Ob das gutgeht? Länder übernehmen die HPI-Schulcloud (und wollen sie weiterentwickeln)

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BERLIN. Die Schul-Cloud des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) wird künftig von den Bundesländern Niedersachsen, Brandenburg und Thüringen in den Regelbetrieb übernommen. Das HPI werde sich Ende Juli nach einer vierjährigen Pilotphase wie geplant aus der Entwicklung des Systems zurückziehen, erklärte das Potsdamer Institut am Dienstag. «Umso mehr freuen wir uns, dass sich die drei Bundesländer, die bereits landesspezifische Varianten der HPI Schul-Cloud anbieten, darauf verständigt haben, das Forschungsprojekt zu übernehmen und für die schulische und berufliche Bildung weiterzuentwickeln», sagte HPI-Direktor Prof. Christoph Meinel. Kritik daran wird allerdings laut.

In der Schulcloud des HPI werden Millionen von Schülerdaten gespeichert – technische Probleme gab es immer wieder. Illustration: Shutterstock

Auf die Schul-Cloud greifen inzwischen mehr als 1,4 Millionen Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler bundesweit und an deutschen Auslandsschulen zu. Aktuell nutzten über 4000 Schulen die Plattform. Gründer und Namensgeber des Instituts ist der SAP-Gründer und -Aufsichtsratvorsitzende Hasso Plattner. Einziger Gesellschafter ist die gemeinnützige Brandenburger Stiftung bürgerlichen Rechts „Hasso-Plattner-Stiftung“.

Die quelloffene und freie HPI-Cloud wurde mit finanzieller Unterstützung des Bundesbildungsministeriums entwickelt. Das Projekt war in der Branche nicht unumstritten, denn es steht auch im Wettbewerb mit Lösungen, die auf der Open-Source-Plattform Moodle aufsetzen. Dazu gehört die bayerische Lernplattform Mebis, die aber immer wieder mit technischen Problemen zu kämpfen hat. Vor allem aber sind etliche mittelständische Lösungen auf dem Markt. Dazu gehören AixConcept, IServ, ucs@school, Webweaver, itslearning oder die Schul.Cloud des Anbieters Heinekingmedia, die sich gegen eine staatliche Plattform aussprechen. Neben den Mittelständlern versuchen auch US-Konzerne wie Microsoft, Google und Apple im Bildungsmarkt Fuß zu fassen.

Statt Schulen mit marktreifen Lösungen zu unterstützen, fließen zusätzliche Millionen in eine hinterherhinkende Schulcloud

Die stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Katja Suding, gehört ebenfalls zu den Kritikern des Projekts: Statt Schulen mit individuellen und marktreifen Lösungen zu unterstützen, würden zusätzliche Millionen in eine ohnehin schon gut finanzierte Cloud gesteckt, deren Funktionen anderen Anbietern weit hinterherhinken, so erklärte sie bereits im vergangenen Jahr.

In Reaktion auf die Corona-Pandemie hatte das Bundesbildungsministerium im März 2020 entschieden, die HPI Schul-Cloud deutschlandweit für alle Schulen zu öffnen, die keine vergleichbare Lösung des Landes oder des Schulträgers nutzen konnten.

Meinel, der im HPI persönlich das Schul-Cloud-Projekt leitete, räumte ein, es sei eine enorme Herausforderung gewesen, das System mehr als ein Jahr vor der geplanten Fertigstellung in kürzester Zeit für eine deutlich größere Zahl von Nutzerinnen und Nutzern auszubauen. Das sei gelungen. Allerdings gab es zwischenzeitlich massive Probleme: Im Dezember war die Plattform tagelang kaum zu erreichen. In dieser Phase seien auch mehrfach Sicherheitslücken entdeckt worden, so Meinel, die allerdings schnell vom HPI wieder geschlossen worden seien.

Hacker hatte Einblick in bewertete Tests und Übungsblätter sowie in Klassenlisten mit Kontaktdaten und Videos von Schülern

So waren vertrauliche Inhalte aus dem Cloud-System aufgrund eines Datenlecks online abrufbar, wie das IT-Fachmagazin c’t Ende Februar berichtete. Durch eine Schwachstelle im System sei es einem Hinweisgeber gelungen, sich in die Thüringer Instanz der Plattform einzuloggen. Der Unbekannte soll sich dem Bericht zufolge Einblick in handschriftlich bewertete Tests und Übungsblätter verschafft sowie in Klassenlisten mit Kontaktdaten und Videos von Schülern gehabt haben. Außerdem sollen Listen mit Namen und IDs von Lehrern einsehbar gewesen sein, ebenso wie Informationen über Server-Auslastung. Letzteres sei für Angreifer interessant, die versuchen, Plattformen über massenhafte Anfragen, sogenannte DDoS-Attacken, zum Erliegen zu bringen.

