Lorz entfacht neuen Streit um „Schreiben nach Gehör“. GEW ist empört

34

WIESBADEN. Es gibt die Umgangssprache, die Jugendsprache oder die Bildungssprache. Damit können wir Dinge auf den Punkt bringen und erklären – das will aber gelernt sein. Kinder und Jugendliche sollen dabei nun besser unterstützt werden, in Hessen jedenfalls. Nicht alle sind allerdings von dem Konzept überzeugt, zumal darin (mal wieder) der alte Streit um «Schreiben nach Gehör» – und damit um die Verantwortung der Grundschullehrkräfte für angeblich zurückgehende Rechtschreibkompetenzen von Schülern  – neu befeuert wird.

Sind Grundschullehrkräfte zu doof zum Unterrichten? Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) meint, ihnen eine Methode verbieten zu müssen. Foto: HKM/ Patrick Liste

Hessen will Schülerinnen und Schüler beim Deutschlernen und im Umgang mit der Sprache stärker unter die Arme greifen. Mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket solle ihre bildungssprachliche Kompetenz gefördert werden, sagte Kultusminister Alexander Lorz (CDU) am Donnerstag in Wiesbaden. Jedes Kind solle vom ersten Tag an im Unterricht mitreden und Kontakte knüpfen können. «Dafür ist das Erlernen der deutschen Sprache von entscheidender Bedeutung.» Ohne entsprechende Kenntnisse sei die Schullaufbahn von Beginn an mit einer «schweren Hypothek» belastet.

Das Maßnahmenpaket nimmt dem Ministerium zufolge Kinder mit und ohne Migrationsgeschichte in den Blick und umfasst alle Bildungsstationen, von Vorschulkursen über die erste Klasse bis zu den Abschlussjahrgängen. Grundlegende Sprachfertigkeiten sollen dadurch gestärkt werden, ebenso die Lesekompetenz sowie die Fähigkeit, mit Texten und Sprache umzugehen. Das Paket sei auch ein wichtiger Baustein für mehr Chancengleichheit und angesichts der Folgen der Corona-Pandemie auf den Schulbetrieb wichtiger denn je, so Lorz.

Zu den Maßnahmen gehören Pflichtkurse vom kommenden Schuljahr an für alle Kinder im Vorschulalter mit Deutschproblemen. Fehler sollen in der ersten Klasse – ab dem zweiten Schulhalbjahr – korrigiert werden. Lernmethoden wie «Schreiben nach Gehör» sind nicht zulässig (tatsächlich existiert eine solche Methode gar nicht; gemeint ist offenbar „Lesen durch Schreiben“). In den vierten Klassen wird es eine zusätzliche Deutschstunde geben.

«Bildungssprache ist wichtig, um zu beschreiben, zu erklären, zu analysieren, zu erörtern, zu begründen und Schlüsse zu ziehen»

Zum Schuljahr 2022/23 soll verbindlich eine verbundene Handschrift angewendet werden. Dann gilt auch ein Grundwortschatz, den alle Kinder bis zum Verlassen der Grundschule kennen müssen. In den Jahrgangsstufen 9 und 10 soll ein Fehlerindex eingeführt werden, der die Benotung beeinflusst. Allein für die Extra-Deutschstunde und die Vorschulkurse sind laut Ministerium insgesamt 310 neue Stellen vorgesehen. Eingeplant sind außerdem Maßnahmen zur Leseförderung, Aus- und Weiterbildungsangebote für Lehrer und Projekte mit der Stiftung Lesen und der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt.

Die Bildungssprache sei neben der Umgangs- oder Jugendsprache eine Anwendungsform der Sprache, erläuterte der Vorsitzende der Frankfurter Stiftung, Roland Kaehlbrandt. Diese «gibt uns Instrumente an die Hand, um zu beschreiben, zu erklären, zu analysieren, zu erörtern, zu begründen und Schlüsse zu ziehen.» Das müsse aber gelernt und geübt werden. Hintergrund des Maßnahmenpakets ist dem Ministerium zufolge eine – auf Initiative Hessens – Ende 2019 ausgesprochene Empfehlung der Kultusministerkonferenz zur Stärkung bildungssprachlicher Kompetenz.

