Enger aufeinander als je zuvor: Geschwister in der Corona-Krise

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FRANKFURT/MAIN Aus dem Weg gehen ist nicht: Geschwister müssen im Lockdown viel Zeit miteinander verbringen. Das kann oft zu Streit führen. Aber auch zusammenschweißen.

«Entweder sie sind auf dem Kriegspfad, oder sie rauchen die Friedenspfeife.» Foto: Shutterstock

Seit Beginn der Corona-Pandemie sitzen Geschwister enger aufeinander als je zuvor. Bei geschlossenen Schulen, ohne Sport, Freunde und andere Aktivitäten außer Haus wird das Verhältnis in vielen Familien hart auf die Probe gestellt. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Brüdern und Schwestern seither verändert? Und bleibt das jetzt so?

Sonja Rohrmann lehrt differentielle Psychologie und psychologische Diagnostik an der Frankfurter Goethe-Universität. Zum Verhältnis von Geschwistern zueinander zitiert sie den Dichter Kurt Tucholsky: «Entweder sie sind auf dem Kriegspfad, oder sie rauchen die Friedenspfeife.» In Ausnahmezeiten wie im pandemiebedingten Lockdown sei beides möglich: Geschwister könnten besonders viel streiten, aber auch zusammenwachsen, sagt Rohrmann vor dem «Tag der Geschwister» am 10. April.

Was von beidem zutreffe hänge von verschiedenen Faktoren ab, erklärt die Psychologin: etwa dem Altersunterschied, der Persönlichkeit der Kinder, aber auch von der häuslichen Situation und wie es den Eltern in diesen für alle belastenden Monaten geht. In der Corona-Pandemie sei vermutlich der Kriegspfad häufiger. «Die Kinder haben viel Frust und Frust schafft Aggression. Den Ärger leben sie bei den Menschen aus, wo sie es sich am ehesten leisten können. Geschwister bekommen die volle Breitseite ab, weil man weiß: Die verliert man nicht.»

Trotz des hohen Konfliktpotenzials schafften es manche aber trotzdem, in Krisenzeiten besonders harmonisch miteinander umzugehen, glaubt Rohrmann, die selbst zwei Töchter hat. Sie entwickelten neue gemeinsame Interessen, nähmen sich stärker wahr und merkten, «dass der andere ein ganz wertvoller Partner ist in dieser schwierigen Situation».

In Deutschland wächst die Mehrheit der Kinder mit Geschwistern auf. 2019 lebten laut Statistischem Bundesamt 82 Prozent aller Zehnjährigen mit einem Bruder oder einer Schwester in einem Haushalt. Die Quote ist seit langem weitgehend konstant: Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich der Anteil der Geschwisterkinder nicht verändert. Auch eine Auswertung des Mikrozensus ergab, dass der Anteil der Einzelkinder in Deutschland nicht wächst.

«Das Besondere an der Geschwisterbeziehung ist das Schicksalhafte», sagt Rohrmann. «Dass die Geschwister auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert sind.» Anders als Freundschaften könne man eine Geschwisterbeziehung nicht aufkündigen, schon gar nicht in einer Zeit, in der man kaum die Wohnung verlassen kann.

Als Faustregel gelte: Je größer der Altersunterschied, desto seltener seien Konflikte, «weil die Kinder nicht mehr so verbunden sind: Sie leben in eigenen Welten und da gibt es weder ein Miteinander noch ein Gegeneinander». Je geringer der Altersabstand, desto intensiver sei die Beziehung – wobei «intensiver» beides heißen kann: «Es kann harmonischer sein, aber auch rivalisierender.»

Am entspanntesten sei oft das Verhältnis zwischen gemischten Geschlechtern, zitiert Rohrmann aktuelle Forschungsergebnisse. «Am harmonischsten ist die Kombination großer Bruder, kleine Schwester, bei drei bis vier Jahren Altersunterschied.»

Ein entscheidender Faktor, wie die Geschwister miteinander auskommen, seien die Eltern, sagt Rohrmann. Wenn Eltern dauernd Vergleiche anstellten («Schau mal, wie brav Deine Schwester ist» oder «Guck doch, wie gut Dein Bruder das macht»), dann schüre das die Rivalität zwischen den Kindern. Besser sei es, die Individualität der Kinder wahrzunehmen und zu stärken.

