BERLIN. Kehrt nach der aktuellen Omikron-Welle Ruhe ein? Wissenschaftler werfen einen Blick in die Glaskugel – und kommen zu dem Schluss: Zwar dürfen wir auf einen ruhigen Sommer hoffen. Die Pandemie hat sich damit aber keineswegs erledigt. Das hat auch Konsequenzen für den Kita- und Schulbetrieb, sollte sie zumindest haben. Forderungen nach nachhaltigem Corona-Schutz für Schüler und Lehrkräfte werden lauter, um möglichen weiteren Wellen im Herbst und Winter begegnen zu können.
Die Omikron-Welle gilt nun auch in Deutschland vorerst als gebrochen. Eine flächendeckende Überlastung des Gesundheitssystems scheint nicht mehr zu befürchten – auch wenn die aktuelle Zahl der Corona-Toten mit 306 binnen 24 Stunden immer noch bemerkenswert hoch erscheint (was aber niemanden mehr wirklich aufzuregen scheint). Zum Vergleich: In Deutschland sterben rund 2.500 Menschen im Straßenverkehr – in einem ganzen Jahr. Jedenfalls: Bund und Länder einigten sich zuletzt auf weitreichende Lockerungen in den nächsten Wochen. Die Pandemie, so heißt es, geht in eine «neue Phase». Doch was heißt das? Aus der Wissenschaft mehren sich mahnende Stimmen: Der weitere Verlauf bleibe eine Rechnung mit vielen Unbekannten.
Experten gehen, wie in den letzten zwei Jahren, von einer klaren Entspannung der Infektionslage in der wärmeren Jahreszeit aus. Bis zum Frühling sollen in Deutschland die meisten Maßnahmen fallen. Ist nun wirklich bald Ruhe bis zum Herbst? «Ein Szenario ist, dass wir gut durch diese Welle durchkommen, dass wir trotz der Lockerungen, wenn sie sequenziell und vorsichtig passieren, in ein niedriges Inzidenz-Niveau im Sommer kommen», bestätigt Corona-Modellierer Prof. Dirk Brockmann im Gespräch.
Hinter dem vielgenutzten, aber abstrakten Begriff der «neuen Phase» stehe aktuell die Hoffnung, dass man die Omikron-Welle, die «mit hoher Dynamik durch die Gesellschaft durchgerauscht» sei, bald ganz hinter sich lassen könne und weitreichende Öffnungen vertretbar seien, erklärt der Physiker der Berliner Humboldt-Universität.
“Es weiterhin ein klares politisches Signal, dass für den Herbst 2022 und die Zeit danach Vorbereitungen getroffen werden”
Brockmann mahnt aber direkt an: «Ich wäre damit sehr vorsichtig.» Das derzeit große Veränderungspotenzial dürfe nicht mit einer generellen Entwarnung gleichgesetzt werden. Wie schon vor der Omikron-Welle bleibe künftig damit zu rechnen, «dass noch eine sehr lange Zeit immer wieder neue Varianten aufkreuzen werden und dann immer wieder neue Situationen entstehen», prognostiziert der Experte. Bereits im Herbst könne es «wieder losgehen, je nachdem, wie stark die Impflücken geschlossen werden».
Genau das befürchten Schüler und Lehrkräfte – zumal die Kultusminister der Bundesländer bislang keinerlei Anstalten unternommen haben, einen nachhaltigen Corona-Schutz in Kitas und Schulen aufzubauen. „Wir müssen davon ausgehen, dass diese fünfte Welle nicht die letzte sein wird. Dennoch fehlt weiterhin ein klares politisches Signal, dass für den Herbst 2022 und die Zeit danach Vorbereitungen getroffen werden! Anfängliche Kommunikationsfehler der Corona-Politik der Jahre 2020 und 2021 werden wiederholt, wenn nicht gar übertroffen“, so heißt in der Petition der Schülerinitiative #WirWerdenLaut, die bislang mehr als 140.000 Menschen unterschrieben haben. Sie fordern darin Investitionen in Luftfilter und in digitale Lern- und Lehrmittel sowie Notfallpläne mit kleineren Lerngruppen und einer Aufhebung der Präsenzpflicht. „Für die Probleme, die in der Pandemie aufgetreten oder deutlicher sichtbar geworden sind, müssen langfristige Lösungsstrategien gefunden und umgesetzt werden“, so fordern die Kinder und Jugendlichen.
Ähnlich äußert sich der Verband Bildung und Erziehung (VBE). Bundesvorsitzender Udo Beckmann sagt: „Wir erwarten, dass die Politik die Empfehlungen des Expert:innenrates nutzt, um Schulen und Kitas endlich zu sicheren Lern- und Begegnungsorten zu machen, anstatt für den kommenden Herbst auf das Prinzip Hoffnung zu setzen.“ Hintergrund: Der Corona-Expert:innenrat der Bundesregierung fordert in einer aktuellen Stellungnahme, den Gesundheitsschutz für Kinder und Jugendliche erst zu nehmen und massiv in die Infrastruktur der Schulen zu investieren, um sie auf mögliche künftige Wellen vorzubereiten.
Als Unsicherheitsfaktor für kurz- und mittelfristige Perspektiven gilt Omikron-Subtyp BA.2. Viele gesicherte Erkenntnisse gibt es noch nicht – man geht aber davon aus, dass er noch schneller übertragbar ist als die bislang in Deutschland vorherrschende Variante BA.1. Der Anteil von BA.2 wuchs laut Robert Koch-Institut (RKI) zuletzt kontinuierlich auf etwa 15 Prozent an. Setze sich der Subtyp weiter durch, so machte RKI-Vizepräsident Lars Schaade kürzlich deutlich, sei es «nicht auszuschließen, dass die Fallzahlen langsamer sinken oder auch wieder ansteigen».