«Massiver Eingriff in die pädagogische Freiheit der Lehrkräfte, der letztendlich auf die Schülerinnen und Schüler zurückfallen wird»

Kritik kam von der GEW. Mehrere der angekündigten Maßnahmen wiesen in die falsche Richtung, behinderten einen erfolgreichen Spracherwerb eher. Statt die Rahmenbedingungen an den Grundschulen zu verbessern, hagele es nun Vorgaben, monierte die Vorsitzende der Landesfachgruppe Grundschulen, Susanne Hoeth – augenscheinlich das Verbot von «Schreiben nach Gehör» (aka «Lesen durch Schreiben») im Blick.

Ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer wüssten am besten, wie sich der Erwerb der Schriftsprache unter den konkreten Bedingungen vor Ort erfolgreich gestalten lasse. «Der Minister plant anscheinend einen massiven Eingriff in die pädagogische Freiheit der Lehrkräfte, der letztendlich auf die Schülerinnen und Schüler zurückfallen wird», kritisierte Hoeth. Ungelöst ist laut GEW ungeachtet des Pakets auch der Lehrkräftemangel an den Grundschulen im Land. News4teachers / mit Material der dpa

Lesen durch Schreiben

Der Streit um „Lesen durch Schreiben“ geistert seit Jahren durch die Bildung – schon 2016 schrieb die GEW Rheinland-Pfalz dazu einen offenen Brief an die Bildungspolitiker im Land, der augenscheinlich nichts an Aktualität eingebüßt hat. Darin heißt es:

„Mit Hilfe der Methode ‚Lesen durch Schreiben‘ orientieren sich die Kinder beim Schreiben am Sprechen. Durch die Benutzung einer Anlauttabelle versuchen sie, Wörter selbstständig zu schreiben. Zusätzlich erlernen die Schülerinnen und Schüler an den Grundschulen selbstverständlich die notwendigen Regeln und Normen der deutschen Rechtschreibung. Letztendlich dient diese Methode dazu, Schülerinnen und Schüler zum selbstständigen Schreiben zu motivieren.

Laut Sicht der CDU hat diese Methode Schuld daran, dass die Kinder nicht mehr richtig lesen und schreiben würden. Es erscheint so – liest man die derzeitigen CDU-Publikationen –, als sei dies das zentrale Problem der Bildungspolitik. Dabei wird vergessen, dass diese Methode seit vielen Jahrzehnten an Grundschulen angewandt wird und in der Fachwissenschaft anerkannt ist. Was die Kolleginnen und Kollegen ärgert, ist nicht nur, dass man eine Methode verbieten möchte, sondern auch, dass suggeriert wird, sie seien daran schuld, dass die Lese- und Rechtschreibkompetenz der Schülerinnen und Schüler immer schlechter werde. Letztendlich wird generell ihre fachliche und methodische Kompetenz hinterfragt. Dies hat es in dieser Form bisher noch nicht gegeben.

Es ist bisher einmalig, dass eine fachwissenschaftlich fundierte und anerkannte Methode, die seit vielen Jahren in der Praxis erprobt wurde und angewandt wird, verboten werden soll. An nur wenigen Schulen wird diese Methode jedoch in „Reinform“ angewandt, was die Kritik und die angeblich negativen Auswirkungen dieser Methode noch weiter relativiert. Es ist an der Zeit, die Grundschulkolleginnen und -kollegen vor diesen Angriffen in Schutz zu nehmen und sie vor Bevormundung zu bewahren.“

Hier geht es zum vollständigen Schreiben.

„Deutschland verlernt das Schreiben!“, titelt der „Spiegel“ (mal wieder) – was dem der Grundschul-Didaktiker Brügelmann entgegenhält

Anzeige


34 KOMMENTARE

  1. Ich weiß nicht, mir ist das Thema ein wenig fad … mag vielleicht jemand diskutieren über „Schreiben nach Gehörn“?

    Boviden-Druckschrift hat sich immerhin seit Jahrmillionen auf fast allen Kontinenten tiefgründig eingeprägt und wird als lingua franca bereits von sämtlichen Rindern, Schafen, Ziegen und selbst Antilopen weltweit benutzt. Also was läge näher als sich an diesen Vorreitern der Kultur zu orientieren.

