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Die KMK will das Fach Mathematik retten – mit Qualifizierung von Mathe-Lehrkräften. Nur: Davon gibt es viel zu wenige

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BERLIN. Die Kultusministerkonferenz will die Mathematik retten. Genauer: Sie hat auf ihrer jüngsten Sitzung einstimmig ein Zehnjahres-Programm zur Stärkung der mathematischen Bildung beschlossen. Damit reagiert sie jetzt auf ein Problem, das seit fast einem Vierteljahrhundert bekannt ist: Die Mathe-Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler sind im internationalen Maßstab kaum konkurrenzfähig. Dummerweise steckt Deutschland in einem Teufelskreis, aus dem sich mit einem Qualitätsprogramm allein nicht ausbrechen lässt: Das geringe Interesse der Schülerinnen und Schüler an Mathematik hat längst für einen gravierenden Nachwuchsmangel bei den Fachlehrern gesorgt.

Das Fach Mathematik soll spitze werden – schwierig, ohne genügend Mathe-Lehrkräfte. Foto: Shutterstock

Die Mathematik hat in Deutschland ein Problem: Ihr Image ist bei vielen Menschen schlecht. So schlecht, dass sie gar nicht merken, welche Probleme sie ohne Mathematik haben. „In Deutschland ist es cool, wenn man sagt, dass man Mathe in der Schule nicht konnte“, stellte Mathematik-Professor Christian Hesse von der Universität Stuttgart bereits vor vier Jahren fest. „Damit kann man punkten.“ Zukunftsforscher Prof. Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung sprach seinerzeit sogar von einem „Volk von Zahlenblinden“.

Geändert hat sich daran offenbar wenig. Längst ist klar, dass das Problem bereits in den Grundschulen beginnt. Deutsche Grundschüler schneiden im internationalen Vergleich in Mathematik nur mittelmäßig ab. Das zeigen die Ergebnisse der alle vier Jahre durchgeführten Vergleichsstudie TIMSS („Trends in International Mathematics and Science Study“), deren jüngste Ausgabe vor genau einem Jahr vorgestellt wurde.

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In Deutschland ist der Anteil der Kinder, die nur über „elementare mathematische Fähigkeiten“ verfügen, mit 25,4 Prozent relativ hoch

In Mathe erreichten die deutschen Schülerinnen und Schüler bei den Tests einen Punktwert von 521 und blieben dabei ungefähr auf dem bescheidenen Niveau der letzten Erhebung von 2015 (522 Punkte). Sie lagen damit zwar über dem internationalen Mittelwert (501 Punkte) aller 58 teilnehmenden Staaten und sechs Regionen – aber auch deutlich unter den Mittelwerten der teilnehmenden EU- und OECD-Staaten. Heißt: Im Industrieländer-Vergleich kann Deutschland kaum mithalten. Ein Kernproblem: In Deutschland ist der Anteil der Kinder, die gerade einmal über „elementare mathematische Fähigkeiten“ verfügen, mit 25,4 Prozent relativ hoch.

Und das Problem ist altbekannt. Als die erste PISA-Studie 2001 erschien, war ein Großteil der deutschen Öffentlichkeit noch davon überzeugt, dass die Bundesrepublik bei der Bildung Weltspitze sei – Deutschland, das Land der Dichter und Denker. Experten hatten damals schon so ihre Zweifel, denn dem PISA-Schock war nämlich der TIMSS-Schock vorausgegangen: Die erste repräsentative Vergleichsstudie in Mathematik und den Naturwissenschaften hatte bereits 1997 ergeben, dass die deutschen Schülerinnen und Schüler international allenfalls Mittelmaß sind.

Jetzt, nach fast einem Vierteljahrhundert, reagiert die KMK. Sie verabschiedete am Freitag einstimmig ein Zehnjahres-Programm mit dem gequält klingenden Titel „QuaMath – Unterrichts- und Fortbildungs-Qualität in Mathematik entwickeln“ zur Stärkung der mathematischen Bildung in Deutschland. Nach eigenem Bekunden reagieren die Kultusminister damit auf dem Befund, dass nur knapp die Hälfte aller Jugendlichen die mathematischen Kompetenzen erreicht, die in den KMK-Regelstandards festgelegt hat. Diese Erkenntnis entstammt Erhebungen des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Berliner Humboldt-Universität – den sogenannten IQB-Bildungstrends.

„Um mathematische Kompetenzen zu stärken, ist die Qualitätssteigerung von Mathematikunterricht essentiell”

„Um Kinder und Jugendliche bestmöglich zu fördern und deren mathematische Kompetenzen zu stärken, ist die Qualitätssteigerung von Mathematikunterricht essentiell. Dies ist schon lange bekannt, doch bislang fehlten sowohl eine umfassende Unterstützung der Lehrkräfte als auch kohärente Qualitätsmerkmale für die Entwicklung von Matheunterricht“, so stellen die Kultusminister in ihrem Beschluss fest. Mit anderen Worten: So genau wusste niemand von den politischen Entscheidern, was guter Mathe-Unterricht eigentlich ist. Sie wollen nun „eine wegweisende Weiterentwicklung des Mathematikunterrichts“ fördern.

