Lehrerinnen und Lehrer werden auf ihren multiprofessionellen Berufsalltag kaum vorbereitet

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GÜTERSLOH. Dass sich Lehrerinnen und Lehrer ohne nach links und rechts zu schauen, auf den Unterricht konzentrieren können, ist heute eher selten. Im Lehramtsstudium spielt das vernetzte Arbeiten in multiprofessionellen Netzwerken aber offenbar nur selten eine Rolle.

Ob Inklusionshelfer oder Schulpsychologen – Lehrkräfte in Deutschland stehen in der Schule im täglichen Austausch mit Fachkräften unterschiedlicher Disziplinen. Bisher ist die Zusammenarbeit zwischen angehenden Lehrkräften und anderen pädagogischen Fachkräften allerdings nur selten Gegenstand des Studiums. Nur jede vierte Hochschule bietet aktuell interdisziplinäre Lehrveranstaltungen für Lehramtsstudierende an, so eine aktuelle Publikation des Monitors Lehrerbildung.

Der Lehrerberuf erfordert ein ausgesprochen hohes Maß an multiprofessioneller Teamfähigkeit. Foto: StartupStockPhotos / Pixabay (P.L.)

Die Schule ist in Deutschland längst keine reine Domäne der Lehrerinnen und Lehrer mehr. Vielmehr sind Lehrkräfte in ihrem Berufsalltag mittlerweile oft Teil eines Netzwerks, das eine Vielzahl von Fachkräften, etwa aus dem Bereich der Sozialarbeit, Inklusionshelfern sowie Erzieherinnen und Erzieher einschließt.

Diese multiprofessionelle Zusammenarbeit gehört besonders an Ganztagsschulen in Deutschland zur selbstverständlichen Realität. Mit dem im Mai 2021 von der Bundesregierung beschlossenen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule ab 2026 wird die Bedeutung multiprofessioneller Teamarbeit noch weiter ansteigen. Darauf vorbereitet werden Lehrerinnen und Lehrer allerdings kaum. Nur an jeder vierten Hochschule existieren etwa überhaupt interdisziplinäre Lehrveranstaltungen.

Das verdeutlicht nicht zuletzt die jüngste Hochschulbefragung des Monitors Lehrerbildung, eines gemeinsamen Projekts von Bertelsmann Stiftung, CHE Centrum für Hochschulentwicklung, Deutscher Telekom Stiftung, Robert Bosch Stiftung GmbH und Stifterverband. Lehrveranstaltungen, in denen Lehramtsstudierende mit Studierenden anderer pädagogischer Fachrichtungen zusammenkommen, sind selten. Institutionalisierte Formate zur Abstimmung der Curricula von Lehramtsstudiengängen und anderen pädagogischen Studiengängen gibt es der Befragung aus dem Jahr 2020 zufolge gar lediglich an zehn Prozent der Hochschulen.

„Das aktuelle Lehramtsstudium ist noch auf ein Einzelkämpfertum ausgerichtet. Dabei erfordert der heutige Sozialraum Schule Lehrkräfte, die als Teamplayer fungieren“, sagt Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung. „Es ist die Aufgabe der lehrerbildenden Hochschulen, dem angehenden pädagogischen Personal frühzeitig eine multiprofessionelle Kooperationskultur zu vermitteln.“

Berufsgruppen begegnen sich erst in der Schulpraxis

Damit der Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung auch mit einem Qualitätsversprechen zugunsten guter Ganztagsbildung einhergeht, sollten die Hochschulen interdisziplinäre und kooperative Lehrformate zwischen Lehramtsstudium und Studiengängen anderer pädagogischer Fachrichtungen etablieren, fordern die Autorinnen und Autoren der Publikation. Ohne frühzeitige Berührungspunkte würden sich die Berufsgruppen oftmals erst in der Schulpraxis begegnen und wenig übereinander wissen.

Nach einer vom Monitor Lehrerbildung bisher unveröffentlichten Befragung von Schulleitungen aus dem Jahr 2019 klaffen Anspruch und Wirklichkeit in diesem Punkt bislang auseinander: Während die Fähigkeit, interdisziplinär zu arbeiten als sehr wichtig für den Lehrberuf eingeschätzt wurde, bringen die künftigen Lehrkräfte aus Sicht der Schulleitungen dafür kaum Kenntnisse aus ihrem Studium mit.