Falls sich im Lockdown das Verhältnis der Kinder verschlechtert hat, müssen sich Eltern keine Sorgen machen, beruhigt Rohrmann: «Wenn der Alltag wieder einkehrt, wird sich das normalisieren», glaubt sie. Corona sei eine vorübergehende Ausnahmesituation. Die Erlebnisse in dieser Zeit seien nicht längerfristig prägend, anders als zum Beispiel eine Trennung der Eltern. (Sandra Trauner, dpa)

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7 KOMMENTARE

  1. Die Zeit hat bei vielen Familien tiefe Spuren hinterlassen. Man konnte sich nur innerhalb der Familien abarbeiten und hatte somit in diesem Ausnahmzustand viele Konflikte. Der Kontakt nach außen ist ausgebremst und kann im sozialen Miteinander nicht erfahren werden und erprobt werden. Die Sehnsucht nach eineem außerhäuslichen sozialen Gemeinschaft ist groß.
    Die Kinder wollen außerhalb Ihres Elternhaus Efahrungen sammeln ab einem gewissen Alter und ist ein ganz normaler Vorgang. Dieses Bedürnis können Eltern nicht sillen und die Unzufriedenheit der jungen Generation ist nach so einer langen ausgebremsten Entwicklungszeit groß. Die Sehnsucht nach persönlicher Entfaltung und Entwicklung sehr groß.

  2. Kurze Zusammenfassung: Eltern, die ihre Hausaufgaben machen, haben weniger Probleme, als Eltern, die Prinzen und Prinzessinnen heranziehen.

    • Vollkommen richtig. Kann ich nurr bestätigen. Nich nur meine Kinder, auch mehrere Familien mit mehreren Kindern haben von dem Lockdown profitiert.

      Andere leider eben auch nicht.

  3. Nicht längerfristig prägend? Das glaube ich nicht. Kam einem doch auch immer von den KM entgegen. Verlorene Generation? Das prägt alles. Aber zumindest ist es bei uns extrem harmonisch und wir sind noch dichter zusammengewachsen. Nur das uns herzlich Drücken haben wir verlernt. 🙁

  4. Muss ich jetzt damit rechnen, dass sich meine beiden Jungs nach dieser Ausnahmesituation nicht mehr so gut verstehen?
    Ich hoffe doch sehr, dass DIESE Nebenerscheinung der Pandemie ausnahmsweise länger anhält …

  5. Kann ich so nicht so nicht bestätigen. In meinem Umfeld sind es bei den gleichgeschlechtlichen Geschwistern eindeutig harmonischere Verhältnis als bei den gemischten. Wir haben vier Jungs und sie verstehen sich in der Pandemie besser als je zuvor.

  6. Man kann schlecht generalisieren. Unser Fall – drei Jahre unterschied, Mädchen und Junge. Unsere Familie hat auf viele Ebenen profitert.

    Außerdem finde ich nicht normal, dass Familenmitglieder, vor allem Eltern + Kinder nicht zueinander finden können. Da stimmt ja dann etwas nicht, aber gewaltig.
    Und das immer wieder versuchen zu rechtfertigen führt zu immer größerer Spalte innerhalb der Familie.

    Heutzutage tut ja Geselschaft mit solchen Äußerungen kein Gefallen den Familien. Dann sollten wir uns nicht wundern, wie schnell viele junge Menschen unter einbißchen Drück platzen und schon so fruh mit Psychopharmaka anfangen, wenn für jedes Problemchen schon kleine Kinder zu Kinderpsychologe geschickt werden.

    Ich kann um sich nur beobachten und traugirig fesstellen, wieviele Familien kaputt gehen. Zu viele. Und der Grund ist immer wieder nichts als pure Egoisumus, die sich natürlich dann auch in den Nachwuchs wiederspiegelt. Die Kinder lernen vor allem von ihren Eltern und das Gelernte bringen in die Schulen, und später in die Gesellschaft. Und so immer wieder im Kreis herum.

    Und wie stehen wir als Gesellschaft, hat uns auch diese Pandemie sehr gut zegeigt.

    Ich frage mich in der letzte Zeit immer ofter, was würden Kinder und Jugendlichen in Pakistan, Ghana, Indien usw.. rund um den Globus darüber zu sagen haben.

    Wir sind hier im Westen einfach nur noch dekadent und zwar so tief indoktriniert, dass wir nicht mal merken, wie wir läherlich geworden sind.

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