Affront? Lorz nimmt Portugiesisch und Chinesisch ins Lehrangebot auf, Türkisch nicht

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WIESBADEN. Hessens Kultusminister Alexander Lorz will das Fremdsprachen-Angebot an den Schulen erweitern. Neben Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch, Altgriechisch und Latein soll in Zukunft auch Polnisch, Chinesisch, Portugiesisch und Arabisch in das Lehrangebot aufgenommen werden – ausgerechnet Türkisch, die meistgesprochene Herkunftssprache nach Deutsch, nicht. Die Arbeitsgemeinschaft der Türkischen Moscheevereine empört das. Die Landtags-Opposition und der Elternbund auch.

Viele Kinder bringen von zu Hause Türkisch-Kenntnisse mit – ist es sinnvoll, die nicht zu pflegen? Illustration: Shutterstock

Türkisch und Griechisch sollten nach einer Forderung der hessischen SPD-Landtagsfraktion in das Fremdsprachenangebot an Schulen aufgenommen werden. «Dazu benötigt die Landesregierung ein Konzept zur Modernisierung des Fremdsprachenangebotes, das sich an den Bedarfen der Eltern und Kinder vor Ort orientiert», sagte der integrationspolitische Sprecher, Turgut Yüksel. Bisher handle die schwarz-grüne Landesregierung an der Lebensrealität der hessischen Bürger vorbei. Man wolle mit dieser Auswahl nicht die türkeistämmigen Bürger und Bürgerinnen kränken, erklärte Kultusminister Lorz (CDU), müsse sich allerdings bei der Zahl der Sprachen beschränken.

Die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Elisabeth Kula, sagte, das Angebot sei nicht ausreichend. Schließlich sei in Hessen Türkisch die wichtigste Herkunftssprache nach Deutsch. «Hier leben etwa 300.000 Menschen türkischer Herkunft. Daher ist es vollkommen unverständlich, warum dieser großen Personengruppe nicht Rechnung getragen und ihre Sprache als zweite oder dritte Fremdsprache in den Schulen angeboten wird», erklärte Kula. Die Sprache sei fester Bestandteil hessischer Multikulturalität. Anno Enners von der AfD widersprach diesen Forderungen. Es sei wichtiger, Holländisch oder Tschechisch zu lehren, sagte er. «Denn mit diesen Sprachen könnte man schließlich die Partnerschaft zu unseren direkten Nachbarn deutlich vertiefen.»

«Wir haben keine plausible Erklärung dafür, dass die türkische Sprache in das  Sprachangebot an Schulen nicht aufgenommen wurde»

Die Arbeitsgemeinschaft der Türkischen Moscheevereine hatte sich vor der Landtagsdebatte in einem offenen Brief an die Landesregierung gewandt. Ihr Koordinator Hüseyin Kurt erklärte darin seine Freude darüber, dass Hessen die Bedeutung der Mehrsprachigkeit erkannt habe. «Wir haben jedoch keine plausible Erklärung dafür, dass die türkische Sprache in diese Erweiterung des Sprachangebots an Schulen nicht aufgenommen wurde», kritisierte Kurt. Er sei sehr enttäuscht und empört darüber, dass die türkische Sprache in diesem Antrag ignoriert werde.

Der Verein Elternbund Hessen bedauerte, dass Türkisch und Griechisch nicht als zweite und dritte Fremdsprache eingeführt werden sollen. Hessen entziehe den Familien die Kommunikation mit ihren Angehörigen in den Herkunftsländern. Dies verhindere, dass die Menschen den wertvollen Schatz der Mehrsprachigkeit ausbauen könnten, erklärte der Verein. News4teachers / mit Material der dpa

Türkei will türkische Schulen in Deutschland: Erdogan-Ideologie für Schüler?

 

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20 KOMMENTARE

    • Auf jeden Fall. Dieser Schritt ist längst überfällig. Herr Lorz ist aber schon lange jenseits von Gut und Böse, da wundert diese Entscheidung nicht wirklich.
      Ich finde er sollte endlich zurück treten.

    • Kann man gerne aufnehmen, aber bitte erst nach anderen, wichtigeren Sprachen wie Chinesisch und Portugiesisch eben.