„Teamarbeit muss kontinuierlich eingeübt werden, vor allem bei der berufsübergreifenden Kooperation. Das gilt für die ersten Schritte im Studium genauso wie für das spätere Berufsleben. Nur so können sich die unterschiedlichen Professionen mit ihren jeweiligen Kompetenzen und Perspektiven auf das Kind ergänzen und als Team zusammenwachsen“, so Dagmar Wolf, Bereichsleiterin Bildung bei der Robert Bosch Stiftung. (pm)

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29 KOMMENTARE

  1. „Vielmehr sind Lehrkräfte in ihrem Berufsalltag mittlerweile oft Teil eines Netzwerks, das eine Vielzahl von Fachkräften, etwa aus dem Bereich der Sozialarbeit, Inklusionshelfern sowie Erzieherinnen und Erzieher einschließt.

    Diese multiprofessionelle Zusammenarbeit gehört besonders an Ganztagsschulen in Deutschland zur selbstverständlichen Realität.“

    Das ist absoluter Unsinn.
    Teamarbeit braucht es an jeder Schule und an jeder inklusive arbeitenden Grundschule kommt man nicht umhin, sich mit InklusionshelferInnen und SonderpädagogInnen abzustimmen. Auch Hilfeplangespräche, Konferenzen mit Ämtern, Gespräche mit TherapeutInnen gehören dazu.
    Allerdings wird dem keine Rechnung getragen, trotz immenser Mehrbelastung ist das Deputat der Lehrkräfte gleich geblieben und die zusätzliche Arbeit hinzu gekommen, also sowohl die Gespräche als auch eine ganz andere Art des Unterrichtens und eine erheblich aufwändigere Form der Vorbereitung.

    Wenn Bertelsmann die Ganztagsschulen forcieren möchten, dann sollen sie es so sagen.
    Dazu gehört dann aber auch, dass man darlegt, dass es keine ErzieherInnen im Ganztag gibt, sondern häufig ungelernte Kräfte oder Geringqualifizierte, weil die weniger Geld verdienen, also weniger Kosten verursachen. Sinnvoll wäre es, dafür Standards festzulegen: Personalqualifizierung und Betreuungsschlüssel, Vertretungsreserve, Raumangebot.

    Und man sollte auch dazu sagen, dass die anderen Genannten nicht Teil des Schulsystems sind, schon gar nicht im Ganztagsbereuch, in dem nicht einmal die InklusionshelferInnen eingebunden sind.
    Therapeuten bleiben außerhalb der Schule, da gibt es höchstens ein Telefonat. Leider führt die Ökonomisierung des Gesundheitsbereiches auch dazu, dass viele Kinder keine Therapiemöglichkeiten erhalten.
    SozialpädagogInnen soll es irgendwo geben. Gibt es dazu Statistiken, z. B. wie zur Versorgung mit SchulpsychologInnen?

    Studierende sind gut vernetzt und kommunikativ, durch Corona sicher noch mehr, am Ende landen sie in der Schule in einem Team, werden aber schnell merken, dass die Aufgaben immens sind und dass oft diejenigen, die helfen sollten, stärker aufs Geld gucken, als auf die Bewilligung von Hilfen.
    Dann steht man allein mit dem Kollegium und muss sich selbst helfen, statt in einer inklusiven Schule ein zwingend notwendiges multiprofessionelles Team zu haben und Zeit zum Austausch.

    Sicher könnten ein, zwei fachübergreifende Studieninhalte helfen, dann können die Lehrkräfte in den Schulen auch noch die Aufgaben der anderen Professionen mit übernehmen und man kann noch mehr sparen.

    • Das ist doch heute schon so. An unserer Schule ist die Versorgung mit Förderpädagogin im nächsten Schuljahr bei 40%, also etwa eine halbe Unterrichtsstunde pro Woche. Schulbegleitungen werden vom Jugendamt gnadenlos abgelehnt. Um eine multiprofessionelles Team zu haben, müsste ich schon an beruflich verordneter Schizophrenie leiden. (Ironie off.) Es bleibt alles an mir hängen. In der 1. und 2 Klasse alles alleine zu stemmen ist nahezu unmöglich, insbesondere wenn Kinder mit geistiger Behinderung in der Klasse sind. Aber in der Grundschule fällt es ja nicht so auf. Da kann man locker weiter sparen. Hier sind zwar die unselbstständigsten Kinder mit der größten Leistungsheterogenität in einer Klasse (von geistig behindert bis hochbegabt, alles dabei), aber trotzdem soll alles mit einer Lehrkraft alleine und der Methode des „Selbstrukturierten Lernens“ laufen. Tja bei uns kommen halt die Säuglinge schon voll selbstständig auf die Welt und entwickeln sich dann rückwärts. Denn die Förderung ab Klasse 5 sieht deutlich besser aus.

