Zukunft der Bildung: Warum wir mehr Unternehmergeist in Schulen vermitteln sollten

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BERLIN. Das Problem wird schon darin deutlich, dass es dafür kein adäquates deutsches Wort zu geben scheint: Der Berliner Professor Sven Ripsas plädiert für mehr „Entrepreneurial Education“ in Schulen. Mit Bildung für mehr Unternehmergeist ist das nicht ganz präzise übersetzt: Gemeint ist die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen, die benötigt werden, um ein Unternehmen zu gründen und zu leiten – um letztlich ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

mit ANzug und Brille als Unternehmer verkleidetes Kind an einem Laptop
Es gehe nicht darum, lauter kleine Kapitalisten zu schaffen, sondern die Kreativität zur selbstbestimmten Lebensführung zu fördern, befindet Sven Ripsas. Foto: Shutterstock

Deutsche Schülerinnen und Schülern werden nicht genügend auf ein eigenständiges Leben als Wirtschaftsakteure vorbereitet. Solche und ähnliche Befunde gehören nach wie vor zum Grundrauschen, wenn es um Diskussionen um die gesellschaftlichen Aufgaben der Schule geht. Tatsächlich fremdeln viele Menschen mit den Themen „Wirtschaft“ und „Finanzen“. Ob dafür eine mangelnde schulische (Aus-)bildung, eine grundlegende gesellschaftliche Kultur oder ganz andere Faktoren verantwortlich sind, sei dahingestellt.

Ganz praktisch sind viele Verbraucherinnen und Verbraucher kaum in der Lage, die ökonomischen Folgen ihres Handelns sicher einzuschätzen und optimale Entscheidungen zu fällen. Sven Ripsas, Professor für Entrepreneurship an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin), will indes noch mehr. Er setzt sich nicht nur für mehr ökonomische Bildung ein, sondern vor allem für die Förderung eines „entrepreneurial mindsets“ in Schulen. Er plädiert für die Einführung eines Schulfachs „Wirtschaft und Entrepreneurial Education“.

Im Interview erläutert Ripsas warum Entrepeneurial Education aus seiner Sicht eine aktive Kreativitätsförderung darstellt und warum mehr Unternehmergeist nicht heißen soll, dass alle Schülerinnen und Schüler zu Kapitalisten werden:

Herr Ripsas, was genau fehlt Ihnen in der Schule?

Ripsas: „Deutschland gehört innerhalb der EU in Sachen Entrepreneurship Education zu den Schlusslichtern, da es trotz der Erfolge der sozialen Marktwirtschaft eine unerklärliche Skepsis unter Lehrer:innen gegenüber Marktprozessen gibt. Es fehlt ein positives Narrativ. In Deutschland denken viele beim Thema Entrepreneurship nur an Geld und Männer. Dabei zielt die moderne Entrepreneurship Education auf alle Schülerinnen und Schüler und hat das kreative Problemlösen als Mittelpunkt. Ökonomie, Ökologie und Digitalisierung müssen vernetzt gedacht werden. Soziale Unternehmer:innen sind genauso Vorbilder wie Technologiegründer:innen.“

Warum ist es wichtig, mehr Wirtschaft als bisher im Lehrplan zu verankern und anders als in Fächern wie „Wirtschaft, Arbeit, Technik“?

Ripsas: „Ich möchte die jungen Menschen ertüchtigen, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Unabhängigkeit ist für uns alle ein wichtiges Lebensgefühl. Nicht vom Staat oder dem Arbeitgeber abhängig zu sein, sondern das zu tun, was ich besonders mag und gut kann, eröffnet mir eine positive Lebenseinstellung und ein hohes Selbstwertgefühl. Entrepreneurship Education ist Empowerment und ermöglicht reale Teilhabe.“

Weshalb gehört das für Sie zum notwendigen Alltagswissen?