      Es geht doch hier nicht darum einer in Deutschland lebenden Gruppe, so groß sie auch sein mag, beim Sprachunterricht zu helfen (bitte als Eltern den Kindern die Muttersprache direkt beibringen, bringt viel mehr), sondern sich mit möglichst vielen Menschen in der Welt da draußen kommunizieren zu können. Und da ist Türkisch leider zu unwichtig, sorry.

      • Aber ist es wirklich sinnvoll, dass Zuwanderer aus Spanien, Portugal, China dann eben Spanisch, Portugiesisch oder Chinesisch als FREMDsprache in der Schule wählen? Ist das nicht irgendwie unfair? Die werden sprachlich möglicherweise geübter sein als die Lehrer. Entsprechend für die Türken. Was ist denn der Sinn einer FREMDsprache in der Schule?

  1. „Hessen entziehe den Familien die Kommunikation mit ihren Angehörigen in den Herkunftsländern. Dies verhindere, dass die Menschen den wertvollen Schatz der Mehrsprachigkeit ausbauen könnten, erklärte der Verein.“

    Wenn die Eltern ihren Kindern türkisch auf muttersprachlichem Niveau in Wort und Schrift beibringen würden, ist das Argument mit der Kommunikation Unsinn.

    Ansonsten könnte man Türkisch als zweite Fremdsprache durchaus anbieten, vorausgesetzt man findet geeignetes Personal und genügend Schüler. Die türkischen Schüler sollten die Wahl aber nicht unterschätzen, weil im Fremdsprachenunterricht auch Bücher gelesen und saubere Grammatik gelernt werden muss. Sprachkenntnisse auf „Gehssu Aldi?“-Niveau und flüssig lesen und schreiben mit sauberer Grammatik und Rechtschreibung sind zwei unterschiedliche Hausnummern, zumal Lektüren noch dazu kommen.

    • Wer außer Menschen mit dem entsprechenden Hintergrund würde Türkisch als 2. Fremdsprache wählen? Allein schon aus dem Grund, dass man ggf. bei null anfängt und die anderen sich bereits fließend unterhalten können halte ich es für illusorisch, dass man so Schüler ohne entsprechenden Background ansprechen kann. Klassenbildung läuft oft nach 2. Fremdsprache. Gibt es dann Klassen ausschließlich mit türkeistämmigen Kindern? Ist im Detail nicht so einfach.

      • Türkisch als Fremdsprache ist wohl eher nicht für türkische Schüler gedacht. Und ich glaube, die Schulen werden massive Probleme bekommen, wenn sie der Multinationalität im Sprachenunterricht gerecht werden sollen. Schwierige Sache, aber sicher nicht von der Hand zu weisen. Vielleicht wird die deutsche Sprache irgendwann mal nebensächlich in den Schulen, wer weiß……

        • Türkisch als Fremdsprache nicht für türkische Schüler? Wie will man da auswählen und den Zugang verweigern? Da holt man sich als Schulleitung die Konflikte quasi ins Haus. Vorausgesetzt man würde dieses Problem lösen: Würden Lerngruppen in Klassenstärke zusammenkommen?
          Halte ich für möglich, aber nicht wahrscheinlich.
          Zumal man den Druck und die Macht der Kolleginnen und Kollegen in der 2. Fremdsprachen nicht unterschätzen sollte. Da würde es Widerstand geben. In Hessen muss die Einführung einer neuen 2. Fremdsprache auch durch die Gremien, u.a. von der Gesamtkonferenz abgesegnet werden. Bei rührigen KuK der 2. Fremdsprachen passiert das nie und nimmer.
          Es gibt ja keine einzige Stunde extra, da muss etwas wegfallen.
          Ggf. könnte ich mir ein Angebot im Rahmen der 3. Fremdsprache vorstellen. Da hat man aber wieder die Problematik des Teilnehmerkreises. Das würde dann nach Angebot und Nachfrage gehen. D.h. wenn die Anwahl zu gering ist, findet es nicht statt.
          Eine Fremdsprache in der gymnasialen Oberstufe ist auch für „Muttersprachler“ anspruchsvoll. Ist mitnichten ein Selbstläufer und oft ist die Enttäuschung groß.
          Wie bereits ausgeführt, ich halte das ganze für die Mehrzahl der Schulen für eine Scheindiskussion.
          Ich selbst habe ein zweisprachiges Kind im Kindergartenalter, das eine gängige 2. Fremdsprache spricht. Ich käme niemals auf die Idee, dass es diese als 2. Fremdsprache wählen soll. Die Verbformen, die mit 13 Jahren im Unterricht mühsam gelernt werden, kann es in den Unterhaltungen mit 3 mühelos anwenden.

