FRANKFURT/MAIN. Der monatelange Distanzunterricht hat vielen Schülern zu schaffen gemacht. Weil persönliche Kontakte zu den Lehrern fehlen, wachsen Lernprobleme und Wissenslücken. Das DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation schätzt, dass derzeit 15 Prozent der Grundschüler die Mindestanforderungen nicht erfüllen. Wie lässt sich gegensteuern? Die GEW hat hier eine klare Position.
Die lange Phase der Distanzbeschulung birgt nach Einschätzung von Bildungsexperten vor allem bei Grundschulkindern das Risiko der Ausbildung von Lernschwierigkeiten. Je jünger Kinder seien, desto stärker seien sie beim Einstieg in die Schriftsprache und Mathematik auf individuelles Feedback angewiesen, sagte Prof. Marcus Hasselhorn vom DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt. Bereits seit längerem fordert die GEW, zusätzliches Personal einzustellen, um die Schüler intensiver unterstützen zu können.
Gerade bei der Beschulung von Klassen mit durchschnittlich 20 Kindern über digitale Technik könnten die Lehrkräfte nur schwer auf das individuelle Verständnis und möglichen Förderbedarf von Grundschulkindern eingehen, sagte Hasselhorn. Hinzu komme: Kinder aus bildungsfernen Schichten sowie mit bereits vor der Corona-Krise bestehenden Lernschwierigkeiten dürften nun noch stärker abgehängt werden, erwartet der Experte.
Zwar verhinderten in Deutschland rigide Datenschutzbestimmungen aussagekräftige Analysen zur Lernsituation der Kinder, sagte Hasselhorn. Daher stütze sich das DIPF bei seinen Empfehlungen auf Daten aus Nachbarländern wie der Schweiz mit einem ähnlichen Schulsystem wie Deutschland. Kürzlich seien dort Analysen der durch die Schulschließung bedingten Leistungseinbußen bei rund 350.000 Schülern vorgelegt worden. Auf Basis dieser Daten geht das Institut davon aus, dass auch hierzulande derzeit rund 15 Prozent der Grundschüler nicht die Mindeststandards im Lesen, Schreiben und Rechnen erfüllen, wie Hasselhorn sagte.
«Es geht darum, zu vermeiden, dass die Kinder eine Lese- und Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie ausbilden»
Diese Einschätzung habe auch für «Bewegung» im hessischen Kultusministerium gesorgt, so der Experte. Für die betroffenen Kinder könnten zwar Einzelsitzungen hilfreich sein, doch sei das angesichts einer Vielzahl weiterer Aufgaben für die Lehrkräfte in der erforderlichen Menge kaum leistbar. In Hessen sollen betroffene Grundschüler deshalb mithilfe spezieller Förderprogramme unterstützt werden. «Es geht darum, zu vermeiden, dass die Kinder eine Lese- und Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie ausbilden», sagte Hasselhorn. Denn rasch könne sich dadurch ein «Teufelskreis» aus Verständnisschwierigkeiten, schlechten Zensuren und Demotivation auch für die folgenden Schuljahre entwickeln.
Um auch Schülern höherer Klassen mit Lernschwierigkeiten zu helfen, plant das hessische Kultusministerium weitere Angebote, wie ein Sprecher sagte: So sollen in den Oster- und den Sommerferien wieder Feriencamps und -akademien angeboten werden, über die verpasster Schulstoff nachgeholt werden kann. Die Organisation liege bei den Schulen, das Ministerium werde Geld für entsprechendes Personal zur Verfügung stellen, sagte der Sprecher. In den Sommerferien 2020 seien rund 20 000 der hessenweit rund 760 000 Schüler über die Ferienakademien gefördert worden, das habe auch in etwa dem Bedarf entsprochen.
«Jedes Kind, das verloren geht, ist eines zu viel»
Wie die Nachfrage in diesem Jahr ausfalle, bleibe abzuwarten. Vorteil des Angebotes sei, dass der Stoff nach der langen Zeit des Distanzunterrichts vor Ort und nicht über digitale Technik vermittelt werde. Während der Corona-Pandemie habe «der persönliche Faktor noch mehr an Bedeutung gewonnen», sagte der Sprecher. Neben den Oster- und Sommerferienangebote arbeite das Ministerium an einem ganzen Bündel weiterer Maßnahmen. Zur Frage der Versetzung von Kindern mit erkennbaren Lerndefiziten sei man noch in Gesprächen, sagte der Sprecher. Im vergangenen Jahr hatte das Ministerium die Devise ausgegeben, dass kein Kind zurückgelassen werde.
Auch die GEW hat die Probleme im Blick. «Jedes Kind, das verloren geht, ist eines zu viel», sagte die Co-Vorsitzende der GEW Hessen, Birgit Koch. Um gegenzusteuern, sei generell eine stärkere Förderung durch zusätzliches Personal nötig. Dafür könnten Mittel aus dem für die Schulen vorgesehenen Topf des Corona-Sondervermögens aufgewendet werden. Sinnvoll wäre aus Kochs Sicht, beispielsweise Lehramtsstudenten oder Studierende der Sozialen Arbeit einzubinden, die coronabedingt derzeit keine Schul- und sonstigen Praktika ableisten könnten. Auch sie könnten von einer solchen Lösung profitieren, weil sie praktische Erfahrungen sammeln und etwas Geld verdienen könnten. «Damit würde man mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen», sagte Koch. News4teachers / mit Material der dpa
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