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Leopoldina: Schulpflicht sofort aussetzen – Weihnachtsferien verlängern – danach strenge Regeln für den Unterricht

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HALLE. Die Nationalakademie Leopoldina hat sich in einer aktuellen Stellungnahme für einen harten Lockdown ausgesprochen. Die Schulpflicht müsse umgehend ausgesetzt werden. Nach den bis mindestens 10. Januar zu verlängernden Weihnachtsferien müssten für den Schulbetrieb klare Regeln gelten: mit Maskenpflicht im Unterricht auch der Grundschulen sowie Wechselunterricht in den weiterführenden Schulen ab einem festgelegten Inzidenzwert. An dem Papier haben 47 renommierte Wissenschaftler mitgearbeitet – darunter der Präsident des Robert-Koch-Instituts Prof. Lothar Wieler sowie der Charité-Chefvirologe Prof. Christian Drosten.

Deutschland hat die Kontrolle über das Coronavirus verloren – stellt die Leopoldina fest. Illustration: Shutterstock

„In den letzten 7 Tagen starben mehr Menschen mit dem Coronavirus als 2019 im Straßenverkehr. Die Krankenhäuser und insbesondere das medizinische Personal sind bereits jetzt an der Grenze des Leistbaren. Für eine Dauerbelastung auf diesem Niveau sind das Gesundheitssystem und auch die großen Kliniken nicht eingerichtet. Die für die Eindämmung der Pandemie vor Ort so wichtigen Gesundheitsämter sind überlastet. Eine effektive Kontaktnachverfolgung ist vielfach nicht mehr möglich. Quarantäne-Maßnahmen werden oft nicht mehr umgesetzt“, so heißt es in dem Papier. Deutschland habe die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verloren.

Öffentliches Leben bis Weihnachten herunterfahren…

Um sie zurückzuerlangen, empfiehlt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ein zweistufiges Vorgehen. Die Rahmenbedingungen ‒ Weihnachtsferien in Bildungseinrichtungen und eingeschränkter Betrieb in vielen Unternehmen und Behörden – böten die Chance, in der Eindämmung der Pandemie ein großes Stück voranzukommen.

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Erfahrungen in anderen Ländern (z. B. Irland) im Umgang mit der Pandemie zeigen, dass schnell eingesetzte, strenge Maßnahmen über einen kurzen Zeitraum erheblich dazu beitragen, die Infektionszahlen deutlich zu senken und niedrig zu halten, um die Kontrolle über das Infektionsgeschehen zurückzuerlangen. Die Expertinnen und Experten machen darauf aufmerksam, dass auch aus wirtschaftlicher Perspektive verschärfte Maßnahmen sinnvoll sind: Zwar erhöhen sich durch einen harten Lockdown kurzfristig die Wertschöpfungsverluste, aber zugleich verkürzt sich der Zeitraum, bis die Neuinfektionen so weit gesunken sind, dass Lockerungen möglich sind.

Bereits ab dem 14. Dezember 2020 müssten Kontakte im beruflichen wie im privaten Bereich auf das absolute Mindestmaß reduziert werden. Das Homeoffice müsse, wo immer möglich, die Regel sein. Die Schulpflicht sollte bis zum Beginn der Weihnachtsferien in allen Bundesländern aufgehoben werden. Gruppenaktivitäten in Sport und Kultur müssten eingestellt werden und, wo immer möglich, sollten digitale Möglichkeiten anstelle von Präsenzangeboten genutzt werden.

Ab Heiligabend bis (mindestens) 10. Januar soll ein harter Lockdown gelten

Ab dem 24. Dezember 2020 bis mindestens zum 10. Januar 2021 sollte in ganz Deutschland das öffentliche Leben weitgehend ruhen und ein harter Lockdown gelten. Hierfür sollten zusätzlich zu den ab dem 14. Dezember vorgeschlagenen Maßnahmen alle Geschäfte bis auf die des täglichen Bedarfs geschlossen und die Weihnachtsferien in den Bildungseinrichtungen verlängert werden. In dem Papier geben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch Empfehlungen für das Verhalten während der Feiertage. Unter anderem sollten Urlaubsreisen während dieses Zeitraums unterbleiben und Zusammenkünfte nur im engsten stabilen Personenkreis stattfinden.

