MANNHEIM. Eine strikte Leistungsdifferenzierung beim Übergang auf die Weiterführende Schule führt einer neuen Studie zufolge nicht zu stärkerer Bildungsungleichheit. Eine kognitive Homogenisierung führe demnach vielmehr zu einem insgesamt besseren Leistungsniveau, von dem besonders Kinder in den unteren Bildungsgängen profitierten.
In kaum einem entwickelten Land ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg so groß wie in Deutschland. Mindestens seit der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 richtet sich dieser Vorwurf beinah wie ein Mantra an die deutschen Schulen. Vielfach wird dafür das differenzierte Schulsystem maßgeblich verantwortlich gemacht. Dass Schule und Differenzierung eher Ungleichheiten schaffen, als sie einzuebnen, diese Aussage könnte man, dem Mannheimer Soziologen Hartmut Esser folgend, geradezu als „die weithin selbstverständlich geltende Standardposition zu der Sache“ bezeichnen.
Gemeinsam mit dem Bamberger Wissenschaftler Julian Seuring hat Esser nun diese Position unter die Lupe genommen. Mithilfe von Daten aus der „National Educational Panel Study“ (NEPS) für die deutschen Bundesländer haben Esser und Seuring untersucht, wie sich eine unterschiedlich strikt geregelte Differenzierung auf die Leistungen in der Sekundarstufe auswirkt.
“Je strikter die Länder beim Wechsel an die weiterführende Schule vorgehen, desto höher fallen die durchschnittlichen Leistungen aus”
Die Ergebnisse widersprächen der Standardposition deutlich, so Esser und Seuring. Die Differenzierung führe nicht zu einer Verstärkung der Effekte sozialer Herkunft – im Gegenteil: Diese schwächten sich bei einer strikten Leistungsdifferenzierung eher ab. Die Leistungen in der Sekundarstufe nähmen dagegen zu, insbesondere in der Kombination mit einer homogeneren Zusammensetzung der Schulklassen nach kognitiven Fähigkeiten.
Dies gelte gerade für die Kinder der unteren Bildungswege mit geringem Leistungsniveau. Dort fielen die Leistungen bei einer möglichst großen kognitiven Homogenität am besten aus. Eine liberal geregelte oder nachlässig implementierte Differenzierung habe für diese Kinder und Jugendlichen dagegen “geradezu desaströse Folgen”. Dies spiegele sich auch im Vergleich zwischen den Bundesländern wider, wie er etwa in den IQB-Berichten dokumentiert sei. Tatsächlich setzen Seriensieger im Bundesländervergleich wie Bayern und Sachsen auf eine verbindliche Grundschulempfehlung.
“Bei den Übergangsregelungen kann man die Länder grob in drei Gruppen einteilen: komplett liberal, mittelmäßig strikt und ganz strikt. Das haben wir dann mit den Leistungsdaten abgeglichen”, erklärt Seuring gegenüber dem “Deutschen Schulportal”. “Das Ergebnis: Je strikter die Länder beim Wechsel von der Grundschule an die weiterführende Schule vorgehen, desto höher fallen die durchschnittlichen Leistungen der Schülerinnen und Schüler in den siebten Klassen aus – ganz unabhängig von der Schulform. Die sozialen Effekte nehmen dabei nicht zu, wie häufig vermutet. Stattdessen werden sie gedeckelt.”
In heterogenen Klassen “muss man oft das Lerntempo am Durchschnitt ausloten, weil die personellen Ressourcen begrenzt sind”
Mögliche Ursachen: Die kognitive Homogenisierung der Schulklassen erlaube eine stärkere Fokussierung des Unterrichts. Die besseren Anpassungsmöglichkeiten der Curricula an die unterschiedlichen kognitiven Niveaus würden überdies die leistungssteigernden Einflüsse noch einmal verstärken. In heterogenen Klassen hingegen “muss man oft das Lerntempo am Durchschnitt ausloten, weil die personellen Ressourcen begrenzt sind. Schülerinnen und Schüler, die schneller lernen, werden ausgebremst, während andere, die eher noch eine Wiederholung bräuchten, überfordert sind. Für die meisten ist das nicht zuträglich. Hier könnte man eher eine Leistungssteigerung erreichen, wenn man die Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen Gruppen fördert”, sagt Seuring.
Als Konsequenz aus ihren Ergebnissen empfehlen Esser und Seuring den bildungspolitisch Verantwortlichen eine wieder stärkere Orientierung an Kriterien der Leistungsdifferenzierung, um die die Effizienz des Bildungssystems zu stärken und soziale Bildungsungleichheiten zu dämpfen. Dazu sollten insbesondere „Fehlplatzierungen“ bei der Sortierung durch genauere und verbindliche Empfehlungen möglichst vermieden werden.
So gebe es durchaus die Tendenz, dass Lehrkräfte Kindern aus bildungsfernen Familien bei gleichen Fähigkeiten seltener eine Gymnasialempfehlung aussprächen als Kindern aus bildungsnahen Elternhäusern. “Deshalb wäre es ratsam, für die Übergangsempfehlung stärker Kriterien heranzuziehen, die die tatsächlichen kognitiven Potenziale abbilden. Diese sind über den gesamten Lebenslauf relativ stabil und weniger abhängig von einer vorübergehenden Verfassung, wie etwa bei den Klausuren oder Noten. Diese zusätzliche Information könnte die Unsicherheit der Lehrkräfte bei den Empfehlungen verringern”, erklärt Hartmut Esser.
Zur Steigerung von Effizienz und Gerechtigkeit seien aber auch die Schaffung von Anreizen und Strukturen für einen engagierten und fokussierten Unterricht empfehlenswert. Dazu könnte etwa eine stärkere Kontrolle der schulischen Abläufe über regelmäßige Evaluationen, Standardisierung und Zentralisierung beitragen. Insgesamt sei aber die weitere Klärung der Zusammenhänge notwendig, insbesondere auch im Hinblick auf den sinnvollen Einsatz von Ausgleichsmaßnahmen gerade in den in den unteren Bildungswegen und sozial schwierigeren Verhältnissen, die eine strikte Differenzierung begleiten könnten. (zab)
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