  2. Ganz ehrlich, ich sage Herrn Lorz an dieser Stelle ein dickes und ehrliches DANKE!!!!
    Mein Kind hat unter Lesen durch Schreiben gelitten. Es wollte gerne richtig schreiben, aber wenn es gefragtvhat, dann wurde immer nur gesagt, schreib was du hörst. Super Idee bei „Garage“.
    Durch eine Berarbeitungsstörung im Gehirn spiegelte Kind die Wörter, scjrieb mal von recht navh links mal umgekehrt, dazu noch spiegelverkehrt. Konnte kein Mensch lesen, aber ist ja nicht schlimm. Erst, als ich mich durchgesetzt habe und Kind die vetnundene Schreibschrift beibrachte, hatte der Spuk ein Ende. Naja, wenn Kind (jetzt 8. Klasse) jetzt Druckschrift schreiben muss, dann passiert das immer noch. Nicht mehr so stark, aber immer noch werden Buchstaben gespiegelt. Aber es gsb regelmäßig Stress und Ärger, wril Kind nicht gedruckt hat, inkl. Notenabzug.
    Hätte ich mich damals nicht über die LuL hinweg gesetzt, dann hätte Kind den LRS Stempel bekommen (es war ganz knapp davor, die verantwortliche Psychologin hat es mir bestätigt).

  3. Mein Gott, ich habe heute vormittag einen Post in einem anderen Zusammenhang verfasst, in dem ich darauf hingewiesen habe, dass der grassierende Schwachsinn der KMs doch so langsam Male ein Ende finden müsste…war dann selber zu dem Schluss gekommen, dass man denen nur ein wenig Zeit geben muss, damit sie sich selber toppen.

    Volltreffer!! (und das Ganze ohne die vielzitierte Kristallkugel der Frau G. aus D.)

    Herr Lorz beweist wieder einmal, dass er von Schule, Lernen, Schrift- und Spracherwerb und den dazu geeigneten Prozessen keine Ahnung hat…ist aber bereits dabei, das Ganze wieder in einen Erlass zu gießen.

    Verbindende Schrift ist vor zig Jahren in NRW diskutiert worden – aber sinnvoller Weise an der Praxis gescheitert (ich glaube, da war ne Landtagswahl dazwischen, sodass die zuständige KM ausgetauscht wurde)
    Schreiben nach Gehör …. produziert die unfassbaren Massen an Fehlern in der Rechtschreibung, die ich z.T. noch in den Abiturklausuren zu lesen bekomme…Ja, shit…Schreiben lernen ist ein wiederholungsintensiver Vorgang, der sich an bestimmten Regeln orientiert…falsch erlernte Rechtschreibung ist nur schwer wieder abtrainierbar…Fehler setzen sich im Kopf fest…bestimmte Regeln werden zunehmend außer Kraft gesetzt – hinzu kommen dann die grammatikalischen Regeln, die der Orthographie den Todesstoß versetzen… „komma, dass-Regeln sind bei unfassbar vielen SuS nicht mehr existent….wozu auch….“könnte doch ein Relativsatz sein…mehr habe ich keine Lust mir zu merken“…

    Befreundete Grundschullehrer*innen berichten mit aufgestellten Nackenhaaren von den Zeiten, als die SuS so schrieben, wie sie es gehört hatten…

    Abär, das isst jah alles kain Proplem – solangä där Lesende wais, wass ich hia maine.

    • btw. die Rechtschreibfehler, die ich hier eingebaut habe, dürfen nach der Indentifizierung mit nach Hause genommen werden. 😉

    • @Andre Hog

      „Die Bildungssprache sei neben der Umgangs- oder Jugendsprache eine Anwendungsform der Sprache, erläuterte der Vorsitzende der Frankfurter Stiftung, Roland Kaehlbrandt.“

      Roland Kaehlbrandt?
      Sagte mir bis gestern nix, mal kurz gegoogelt.
      „Weltbürger“, zuhause auch in vielen Stiftungen, hoffentlich hat er selbst da noch den Überblick.
      Bertelsmann nimmt auch einen großen Raum in seiner Vita ein. Mitarbeit bei einem Diesterweg-Stipendium für Kinder und Eltern oder dem Großen Diktatwettbewerb …
      Klingelt’s? (Das wird es bei den üblichen Playern in der Kasse tun.)
      https://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Kaehlbrandt

      • Sehr geehrte Kollegin, sehr geehrte Kollegen,
        Prof. Kaehlbrandt leitet die Stiftung der Polytechnischen Gesellschaft, die in der Tat sehr beachtliche Beiträge zur Frankfurter Bildungslandschaft leistet.
        Diese Stiftung nicht zu kennen ist zumindest für Menschen, die im Bildungsbereich in Frankfurt tätig sind, kein Ruhmesblatt.
        Und Herrn Prof. Kaehlbrandt, Sprachwissenschaftler sollte man auch kennen…

        • @Tilmann Stoodt

          Ganz bescheiden haben Sie vergessen 😉 , dass man Sie dann wohl auch kennen sollte?