      • Bei uns wurden zwei Schulbegleiter für Kinder mit Förderbedarf Geistige Entwicklung genehmigt- aber wir finden niemanden, der es macht! Die Träger finden einfach kein Personal und wir telefonieren uns die Finger blutig…
        Schlussendlich wird es darauf hinaus laufen, dass die Kinder „einfach so“ mit in der Klasse sitzen. Herzlichen Glückwunsch…

      • Da ist es doch kein Wunder, dass der Lehrernachwuchs ausbleibt. Die Bedingungen des Unterrichtens mit Inklusion sowie die geforderte „Multiprofessionalität“ sprechen sich halt rum unter den potentiellen Lehramtsstudenten, und weil der Lehramts-Bachelor „polyvalent“ sein soll (berufsqualifizierend ist er als solcher ja nicht), werden viele nach beruflichen Alternativen suchen oder von vornherein nur eine Teilzeitstelle anstreben. Die Folge ist dann weiterer Lehrermangel. Die finnischen Verhältnisse (nur die besten dürfen überhaupt Lehrer werden) können so nie erreicht werden, auch nicht mit A 13 für alle.

  2. So lange nur eine Person vor der Klasse steht, wird der Lehrerberuf weitgehend ein Einzelkämpfertum bleiben. Man kann natürlich Klassenarbeiten oder Arbeitsblätter mit den Fachkollegen austauschen, praktisch einsetzbar sind sie jedoch nicht zwangsläufig auch in den eigenen Kursen. Schulübergreifend oder allgemein in irgendwelchen Clouds ist das wegen des sehr strengen Urheberrechts gerade bei digitalen Produkten sehr riskant.

  3. Auch am Berufskolleg ist man sehr in dieses Thema involviert.
    Ich weiss nicht, warum immer eine Schulform herausgepickt werden muss, wo es anscheinend besonders schlimm ist. Ist das ein Wettbewerb?

    Mein Alltag besteht zu 70% aus sozio-psychologischer Betreuung und Verwaltungsblabla und 30% Unterrichten. Selbst während des Unterrichts ist man mit Erziehung in einigen Klassen bis zu 100% ausgelastet. In den Pausen geht das Beraten oder auch einfach Zuhören weiter.

    Inklusion, Erziehung, Fehlzeitenverwaltung plus Anschreiben, Prüfungen vorbereiten und abnehmen nimmt enorm Zeit in Anspruch. Darauf geschüttet die Corona Tests, Tstnachweis-Austellungen, Wechsel-, Distanz, Präsenzunterricht je nach Gusto der KMs. Neue didaktische Jahresplanungen alle 10 Jahre, in NRW KAoA, welches die Geldverschwendung des Jahrzehnts ist, so wie es gedacht ist, sprich: Nachhaltigkeit bei Null.
    Talentschulen sind besser. Die Förderung soll aber auf einen Zeitraum von mind drei Jahren angelegt sein. Und das bei einjährigen Bildungsgängen wie HA10 (Hauptschule nach der 10. Klasse) und FOR (Realschulabschluss). Man kann es uns Lehrkräften wirklich schwer machen, diese systemfremden Massnahmen umzusetzen.
    Es sind gute Ideen dabei, aber immer eine Haarbreite an der Realität vorbei.

    Keine Universität kann das breite Wirkungsumfeld wirklich vermitteln. Dazu ist das Studium zu straff geworden und belohnt stromlinienförmig durchschwimmende Lehramtsstudenten bis ins Referendariat hinein.

    Mehr Fachpersonal in den Spezialgebieten Schulsozialarbeit, Schulsozialpädagogen, evtl. vollberufliche sozio-psychologische Berater, Lehrerteams in Klassen (vor allem ab mind. 21 Personen) zum Unterrichten, echte gewährleistete Pausen, EDV Fachteams, die NICHT von Lehrkräften gestemmt wird, …
    Ach, die Liste ist lang. Im Grunde ist dort alles zu finden, was bisher einfach auf die Schultern der Lehrer geschüttet wurde ohne dass es eine echte Entlastung gab.

