Diskussion über Missbrauch an Schulen: Studie soll Ausmaß ermitteln

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BERLIN. Millionen Kinder gehen täglich in die Schule und Eltern gehen davon aus, dass sie dort gut aufgehoben sind. Doch Schulen können auch zum Tatort für Missbrauch werden. Eine Kommission rückt das Thema stärker in den Blick und lässt Betroffene zu Wort kommen. Eine Studie soll nun das Ausmaß ermitteln.

Missbrauch im Schulumfeld kommt vor – in welchem Ausmaß, das ist allerdings ungeklärt. Foto: Shutterstock

«Sie war der Meinung, dass er ein toller Lehrer ist, der sich so sehr für schwache Schüler einsetzt.» Lars Wellings Mutter glaubte ihm nicht, dass sein Klassenlehrer ihn immer wieder zum «Nachsitzen» nach Hause holte, dort schlug und sich dabei sexuelle Befriedigung holte. Er war elf, als es passierte. Andere Schüler seiner Klasse mussten auch «nachsitzen».

Wellings, heute Schauspieler (u. a. Tatort) und Anna, die in der Öffentlichkeit nicht mit ihrem richtigen Namen auftreten möchte, berichteten am Mittwoch in Berlin bei einer Veranstaltung der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs von ihren Erfahrungen mit Missbrauch im Bereich Schule. Nur wenige bringen den Mut auf, öffentlich darüber zu sprechen.

Die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission arbeitet seit 2016 Missbrauch in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen auf, etwa in der Familie, im Sport oder in Vereinen. Kern der Untersuchungen sind Anhörungen und Berichte von heute erwachsenen Betroffenen. Das Gremium soll Strukturen und Bedingungen aufdecken, die solche Taten in der Vergangenheit ermöglicht und begünstigt haben, um daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen.

«Dieser Lehrer war wahnsinnig geachtet (…) es ist nicht das, was wir uns unter einem typischen Täterklischee vorstellen»

Mehr als 3000 Betroffene und Zeitzeugen haben sich nach Angaben der Kommission bisher gemeldet. Aus dem Bereich Schule, der am Mittwoch im Mittelpunkt stand, waren es bislang etwa 160 Betroffene. Die meisten hätten von Übergriffen durch Erwachsene berichtet, durch Lehrkräfte oder auch Personal wie Hausmeister. «Der Missbrauch fand im Büro des Direktors, in der Bibliothek, im Krankenzimmer, aber auch während des Unterrichts oder bei Lehrern zu Hause statt.» Sie gehe nicht davon aus, dass es bei 160 Fällen bleibe, sagte Kommissionsmitglied Brigitte Tilmann. Nur die wenigsten Betroffenen würden sich mitteilen. Das Thema soll demnächst in einer Studie größer untersucht werden.

Bei der Diskussionsveranstaltung wiesen Experten auf Defizite im Schulbereich hin. Es gebe ganz hervorragende Präventionskonzepte und Papiere, aber die Umsetzung sei eigentlich blamabel, sagte Tilmann. Daten des Deutschen Jugendinstituts zufolge, die allerdings von 2018 stammten, hätten nur 13 Prozent der Schulen ein umfassendes Schutzkonzept umgesetzt. Familienministerin Anne Spiegel (Grüne) forderte die Bundesländer dazu auf, Schutzkonzepte in ihren Schulgesetzen zu verankern. Fünf Länder hätten dies bereits getan oder bereiteten dies vor. «Ich hoffe sehr, dass auch die übrigen Länder hier nachziehen.»

Die Kasseler Bildungsforscherin Edith Glaser nannte es wichtig, das Thema Missbrauch in der Lehramtsausbildung zu verankern. Sie glaube, im Bereich der Schule gehe immer noch Kollegialität vor Professionalität. Katharina Kracht, Mitglied der Expertengruppe «Sexuelle Belästigung» der Bremer Bildungsverwaltung, sagte, es gebe in den Kollegien auch Missverständnisse. Oft seien Täter beliebte Menschen, die sehr manipulativ vorgingen und Kinder seien nicht in der Lage zu erkennen, dass es sich um Missbrauch handele.