          • Ein deutscher Schüler würde doch auch nicht „Deutsch als Fremdsprache“ wählen. Deutsch oder Türkisch als Schulfächer haben ganz andere Ansprüche.

        • Je nach Schulstandort wird auf dem Hof in den Pausen alles mögliche gesprochen, aber nicht Hochdeutsch, auch nicht zwangsläufig etwas, was unter Vernachlässigung von Artikeln, Endsilben und Grammatik noch etwas mit Deutsch zu tun haben könnte.

    • „Hessen entziehe den Familien die Kommunikation mit ihren Angehörigen in den Herkunftsländern. Dies verhindere, dass die Menschen den wertvollen Schatz der Mehrsprachigkeit ausbauen könnten, erklärte der Verein.“

      Ich glaube ich krieg einen Föhn: was für eine Frechheit so was zu fordern. Jeder der ins Ausland geht ist bitte selbst dafür verantwortlich die Kommunikation mit Angehörigen in den Herkunftsländern aufrechtzuerhalten. Das ist definitiv keine Aufgabe der deutschen Schulen.

  2. Außerdem wird doch schon seit vielen Jahren an Grundschulen und auch teilweise an weiterführenden Schulen muttersprachlicher Türkischunterricht angeboten, um die Zweisprachigkeit auch grammatikalisch sauber zu ermöglichen. Das gab es sogar schon, als ich vor über 40 Jahren in die Grundschule ging und das ist hier bis heute so.

  3. Eine Erweiterung des Fremdsprachenangebots im Allgemeinen hört sich immer erst einmal gut an. Die Wahrheit ist allerdings, dass die überwiegende Zahl der Schülerinnen und Schüler schon in der 2. Fremdsprache Französisch oder Spanisch scheitert. Hier wird abgewählt, sobald möglich. Eine 3. Fremdsprache ist eine Veranstaltung für motivierte und begabte Schülerinnen und Schüler, die willig sind, sich diese anzueignen. Also für die wenigsten.
    Wo sollen die Lehrer herkommen und was macht man mit denjenigen, die bisher andere Fremdsprachen gelehrt haben?
    Hier geht es um ein Randphänomen und um die Erfüllung der Zusagen der Grünen im Koalitionsvertrag.

    • Am Gymnasium ist die zweite Fremdsprache Pflicht. Wenn man dort dauerhaft genügend interessierte Schüler für türkisch findet, kann man es durchaus einrichten. Die Konkurrenz mit Latein, Französisch, Spanisch darf man nicht unterschätzen. Daher gebe ich Ihnen recht, dass Türkisch als dritte Fremdsprache ab Klasse 9 im Wahlpflichtbereich II und ggf. der Oberstufe die bessere Alternative ist. Dafür allerdings regelmäßig mindestens 20 Schüler zu finden, halte ich für sehr optimistisch. Türkisch ist halt eine Sprache, die außerhalb der Türkei kaum nennenswert gesprochen wird. Auch rein wirtschaftlich gesehen, kommt man global mit portugiesisch und besonders chinesisch viel weiter als mit türkisch.

  4. Wenn es die entsprechenden Lehrer gibt, wäre Türkisch schon eine Alternative als 3. oder 4. Fremdsprache in Klasse 9 oder 11. Gerade im Hinblick auf das spätere Berufsleben ist es in vielen Bereichen sinnvoll, Grundlagen in dieser Sprache zu haben, um sich mit Kunden, Kollegen, anderen Eltern… besser verständigen zu können. Wie schon angesprochen, gibt es in diesem Bereich sowieso nur noch SuS, die freiwillig eine weitere Fremdsprache lernen und für die ist es bestimmt spannend, die Grundlagen der türkischen und der chinesischen Sprache zu lernen. Wenn ich damals die Wahl gehabt hätte, wäre meine Wahl bestimmt nicht auf Französisch und Spanisch als 3. und 4. Fremdsprache gefallen, Türkisch und Chinesisch wären sinnvoller gewesen.