    Praxisschock für angehende Lehrkräfte wird bleiben. Die Lehramtsseminare können das im Ref etwas auffangen. Aber der Umfang der Arbeiten, der wird dadurch nicht kleiner werden.

  4. „dem angehenden pädagogischen Personal frühzeitig eine multiprofessionelle Kooperationskultur zu vermitteln“
    Immer mehr Wunderdinge sollen die Lehramtsstudenten in sich aufnehmen und dann realisieren, natürlich auch die neue Unterrichtskultur, die neue Aufgabenkultur, die Inklusion, die Begabtenförderung (als Teil der Inklusion), das soziale Lernen usw., alles offenbar, ohne das Fachstudium zu kürzen. Das kann so nicht funktionieren. Man sollte mal etwas von der aufgeblasenen Phraseologie ausforsten, die die Herren in den Stiftungen da in die Welt setzen. Vielleicht könnte die multiprofessionelle Kooperationskultur auch in den Chefetagen der großen Unternehmen realisiert werden?

    • All diese Phrasen unterliegen zudem noch schwer dem Zeitgeist. In wenigen Jahren ist etwas anderes neu erfunden worden und muss propagiert werden. Komischerweise sind Leistung, Fachwissen, Üben, Ehrgeiz, Durchhaltevermögen, Eigenverantwortung der Schüler, Rolle der Eltern usw. nie dabei.

  5. LuL arbeiten in multiprofessionellen Teams. > Wo, in Finnland vielleicht?

    LuL sind mehr und mehr gezwungen multi-ersatz-professionell zu arbeiten. > So ist’s recht und billig.

      • Lehrer/in = Lehrkraft, Betreuer, Begleiter, Erzieher, Inklusionsfachkraft, Reisebüro, med. Fachkraft für Schnelltests, Allergien, Epilepsie, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Erste Hilfe, Verwaltungsfachkraft, Familienberatung, Sozialhilfeunterstützung, IT-Spezialist, Administrator, schuld an allem, Ausführung diverser Initiativen u.v.a.m. – Das ist ein entlastender Segen für wen genau?

      • Wer Lesen kann, ist im Vorteil:

        „multi-ersatz-professionell“ ist gleich zu setzen mit belastend – nicht entlastend!

  6. Wir sind eine mittelgroße Grundschule im Brennpunkt und arbeiten seit Jahren im multiprofessionellen Team. Wir haben zwei sozialpädagogische Fachkräfte für die Schuleingangsphase, eine Schulsozialarbeiterin und eine Schulpsychologin. Daneben arbeiten wir sehr vernetzt mit unseren OGS Mitarbeitern zusammen. Es hat viel Zeit und Organisation gekostet, ein Netzwerk aufzubauen, um alle Professionen auf Augenhöhe einzubinden und gewinnbringend einzusetzen. Daher ist die Bertelsmann Stiftung völlig korrekt, dies auch in die Lehrerausbildung mit einzubinden. Das sinnvolle Miteinander fällt nicht vom Himmel, sondern muss immer wieder trainiert und gelebt werden.
    Multiprofessionelle Teams sind so wertvoll, weil sie SUS in allen Lebensbereichen unterstützen.
    Btw…. Unter multiprofessionellen Team versteht man die Zusammenarbeit von verschiedenen Professionen und nicht die Zusammenarbeit von Sonderpädagogen und Lehrern der Schule….
    LG

  7. Der Lehrerberuf ist schon vor 20 Jahren eine Herausforderung für mich gewesen (damals mit 30), und heute noch viel mehr.
    Meine jungen Kolleg:innen (meist mit Familienplanung) heute sind meiner Meinung doppelt belastet und brennen immer schneller aus, weil viel zu viel auf ihren Schultern lastet. Die oben genannten Ausführung bringen es gut auf den Punkt.

    Multiproffesionalität, Inclusion und Heterogenität sind tolle Schlagwörter. Aber es bleibt sehr viel auf der Strecke.
    Vor 20 Jahren, als es noch genügend Förderschulen in Deutschland gab, kamen alle SuS besser bei weg. Heute muss ich leistungsstarken SuS autodidaktische Fähigkeiten unterstellen, damit sie sich nicht langweillen, während ich das lernbehinderte Kind immer wieder motivieren muss, dranzubleiben. Bei 27 SuS nicht gerade leicht. Es leider die Bildung aller. Von Disharmonien innerhalb der Klasse ganz abgesehen. Kinder suchen sich immer ein Ventil.

