„Chance nutzen, um die Schullandschaft zu verändern“: Digitalbeauftragte Bär im Interview

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BERLIN. Die Digitalisierung der Bildungseinrichtungen hat durch die Corona-Krise einen Schub bekommen. Und doch hakt es nach wie vor an vielen Stellen. Auf dem Deutschen Schulleiterkongress (DSLK) Impuls, einer Online-Veranstaltung, wird das Thema umfassend diskutiert – vom Distanzunterricht bis zu den Perspektiven des Digitalpakts. Eröffnen wird Dorothee Bär, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für die Digitalisierung, den Kongress. Wir sprachen mit ihr im Vorfeld.

„Wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns“: Dorothee Bär im Interview. Foto: Jörg Rüger

News4teachers: An den Schulen hat sich inzwischen zwar einiges getan in Sachen Digitalisierung, doch auf Dienstlaptops zum Beispiel warten viele Lehrkräfte immer noch. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Bär: Im vergangenen Jahr ist in Sachen digitale Bildung mehr passiert als je zuvor. Der Bund hat sich hier sehr stark engagiert, um die Länder bei dieser schwierigen Aufgabe zu unterstützen, in dem die finanziellen Mittel des Digitalpakts Schule auf 6,5 Milliarden EUR erhöht wurden. Dieses Geld kann von den Ländern zum Beispiel zum Aufbau einer digitalen Infrastruktur und für Endgeräte für Lehrkräfte oder für Schülerinnen und Schüler abgerufen werden. Die finanziellen Möglichkeiten sind also gegeben, nun geht es darum, diese schnellst- und bestmöglich umzusetzen.

Wir wissen aber auch, dass wir noch ein gutes Stück Weg vor uns haben. Hier sind die Länder gefragt, die auch für die Umsetzung des Digitalpakts vor Ort rechtlich zuständig sind.

DSLK Impuls

Wie können Schulen die Möglichkeiten des DigitalPakts am sinnvollsten nutzen? Und was passiert, wenn wieder durchgehend Präsenzunterricht stattfinden darf? Diese und andere Fragen zu Digitalität und Schulentwicklung stehen am 7. Mai beim „DSLK Impuls“ zur Diskussion, einer digitalen Zusatzveranstaltung zum Deutschen Schulleitungskongress (DSLK), der im Herbst wieder als Präsenzveranstaltung stattfinden soll – zum insgesamt zehnten Mal. Anlässlich dieses Jubiläums wurde eigens der „DSLK Impuls“ ins Leben gerufen. Digitalstaatsministerin Dorothee Bär wird diesen Impulstag eröffnen.

Viele praktische Tipps, Inspiration in rund 40 Vorträgen und vor allem die Möglichkeit, sich unkompliziert mit den Referentinnen und Referenten und anderen Schulleitungen auszutauschen, das verspricht der DSLK Impuls seinen Besucherinnen und Besuchern aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Anmeldungen sind noch möglich. Das Digitalticket kostet 29,90 Euro.

Hier geht es zum Programm sowie zum Ticketshop.

News4teachers: Sie sagen also, es ist nicht nur eine Frage fehlender Endgeräte.

Bär: Es stehen genügend finanzielle Mittel zur Verfügung, auch für Endgeräte. Es geht bei dem Thema Digitale Bildung aber nicht nur um technische Voraussetzungen, das wäre zu kurz gegriffen. Es muss auch ein Umdenken stattfinden, was digitale Unterrichtskonzepte anbelangt. Wir brauchen dringend neue Lernansätze, da bieten digitale Anwendungen große Chancen. Stundelange Videokonferenzen sind für Kinder ermüdend.

News4teachers: Das heißt, jetzt werden gerade die Weichen für die Zukunft gestellt?

Bär: Wir müssen die Diskussion der letzten Monate auch dafür nutzen, grundsätzlich zu klären, wie die Schule der Zukunft aussehen und wie Bildung in Zukunft gestaltet werden soll. Ich habe bereits vor der Krise gepredigt, dass es dringend neuer Konzepte braucht, um unsere Jugend für die Zukunft auszustatten. Dafür braucht es vor allem engagierte Köpfe aus Schulen und dem Bildungsbereich mit Pioniergeist, die ihre volle Leidenschaft und kreativen Ideen einbringen.

News4teachers: Haben Sie ein Beispiel?

