Studie: Netzwerk „Schule ohne Rassismus“ bekommt starken Druck von Rechtsaußen

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DORTMUND. Wissenschaftler sehen verstärkt Angriffe aus rechtspopulistischen Kreisen auf das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Viele dieser Angriffe dienten der Einschüchterung, heißt es in einer Studie der Fachhochschule Dortmund.

Der AfD ist das Schulnetzwerk „Schule ohne Rassismus“ ein Dorn im Auge. Foto: Shutterstock / Shamsiya Saydalieva

Bundesweit tragen rund 3.500 Schulen das Schild „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ an der Tür. Seit gut einem Vierteljahrhundert gibt es die Initiative des Berliner Vereins Aktion Courage, seit sich als erste Schule das Dortmunder Immanuel-Kant-Gymnasium vor 26 Jahren dem Netzwerk angeschlossen hatte. Auf freiwilliger Basis beschäftigen sich diese Schulen regelmäßig mit dem Thema Rassismus und verpflichten sich zu mindestens einer passenden Aktion im Jahr. Nicht nur das Netzwerk, sondern auch die teilnehmenden Schulen selbst wurden dafür immer wieder angegriffen. Die Attacken kommen inzwischen verstärkt aus AfD-Fraktionen, wie eine Studie der Fachhochschule Dortmund im Auftrag der Aktion Courage ermittelt hat.

„AfD-Politikerinnen und Politiker arbeiten sich regelmäßig an dem Netzwerk ab“, sagt Professor Dierk Borstel, Sozialwissenschaftler an der FH Dortmund, der die Studie durchgeführt hat. Gemeinsam mit Absolventin Jennifer Brückmann hat er dafür unter anderem Anfragen und Anträge aus Parlamentsunterlagen ausgewertet. Ziel der Partei sei die Verächtlichmachung durch permanentes negatives Markieren der Courage-Schulen in der Öffentlichkeit zum Beispiel als „links indoktriniert“, sowie die Zerschlagung der finanziellen Grundlage des Netzwerks.

Auch gegen Repräsentantinnen und Repräsentanten des Netzwerks werde in den Parlamenten, aber auch auf Social-Media-Kanälen persönlich diffamierend vorgegangen. Dabei bediene sich die AfD einer Vielfalt von Mitteln, etwa Kleiner Anfragen in diversen Landtagen und im Bundestag, Pressemitteilungen, Reden in Landtagen, Briefen an die Bundeskoordination der Initiative sowie an Partnerinnen und Partner des Netzwerks, ebenso aber auch Briefen an die teilnehmenden Schulen selbst.

„Schülerinnen und Schüler aus Aktiven-Gruppen werden auf dem Schulweg bedroht“

Insgesamt beschränkten sich die Angriffe auf Mitgliedsschulen allerdings keineswegs auf politisches Framing und parlamentarische Arbeit. „Es werden an Schulen die Schilder von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage mit Hakenkreuzen besprüht, Schülerinnen und Schüler aus Aktiven-Gruppen auf dem Schulweg bedroht und in Parlamenten wird beantragt, die Finanzierung unserer Arbeit einzustellen“, fasst Sanem Kleff zusammen, Leiterin der Initiative, die laut der Studie wie auch andere Mitglieder der Bundeskoordination wiederholt persönlicher Diffamierung ausgesetzt sei.

Dabei verstehe sich das Netzwerk, so Kleff, selbst nicht als politischer Akteur, weder als „rechts“ noch „links“ stehend. „Das Projekt richtet sich gegen alle Ideologien der Ungleichwertigkeit“, so die Direktorin. Dazu gehörten neben Rassismus beispielsweise auch Antisemitismus, Homosexuellenfeindlichkeit und Sexismus. Die Schulen entschieden freiwillig über eine Teilnahme.

Auch von „links“ sei das Netzwerk immer wieder kritischen bis populistischen Tönen ausgesetzt. Diese seien vor allem anlassbezogen, etwa wenn Courage-Schulen zu ihren Diskussionsveranstaltungen auch AfD-Politikerinnen und -Politiker einladen würden oder sich dem Thema Antisemitismus von links widmeten. Im Gegensatz zu den Angriffen und Kritiken von rechts würden diese nicht immer offen transportiert. Vielmehr würden Bündnispartnerinnen und Partner vorgeschickt, die diese Kritik dann transportieren sollen, ohne dass dies im Einklang mit der generellen Politik der Parteien zu sein scheine. Anders als bei den rechten Strömungen sei die Kritik von links allerdings nicht von grundsätzlicher Natur gegenüber den Grundwerten des Courage-Netzwerkes.