  5. Dennoch: Gerade Moscheevereine halte ich in solchen Fragen nicht für kompetent. Die denken mehr an sich als an das Allgemeinwohl. Es gibt seit langem die Forderung, dass auf Deutsch und nicht auf Türkisch gepredigt wird. Das wird einfach mit allerlei Ausreden (und dem Segen von Erdogan) ignoriert. Man muss auch politischen Druck aus Ankara befürchten. Es wäre wohl günstiger, die Liste der Fremdsprachen klein zu halten, weil ohnehin nicht jede Schule alles anbieten kann. Wir haben schon genug Chaos. Entlang der Grenzen finde ich holländisch, dänisch, polnisch usw. okay.

  6. „Man wolle mit dieser Auswahl nicht die türkeistämmigen Bürger und Bürgerinnen kränken, erklärte Kultusminister Lorz (CDU), müsse sich allerdings bei der Zahl der Sprachen beschränken. “
    Er hat es doch stichhaltig begründet. Die Einschätzung, ob es sich lohnt, eine bestimmte Fremdsprache ins Angebot aufzunehmen, erfolgt nach unterwschiedlichen Kriterien.
    Chinesisch ist die verbreitetste Muttersprache weltweit und mit einer uns sehr „fernen“ Kultur verknüpft. Als 3. oder 4. Fremdsprache somit durchaus eine sinnvolle Idee, das Lernen den Schülern, die wollen, zu ermöglichen.
    Portugiesisch ist in Brasilien und Portugal Muttersprache, gehört erbenso zum Kanon der romanischen Sprachen und mit wertvollen kulturellen Aspekten verknüpfbar.
    Türkisch hingegen sollte im Rahmen des herkunftssprachlichen Unterrichts angeboten werden. In NRW ist es mögliche Fremdsprache, mit dem Effekt, dass es sich viele türkischsprachige SchülerInnen bequem machen und eine ihnen bereits (teils) bekannte Sprache als „Fremdsprache“ lernen. Die anderen SchülerInnen wählen großteils jedoch andere Fremdsprachen an, sodass das ganze projekt recht witzlos ist und mitunter dafür sorgt, dass essentielle Fremdsprachen wie Französisch (wichtigster Handelspartner) oder Spanisch (zweithäufigste Muttersprache) von weit weniger SchülerInnen beherrscht werden.

    • Wie gut ist eigentlich das muttersprachliche Türkisch der türkischen Schüler?

      Wenn ich es mit ähnlich sozialisierten deutschen Schülern vergleiche, befürchte ich eine deutliche Korrelation aus Bildungsnähe und Sprachqualität. Das mit der Bequemlichkeit könnte sich rächen, wenn mal tatsächlich Grammatik und Lektüre verlangt wird.

  7. Mit Türkisch kann man ausser in der Türkei gar nichts anfangen. Da würde ich auch eher Portugisisch lernen.

    • Genau so ist es. Was hier vergessen wird in der Diskussion ist, dass man Fremdsprachen lernt, um sich in möglichst vielen Ländern verständigen zu können. In Deutschland reicht da nach wie vor Deutsch aus, auch wenn man in manchen Stadtvierteln vielleicht nur noch mit Türkisch weiter kommt. Aber darum geht es nicht, denn alle die hier in Deutschland wohnen lernen bitte Deutsch!

      Gehe ich ins Ausland, insbesondere für längere Zeit, lerne ich selbstverständlich die Landessprache vor Ort, alles andere ist Beiwerk.

      Über eine Milliarde Menschen sprechen Chinesisch, ja, vielleicht nicht alle Mandarin, aber gut, selbst jeder Dialekt kommt locker, locker, locker auf das 10 fache als Leute die Türkisch sprechen. Und auch Portugiesisch ist dank Brasilien definitiv weiter verbreitet als Türkisch.

      Ziemlich einfache Sache und korrekte Entscheidung Türkisch nicht Chinesisch und Portugiesisch vorzuziehen.

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