Vorbildlich? Neue Hamburger Bildungspläne: Mehr Vorgaben, mehr für Klassenarbeiten üben

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HAMBURG. Hamburgs Bildungssenator Rabe hat Entwürfe für neue Bildungspläne vorgelegt, die zum übernächsten Schuljahr gelten sollen. Schon jetzt ist klar, schriftliche Prüfungen und konkrete Lehrinhalte sollen wieder mehr Gewicht erhalten. Kritik kommt von links und von rechts.

„Mehr als Fachunterricht“: Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe, als Sprecher der SPD-geführten Kultusministerien in Deutschland auch bundesweit mit großem Einfluss. Foto: Michael Zapf / BSB

Hamburgs Schulbehörde hat erste Entwürfe für die neuen Bildungspläne der Grund- und Stadtteilschulen sowie der Gymnasien vorgelegt. «Die neuen Pläne berücksichtigen jetzt in allen Fächern deutlich stärker die Themenfelder «Digitalisierung», «Bildung für nachhaltige Entwicklung» und «Wertebildung» sowie die Sprachförderung», sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD). Sie seien zudem passgenauer auf Vorgaben der Kultusministerkonferenz für die einzelnen Fächern und das Abitur abgestimmt. Die Linke sieht in den Plänen einen Rückschritt weg von der Kompetenzorientierung – die AfD meint, dass damit Schüler ideologisiert werden sollte.

Rabe betonte, bei den Plänen handele es sich um einen Referentenentwurf, der nun breit diskutiert werden solle. «Ziel ist, dass in den nächsten drei Monaten die Diskussion geführt wird, wir dann die zahlreichen Rückmeldungen in die künftigen Bildungspläne einbinden und sie in den Herbstferien veröffentlichen», sagte Rabe. In Kraft treten sollen sie dann zum Schuljahr 2023/24.

Die neuen Bildungspläne berücksichtigen den Angaben zufolge die zahlreichen neuen, länderübergreifenden Vorgaben der Kultusministerkonferenz für die einzelnen Fächer und für das Abitur. Dabei gehe es auch um eine Angleichung in allen Bundesländern. Deswegen, aber auch wegen Beschwerden vieler Eltern und Schüler über erhebliche Unterschiede im Unterricht zwischen einzelnen Hamburger Schulen, sollen nun konkrete Unterrichtsinhalte in die Bildungspläne geschrieben werden. Die bisherige Kompetenzorientierung sei deshalb um sogenannte Kerncurricula ergänzt worden.

Zu den Neuerungen zählen auch die drei Leitperspektiven „Digitalisierung“, „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und „Wertebildung“ sowie die „Sprachbildung“, die wie ein roter Faden in allen Fächern berücksichtigt werden sollen.

„Hamburgs Schüler zeigen bei den Abschlussprüfungen in der Regel deutlich schwächere Leistungen als insgesamt in der Schulzeit“

„Bildung für nachhaltige Entwicklung“ basiere auf einem Beschluss der Vereinten Nationen und ziele darauf ab, alle Lebensbereiche nach den Prinzipien der Dauerhaftigkeit, Gerechtigkeit und Teilhabe für alle zu organisieren und eine friedliche und tolerante Gesellschaft zu schaffen, die allen Menschen die Teilhabe ermöglicht und dabei die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit bewahrt, so teilt die Bildungsbehörde mit. „Die Leitperspektive ‚Wertebildung‘ zielt darauf ab, die Grundwerte unserer Gesellschaft, wie sie im Grundgesetz beschrieben sind, im Unterricht sinnvoll zu verankern. Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, an der Gestaltung einer der Humanität verpflichteten demokratischen Gesellschaft mitzuwirken und für ein friedliches Zusammenleben der Kulturen sowie für die Gleichheit und das Lebensrecht aller Menschen einzutreten.“

«Wir stellen doch mit einer gewissen Sorge fest, dass Hamburgs Schülerinnen und Schüler (…) gerade bei den Abschlussprüfungen in der Regel deutlich schwächere Leistungen zeigen als insgesamt in der Schulzeit», sagte Rabe. Deshalb sollen die schriftlichen Prüfungen künftig besser geübt werden. Mehr Klausuren soll es aber nicht geben – es bleibe bei drei schriftliche Prüfungen in Deutsch pro Halbjahr, jeweils zwei in den Hauptfächern und jeweils einer bei den übrigen Fächern.

«Wichtig ist, dass diese Klausuren auch geschrieben werden», betonte Rabe. Sogenannte Ersatzleistungen wie Referate oder Vorträge sollten deshalb nicht mehr stattfinden. Diese Möglichkeit sei nicht sinnvoll, sagte der Senator. Darüber hinaus sollen die Schülerinnen und Schüler künftig in jedem Halbjahr mindestens zwei Klassenarbeiten unter Einbeziehung des Computers schreiben.

Anders als bisher sollen zudem die Klausuren gegenüber den mündlichen Leistungen auch wieder mehr Gewicht erhalten. In der Vergangenheit habe sich eingebürgert, dass bei der Gesamtnote das Mündliche 60 Prozent und die schriftlichen Leistungen 40 Prozent zählten. Das sei aber gegenüber bedächtigen und zurückhaltenden Schülerinnen und Schülern ungerecht, die sich nicht sofort immer im Unterricht meldeten.