          Immerhin sind Sie (laut „Linked in“) u.a. selbst Mitglied des Aufnahmeausschusses der Polytechnischen Gesellschaft Frankfurt.

          Ok, zwar sind Sie da „nur“ als Ehrenamtler aufgelistet, aber die Ehre bringt ja auch so manch nettes Gespräch beim Stehcafè und notfalls geht man auch – dank Catering – nicht alle Tage hungrig ins Bett.
          Und wenn man ehrlich ist, jaja, das Schönste sind doch die Sozialkontakte! Seit Corona haben wir alle gelernt, wie wichtig die sind – das darf man nicht unterschätzen!
          😉
          Ich gönne es Ihnen von Herzen und finde, man muss da auch zu eigenen und sicher in der Tat sehr beachtlichen Beiträgen stehen.

          PS.:
          „Vergesslichkeit“, wie Sie sie hier dargeboten haben, ist – wenn ich Sie mal zitieren darf – „zumindest für Menschen, die im Bildungsbereich in Frankfurt tätig sind, kein Ruhmesblatt.“
          Aber hinderlich wird sie auch nicht sein, diese „Vergesslichkeit“ …

          Man darf außerdem nicht vergessen, dass Ihr Beitrag in diesem Lichte schon ein … nun ja … etwas anderes Bild schafft.
          Trotzdem:
          Netter Versuch …. 🙂

  4. Da kommen ja auch mal gute Nachrichten aus Wiesbaden, immerhin.
    Und selbstverständlich würde ich mit meinem Kind die korrekte Rechtschreibung üben, falls eine Lehrkraft auf den Gedanken verfiele „Lesen durch Schreiben“ zu praktizieren. Ich hätte gerne einen Beleg und eine Erklärung für die Behauptung der GEW im obigen Schreiben, die Methode sei „fachwissenschaftlich fundiert“. Für mich ist das unterlassene Hilfeleistung.

  5. Man sollte sich doch daran orientieren, welche Methode zum größten Erfolg geführt hat, ganz einfach….

    Mir erschließt sich nicht, wieso nicht von Anfang an Fehler korrigiert werden sollen, eine „Fehlerkultur“ sollte dabei helfen- in dem Sinne: Fehler können jedem passieren, wir sind in der Schule dazu da, sie zu berichtigen.
    Im Gegenteil, immer und in ALLEN Fächern sollten durchgehend alle Fehler IMMER korrigiert aber nicht immer bewertet werden.Bewertet werden sollte das, was ausführlich behandelt und gelernt wurde.

    In allen Bereichen gilt es Regeln zu beachten, warum soll den Kindern am Anfang suggeriert werden, dass das beim Schreiben erstmal nicht so wichtig ist? Das halte ich für den größten Fehler der letzten Jahre.
    Maßgeblich für die Methode muss doch das Ziel sein, und das ist doch wohl regelkonformes Schreiben und nicht „“wildes Schreiben“.Ich frage mich ernsthaft, wer sich sowas ausgedacht hat.

    Jeder Hirnforscher wird auf die Wichtigkeit hinweisen, es von Anfang an richtig zu lernen und die Schwierigkeit, falsch angewandte Dinge wieder umzulernen.Die Kinder sind später die Leidtragenden.

    Darum finde ich es vollkommen richtig, dass diese fragwürdigen Methoden, auch dieses unsinnige zuerst Druckschrift schreiben lernen z.B., verboten werden.
    ES BRINGT NICHTS !!!!
    Ich empfehle, immer vom Ziel aus zu denken.Wir können eben nicht immer nach Gehör schreiben, und Ziel ist eben auch eine ordentliche Schreibschrift.Sehr oft habe ich erlebt, dass Kinder auch in höheren Klassen in Druckschrift schreiben, da der Übergang zur Schreibschrift nicht funktioniert hat.Wozu aber auch dieser Umweg? Druckschrift sollen sie doch lesen, aber Schreibschrift müssen sie schreiben….

    Fazit: Recherchieren, was haben diese Methoden gebracht? Und Schlussfolgerungen daraus ziehen!!!

