpersonal in allen Schularten und Jahrgangsstufenverzichtet werden. Wo immer dennoch möglich, sollte insbesondere bei Besprechungen, Konferenzen sowie schulbezogenen Veranstaltungen ein ausreichender Mindestabstand von 1,5 m eingehalten werden.“ Wo ist da die Logik? Vermag das Virus, zwischen Unterricht und Konferenz zu unterscheiden?
“Auf intensive Lüftung der Klassenzimmer ist zu achten”
Darüber hinaus heißt es in dem Hygieneplan: „Es ist auf eine intensive Lüftung der Räume zu achten. Mindestens alle 45 min ist eine Stoßlüftung bzw. Querlüftung durch vollständig geöffnete Fenster über mehrere Minuten vorzunehmen, wenn möglich auch öfter während des Unterrichts.“ Mal davon abgesehen, dass es immer noch etliche Klassenräume in Deutschland gibt, deren Fenster sich aus Sicherheitsgründen gar nicht öffnen lassen (wie erst gestern der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, angemerkt hatte) – einmal pro Unterrichtsstunde die Fenster aufzureißen, reicht vermutlich nicht aus, um die Virenbelastung der Luft zu beseitigen. Das „Konzept“, wenn man den banalen Hinweis so nennen will, ist veraltet.
Schon Ende Mai hatte Prof. Christian Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charité, gewarnt: „Es mehrt sich hier der Eindruck, dass wir zusätzlich zur Tröpfcheninfektion auch eine deutliche Komponente von Aerosol-Infektionen haben.“ Heißt: Das Coronavirus wird offenbar häufiger als zunächst angenommen über Kleinstpartikel übertragen, die minutenlang in der Luft schweben (News4teachers hatte über das Thema ausführlich berichtet – hier geht es zu dem Beitrag).
„Wir brauchen viel mehr noch mal bessere Richtlinienwerke für bestimmte ganz wichtige gesellschaftliche Bereiche wie zum Beispiel jetzt die Schulen und die Kindertagesstätten, Kindergärten. Da muss etwas geschehen“, sagte Drosten. „Ganz einfach gesprochen: Wenn es denn so ist, dass ein Virus in der Raumluft steht, dann muss diese Raumluft bewegt und herausbefördert werden. Das heißt, man macht das Fenster auf, setzt da einen großen Ventilator rein, der die Luft nach draußen bläst, und macht die Tür einen Spalt auf. So kann man einen Raum entlüften und sicherlich auch eine Aerosolkomponente verringern.“
Warum werden flächendeckend in Schulen keine Lüftungsanlagen eingebaut?
Wo ist aber nun die Richtlinie, die Schulträgern über die Sommerferien den Einbau von Lüftungsanlagen in den Klassenräumen vorschreibt? Warum werden keine Anstrengungen unternommen, um den Unterricht räumlich zu entzerren – etwa mit zusätzlichen Containern auf dem Schulhof oder durch Anmietung von ohnehin derzeit ungenutzten Veranstaltungsräumen (wie es der Bundeselternratsvorsitzende Stephan Wassmuth angeregt hatte)? Wo sind Hygienebeauftragte, die den Schulbetrieb unter Corona-Bedingungen begleiten und auf die Einhaltung von Mindeststandards achten? Wieso werden in Klassenräumen nicht mal Plexiglasscheiben als Virusschutzwände montiert, wie es sie an jeder Supermarktkasse gibt?
In einem Anflug bemerkenswerter Offenheit hat die nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) in einem Interview mit Radio Bonn/Rhein-Sieg die Hosen heruntergelassen. “Wir können Menschen nicht davor schützen, an Covid-19 zu erkranken. Vielleicht muss man das auch nochmal sagen: Es wird immer Erkrankungen geben”, erklärt sie mit Blick auf die Schulen. “Wir können nur alles dafür tun, dass diese Erkrankungen so glimpflich laufen wie es irgend geht. Dafür haben wir Vorsorge getroffen, dass unsere Gesundheitsämter beziehungsweise unsere Krankenhäuser darauf vorbereitet sind, dass genügend Intensivbetten zur Verfügung stehen, dass genügend Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen. Aber wir können nicht alle Menschen schützen.”
Beatmungsgeräte als Präventionsmaßnahme? Das ist ein Offenbarungseid für eine Politikerin, die für den Gesundheitsschutz von rund 200.000 Lehrkräften und 2,5 Millionen Kindern und Jugendlichen verantwortlich zeichnet. Wie eingangs festgestellt: So mancher Kultusminister, scheint es, hat die Lust an der Bekämpfung des Coronavirus verloren. Das kann ein schlimmer Herbst werden. News4teachers
Der Journalist und Sozialwissenschaftler Andrej Priboschek beschäftigt sich seit 25 Jahren professionell mit dem Thema Bildung. Er ist Gründer und Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus – eine auf den Bildungsbereich spezialisierte Kommunikationsagentur, die für renommierte Verlage sowie in eigener Verantwortung Medien im Bereich Bildung produziert und für ausgewählte Kunden Content Marketing, PR und Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Andrej Priboschek leitete sieben Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit des Schulministeriums von Nordrhein-Westfalen.
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