«Deswegen haben wir zumindest gesagt, in den Hauptfächern hätten wir jetzt gerne ein 50/50», sagte Rabe. Bei Fächern, in denen nur eine Klausur pro Halbjahr geschrieben werde, solle es jedoch beim Verhältnis mündlich/schriftlich bei 70 zu 30 bleiben.

Bildungspläne legen fest, welche Ziele und Inhalte in jedem einzelnen Schulfach und jeder Jahrgangsstufe unterrichtet werden sollen. Aufgrund der Vielfalt der Fächer und Schulformen gibt es insgesamt 102 Bildungspläne, die zusammen mehr als 6000 Seiten umfassen.

Die bisherigen Bildungspläne sind inzwischen zwölf Jahre alt und werden aufgrund eines Bürgerschaftsbeschlusses zum Schulfrieden aus dem Jahr 2019 erneuert. Aktuell geht es um die Bildungspläne der Grundschule, der gymnasialen Oberstufe und der Hauptfächer in der Mittelstufe. Die restlichen Bildungspläne folgten im kommenden Jahr.

„Wir brauchen keine ideologisierten Schüler, die akkurat gendern und das grüne Wahlprogramm rezitieren können“

Die Linken-Schulexpertin in der Hamburgischen Bürgerschaft, Sabine Boeddinghaus, forderte unter Verweis auf die Wünsche von Lehrerverbänden einen Schwerpunkt inklusiver Bildung in den neuen Bildungsplänen. «Besonders jetzt, wo die Kinder und Jugendlichen psychisch so belastet sind, muss Bildung von den Kindern her gedacht und entwickelt werden.» Die geplante Festlegung auf Kerncurricula und verpflichtende Inhalte sei ein pädagogischer Rückschritt, der die schulische Bildung verschlechtern werde. «Ich fordere ein sofortiges Moratorium der Überarbeitung der Bildungspläne», sagte Boeddinghaus.

AfD-Fraktionsvize Alexander Wolf sagte, wenn Schüler lediglich zum «richtigen» rot-grünen Klassenstandpunkt gelenkt werden sollen, sei das der falsche Weg. «Wir brauchen keine ideologisierten Schüler, die akkurat gendern und das grüne Wahlprogramm rezitieren können, sondern haben einen großen Bedarf an Ingenieuren, Technikern und Handwerkern.»

Rabe betonte dagegen: „Schule ist mehr als Fachunterricht – Schule hat auch eine wichtige Erziehungsaufgabe. Diese Aufgabe nehmen wir sehr ernst.“ News4teachers / mit Material der dpa

Die Entwürfe der Bildungspläne sind veröffentlicht worden und stehen hier zur Verfügung.

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Forumsleserin
1 Monat zuvor

Die Richtung, die Hamburg vorgibt, ist die richtige. Wenn wir orientierungslos mit der sog. Kompezenzorientierung weiterwurschteln, bleiben die Schwächeren auf der Strecke.
Ich muss seit der Einführung des neuen, kompetenzorientierten Lehrplans soviel erklären wie noch nie, sobald ich mit den neuen Schulbüchern arbeite. Die AutorInnen der Schulbücher waren mit der Umsetzung der Kompetenzorientierung überfordert, weil dieser didaktische Weg überfordert.
Zum Thema Referate und Vorträge: Sie verkommen zur „Waffe“ der Eltern, um Gesamtnoten – automatisch – zu verbessern. Auch in dieser Hinsicht gefällt mir die Hamburger Initiative.

Curly
1 Monat zuvor

Das klingt nun einfach wir in vielen anderen Bundesländern.
Ich halte auch nur bedingt was von der ewigen Kompetenzorientierung.
Ich fände es schön, auch Mal wieder ganz bestimmte Inhalte können zu müssen und nicht nur die Kompetenz, wir ich sie möglicherweise erlerne.

Ich habe seit Jahren das Gefühl, das wir als Gesellschaft immer dümmer werden, will wir zwar die Kompetenz haben es zu lernen, es dann aber nicht mehr tun.

Teacheress
1 Monat zuvor

Ja, im Prinzip finde ich die Entwicklung weg vom Kompetenzdenken und die Fokussierung auf Inhalte gut. Auch die Stärkung der Schriftlichkeit ist sinnvoll, da es hier echte Defizite gibt, wie ich als Oberstufenlehrerin feststellen kann. Die Waffe sehe ich nicht allein in Vorträgen, sondern auch in Hausaufgaben. In beiden Fällen helfen gezielte Nachfragen, um herauszufinden, wie sehr das Thema durchdrungen wurde. Mediengestützte Vorträge erstellen und halten zu können, ist eine wichtige Fähigkeit und sie gibt Unterrichtsgestaltung in die Hände der Lernenden. Aber wir müssen uns in den Fachkonferenzen erst einmal ausführlich mit den neuen Bildungsplanentwürfen befassen, um die Änderungen in ihren Folgen zu verstehen und ggf. andere Vorschläge zu unterbreiten.

Julia
1 Monat zuvor
Antwortet  Teacheress

Wieder einer, der die Kompetenzorientierung nicht verstanden hat!

potschemutschka
1 Monat zuvor

@Curly
Wie wahr! Das Gefühl habe ich auch schon lange!