Ripsas: „95 Prozent der deutschen Bildungspolitiker:innen und bestimmt auch 95 Prozent der Medienvertreter:innen und Eltern ist der Unterschied zwischen Entrepreneur und Kapitalist unbekannt. Dabei sehen sie fast täglich, wie Menschen mit Kreativität und Idealismus und wenig Kapital Unternehmen gründen und Produkte und Dienstleistungen schaffen, von denen wir sehr häufig profitieren. Eine Unternehmensgründung ist eine Herkulesaufgabe, umso mehr, als die ökologische Nachhaltigkeit des neuen Unternehmens im Jahr 2021 eine wichtige Rolle spielt.“

Sie sind ehrenamtlicher Vorsitzender des Network for Teaching Entrepreneurship in Deutschland. Was bringen Sie Lehrerinnen und Lehrern bei?

Ripsas: „Wir helfen den Pädagog:innen, Entrepreneurship als Prozess des Entdeckens zu verstehen. Es geht nicht um Kostenreduzierung und Ausbeutung, sondern um die kreative und sparsame Nutzung von Ressourcen und neuen Technologien, darum, unseren Lebensstandard zu erhalten. Social Entrepreneurship ist dabei eine fantastische Brücke, denn hier geht es vor allem um das Gemeinwohl. Social Entrepreneurship ist genauso wichtig wie das gewinnorientierte Startup, das dann die Steuern zahlt, um Sozialunternehmen zu ermöglichen.“ News4teachers / Interview: Sylke Schumann

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24 KOMMENTARE

  1. Es fehlt soviel im Lehrplan. Auch hier ist die Frage, wie bindet man das sinnvoll in Schule ein. Man könnte einige überholte Fächer aus dem Stundenplan werfen/reduzieren und dafür ein reichhaltiges und differenziertes Ganztagsangebot schaffen, so das SuS Angebote nach ihren Neigungen/Interessen auswählen können. Die Teilnahme muss aber verpflichtend sein.

    • Wirtschaft dürfte die wenigsten Schüler im Ganztag interessieren. Im differenzierten Ganztagsangebot ist generell alles, was kognitiv anspruchsvoller ist als Sport und Daddeln eher unbeliebt.

      Welche Fächer sind denn im Rahmen des Allgemeinbildungsauftrags Ihrer Meinung nach in welchen Jahrgangsstufen überflüssig?

  2. Kein Problem, da die KMK festgestellt hat, dass deutsche SuS nicht dringender wollen als Präsenzunterricht hoch Drei machen wir eben Etre pre Dingbums mittags in der 9. und 10. Stunde.
    Die SuS werden begeistert sein.
    LuL haben eh kein eigenes Leben und werden nach dem Unterricht bis zu nächsten Morgen im Wandschrank verwahrt und wieder Aufgeladen.

    • Hey, bei mir wirkt die Entrecharmeur-Sache bereits: Wenn man die LuL UND SuS im Wandschrank an eine Hochleistungswallbox hängt, dann sind sie bereits nach kurzer Zeit wieder aufgeladen und können noch deutlich mehr Extras abhaken. – Oh bitte nicht doch, keinen Dank, lieber Geld.

    • Jahaa, witzig, nicht wahr! Das geht bei uns per Drektverschaltung im Rückenmark, weil es die üblichen Triggerpunkte reizt.
      Probieren wir doch Folgendes: Für jede Neuerung, die man gut findet – und ich finde Entrepreneurship durchaus interessant (aber ich finde auch 100 andere Ausrichtungen interessant) – kriegt jede betroffene Lehrkraft eine Stunde anderes Zeug erlassen, ok? Aber Achtung, bevor Sie einschlagen, da ist ein Knackpunkt in diesem Deal … na, schon erkannt? ;o)

  3. „…mittags in der 9. und 10. Stunde“??? Wow… also unsere 8. Stunde endet 15:20…
    Da LuL sowieso Superhelden sind, können wir Entrepreneurship sicher ab Klasse 1 spielerisch in jedes Unterrichtsfach integrieren.
    Muss doch gehen…