„Im Umfang, in der Permanenz und im Aggressionsgehalt überwiegen die Angriffe von ‚rechts‘ im Vergleich zu allen anderen Druckfeldern“, resümiert Prof. Dierk Borstel. Er sieht darin auch eine Gefahr für das zivilgesellschaftliche Engagement. Viele dieser Angriffe dienten der Einschüchterung. Aktive Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie auch Paten im Netzwerk sollen verunsichert werden. Dies führe mitunter zu einem vorauseilenden Rückzug und zu Passivität. Dies schade der gesellschaftlichen Debatte und stelle die Zivilgeselllschaft insgesamt unter Druck, mahnt der Sozialwissenschaftler.

• Die Broschüre „Zivilgesellschaft unter Druck am Beispiel von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Netzwerkarbeit zwischen (konstruktiver) Kritik und offenen Angriffen“ zum Download auf der Projektwebseite des Aktion Courage e. V.

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6 KOMMENTARE

  1. „Dabei bediene sich die AfD einer Vielfalt von Mitteln, etwa Kleiner Anfragen in diversen Landtagen und im Bundestag, Pressemitteilungen, Reden in Landtagen, Briefen an die Bundeskoordination der Initiative sowie an Partnerinnen und Partner des Netzwerks, ebenso aber auch Briefen an die teilnehmenden Schulen selbst.“

    Blöde Frage: Aber was ist daran diffamierend? Das ist in einem Rechtsstaat doch deren gutes Recht solche Dinge zu tun. Unabhängig von der Sinnhaftigkeit.

    Weiterhin kann ich als jahrelanges Mitglied und Vertreter von „Schule ohne Rassismus“ meiner eigenen Schule berichten, dass viele Akteure in dem System schon stark linke bis linksextreme Tendenzen aufweisen. Auch durchaus plakative, spalterische Aktionen gegen die komplette rechte politische Seite gehören dazu. Da wird zwischen Rechtsextrem und schlicht Rechts-konservativ nicht mehr unterschieden. Und das sind schon hochrangige Vertreter des Vereins. Das macht mir schon etwas Sorgen. Linker Rassismus, Antisemitismus und islamischer Rassismus bzw. Antisemitismus werden garnicht erst thematisiert. Aktionen hierzu meist eher hinten angestellt.

    • Sehr geehrter Marc,

      dass „linker Rassismus, Antisemitismus und islamischer Rassismus bzw. Antisemitismus gar nicht erst thematisiert“ werden, lässt sich leicht widerlegen – mit einem Blick auf die Homepage von „Schule gegen Rassismus“:

      https://www.schule-ohne-rassismus.org/antisemitismus-von-links-facetten-der-judenfeindschaft/
      https://www.schule-ohne-rassismus.org/themen/islamismus/

      Und für Ihre Behauptung, dass „viele Akteure in dem System schon stark linke bis linksextreme Tendenzen aufweisen“, haben Sie sicher Belege. Ansonsten würden wir Ihren Beitrag als Beleg dafür betrachten, was im Beitrag beschrieben wird.

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

      • Wenn Sie sich die Förderer anschauen, insbesondere den Trägerverein Akton Courage eV und ihren Vorstand, ist ein linker Einschlag plausibel oder ein konservativer Einschlag zumindest unterrepräsentiert. Von Linksextremismus gehe ich im Sinne des Vereins und des eigentlichen Artikels mal nicht aus.

        Aber ich gehe mal auf den Verein zu und hoffe, dass deren Islamismusdefinition ähnlich streng oder locker ist wie deren Rassismusdefinition, und dass sie neben Alltagsrassismus auch Alltagsislamismus thematisieren.

      • Hallo,
        das sind meine Erfahrungen, die ich hier schilder. Ich habe schon an vielen Netzwerktreffen teilgenommen. Ein Projekt, dass damals auf muslimischen Antisemitismus aufmerksam machen sollte, wurde abgelehnt, da es als unpassend gesehen wurde an der örtlichen Brennpunktschule durch den hohen Anteil an Muslimen. Ich glaube man fürchtete Probleme mit den Eltern.

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