  6. Dass ich nochmal, und sei es nur mit vielen Vorbehalten, einem deutschen Bildungsminister zustimmen muss. Aber Lesen durch Schreiben, da wissen die meisten Kolleginnen und Kollegen aus der täglichen Arbeit, ist ein Konzept für den didaktischen Mülleimer. Noch an meiner Q1-Korrektur kann ich erkennen, wer danach unterrichtet wurde.

  7. Mich nervt das Entweder-Oder bzgl. der Methodendiskussion! Ich habe doch verschiedene, um sie entsprechend meines Zieles auszuwählen!!!

    Beim freien Schreiben, sollten die Gedanken fließen können. Dann schreibt man erstmal nach Gehör, ca 50% des Grundwortschatzes eines Grundschülers sind dann richtig, sprich lauttreu. Am besten gelingt dies, wenn die Kinder das Silbieren beherrschen und beim Schreiben die Silben mitsprechen. Nach dem Entwurf wird dieser natürlich überarbeitet, denn der Leser und auch der Schreiber wollen ihn auch gut lesen können, das gelingt eben besonders leicht, wenn alle Wörter richtig sind. An dieser Stelle haben dann Methoden zur Rechtschreibung ihren Platz: Wörterbucharbeit, weitere Rechtschreibstategien (neben dem lauttreuen Schreiben) wie Weiterschwingen, Ableiten, Merken).

    Dies macht natürlich alles erst Sinn, wenn die Kinder die wichtigsten Buchstaben und die passenden Laute gelernt haben und dieses auch zu Silben zusammensetzen können. Sinnvolles Schreiben und Lesen „ausschließlich“ mit Anlauftabelle, das halte ich für den eigentlichen „Fehler“. Wer darauf allein setzt produziert auch wissenschaftlich gesehen ungünstige Bedingungen für das Schreiben: die Wörter zerfallen in Buchstaben und sind eventuell mit den passenden Anlautbildern dermaßen eng verknüpft, dass das Denken quasi über diese „Extraschleifen“ im Gehirn dreht. Empfehlung der Wissenschaft deshalb: Anlautbilder nur zur Einführung der Buchstaben nutzen, nicht überlernen, sollten schnell wieder vergessen werden!

    Kinder, die sich beim Abspeichern von passenden Graphem/Phonem-paaren schwertun, können viel besser mit Lautgebärden unterstützt werden! Jedes Lars-Fördermaterial basiert darauf und eigentlich fast alle neu aufgelegten Materialien für die 1. Klasse nehmen diese auf, dank Inklusion, so profitieren alle Kinder davon, ohne vielleicht vorher sich einen „Stempel“ geben lassen zu müssen!

    Überhaupt: welche Schule arbeitet denn komplett ohne Schulbücher!? Deutschunterricht besteht aus 4 Kompetenzbereichen und die werden alle in den Büchern behandelt! Auch der Bereich „Richtig schreiben“. Ich mache dich nicht ausschließlich nur eines, hoffentlich!

    Wie schon oben begonnen: beim freien Schreiben sollten Kinder sich (zunächst) nicht von Fehlern stören lassen, aber fragt ein Kind, schreibe ich das Wort natürlich einfach an die Tafel. Hinterher, zur besseren Lesbarkeit, werden Fehler überarbeitet! Dafür eignet sich z.b. das Projekt Veröffentlichung „Veröffentlichung“!

    Vielleicht hat der Minister auch im Originaltext anders und eindeutiger formuliert: quasi Einseitigkeit verboten! Das würde ich für alles fordern! Deutschunterricht darf auch nicht nur aus Diktaten bestehen! Aber das steht ja eigentlich alles im Kerncurriculum und wie gesagt, wer Lehrwerke (zumindest als grobe Orientierung) benutzt, hat da alles drin, nichts Einseitiges!

    • Sehr geehrte Frau Hamm,
      vielen Dank für Ihren Beitrag, genau so sehe ich es auch und praktizieren es so.

      Freies Schreiben („Schreiben nach Gehör“ ) hat in der Aufsatzerziehung seinen Platz, damit der Gedankenfluss zunächst nicht gebremst wird – so machen es doch auch viele Erwachsene im ersten Entwurf. Fehlen die Kommata, gibt es eventuelle Tippfehler, dann werden diese beim ersten Korrekturlesen nachgetragen/verbessert.
      Diese Technik erlernen die SuS beginnend in der Grundschule spiralcurricular über neun Schuljahre.
      Ebenso sollen sie die Rechtschreibung und Grammatik und das Lesen in den ersten neun Schuljahre trainieren.