Das HPI teilte kurz darauf mit, man habe die Schwachstellen „innerhalb einer Stunde“ schließen können. Ein Datenabfluss sei nicht erfolgt. Erfolgreiche DDoS-Attacken auf die HPI-Cloud gab es dann trotzdem: Die Lernplattform wurde noch im April mit Anfragen gezielt überflutet und so ausgebremst, wie der MDR berichtete. Betroffen waren davon alle Nutzer bundesweit. Bei einem vorangegangenen Angriff im Februar war das Thüringer Schulportal gezielt mit Anfragen bombardiert worden. Zehntausende Schüler im Heimunterricht und ihre Lehrerinnen und Lehrer konnten sich nicht anmelden, weil die Seite nicht erreichbar war. Das Landeskriminalamt übernahm die Ermittlungen. News4teachers / mit Material der dpa

Hinter den Zusammenbrüchen der Schulplattformen steckt ein Systemfehler: Ministerien als IT-Entwickler? Das kann nur scheitern

 

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3 KOMMENTARE

  1. Leider verwechselt der Autor, wie übrigens auch die meisten Entscheider in den Bildungs-Ministerien, klassische Schulserver-Lösungen wie AixConcept, ISERV, UCS@School etc. mit Lernmanagementsystemen wie z.B. das erwähnte ItsLearning. Genauso wenig, wie ein Lernmanagementsystem oder eine SchulCloud eine Basis-IT-Infrastruktur, wie sie z.B. von ISERV, UCS@School oder AixConcept zur Verfügung gestellt wird ersetzen kann, kann ein Lernmanagementsystem die „FritzBox“ einer Schule mit Firewall, Jugendschutzfilter, DMZ, VPN, Captive Portal, File- und PrintServer etc. ersetzen.
    Klassische SchulServerlösungen sind nicht in der Lage, den Schüler*innen didaktisch methodische Lernszenarien in einer pädagogisch betreuten kooperativen und kollaborativen Lernumgebung zur Verfügung zu stellen, was mit dem kommerziellen Produkt ItsLearning oder dem OpenSource Lernmanagementsystem Moodle durchaus möglich ist.
    Die Absicht der Bundesländer Niedersachsen, Brandenburg und Thüringen, die HPI-SchulCloud weiterentwickeln zu wollen, kommt einem Hase- Igel-Rennen gleich. Um auch nur annähernd die gleichen Funktionalitäten wie ItsLearnung oder Moodle bereitstellen zu können, muss die HPI-SchulCloud oder auch Webweaver schätzungsweise ein time-lag von gut 10 Jahren aufholen. Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, wenn das HPI die Weiterentwicklung der HPI-Schulcloud dem kommunalen IT-Dienstleister Dataport überlässt zumal man die 12 Mio Entwicklungskosten, die das HPI vom BMBF für die HPI-Schulcloud erhalten hat gegenüber den „winkenden“ 650 Mio Euro für eine äußerst fragwürdige „Nationale Bildungsplattform“ auf Liferay-Basis als Peanuts bezeichnen kann.
    Die technischen Probleme, mit der die bayerische Lernplattform Mebis auf der Basis der OpenSource Plattform Moodle zu kämpfen hatte sind darauf zurückzuführen, das Moodle gegen alle Regeln des Internets zentralistisch implementiert wurde. Bekanntlich sollte das Internet auch noch nach einem Atomangriff auf die Vereinigten Staaten funktionieren.
    Zentralistische Lösungen, egal ob es sich um die vom Bund geförderte HPI-SchulCloud oder um Cloud-Lösungen auf Landesebene wie MEBIS oder den Lernraum Berlin handelt, sind gegenüber DDos-Attacken viel anfälliger als dezentrale Lösungen. Hinzu kommt, dass bei zentralistischen Lösungen eine agile Schulentwicklung schon im Keim erstickt wird. Je mehr pädagogische Prozesse in der Zukunft digitalisiert werden, desto abhängiger wird die Schule vom KnowHow des technischen Dienstleisters. Schulen, denen lediglich eine Landes- oder BundesCloud zur Verfügung steht, können in Zukunft auf ein schulinternes Curriculum genauso verzichten wie auf ein aufwändig zu erstellendes Medienkonzept weil ja nur das erlaubt ist, was man sich so im Schul-Ministerium und in den Schulverwaltungsämtern der Schulträger vorstellen kann.

    • Sehr geehrter Herr Pannen,

      seit 2012 hat die AixConcept ihre IT-Lösungen massiv weiterentwickelt. Ein Standard ist und bleibt wegen fehlendem Breitbandausbau unsere Schulserverlösung. Diese „spricht“ allerdings mit unserer Lernplattform MNSpro Cloud, wenn die Bandbreite das zulässt. Bei leistungsfähiger Internetanbindung bilden wir Schulinfrastruktur inklusive einem betriebssystemübergreifenden mobile device management komplett in der Cloud ab. Da sind wir vielen Lösungen weit voraus. Da haben Sie wie unsere Entscheidungsträger in der Bildungspolitik erhebliche Informationsdefizite.

      Viele Grüße

  2. Das finanzschwache Brandenburg hat gerade erst durch die oberste Haushälterin die Haushaltsberatungen gestoppt bekommen. Bin sehr gespannt, wie man die Rechenpower bezahlen möchte, um eine ständige Erreichbarkeit der Cloud zu gewährleisten. Ganz abgesehen davon ist der Funktionsumfang unterirdisch und das mit der Bedienung der Cloud verbundenen Datenschutzverhalten aller Beteiligten desaströs. Lässt sich gut nachlesen im Bereicht der brandenburgischen Datenschutzbeauftragten….. Wer sich daran gewöhnt, alles überall und immer frei im Netz abzulegen, ist da eben nicht so fit.
    Aber das politische Vorzeigeprojekt darf man in Brandenburg nicht kritisieren, dann gibts Haue….

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