Das dafür vorgesehene „QuaMath-Programm“ werde vom Deutschen Zentrum für Lehrerbildung Mathematik (DZLM) am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) „forschungsbasiert“ entwickelt und gemeinsam mit den Ländern umgesetzt, so heißt es. „Vor allem mit Anregungen zur Unterrichtsentwicklung, fachdidaktisch fundierten Fortbildungsmaßnahmen und durch die Vernetzung aller Beteiligten soll das Programm mehr als 10.000 Schulen erreichen.“ Was ist mit den übrigen rund 20.000? Darüber erfährt man nichts.

Für das „QuaMath“-Programm erhält das DZLM ab 2023 eine Fördersumme in Höhe von 17,6 Millionen Euro für die ersten 5,5 Jahre. Die Länder investieren zudem jährlich weitere 5,5 Millionen Euro für Länderkoordination sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren.

Prof. Jürg Kramer, Abteilungsdirektor am IPN und ehemaliger Leiter des DZLM, sieht darin einen „bildungspolitischen Meilenstein“, wie es in der Pressemitteilung heißt. Er wird so zitiert: „Die Herausforderungen im Mathematikunterricht wurden identifiziert und auch wissenschaftlich nachgewiesen. Die Bündelung vorhandener Ressourcen mit erheblichen zusätzlichen Mitteln durch die Kultusministerkonferenz zeigt, dass sie die Probleme aktiv angeht. In enger Kooperation der Mathematik-Verantwortlichen der Länder mit der Fortbildungsforschung und -praxis konnte das Programm nun über Ländergrenzen hinweg etabliert werden. Denn nur in Zusammenarbeit kann erkannt werden, was wirklich gebraucht wird.“ Die KMK geht die Probleme aktiv an? Nach 25 Jahren? Naja.

In fünf Prinzipien fasst Prof. Susanne Prediger, Leiterin des DZLM-Netzwerks, die wichtigsten Qualitätsmerkmale zusammen. Deren Wirksamkeit seien erforscht worden, sie entsprächen der Praxis guten Mathematikunterrichts und dienten deshalb als Grundlage für die Programm-Entwicklung:

„Mathematische Kompetenzen entwickeln sich …

  1. … durch aktives und tiefgehendes Denken, nicht durch Oberflächenlernen (Kognitive Aktivierung),
  2. .., indem inhaltliches Verständnis aufgebaut wird, nicht nur durch Aneignung unverstandener Rezepte (Verstehensorientierung),
  3. .., wenn mathematische Inhalte, Prozesse und Ideen immer wiederkehren und systematisch verknüpft werden (Durchgängigkeit),
  4. .., wenn die Lernenden ausgehend von ihren individuellen Lernständen fokussiert gefördert werden (Lernendenorientierung & Adaptivität) und
  5. .., wenn sich Verständnis in gemeinsamen Gesprächen mit Lehrkräften und Lernenden entwickeln kann (Kommunikationsförderung).“

Wie soll das im Unterricht ankommen? „Um Lehrkräfte beim Entwickeln von Unterrichtsqualität zu unterstützen, werden typische Entwicklungsverläufe sowie ihre Hürden untersucht und die Fortbildungs- und Unterstützungsangebote gezielt darauf angepasst. Die gewonnenen Erkenntnisse werden ebenfalls in die Qualifizierung der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die die Schulnetzwerke in der Unterrichtsentwicklung begleiten, integriert“, so heißt es.

Aus desinteressierten Mathe-Schülerinnen und -Schülern werden kaum gute Mathe-Lehrkräfte

Dummerweise gibt es eine grundlegende Schwierigkeit, die sich durch Fortbildungen nicht lösen lässt: Es fehlen Tausende von Mathematik-Lehrern in Deutschland – und der Mangel wird sich in absehbarer Zeit noch verschärfen. Insbesondere mit mehr Werbung unter Abiturientinnen und Abiturienten will die KMK dem abhelfen, wie sie ebenfalls auf ihrer jüngsten Sitzung beschloss, wie News4teachers berichtete.

Womit wir wieder am Anfang dieser Geschichte wären: Mathematik hat in Deutschland ein Image-Problem… und aus zu vielen desinteressierten Mathe-Schülerinnen und -Schülern werden kaum gute Mathe-Lehrkräfte in ausreichender Zahl. News4teachers

Debatte nach umstrittenen Abi-Prüfungen: Beginnen die Probleme beim „Hass-Fach“ Mathematik schon in der Grundschule?

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