Schüchterne Schüler sind regelrecht aufgeblüht – „Teacher on the road“ berichtet

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DÜSSELDORF. Thilo Pulch ist mobiler Englischlehrer. Seine Tätigkeit gibt ihm einen einzigartigen Einblick in viele Schulen. Im Interview berichtet er von seinen Erfahrungen in der Coronazeit.

Pulch ist Deutsch-Australier und Lehrer. Für einen Sprachkursanbieter tourt er regelmäßig durch deutsche Schulen. Er nennt sich „Teacher on the road“ – ein Lehrer auf Tour. Schulklassen aus ganz Deutschland laden ihn kostenlos für eine Englischstunde ein. Er beantwortet Fragen rund um Australien und gibt Tipps zur korrekten englischen Aussprache. Im Interview erklärt Thilo Pulch, was irische Lehrer aktuell dazu bewegt, ihren Arbeitsplatz nach Griechenland zu verlegen, und warum er den Weltlehrertag am 5. Oktober gerade in diesem Jahr für besonders wichtig hält.

Der Onlineunterricht allerorten habe erstaunlich gut geklappt, berichtet „Teacher on the road“ Thilo Pulch. Foto: EF Education First

Herr Pulch, warum gibt es eigentlich einen Weltlehrertag?
Die UNESCO hat diesen Tag etabliert, um die wichtige Rolle von Lehrerinnen und Lehrern für die Bildung zu würdigen. Ich finde allerdings, dass wir das ganze Jahr über immer mal wieder daran erinnern sollten. Vor allem während der Corona-Pandemie sind viele Lehrkräfte über sich hinausgewachsen und waren aus meiner Sicht unglaublich flexibel. Als bei uns in Deutschland der Lockdown verkündet wurde, konnte ich meine vereinbarten Englischstunden nicht mehr in den Schulen vor Ort halten und bin dann zügig auf Onlineunterricht umgestiegen. Das hat auch erstaunlich gut geklappt. Sicher hat es hier und da mal bei der Bild- oder Tonübertragung gehakt, aber die Atmosphäre war äußerst konstruktiv. Die Schüler haben super mitgemacht. Das führe ich auf das Engagement aller Beteiligten zurück.

Verändert die Corona-Pandemie den Lehrberuf?
Wir wurden alle dazu gezwungen, neu und anders zu denken. Was in anderen Ländern bereits gelebte Realität ist, beispielsweise hervorragend ausgestattete Computerräume, ist in Deutschland endlich auch stärker in den Fokus gerückt und wird sicher einiges verändern. Unsere Lehrerinnen und Lehrer sind sogar noch an ganz anderer Stelle flexibel. Aktuell schicken wir Muttersprachler aus Irland nach Griechenland, um dort an unseren Sprachschulen Englisch zu unterrichten – quasi ein Lehreraustausch. Englischkurse im Ausland boomen gerade überall dort, wo die Ein- und Ausreise unproblematisch und die Fallzahlen von Corona vor Ort überschaubar sind.

Was ist Ihr Resümee aus dem Lockdown?
Ich habe zu Beginn viel Unsicherheit wahrgenommen, als ich den Onlineunterricht angeboten habe. Eltern und Lehrkräfte beschäftigte vor allem das Thema Datenschutz. Die Schülerinnen und Schüler mussten sich an digitale Arbeitsmaterialien gewöhnen. Dass ich online verstärkt mit Videos gearbeitet habe, gefiel ihnen super. Und einige Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer haben mir berichtet, dass eher schüchterne Schülerinnen und Schüler im Sprach- und Videochat regelrecht aufgeblüht sind. Manche Kinder fühlen sich offenbar freier, wenn nicht alle Augen auf sie gerichtet sind. Das sollten wir Lehrkräfte als didaktischen Lerneffekt im Hinterkopf behalten.

Was verändert sich künftig für Sie persönlich?
Meine ganz individuelle Erkenntnis und Lehre aus Corona: Ich kann mir vorstellen, meine Englischstunden in Zukunft weiterhin auch online zu realisieren. Wenn mich eine Schule als „Teacher on the road“ anfragt, kann ich die Klasse theoretisch direkt am nächsten Tag unterrichten. Am Ende profitieren davon alle Seiten – vorausgesetzt natürlich, die Technik stimmt. Mittlerweile komme ich aber gerne auch wieder direkt in die Klassen und unterrichte face-to-face. (PM)

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