  8. Wenn ich es mit meiner Kindheit vergleiche, hatten wir einen ganz anderen Deutschunterricht. Die Schrift wurde bewertet, es wurde richtig viel geübt, Grammatik wurde richtig gründlich gelernt. Rechtschreibung ebenso. Heute sehen wir dass der heutige Deutschunterricht, den die Kinder in der Grundschule bekommen, die Basis ist, auf die Grundschüler in der weiterführenden Schule aufbauen. Das gilt allerdings auch für einen fehlerhaften Deutschunterricht mit Mängeln.Das Lernen nach Anlauttabelle (nach Gehör) finde ich total unzureichend, da ist man auch abhängig vom gesprochenen Dialekt

  9. Meine Kinder haben sich mithilfe des TipToi-Buchs „Erste Buchstaben“ das flüssige (!!!) Lesen noch vor der Schule selber beigebracht. Nicht weil ich das so wollte (wäre da gar nicht drauf gekommen, sie in die Richtung zu triezen) sondern weil sie von ganz alleine nach jahrelangen Vorleseabenden unbedingt selber lesen können wollten.

    Jetzt in der Grundschulzeit ist es ihnen wichtig, dass sie die Wörter möglichst richtig schreiben. Noch nie habe ich von ihnen gehört, dass es ihnen egal ist, wie etwas geschrieben wird. Ganz im Gegenteil, sie fragen mich oder schauen selber ins Grundschulwörterbuch wenn sie nicht wissen, wie etwas geschrieben wird. Dabei hat K1 sogar noch den unsäglichen schreib-einfach-wie-du-willst-Blödsinn mitbekommen (und für sich selber angewidert abgelehnt).

    Was mir zeigt, dass es unheimlich wichtig ist, Kinder schon im Kleinkindalter für Bücher zu begeistern. Das Interesse an der Sprache und auch der richtigen Schreibweise kommt dann (zumindest bei einigen Kindern) von ganz alleine.

  10. Mir wurde von der Grundschullehrerin meines Sohnes damals gesagt, es gäbe nur 5 Rechtschreibregeln, von denen sie mir 3 aufzählen konnte…. Schreibschrift müsse man nicht beibringen, hat sie also auch nicht gemacht. Hätte ich meinem Kind nicht selbst – alleinerziehend und berufstätig mit 2 Kindern – die korrekte Rechtschreibung beigebracht, hätte er jetzt große Probleme im Gymnasium. Trotzdem fehlen ihm manche Dinge, die man einfach nicht mehr aufholen kann. Und jetzt wird er weiterhin mit Notenabzug bestraft????? Er? Wie wäre es denn mal mit Gehaltsabzug für die Lehrerin??? Oder einer Qualitätssicherung für Lehrende? Ich werden in meinem Job auch qualitätsgeprüft. Vierteljährlich. Wer Fehler macht, fliegt raus. Das wäre mein Vorschlag.

    • Richtig, Mutter.

      So einen Fall kenne ich auch. Da fragte eine Grundschullehrerin in einer Schulversammlung, ob man nicht auf die Vermittlung einer Schreibschrift verzichten könne, das sei so mühselig und manche täten sich so schwer damit.

      Ja, aber wann und wo sollen die Kinder das denn lernen, wenn nicht in der Schule? Bzw. wofür werden Deutsch-Grundschullehrer denn bezahlt? Damit sie nur beibringen, was leicht ist und allen Kindern Spaß macht?

      • Wofür Grundschullehrer bezahlt werden? Haben Sie doch in der Pandemie gesehen! Dafür den Eltern die Kinder wegzubetreuen, damit die Eltern Spaß haben! Bildung ist überbewertet.

  11. Tja, will man vom katastrophalen Pandemie Management ablenken, holt man `alte Kamelle` raus.
    Bewährtes Mittel der Politik.
    Kompetenz sieht anders aus.

    • Danke, das war auch mein Gedanke,
      schnell mal eine Nebelkerze gezündet,
      dann fragt auch keiner mehr danach, ob die Schule überhaupt ausgebildete Lehrkräfte für den Unterricht hat, wie der Unterricht für Benachteiligte ausgestattet ist oder welche anderen Spareinheiten den Unterricht täglich nachteilig beeinflussen.