    • Klar vermitteln sie den SuS der Grundschule einfach, dass es dumm ist das Pausenbrot einfach mit dem dicken, stets hungrigen, Klausi zu teilen und es statt dessen profitabler wäre das Brot nur gegen Hilfe bei den Hausaufgaben zu verkaufen.
      Schon ist der erste Schritt zum späteren Unternehmertum und einem gesunden Profitdenken gelegt 🙂

  4. Machen wa längst am BK….Lehrplan gibts auch vor.

    Nennt sich altmodisch:
    Thema: Unternehmensgründung oder auch “ sich selbständig machen”

    Soll aber das gleiche sein wie Entrepeneurial Education, verstehen die HA10 so aber nicht so gut.

  5. Also appt die Garten AG dem Schülercafé, wenn der Salat und die Rüben geerntet sind. Mit dem Gewinn aus dem Verkauf geht es dann zur Gender- und Diversivitäts-AG, die ihrerseits Fortbildungen zum korrekten Beschriften der (analogen) Preisschilder anbietet. Genial …

  6. Ich fänd´s einfach nur mal klasse, wenn unsere Schüler sinnentnehmend lesen und fehlerfrei schreiben könnten. Rechengrundlagen sicher anwenden können, wäre auch nicht übel. Wäre insgesamt keine schlechte Grundlage, um später dann mal ein Unternehmen gründen zu können.

    • Genau! Was bringt mehr Entrepreneurship im Unterricht, wenn die Beherrschung der Kulturtechniken, also die von Ihnen genannten Grundlagen dafür löchrig sind.

      • @Justus20

        Ernst gemeinter (Jaja!) Originalkommentar eines Zehntklässlers bei Überlegungen zur beruflichen Zukunft:
        „Ich mache mich mit 18 selbständig und bin dann Chef. Dann machen andere alles für mich.“
        (Nein, er wusste nicht in welchem Bereich er sich selbständig machen wollte, wäre ja nicht so wichtig – Hauptsache Chef.)

        Joa, klingt gut … und muss für’s erste auf die Frage nach dem Kulturtechnikdingsbums und Grundlagen genügen. 😉

    • Sie müssen das fehlenden Grundwissen einfach gekonnt in richtige Bahnen lenken.
      Als Unternehmer muss man nicht zwingend richtig rechnen können. Man muss nur sicherstellen, dass man sich immer zu den eigenen Gunsten verrechnet.
      Macht 7,80€ – 10€ von ihnen – 1,20€ zurück. Schon läuft der Laden.
      Die Schule kann ja schließlich nicht alles. Da muss man schon Prioritäten setzen.

  7. „Ich möchte die jungen Menschen ertüchtigen, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen.“ Also in meiner Jugendzeit haben das meine Eltern übernommen, nennt sich Erziehung.

    • Von meinen Eltern wurde mir folgendes mitgegeben: Ohne Fleiß kein Preis. Und weitere Weisheiten, die in diese Richtung gehen. Da bin ich auch äußerst dankbar für.
      In der Schule wurde dies dann umgedreht von den Lehrern vorne dran: Mir ist egal was Ihr macht, ich bekomme mein Geld auch so, egal ob ich was mache oder nicht.
      Ich denke Lehrer, die gar keine Ahnung von Wirtschaft haben, weil das Geld ohnehin von alleine daher kommt, sollte man nicht solche Fächer unterrichten lassen. Der Schuss geht nach hinten los.

      • Auch hier stimme ich zu. Wenn schon Entrepreneurship, dann besser von Schulbesuchen ausgewiesener Kenner der Materie, z.B. Gründern erfolgreicher Start-ups.

        • Völlige Zustimmung. Ganz generell sollten in Schulen echte Kenner der Materie tätig sein und nicht irgendwelche Leutchen, die meinen, sie hätten als Nichtprofis den Durchblick.

