BERLIN. Seit den Sommerferien galt: Schulen und Kitas bleiben auf, nicht noch einmal Schließungen oder halber Unterricht! Doch die Politik kommt immer mehr unter Druck, doch wieder zu schließen oder zumindest auf Wechselunterricht umzustellen. Kein Wunder: Angesichts immer noch steigender Infektionszahlen, Tausender infizierter Schüler und Lehrer und sogar mehreren Hunderttausend Schülern und Lehrern in Quarantäne wird die Phrase der Kultusminister, “die Schulen sind sicher”, zunehmend unglaubwürdig.
In Sachsen ist es ab Montag wieder soweit, trotz aller Beteuerungen seit dem Sommer, dass Schulen und Kitas möglichst offen bleiben sollen, kommt es zur flächendeckenden Schließung. Die Regierung in Dresden sieht keine andere Möglichkeit, die besonders hohen Corona-Zahlen im Freistaat wieder in den Griff zu bekommen. Noch hat sich kein anderes Bundesland Sachsen angeschlossen. Aber der Druck für schärfere Maßnahmen an den Schulen wächst. Längere Weihnachtsferien, Aussetzung der Schulpflicht, mehr Wechselunterricht – diese Forderungen stehen im Raum.
Bildungs- und Lehrergewerkschaften machen seit dem Herbst Druck in Richtung Bildungspolitik, vom Festhalten am Präsenzunterricht mit ganzen Klassen wieder abzurücken. Die Kultusminister halten dagegen. Zwar findet regional in Gegenden mit besonders hohen Corona-Zahlen sogenannter Wechselunterricht längst statt und auch Schulen werden immer wieder geschlossen. Aber flächendeckend wollen die Kultusminister das möglichst verhindern und wehren entsprechende Forderungen ab. Der Ton ist gereizt. Auch im Netz wird viel gestritten, denn es geht bei dem Thema um ganz grundsätzliche Fragen. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fragt via Twitter spitz in Richtung Kultusminister: “Ganz ehrlich – nach all den Monaten ist hochwertiges Homeschooling noch immer unmöglich?”
GESUNDHEITSSCHUTZ VS. BILDUNGSVERLUSTE UND SOZIALE FOLGEN
Um diesen Punkt dreht sich alles. Lehrervertreter werfen den Kultusministern vor, Empfehlungen des Robert Koch-Instituts zu ignorieren, bei gestiegenen Ansteckungszahlen über 50 pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche die Klassen zu halbieren und in den Wechselunterricht überzugehen. Sie pochen auf den Gesundheitsschutz von Lehrern und Schülern. Vernünftige Vorschläge vom Tisch zu wischen in der Hoffnung, die Infektionszahlen würden schon irgendwie sinken, sei verantwortungslos und politisches Abenteurertum, sagt die Vorsitzende der GEW, Marlis Tepe. Bund und Länder hatten einen deutlich höheren Inzidenzwert von 200 verabredet, ab dem die Schulen in den Wechselunterricht gehen können.
Aber nicht mal der ist verbindlich – wie die aktuellen Beispiele Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg zeigen. Dort dürfen nur einzelne Schulen nach einer Genehmigung durch die vom jeweiligen Kultusministerium kontrollierte Schulaufsicht in den Wechselunterricht gehen, was in der Praxis bedeutet: Wechselunterricht findet so gut wie nicht statt.
Die Kultusminister befürchten durch Wechselunterricht oder «Homeschooling» wegen Schulschließungen – angeblich – Bildungsverluste und soziale Nachteile für Schüler. Diese hätten ein Recht auf Bildung. Schule sei nicht nur Unterricht, sondern auch ein sozialer Raum, den Kinder und Jugendliche dringend bräuchten. OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher, Leiter der PISA-Studie, hatte auf mögliche Langzeitfolgen der Schließungen und des Schichtbetriebs vor dem Sommer verwiesen: «Die Lernverluste, die in dieser Krise entstanden sind, die kann man wahrscheinlich mit drei Prozent verlorenem Lebenseinkommen im Durchschnitt gleichsetzen.» Besonders werde das Schüler aus benachteiligten Schichten treffen.
Besonders glaubwürdig ist das Bekenntnis der Kultusminister allerdings nicht. PISA zeigt schon seit 20 Jahren mit jeder neuen Studie auf, dass in Deutschland gut ein Fünftel der Schüler, eben die sozial Benachteiligten, abgehängt sind. Kein einziges Bundesland hat in diesen zwei Jahrzehnten etwas unternommen, um das nachhaltig zu ändern. Lehrer verweisen zudem darauf, dass Wechselunterricht in kleinen Lerngruppen, wie vor den Sommerferien zu erkennen war, sogar bessere Lernergebnisse hervorbrachte (News4teachers hat dazu Statements von Lehrern gesammelt).
Das Problem ist dann allerdings, dass nicht durchgängig Betreuung der Schüler gewährleistet wäre. Wichtiger wohl noch: Die Kultusminister haben in den neun Monaten der Pandemie den Schulbetrieb auf gar kein anderes Szenario als Regelunterricht vorbereitet.
«ÜBER LEICHEN GEHEN»?