      Aber wenn man eine Methode „Schreiben nach Gehör“ verbietet, bleibt die Methodenfreiheit ja vorhanden, Lehrkräfte, die sich auskennen, wissen ja, dass es die benannte Methode gar nicht gibt und auch nie gab,
      allerdings auch, dass eine gute akustische Wahrnehmung und Verarbeitung für die Alphabetisierung grundlegend sind und sich durchaus viele Schwierigkeiten ergeben, wenn hier Probleme vorhanden sind.

  12. Also auf den ersten Blick finde ich vernünftig, was da an Maßnahmen ergriffen werden soll. Der Aufschrei ist mir unverständlich. Gerade in der Grundschule wird viel zu wenig geübt und viel zu gerne irgendwas Schönes, Spaßiges gemacht, aber darunter leidet das notwendige Üben. Sind die Leistungen dann schlecht, rufen Lehrer gerne nach den Eltern und erinnern sie an ihre Verantwortung.

    Seltsam finde ich, dass man sich über das Verbot des Schreibens nach Gehör ausspricht. Angeblich hat es doch so ein Prinzip nie wirklich gegeben?!?

    • @Flunkerhase

      Bitte schauen Sie oben auf der Seite:
      Unter dem großen „NEWS4TEACHERS“-Logo steht „Startseite“.
      Jetzt schauen Sie bitte weiter rechts … weiter … weiter … da kommt dann das Wort „Pressemeldungen“.
      Fein.
      Jetzt heißt es „Schau genau!“, denn da findet sich noch weiter rechts diese niedliche kleine Lupe.
      Sobald Sie die Lupe anklicken, öffnet sich so ein kleines Eingabefenster. Bestimmt haben Sie von so etwas schon gehört.
      Da kann man Suchbegriffe eingeben. Probieren Sie einmal – ich erlaube mir nur beispielhaft einen Vorschlag – „Schreiben nach Gehör“. (Das passt gerade so gut zum Thema und zu Ihrer Frage.)
      Und dann auf „Return“ klicken.
      Sie glauben gar nicht, wie schnell da ganz viele Artikel erscheinen, die Sie weiterbringen.

      Das funktioniert auch mit jedem anderen Thema.
      Dann kann man sich informieren, wenn man hier auf der Seite wirklich noch recht neu dabei ist.
      Dann kann man notfalls auch aufhören so zu tun, als ob man
      – nicht im Thema wäre
      – wirklich keine Nebelkerzen zünden und die langsam fade werdenden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen starten wollte.
      (Bitte suchen Sie sich aus, was auf Sie zutrifft.)

      Gern geschehen.
      🙂

      • @Pitti, danke für die umständliche, nervige Beschreibung. Brauch ich aber nicht. Haste leider Zeit sinnlos verplempert. Och menno ……….. aber unlängst las ich hier, man solle kein Blatt vor den Mund nehmen. Na denn, Pitti (Platsch?)!

  13. Was war an der ‚alten‘ Methode ganze Wörter zu lernen falsch?

    Mein Sohn hat in der Grundschulzeit 1-3 nach Gehör geschrieben (Frankfurt, keine Korrektur und durch Multikulti sogar noch variabel) Nach einem Umzug nach Rhld.-Pf. in der 4. endlich eine engagierte Lehrerin, die uns geholfen hat das Schlimmste auszubügeln.
    Kinder lassen sich leider nur beschränkt von den Eltern bei Sowas verbessern – Zitat: Mama der Lehrer kann das besser als du.

    Die Deutschlehrer ab der 5. Klasse sind fast verzweifelt daran. Wir haben nur mit energischem Üben und einem monatlich stattfindenden Diktat ab der 8. Klasse endlich keine Rechtschreibfehler mehr gehabt.
    Unsere Tochter hat diesen Schreibunfall nicht mitgemacht, dafür kam die Lehrerin auf die Idee ab Mitte 3. Schuljahr gar keine Rechtschreibung mehr mit den Kindern zu machen. Ergebnis: die Leistungen der gesamten Klasse wurden zusehends schlechter.

    Es scheint sich bei Einigen noch nicht rumgesprochen zu haben, daß es viel Ausdauer kostet, wenn sich der Fehler mal festgesetzt hat, diesen dann auch wieder wegzukriegen.
    Warum wird dann nicht von Anfang an auf richtige Rechtschreibung geachtet?
    Die Energie, die es braucht, bis Fehler beseitigt sind könnte man dann auch gut für andere Lerninhalte verwenden.