    Manchmal wünsche ich mir den Wechselunterricht aus der Pandemie Zeit mit halber Klassenstärke zurück. Ich kam das erste Mal in meiner 23 jährigen Tätigkeit dazu, multiprofessionell und differenziert zu arbeiten, bekam schnell mit, was geht und was geht noch nicht und war am Ende des Tages, ebenso wie die SuS, motiviert und entspannt.

    Wenn ich drei Wünsche frei hätte:
    kleinere Klassen (< 20)
    zurück zu Förderzentren!
    zurück zur Wochenstundenzahl <= 23h, wie 1998, um dann mehr Zeit für Administration, Fördergespräche und pualitativ guten Unterricht zu haben. Der leidet nämlich seit Jahren sehr!

    Nochmal Lehrerin werden? Für kein Geld der Welt. Wer diesen Beruf ergreift, ist entweder Idealist oder bekloppt und sieht nur die freie Zeit und das Geld. Aber das macht auch allein nicht glücklich.

    Ich hoffe, meine Wünsche werden erhört und irgendwann auch Realität.
    Bis dahin achte ich auf meine Gesundheit und versuche bis zur Rente mit 67!!! (2037) durchzuhalten.

  8. Lehrkräfte die für ihr Fach brennen und Schüler begeistern wollen gehören zum Auslaufmodell und sollten lieber einen anderen Beruf ergreifen.
    Im Netz von Inklusion, individueller Förderung, Beratung, Sozialarbeit, multiprofessionellen Teams und endlosen Kompetenzgeschwurbel fühlen sich die o. g. Lehrkräfte nicht mehr Zuhause.

  9. Arbeiten in multiprofessionellen Teams kann ohne Absprachehen nicht funktionieren. Die Durchführung und Vorbereitung sowie die Dokumentation von Förderplangesprächen und dergleichen mehr wie Verwaltungs- und Organisationsarbeiten müssen ebenso wie die reine Unterrichtsverpflichtung angemesen auf die Arbeitszeit angerechnet werden. Es kann nicht sein, dass dies alles abgesehen von der pauschal vergüteten Unterrichtsvor- und nachbereitung unentgeltlich in der Freizeit erledigt werden muss.

  10. Früher wurde Schulbegleitung noch im Rahmen eines FSJ oder durch Wehrersatzdienstleister sicher gestellt. Unabhängig der fachlichen Eignung war wenigstens die manpower vorhanden.

    In der heutigen Zeit bedarf es schon Interesse an der Tätigkeit. Wenn ich das bei meiner Frau ansehe, verdeutlicht es die Problematik der Interessenslage.

    Im offenen Ganztag ist eine Anstellung i.d.R. nur am Nachmittag mit 25 Wochenstunden, befristetem Arbeitsvertrag und den damit verbundenen Vergütungen üblich. Wie attraktiv ist dies für einen Berufsanfänger?
    Darüber hinaus gibt es im Offenen Ganztag keine einheitlichen Regelungen hinsichtlich Qualifikation und Finanzierung. Hier hinkt Deutschland wie in vielen Bereichen im Bildungsbereich noch sehr hinter unseren Nachbarländern her.

    • Nee, von Zivildienstleistenden. – Ersatzdienst ging nur beim BGS oder gem. KatSG § 8.2 bei den anerkannten Katastrophen(schutz)organisationen.

  11. Beim Lesen der meisten Kommentare drängt sich mir der Eindruck, dass unter multiprofessionellen Team ein nacheinander Arbeiten verstanden wird. Wenn es aber gut organisiert ist, dann ist es ein gewinnbringendes Miteinander zur selben Zeit. Sozialpädagogische Fachkräfte sind im Unterricht und begleiten die SUS, OGS Mitarbeiter sind ebenfalls dort zumindest in den Randstunden und gewährleisten einen guten Übergang in den Nachmittagsbereich. LUL sind auch im Nachmittagsbereich zu finden. Schulsozialarbeiter unterstützen durch z. B. Pädagogische Inseln, beraten Eltern, bitten Elterncafes an, betreuen den Schülerrat, etc. Schulpchologen beraten Lehrer und Eltern.
    Vorausgesetzt es gibt sehr gute Absprachen und die Schulleitung hält zu jeder Zeit die Orga Fäden in der Hand, entlastet es vor allem die LUL im vielen Bereichen. Vor allem im den Bereichen Dokumentation und Elternarbeit… Und auch in der Hauptprofession des Lehrers, dem Unterrichten, ist es sehr entlastend, da man ja nicht alleine im Klassenraum ist, sondern sehr oft zu zweit, dritt oder auch mal zu viert….
    Diese sehr enge Zusammenarbeit muss natürlich installiert, trainiert und immer wieder evaluiert werden. Junglehrer sind darauf in der Regel nicht vorbereitet, daher ist es von Vorteil im Studium schon einmal etwas davon gehört zu haben…