Aus Wissenschaft und Politik wird die Einschätzung laut: Auch nach dem Omikron-Peak wird Corona mit seinen Varianten die Menschen noch länger begleiten. Wie das in den nächsten etwa 12 bis 18 Monaten aussehen könnte, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der britischen Scientific Advisory Group for Emergencies (SAGE) jüngst in vier Szenarien modelliert – unter dem Vorbehalt, dass auch andere Entwicklungen denkbar sind. Dabei versuchen sie, Einflussfaktoren wie die Entwicklung neuer Virusvarianten, die Impfquote und schwindenden Immunschutz einzukalkulieren.
Das Ergebnis: Auf der einen Seite steht ein «Best-Case»-Szenario mit der Prognose, es werde zwar weitere Varianten geben, deren Übertragbarkeit sich aber nicht erhöhe und die nicht das Schwere-Niveau der Delta-Variante erreichten. Dem Virus gelingt demnach immer seltener die Immunflucht und im Herbst und Winter sei nur mit kleinen wieder auflodernden Wellen zu rechnen, selten mit schweren Erkrankungen.
Auf der anderen Seite steht ein «Worst-Case»-Szenario: Zu diesem gehören eine sehr hohe globale Inzidenz, unvollständiger Impfschutz und das wiederholte Auftreten unvorhersehbarer Varianten. Schon in den nächsten eineinhalb Jahren sei dann eine sehr große Infektionswelle mit zahlreichen schweren Fällen zu erwarten. Zwischen beiden Optionen gibt es noch ein eher optimistisches und ein eher pessimistisches Szenario.
«Diese Kategorien sind total vertretbar, weil sie nebeneinander stehen und betonen, es kann so oder so oder auch noch ganz anders kommen», befindet Brockmann mit Blick auf die vier SAGE-Szenarien. So könne der in der bisherigen Pandemie oft begangene Fehler, von einem exakten Szenario auszugehen und angesichts anderer Entwicklungen überrascht zu werden, vermieden werden. Konkrete, besonders längerfristige Prognosen seien nämlich nur begrenzt möglich. Folglich sei es immer wichtig, mehrere Szenarien in Betracht zu ziehen.
Der Virologin Sandra Ciesek zufolge sind die Modelle in gewissem Maße auch auf Deutschland und andere Länder übertragbar. Sie zeigten allesamt, dass Covid-19 nicht verschwinde und man weiter damit leben müsse, sagte sie in der letzten Ausgabe des Podcast «Coronavirus-Update» des NDR. Sie warnte davor, sich durch die sinkenden Inzidenzen und in Aussicht stehenden Lockerungen blenden zu lassen: Die Pandemie sei nicht zuende.
Der Modellierer Andreas Schuppert von der RWTH Aachen gibt trotz des sich andeutenden Überschreitens des Omikron-Gipfels zu bedenken, dass in den höheren Altersgruppen die Infektionen derzeit noch ansteigen. Der Peak bei diesen Menschen sei erst noch zu erwarten, weshalb noch etwas länger mit schweren Verläufen zu rechnen sei. «Wir müssen die Dynamik sehr genau beobachten», so Schuppert.
Viele Experten sehen die Entwicklung der Pandemie in einen endemischen Zustand näher rücken. Modellierer Brockmann macht aber auch deutlich: Aus seiner Sicht wird auch dieser vielfach mit Sehnsucht erwartete Übergang nicht das Ende von Corona bedeuten. «Das wäre zu kurz gedacht.»
“Uns muss bewusst sein, dass Corona ein Problem ist, das uns noch viele Jahre beschäftigen wird”
Endemisch ist eine Krankheit, wenn sie in einer Region mit relativ konstanter Erkrankungszahl dauerhaft auftritt. Dazu gehört etwa die Grippe, die wie Covid-19 einem saisonalem Muster folgt. Ein weiteres Beispiel ist Malaria: Die Krankheit tritt in den betroffenen Ländern auf unterschiedlichem Niveau fortwährend auf.
Auch das Coronavirus werde weiter zirkulieren, auch wenn es dann für die Gesamtbevölkerung mutmaßlich weniger gefährlich sei, so Brockmann. «Uns muss bewusst sein, dass Corona ein Problem ist, das uns noch viele Jahre beschäftigen wird. Vielleicht nicht in der Intensität wie jetzt, aber mit neuen Überraschungen, neuen Varianten, die kommen können.»
Die Schulen sind darauf nicht vorbereitet. Diese Feststellung ist nicht neu. News4teachers titelte bereits im Juli 2020: „Spiel mit dem Feuer: Wenn sich die Schulen als Infektionstreiber erweisen, steht Deutschland ein schlimmer Corona-Herbst bevor“ – und es folgten zwei schlimme Corona-Wellen mit monatelangen Schulschließungen. Im Oktober 2021 warnte News4teachers unter Berufung auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: „Inzidenzen über 1000, massenhaft infizierte Kinder – und ignorante Politiker: Den Schulen droht ein zweiter Krisen-Winter“. Seitdem rauschte zunächst Delta durch die Kitas und Schulen, jetzt Omikron. News4teachers / mit Material der dpa