    Übrigens:
    Ich habe vor Jahren mal gelesen, der Verursacher wäre nicht mal Pädagoge gewesen, sondern ein Mann, der Kindern seine frustrierenden Erlebnisse mit der Rechtschreibung ersparen wollte.
    (War ein mehrseitiger Artikel im Focus, bei dem es um die katastrophalen Rechtschreibkenntnisse unserer Kinder ging.)

    Hoffentlich wird auch die Idee auf Handschrift zu verzichten nicht umgesetzt. Alles was manuell bei Kindern stattfindet ist ein wichtiger Baustein fürs Gehirn. Das fängt schon beim richtigen Halten des Stiftes und dem ordentlichen Umgang mit einer Schere an und lässt sich noch in andere Bereiche übertragen.

  14. Seit 40 Jahren bin ich zum ersten Mal mit irgendeiner Entscheidung der wechselnden KMs voll und ganz einverstanden.
    Auch herzlichen Dank an die Community hier, die bereits schlüssige Erklärungen und Begründungen für die Richtigkeit der Lorz’chen Entscheidung geliefert haben!

  15. Wieso wird hier nur über eine Schreiblernmethode gesprochen?

    Es geht doch viel weiter: Wenn man nicht liest, lernt man Wörter nicht zu schreiben. Wenn Kinder nicht von zuhause aus mit Büchern, Zeitschriften etc. (egal, ob digital oder aus Papier) in Berührung kommen, prägt sich natürlich ein „Ich libe dich“ eher ein als die Verlängerungs-Regel.

    Um die fehlende Lesezeit in der Schule aufzufangen, gibt es leider keine Kapazitäten. Da muss man sich mal überlegen, ob System Schule genug finanziert wird, nicht, ob eine einzelne Methode Schuld an einem gesellschaftlichen Problem hat!

    • Sorry, Sophia, es heißt Lesen durch Schreiben und nicht umgekehrt !
      Selbstverständlich hilft das eigenständige Lesen dabei, ein Rechtschreibgespür zu entwickeln, d.h. das Kind „merkt“, dass das Wort falsch aussieht. Erst dann kann es auf die Idee kommen nachzufragen, oder eine Rechtschreibstrategie anzuwenden!
      Abschreiben, wöchentliche Kurz- oder Wörterdiktate, Rechtschreibgespräche und ständige zeitnahe Korrektur sind hilfreich.
      Ich bin sogar dazu übergegangen, Geschichten im Sitzkreis mündlich erzählen zu lassen (Klasse 1) und eine gemeinsame Geschichte an der Tafel zu erarbeiten, die dann abgeschrieben werden muss.

  16. @ alle Eltern, die gerne Schuldige dafür suchen, dass ihr Kevin nicht die hellste Kerze auf der Torte ist:

    Dafür können viele Dinge verantwortlich sein, eine nie praktizierte – weil schlicht nicht existente – Methode „Schreiben nach Gehör“ ist es ganz sicher nicht.

    Auch die selbst in den 80ern nur vereinzelt in Reinform angewendete und heute komplett marginale LdS-Methode kommt als Sündenbock nicht infrage.

    @ Sekundarschullehrer, die hier fleißig sekundierten: Bitte, bitte, lest mal ein Buch über den Schriftspracherwerb, bevor ihr euch dazu äußert, es langweilt, immer die gleichen Plattitüden korrigieren zu müssen. Natürlich habt ihr Recht, dass die Leistungen zT unterirdisch sind und immer schlechter werden. ES LIEGT ABER AN GANZ ANDEREN DINGEN: Wegfall fast aller Erziehungsmittel, fehlender Support von Eltern, fehlende Leistungskultur, Wahrnehmung von Schule als Betreuungsdienstleister, mangelhafte personelle und materielle Ausstattung, Überfrachtung mit Schulfreunden Zusatzaufgaben, als Inklusion getarntes Wegsparen mehrerer Schulformen, Verblödung durch Konsum blöder Medien 24/7, etc. etc.
    Lasst uns bitte über diese ECHTEN PROBLEME reden und nicht über eine WEITERE NEBELKERZE eines sogenannten Bildungspolitikers, der genau wie die eingangs gescholtenen Eltern einfach wieder mal einen Schuldigen sucht. Das Spielchen langweilt doch nur noch…

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here