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Karliczeks Leitlinie für Schulen: Politisches Wunschdenken – nicht Stand der Wissenschaft

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Ein Kommentar von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.

BERLIN. Einen „möglichst sicheren, geregelten und kontinuierlichen Schulbetrieb“ solle ihre Leitlinie ermöglichen, so sagt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) – und verfehlt den Anspruch deutlich. Möglichst sicher? Wer lediglich das „Lüftungskonzept“ der KMK aufwärmt und den Einwand der Deutschen Physikalischen Gesellschaft ignoriert, dass das darin als einzige Maßnahme vorgesehene Fensteröffnen keinen sicheren Luftaustausch gewährleistet, der beschreibt einmal mehr politisches Wunschdenken – aber nicht den Stand der Wissenschaft.

News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek, Gründer und Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus. Foto: Tina Umlauf

Karliczeks Papier wärmt auf, was schon seit den Sommerferien nicht funktioniert und Deutschland womöglich in die zweite Welle hineingetrieben hat: ein angeblich nach „Kohorten“ getrennter Schulbetrieb (der dann in der Praxis im Ganztag oder spätestens im Schulbus wieder fröhlich zusammengemischt wird), ein viel zu zögerlicher Umgang mit Schutzmasken, ein Unterricht praktisch ohne Abstandstandregel. Lediglich bei „hohem Infektionsgeschehen“ sollen Schüler, Lehrer und Schulpersonal im Unterricht einen medizinischen Mund-Nasen-Schutz tragen. Wenn das Infektionsgeschehen „hoch“ ist, dann rät die Leitlinie auch dazu, das Personenaufkommen in den Verkehrsmitteln zu reduzieren. Dazu müsste dann der Unterricht zeitversetzt beginnen, was vor allem für Nachbarschulen gelte.

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“Schulen sind keine Treiber der Pandemie” – wenn das nicht stimmt, ist die nächste Corona-Welle schon absehbar

Mal davon abgesehen, dass es niemandem in der Praxis hilft, von einem “hohen Infektionsgeschehen” zu schreiben, ohne sich festzulegen, ab welchem Inzidenzwert das denn bitteschön der Fall ist: Mit solchen Empfehlungen wird einmal mehr das Märchen weitergesponnen, dass Schulen „keine Treiber der Pandemie“ seien. Es reicht danach völlig aus, auf ein „hohes“ Infektionsgeschehen (das irgendwo stattfindet; wo genau weiß man nicht – aber natürlich in jedem Fall außerhalb der Schulen) zu reagieren. Prävention? Fehlanzeige.

Wenn aber diese Prämisse nicht stimmt – und der Chef-Virologe der Charité, Prof. Christian Drosten, hat erst in der vergangenen Woche erklärt, was für ein wissenschaftlicher Unsinn diese „Treiber-der-Pandemie“-Diskussion ist –, dann ist die dritte Corona-Welle damit programmiert: Dann sorgen schon der morgendliche Verkehr von elf Millionen Schülern in Deutschland und die tägliche Massenveranstaltung mit nochmal 800.000 Lehrkräften obendrauf dafür, dass das Infektionsgeschehen, das wir mühsam jetzt gerade per Lockdown einfangen müssen, sich wieder nach oben schraubt. Und zwar in einem rasanten Tempo, wenn das, was über die Virusmutationen berichtet wird, auch nur zur Hälfte stimmt.

Eine „Kohorte“ aus Hunderten von Schülern und Lehrern verhindert keine Ansteckungen

Wer wirklich ein Konzept für einen möglichst sicheren Schulbetrieb vorlegen will, erklärt zunächst einmal schlüssig, wie er die beiden Hauptinfektionswege, die das Robert-Koch-Institut beschreibt  – nämlich Ansteckungen über Aerosole, also kleinste Schwebeteilchen in der Luft, und direkte Ansteckungen über Tröpfchen – unter so vielen Menschen, die meisten davon auch noch Kinder und Jugendliche, im laufenden Schulbetrieb zu unterbrechen gedenkt. Eine „Kohorte“ aus womöglich Hunderten von Schülern und Lehrern leistet das nicht. Virenverseuchte Aerosole lassen sich, das bestätigt die Deutsche Physikalische Gesellschaft einmal mehr, am besten mit technischen Lösungen – sprich: Luftfilteranlagen – beseitigen. Vor direkten Ansteckungen schützen Masken und Plexiglas-Wände. Einzelne Kommunen haben Klassenräume bereits entsprechend ausgestattet.

Zu diesen praktischen Modellen findet sich in Karliczeks Leitlinie leider – nichts. Dafür bauen die Autoren des Papiers bereits vor, sollten ihre Empfehlungen tatsächlich ernst genommen werden und in der Praxis dann scheitern. Alle Hygienevorkehrungen müssten „streng befolgt“ werden, heißt es. Es genüge nicht, einzelne Maßnahmen herauszugreifen, nur das Paket wirke. Im Umkehrschluss: Wenn es nicht wirkt, haben sich manche eben nicht daran gehalten. Im Zweifel waren es dann die Lehrer, die Infektionen „von außen“ hereingetragen haben müssen. Auch das hatten wir ja schon. News4teachers

Der Autor

Der Journalist und Sozialwissenschaftler Andrej Priboschek beschäftigt sich seit 25 Jahren professionell mit dem Thema Bildung. Er ist Gründer und Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus – eine auf den Bildungsbereich spezialisierte Kommunikationsagentur, die für renommierte Verlage sowie in eigener Verantwortung Medien im Bereich Bildung produziert und für ausgewählte Kunden Content Marketing, PR und Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Andrej Priboschek leitete sieben Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit des Schulministeriums von Nordrhein-Westfalen.

In eigener verlegerischer Verantwortung bringt die Agentur für Bildungsjournalismus tagesaktuell News4teachers heraus, die reichweitenstärkste Nachrichtenseite zur Bildung im deutschsprachigen Raum mit (nach Google Analytics) im Schnitt mehr als 100.000 Seitenzugriffen täglich und einer starken Präsenz in den Sozialen Medien und auf Google. Die Redaktion von News4teachers besteht aus Lehrern und qualifizierten Journalisten. Neben News4teachers produziert die Agentur für Bildungsjournalismus die Zeitschriften „Schulmanager“ und „Kitaleitung“ (Wolters Kluwer) sowie „Die Grundschule“ (Westermann Verlag). Die Agentur für Bildungsjournalismus ist Mitglied im Didacta Verband der Bildungswirtschaft.

Hier geht es zur Seite der Agentur für Bildungsjournalismus.

Karliczek stellt Leitlinie vor, die einen „möglichst sicheren, geregelten und kontinuierlichen Schulbetrieb“ gewährleisten soll

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