Für den Wiederbeginn des Unterrichts ab dem 10. Januar 2021 sollte in allen Bundesländern das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Unterricht für alle Jahrgangsstufen verpflichtend sein. Zudem sollten ländereinheitliche Regeln für den Wechselunterricht ab der Sekundarstufe erarbeitet werden, die ab einer bestimmten Inzidenz greifen. Erforderlich ist zudem eine langfristige politische Einigung auf ein klares, mehrstufiges und bundesweit einheitliches System von Regeln, die ab einer bestimmten Anzahl von Fällen pro 100.000 Einwohner greifen. Durch ein einheitliches und nachvollziehbares Vorgehen werden die Maßnahmen für Bürgerinnen und Bürger und Unternehmen transparent, verständlich und planbar.

Was passiert, wenn der Unterrichtsbetrieb weiterhin ungeschützt aufrechterhalten wird?

Fazit der Forscher: „Wenn diese Maßnahmen konsequent umgesetzt werden, können viele zusätzliche Todesfälle und schwere Krankheitsverläufe vermieden werden. Dann gibt es am Ende dieses Pandemiejahres gute Gründe, hoffnungsvoll auf das kommende Jahr zu blicken, in dem Impfstoffe helfen werden, bei der Eindämmung der Pandemie ein großes Stück weiterzukommen. Es gilt, entschlossen und solidarisch zu handeln.“

Die Ministerpräsidenten und ihre Kultusminister haben mehr als punktuelle Einschränkungen für den Präsenzunterricht bislang verweigert. Bayern war am Wochenende das erste Bundesland, das für immerhin für 30 Prozent seiner Schüler (ab der 7. Klasse, ohne Abschlussklassen) Wechsel- oder Fernunterricht angekündigt hat (News4teachers berichtet ausführlich über die Ankündigung von Ministerpräsident Markus Söder und deren Auswirkungen).

Beim Infektionsgeschehen gibt es in den Ländern jedoch große Unterschiede. Mit 319 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen hat Sachsen mit Abstand den höchsten Wert, gefolgt von Thüringen (183) und Bayern (177). Die niedrigsten Werte haben demnach Mecklenburg-Vorpommern (52), Schleswig-Holstein (54) und Niedersachsen (76). Für ganz Deutschland gab das RKI nun einen neuen Höchstwert von 147 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen an. Zu Beginn des Teil-Lockdowns waren es um die 120 gewesen. Bund und Länder wollen erreichen, dass es weniger als 50 werden – so sollen Gesundheitsämter Infektionsketten wieder nachverfolgen können. News4teachers

Hier geht es zur vollständigen Stellungnahme der Leopoldina.

Statement der KMK-Präsidentin

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig sieht Schulschließungen in großem Umfang weiterhin skeptisch. In allererster Weise müsse darüber diskutiert werden, wie man sich über Weihnachten und Silvester verhalte und “nicht wieder als erstes” daran gedacht werden, Schulen zu schließen oder Schülerinnen und Schüler möglichst zu Hause zu lassen, sagte die SPD-Politikerin am Dienstag auf Nachfrage.

“Schulen sind nicht die Treiber der Pandemie”: die rheinland-pfälzische Bildungsministerin und KMK-Präsidentin Stefanie Hubig, amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Foto: Bildungsministerium Rheinland-Pfalz/Georg Banek.

Da wo es notwendig sei, müsse man in den Wechselunterricht gehen, das mache man auch, sagte Hubig. Präsenzunterricht sei aus Sicht der Bildungsministerinnen und Bildungsminister wichtig. Der Infektions- und Gesundheitsschutz müsse mitberücksichtigt werden. Die Zahlen deuteten nicht darauf hin, dass es starke Übertragungen in Schulen gebe. “Die Schulen sind nicht die Hotspots und nicht die Treiber der Pandemie”, so die KMK-Präsidentin. Das sehen Wissenschaftler mittlerweile anders – wie nicht nur die Stellungnahme der Leopoldina zeigt. (News4teachers berichtete ausführlich über die Erkenntnisse von Virologen zum Schulbetrieb.)

Hubig wollte sich nicht direkt zu den neuesten Empfehlungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften äußern. Diese müsse sie sich zunächst genau ansehen. dpa

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