Mit steigenden Infektionszahlen wird auch der Ton in der Debatte rauer. Bei Twitter wurde Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) vor wenigen Tagen angegriffen: Das Recht auf Bildung sei ein ganz besonderes Recht. «Aber das heißt nicht, dass man dafür über Leichen gehen muss oder dass man dieses Recht nur in der Form des Präsenzunterrichts wahrnehmen kann», schrieb Nutzerin «Dagmar». «”Über Leichen gehen”, das ist Ihre Unterstellung? Sorry, das ist nicht meine Diskussionskultur», schrieb die Ministerin zurück.
Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) empörte sich über den Vorstoß der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina, die Schulpflicht ab dem 14. Dezember auszusetzen. Das werde es mit ihr als Schulministerin nicht geben. Auch ihre Kollegin, Baden-Württembergs Bildungsministerin Susanne Eisenmann (CDU), kritisierte die Leopoldina. Den drastischen Schritt der flächendeckenden Schulschließungen wolle man weiterhin zwingend vermeiden, weil man aus der Zeit im Frühjahr gelernt habe, sagte sie. Dabei schlägt die Leopoldina (sieht man einmal von ein paar zusätzlichen Tagen Weihnachtsferien ab) gar keine Schulschließungen vor – sie fordert lediglich einen bundeseinheitlichen Schwellenwert, ab dem zuvor festgelegte Schutzmaßnahmen in Schulen – wie eben Wechselunterricht – greifen sollen. Das aber verweigern die Länder beharrlich.
Das Thema bestimmt den Alltag von Millionen Menschen, deshalb hat auch fast jeder eine Meinung dazu. Schüler, Lehrer, Eltern, Experten diskutieren im Netz, welcher Weg der richtige ist und wo Gefahren und Nachteile für welche beteiligte Gruppe am größten sind. Dabei kommt auch zur Sprache, was es für berufstätige Eltern bedeuten würde, wenn Schulen und Kitas wieder zumachen und ob Schule via Videokonferenz inzwischen besser funktioniert oder nicht, je nach technischer Ausstattung von Lehrern, Schülern und Schule.
„Über Leichen gehen“, das ist Ihre Unterstellung? Sorry, das ist nicht meine Diskussionskultur.
— Karin Prien (@PrienKarin) December 8, 2020
«TREIBER DER PANDEMIE» ODER NICHT?
Von denjenigen, die die Schulen möglichst offen halten wollen, ist immer wieder ein Satz zu hören: «Schulen sind keine Treiber der Pandemie.» Die stellvertretende FDP-Fraktionschefin Katja Suding gehört zu denen, die das sagen. «Wir brauchen für die Schulen erneut ein eindeutiges Bekenntnis zum Präsenzunterricht und eine Absage an bundesweit verlängerte Ferien bis weit in den Januar», fordert sie. Über Wochen geschlossene Schulen könnten für Eltern zur Existenzfrage werden und Schülern aus benachteiligten Haushalten auf Dauer ihre Zukunftschancen verbauen. Das dürfe man kein zweites Mal zulassen.
Dass die FDP damit vor allem Kritiker einer strengeren Corona-Politik bedient, wird am Kurs in Nordrhein-Westfalen deutlich, den dort FDP-Schulministerin Gebauer verfolgt: Die ließ der von Corona besonders betroffenen Stadt Solingen sogar verbieten, Wechselunterricht einzuführen, obwohl dort gute Voraussetzungen für einen Digitalunterricht bestehen.
Das Robert Koch-Institut (RKI) schreibt in seinen Empfehlungen für die Schulen, Kinder und jüngere Jugendliche seien zwar seltener betroffen von Infektionen als Erwachsene und nicht Treiber der Pandemie. «Das sind nicht die Gruppen mit den höchsten Inzidenzen», sagt RKI-Chef Lothar Wieler. Er fügt aber auch hinzu, dass in Schulen «selbstverständlich» auch Infektionen stattfänden, das RKI hat mittlerweile Hunderte von Ausbrüchen in Bildungseinrichtungen gezählt, und Wieler verweist zudem darauf, dass Schulen momentan die einzigen Orte seien, wo noch viele Menschen auf einem engen Raum zusammengebracht würden.
Mittlerweile ist wissenschaftlicher Konsens, dass Kinder ab zwölf, 13 Jahren sich bei der Infektiosität nicht von Erwachsenen unterscheiden. (News4teachers berichtet ausführlich über aktuelle Stellungnahmen prominenter Virologen zu diesem Thema.) Die AHA-Regeln, die außerhalb der Schulen selbstverständlich gelten, sind in den Klassenräumen aber außer Kraft gesetzt – Lüften auch bei Minusgraden ist oftmals der einzige Corona-Schutz, den es für Schüler und Lehrer gibt.
In vielen Fällen bleibt allerdings unklar, wer sich wo angesteckt und das Virus an wen weitergegeben hat, denn nach Expertenangaben zeigen vor allem viele junge Menschen und Kinder keine Symptome. Getestet werden symptomlose Schüler in der Regeln nicht. Die Nachverfolgung der Infektionsketten, so stellt die Leopoldina fest, ist von den überforderten Gesundheitsämtern ohnehin nicht mehr zu leisten. Praktisch für die Kultusminister: So bleibt ihre Phrase, “die Schulen sind sicher”, erst einmal unwiderlegt. News4teachers / mit Material der dpa