    • Ja ein Traum, wenn es so wäre… Die Realität wurde hier bereits ausgiebig beschrieben, und hat mit denen von Ihnen beschriebenen Wunschzuständen im Regelfall nichts zu tun: das scheitert bereits an der „Mangelware“ Schulspsychologe, Schulsozialarbeiter, Sonderpädagoge, Lehrkräfte.
      Das von Ihnen beschriebene Konzept ist wirklich toll, und um es umzusetzen, benötigt man deutlich mehr als lediglich die Erweiterung der Ausbildung der Lehrkräfte. Ich verweise hier auf den nachfolgenden Post von Elise.

  12. Warum sollten angehende Lehrer:innen auf die Arbeit in multiprofessionellen Teams vorbereitet werden? Gibt es denn solche Teams an Schulen? Ich habe davon in 15 Jahren Schuldienst noch nicht gesehen (falls hier nicht schon die Zusammenarbeit mit Hausmeister und Sekretärin als multiprofessionell bezeichnet wird.)
    Ich arbeite an einer Förderschule, unterrichte aktuell 17 Schüler mit Förderbedarf Lernen und Emotionalsoziale Entwicklung in einem viel zu kleinen Klassenraum ganz alleine! Für vier Schüler:innen sind seit zwei bis drei Jahren I-Helfer beantragt, aber da passiert nichts. Mehr multiprofessionell ist in der Klasse auch nicht möglich. ich traume von Doppelbesetzung und Teamteaching, FSJlern zur Unterstützung (wie an GE- und K-Schulen) und Sozialpädagogen vor Ort wären natürlich auch sehr dringend nötig.
    Ich bin ein ich-bin-mein-eigenes-multiprofessionelles-Team und arbeite als Lehrerin, Sozialpädagogin, Sozialarbeiterin, Psychologin, …. vielleicht wäre es gut, wenn man im Studium lernt, wie man viele Professionen ganz alleine ersetzt. Wenn im Studium gelernt wird, wie man in einem multiprofessionellen Team arbeiten könnte, könnte das den Frust und die Ernüchterung im Berufsalltag sonst nur unnötig fördern.

    • Genau, Elise, bei dem Begriff multi“professionell“ musste ich auch lachen.
      Nicht einmal alle Unterrichtenden an GS sind noch professionell! Wir haben noch 11 Profilehrkräfte für 13 Klassen.
      Wir teilen uns eine FörderschullehrerIn und eine Sozialarbeiterin in Ausbildung mit einer weiteren Schule, so dass diese ständig auf dem Sprung sind. Das erschwert eine gute Zusammenarbeit ungemein.
      Und die Schulbegleiterinnen haben keine auch nur ansatzweise pädagogische Ausbildung. ( Nicht falsch verstehen, es gibt schon Naturtalente, aber professionell geht anders!)

  13. Wir Lerntherapie Studenten im Masterstudiengang der Unis haben Grundschulen mehrfach unsere Unterstützung angeboten. Antwort war, dass dafür kein Geld vorhanden sei. Stattdessen werden Ungelernte ohne pädagogische Vorbildung eingestellt. Wir könnten den DAF Unterricht und die Förderung lernschwacher Schülerinnen übernehmen. Interesse offenbar gleich null.

    • @Franca Thielecke

      Die Grundschulen – so wie jede andere Schulform auch – sind zwar der Ort des Geschehens, sprich: der Arbeitsplatz – aber Sie sind nicht der Arbeitgeber!

      Ergo können Sie NICHT selbst
      – Personal einstellen
      – Personal bezahlen (Lohn/Gehalt/Besoldung).