Bär: Ein sehr gutes Beispiel für dieses Engagement war das Barcamp #schuleneudenken im letzten Sommer, bei dem in 32 spannenden Sessions mit über 1.700 Menschen aus ganz Deutschland über das Lernen in einer Kultur der Digitalität diskutiert wurde. Im September fand ein Expertengespräch zur digitalen Bildungstransformation statt, in dem ich mich mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und mit Eltern- und Schülervertretern mich darüber ausgetauscht habe, wie groß die Notwendigkeit für und das Interesse an Veränderungen in der Bildung ist. Die Türen für die Fortentwicklung unseres Bildungswesens in eine digitale Zukunft sind so offen wie noch nie. Diesen Elan und die Veränderungsbereitschaft müssen wir mitnehmen und die Chance nutzen, um nun die Schullandschaft zu verändern. Dann wird die Schule nach der Pandemie nicht nur digitaler, sondern auch besser sein.

News4teachers: Wenn Sie über die Fortentwicklung des Bildungswesens sprechen, meinen Sie dann auch die frühkindliche Bildung?

Bär: Absolut. Digitalisierung kann langfristig nur dann gelingen, wenn wir bei den Kleinsten beginnen. Dabei darf es keinesfalls darum gehen, die Lebenswelt der Kinder vollständig zu digitalisieren. Ich als Mutter von drei Kindern weiß, dass Kinder vor allem durch haptische Erfahrungen lernen – beim Spielen probieren sie sich aus und lernen Neues dazu. Das gilt auch für digitale Angebote. Deshalb ist es wichtig, dass digitales Lernen bereits auch im frühkindlichen Bereich erfahrbar ist, Neugierde schafft, um Fragen zu stellen, und dazu einlädt, sich mit eigenen Ideen einzubringen. Es gibt viele Serious Games, mit denen erstes Erlernen von Buchstaben und Zahlen möglich ist, oder Apps, mit denen sie gemeinsam den Namen eines Baumes oder einer Blume herausfinden können, wenn sie ein Blatt davon gefunden haben. Je früher sich Kinder mit der Logik des Programmierens befassen, desto einfacher baut sich das entsprechende Verständnis auf, daher sollte man auch schon im Vorschulalter damit anfangen.

„Ich glaube, der Unterricht wird aus einer Mischung von Präsenzunterricht und digitalem Lernen von zu Hause aus bestehen“

News4teachers: Sie sind Mutter von drei schulpflichtigen Kindern. Wie erleben Sie die Corona-Krise und vor allem die Schulschließungen?

Bär: Mir geht es da wie vielen anderen im Lande auch: Wir müssen als Familie mit den Umständen fertig werden und dabei sicherstellen, dass trotzdem ein Unterricht der Kinder zuhause möglich ist. Das ist natürlich schwierig und anstrengend, vor allem wenn beide Elternteile berufstätig sind. Kurz gesagt: Es gibt solche und solche Tage. Wie wohl in allen Familien. Aber meine Kinder sind im Großen und Ganzen ganz brav und tapfer.

News4teachers: Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen, wie sieht in Ihrer Vorstellung eine gute (digitale) Schule aus?

Bär: Als Mutter dreier Kinder und Zukunftsfan brenne ich für Bildung im Digitalzeitalter. Jedenfalls müsste die Schule von Morgen so gestaltet sein,  dass die Schülerinnen und Schüler gerne zur Schule gehen. Dafür muss das gesamte Lernumfeld auf den natürlichen Biorhythmus der Kinder und Heranwachsenden eingestellt sein und eine optimale Lern- und Lehratmosphäre herrschen. Hierzu könnte beitragen, dass es zum Beispiel die Möglichkeit gibt, auch einen Tag von zu Hause zu lernen und erst um 9 Uhr zu beginnen. Ich glaube, der Unterricht wird auf absehbare Zeit aus einer Mischung von Präsenzunterricht und digitalem Lernen von zu Hause aus bestehen. Wichtig ist mir auch, dass alle – und vor allem Mädchen – mit Begeisterung IT als „Fremdsprache“ lernen und damit die Grundlagen für Berufschancen in einer zunehmend digitalen Arbeitswelt gelegt werden.

Wir müssen auch den Blick auf die Lehrerinnen und Lehrer richten. Ihnen muss es möglich sein, ihr pädagogisches Potenzial voll ausschöpfen zu können und dabei den Schülerinnen und Schülern zu helfen, sich täglich selbst zu übertreffen. Der Beruf des Lehrers muss wieder einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert haben und mehr Wertschätzung erfahren, sodass es wieder als echter Traumberuf gilt. Und Schulleitungen haben in meiner Vision der Schule von Morgen ein großzügiges Budget, um den Schülerinnen und Schülern eine optimale Ausstattung für den Unterricht zu geben. In den Kultus- und Digitalministerien der Länder sollten die neuesten Entwicklungen zu optimalen Lernbedingungen erforscht und gemeinsam mit allen Akteuren im schulischen Umfeld umgesetzt werden. Partizipation und Teilhabe sind Grundvoraussetzungen in meiner Zukunftsvision.