«Ich dachte, das gehört dazu. Wenn er das als Erwachsener macht, ist das wohl richtig»

Das bestätigen die Schilderungen von Lars Wellings und Anne: «Dieser Lehrer war wahnsinnig geachtet (…) es ist nicht das, was wir uns unter einem typischen Täterklischee vorstellen», sagte Wellings über seinen damaligen Klassenlehrer. Anna, heute selbst Mutter, berichtet von einer Abhängigkeit. Ihr damals 50-jähriger Lehrer habe ihr als 14-Jährige das Gefühl gegeben, sich sehr für ihre Probleme zu interessieren. Er habe sie mit dem Auto nach Hause gefahren, dann sei es über Fußballgucken bei ihm und Weihnachtsgeschenke, als sie 15 war, «auch körperlich» weitergegangen. «Ich dachte, das gehört dazu. Wenn er das als Erwachsener macht, ist das wohl richtig.» Es könne diese Ambivalenz geben: «Der Lehrer ist zwar sehr nett und engagiert, aber ist trotzdem auch jemand, der Kinder missbraucht.»

Die Aufarbeitungskommission wies darauf hin, dass in vielen Anhörungen und Berichten von Betroffenen auch deutlich geworden sei, dass die Schule ein wichtiger Schutzraum sein könne – für Kinder und Jugendliche, die etwa zu Hause sexuelle Gewalt erfahren mussten. Dieses Potenzial der Schulen sei in der Vergangenheit aber noch nicht ausreichend genutzt worden. Von Jörg Ratzsch, dpa

Lehrer als Täter? Der Missbrauchsbeauftragte des Bundes missbraucht die Schulen für billige PR

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4 Kommentare
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Rosa
8 Monate zuvor

Nicht nur sexuelle Übergriffe finden an schule statt auch körperliche Gewalt findet an Schulen statt. Es gibt Lehrer die bemerken Übergriffe und schauen weg und auch Schulleitungen greifen oft nicht um den Ruf der Schule nicht zu schaden.https://www.tagesschau.de/inland/sexueller-missbrauch-schulen-101.html

Rüdiger Vehrenkamp
8 Monate zuvor

Mich schockiert es gerade sehr, diesen Artikel zu lesen. Dass Lehrer Schüler zu sich nach Hause holen – spätestens da würden bei mir als Elternteil die Alarmglocken läuten… oder wenn Lehrer übertriebene Geschenke machen (Schokoriegel und Weihnachtswichteln meine ich natürlich nicht).

Ich glaube schon, dass es als Lehrkraft teilweise ein Spagat ist, wie man mit Schülerinnen und Schülern umgeht, gerade in emotional aufgeladenen Situationen. Ist es okay, einem weinenden Kind die Hand auf die Schulter zu legen oder nicht? Rein menschlich gesehen schon. Nur manch einer könnte dies schon als „zu nahe“ deuten. Bestimmt werden Lehrkräfte teils zu unrecht beschuldigt, etwas Übergriffiges getan zu haben, nur zeigen Fälle wie oben, dass bestimmte Grenzen einfach nicht überschritten werden dürfen.

Mrs.Braitwhistle
8 Monate zuvor

Es kommt nicht von ungefähr, dass Kinder, die in ihrer Persönlichkeitsentwicklung vorbelastet sind im Sinne eines Elternhauses mit wenig Unterstützung bis hin zu häuslichen Grenzüberschreitungen oder gar wehrloser sind aufgrund etwa einer Behinderung, besonders gefährdet sind, Opfer zu werden. Zuwendung und Geschenke wirken vor so einem Hintergrund ganz anders als bei elterlich gut begleiteten Kindern.

Georg
8 Monate zuvor

Lehrkräfte (m/w/d) werden mit Sicherheit seltener beschuldigt als Lehrer (m). Schon aus dem Grund ist der Aufenthalt eines Lehrers (m) ohne Zeugen mit einer einzelnen Schülerin bei geschlossener Klassenraumtür sehr riskant.