      • Wenn ich die „Gedanken“ die sie da absondern so lese, habe ich einen Verdacht warum die Schule für Sie kein durchschlagendes Erfolgserlebnis war 🙂
        Tipp: Nicht alles schlechte kommt vom Lehrer.

      • @Andreas

        „weil das Geld ohnehin von alleine daher kommt“

        Jawoll.
        Bei mir pünktlich jeden Monat.
        Und zwar kommt das Geld laut hupend im vergoldeten Rolls-Royce, den darf ich dann natürlich auch jeden Monat behalten.
        Himmel! Ich weiß schon gar nicht mehr wohin mit dem ganzen Plunder!

        Btw:
        Sie sind dann wohl der griesgrämige Nachbar von gegenüber – aus dem Haus, in dem schon die letzten Generationen mit Sauertopfmimik und Kissen unter den verschränkten Armen auf’m Fensterbrett herumlungerten und alles „im Blick“ hatten.
        Der Rest der Straße mag Sie trotzdem, Entertainment ist ja keine Einbahnstraße.

      • „In der Schule wurde dies dann umgedreht von den Lehrern vorne dran: Mir ist egal was Ihr macht, ich bekomme mein Geld auch so, egal ob ich was mache oder nicht.“

        Klingt, als wollte die Lehrkraft damals den übermütigen oder faulen SuS verdeutlichen, dass sie lernaktiv werden müssen, wenn sie den Abschluss oder die Klausur bestehen wollen. Das haben Sie nicht durchschaut, echt? Das ist einer der lahmsten Lehrertricks, um eine solche Bande evtl. noch zum Arbeiten zu kriegen, bevor es ganz schlimm wird – kein Witz. Naja, aber gut, man kann nicht alles verstehen, solange man es nur von einer Seite betrachtet hat.

  8. Also just in der Corona-Krise sollen wir unbedingt ein Volk von Unternehmern werden. Andererseits wird uns ständig erzählt, dass jetzt schon die Fachkräfte für die bereits existierenden Unternehmen fehlen. Wenn mehr Leute selbständig werden, dann fehlen sie ja erst recht als solche Fachkräfte. Und welche Art Zuwanderer sollen wir dann haben? Fachkräfte als Arbeitnehmer oder Leute, die ihrerseits Ambitionen auf Entrepreneurship haben? Der neue Koalitionsvertrag von rot-grün-rot in Berlin redet viel von weiterer Zuwanderung nach Berlin, lässt aber genau diesen Punkt offen. Man redet stattdessen von einem „kulturellen Wandel im Landesamt für Einwanderung“ Seite 69), was immer das genau bedeutet.
    Ich fürchte nur, die bisherigen „Risikoschüler“ (also die, die bei Schulentlassung kaum Lesen, Schreiben und Rechnen können) sind keine Kandidaten für die ökonomische Selbständigkeit. Eigentlich will man ja deren Zahl reduzieren, aber wie?

    • Statt ökonomischer Ich-AG könnte für einige Kandidaten „Risikoschüler“ der bereits seit fast 20 Jahren etablierte unterhaltsame Wettstreit unter meist jungen Bewerbern als Castingshow wie DSDS oder für musikalisch begabt „The Voice of Germany“ oder bei hübsch „Germany’s Next Top Model“ etwas sein, wo sich „normale“ Menschen einer Herausforderung stellen können und bei Erfolg noch ohne Ausbildung oder Beruf viel Geld verdienen werden.
      Ob das Talent ausschlaggebend ist wird nicht verraten aber mittels hohem gesellschaftlichem Unterhaltungswert will uns die bunte Medienwelt es als „lebe deinen Traum“ so verkaufen.
      Zumindest wird dort Lesen, Schreiben und Rechnen nicht bewertet.
      Nur wenn die Karriere weder dort, noch dann als YouTuber oder Influencer läuft sieht es nüchtern betrachtet echt übel aus.
      Hier könnten einige Traumtänzer mittels Aufklärung auch mal bereits zu Schulzeiten geerdet werden.

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