      Sie können nicht einmal technische Geräte (vgl. Probleme bei mobilen Luftfiltern) anschaffen. Werden diese auf eigene Kosten (oder sogar von engagierten Eltern) angeschafft, dürfen sie nicht in Betrieb genommen werden (Wartung, Versicherung/Schadensfall …).

      „Die“ Grundschulen hätten Sie und Ihre Mit-Studenten wahrscheinlich liebend gerne an den Schulen gehabt.
      Sie DÜRFEN NICHT !

      Interesse offenbar gleich null – an den Stellen, an denen die hirnlosen Entscheidungen getroffen werden auf der Grundlage von ebenfalls hirnlosen Regeln, Gesetzen und Strukturen.
      In diesen Strukturen versickert alles, eben auch viel Geld.
      Außerdem wird dort – fernab vom Ort des Geschehens, eben den Schulen – Verantwortung hin und her geschoben … als unendliche Geschichte.

      Das kann einem nur noch leid tun für alle, die direkt am Ort des Geschehens sind: LuL, SuS und Eltern.
      Und es macht stinksauer.
      Interessiert aber niemanden in den Elfenbeintürmen der Verwaltung und Ministerien.

    • @Franca Thielecke

      Lieber gleich beim Schulamt anmelden!
      Je weniger Einschränkungen man hat, umso besser.
      Wir haben oftmals Student*innen, die nur an einem bestimmten Wochentag Zeit haben oder nur bis Oktober. Oder die keinen eigenverantwortlichen Unterricht übernehmen können und nur Kleingruppen betreuen möchten.
      Wenn Sie es sich zutrauen, in Zusammenarbeit mit einer LK ein Fach wie Kunst oder Sport in einer Klasse zu übernehmen, haben Sie noch bessere Chancen.
      Wir hatten z.B. bei der letzten Studentin das Problem, dass sie nur Doppelbesetzungen machen wollte und dabei übersehen hatte, dass sie damit auch die Vertretungsreserve ist und somit oft alleine eine ganze Klasse beaufsichtigen muss. Das lehnte sie aber ab. An solchen Aushilfen haben wir tatsächlich kein Interesse.

  14. Bei uns wird gerade aus Spargründen die Multiprofessionalität zurückgefahren. Uns fehlt es hinten und vorne an Sonderpädagogen, die die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf mitbetreuen.
    Von anderen Berufen haben wir schon Personal, aber hier gehen die Absprachen immer auf Kosten der Lehrerzeit, die bei den Lehrern nicht angerechnet werden, aber bei den anderen Berufen.
    Wir arbeiten auch mit Logopäden und Ergotherapeuten außerhalb der Schule zusammen – diese haben eine extra bezahlte Gesprächszeit, während wir das soszuagen noch zusätzlich machen. Mit den Sozialpädagogen im Haus rede ich in meinen Freistunden, mit den Inklusionshelfern spreche ich mich zeitlich in meiner Unterrichtsvorbereitungszeit ab, Elterngespräche, wo die Schulpsychologen anwesend sind, finden ebenfalls in der Zeit statt, die man eigentlich für Unterrichtsvorbereitung und Korrekturen nutzen sollte.
    Wie schon jemand schrieb – das kommt alles obendrauf ohne dass wir je von höherer Stelle eine Bereitschaft von Ermäßigungsstunden signalisiert bekommen haben. Bei den Sonderpädagogen werden die Gespräche als Deputatsstunden abgerechnet, bei uns Grundschullehrern nicht. Komischerweise können fast alle anderen Berufe die Gesprächststunden abrechnen, bei uns kommt es on Top.

    Ich frage mich, was es bringt, wenn man von dem multiprofessionellen Alltag theoretisch im Studium hört. Macht man da Fallbesprechungen in der Theorie? Wer alles am Schulalltag beteiligt ist und wer einen wie unterstützen kann, bekommt man im Schulalltag mit. Das ist von Schulamt zu Schulamt und von Schule zu Schule verschieden. Ich glaube, dass man, wenn man später davon hört, keine Qualitätseinbußen hat. Vielleicht erleichtert es den Studenten den Einstieg, dass sie schon einmal etwas davon gehört haben. Normalerweise haben die Referendare erst einmal erfahrene Lehrer an ihrer Seite.
    Viel wichtiger ist es, wenn man in der Uni lernt, wie man professionell Gespräche führt oder welche Modelle es gibt auf Unterrichtsstörungen zu reagieren. Das ist die größere Herausforderung und da kann man in der Praxis schnell auf die Nase fallen.

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