Kurzum: Ich wünsche mir nur das Allerbeste für unsere Kinder. Sie sind die Zukunft unserer Gesellschaft. News4teachers

Zehn Jahre Deutscher Schulleitungskongress (DSLK) – zum Auftakt gibt’s am 7. Mai den DSLK Impuls

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6 KOMMENTARE

  1. Schon komisch, dass die Partei von Frau Bär seit Jahrzehnten das Kultusministerium in Bayern innehatte – bis vor 3 Jahren. Kommen die Ideen von Frau Bär nicht bei ihrer Partei an? Stürzte nicht Mebis zu Beginn der Pandemie dauernd ab? Wo ist Laptop und Lederhose? Wo sind die Dienstlaptops?
    So innovativ sich Frau Bär auch immer gibt, alles nur heiße Luft – leider.

    • Ich habe von Frau Bär auch noch überhaupt nichts bemerkt. Es war bei ihrer Besetzung wohl Geschlecht, Alter und Partei wichtiger als Befähigung.

      Ihre Qualifikation weist laut Wikipedia ein Diplom in Politologie, CSU-Ämter und drei Kinder aus. Wirklich ernsthaft in einem Beruf gearbeitet hat sie nie, von Digitalisierung, also im weitesten Sinne Technik, Informatik, Mathematik, keine Ahnung.

  2. Zitat:
    „Je früher sich Kinder mit der Logik des Programmierens befassen, desto einfacher baut sich das entsprechende Verständnis auf, daher sollte man auch schon im Vorschulalter damit anfangen.“
    Für die meisten Kinder in diesem Alter wird Programmieren genauso aussehen wie malen nach Zahlen. „Schiebe diesen Block dahin, ergänze dann den nächsten Block, danach noch den Block und dann starte das Programm.“
    Was daran ist Programmieren?
    Kinder sollen im Grundschulalter das vernünftig lernen, was sie immer in jeder Situation brauchen: Lesen (vor allem sinnerfassend), schreiben, rechnen. Im Kita-Alter komplett vom digitalen Endgerät weg. Hatte Steve Jobs ein digitales Endgerät im Kindergartenalter? Nein, und er war trotzdem einer der innovativsten Köpfe in puncto Digitalisierung.

    • @GriasDi

      Die meisten „Senioren“ unter den Digital-Experten und auch die meisten jüngeren Konzerngründer (auch Mark Elliot Zuckerberg) achten darauf, dass ihre eigenen Kinder in jungen Jahren möglichst viel Abstand zur digitalen Welt haben und dementsprechend anders aufwachsen, leben, lernen.
      Das ist bestimmt kein Zufall.

  3. Digitale Medien sind Medien, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dem Primat der Didaktik unterstehen sie genauso, wie analoge Medien. Die Lebenswelt der Kinder ist mit digitalen Medien gefüllt, was den Erziehungsauftrag der Schulen auf den Plan bringt: Medienkompetenz bedeutet nicht nur, digitale Medien nutzen zu können, sondern auch, damit angemessen umgehen zu können. Damit haben wir in den Schulen zum einen ein Lehren und Lernen MIT digitalen Medien und zum anderen eines ÜBER digitale Medien. Alle Themenbereiche erfordern eine kritische Grundhaltung gegenüber dem potentiellen Nutzen und den Gefahren; im Sinne der digitalen Medien sollte eine solche Haltung im günstigsten Falle auch optimistisch sein.

    Gut, dass Frau Bär mittlerweile verstanden hat, dass das Vorhandensein von technischem Gerät und Infrastruktur nur ein Baustein im Bildungskontext ist. Viel wichtiger und dem Lernerfolg zuträglich ist die Professionalisierung der Lehrkräfte, die nicht mit einem Wochenendseminar herbeigeführt werden kann. Außerdem sollten die Rahmenbedingungen vor Ort für Schüler*innen und Lehrkräfte mit Ausstattung und professioneller technischer Unterstützung stimmen.

    Wenn Politiker*innen wie Frau Bär wirklich an einer Schule 4.0 interessiert sind, sollten sie die Dinge zu Ende denken. Eine Passung kostet Geld, Zeit und Feingefühl für die Menschen vor Ort. Weil, die sind nämlich real und unterliegen nicht den virtuellen Gesetzen. Nur damit lässt es sich ja leider nicht so kurzfristig glänzen …

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