Website-Icon News4teachers

“Die Kluft zwischen Universität und Schule ist zu groß”: Warum sich ein Lehramtsstudent schlecht ausgebildet fühlt

Anzeige

DÜSSELDORF. “Unter uns Lehramtsstudierenden (zumindest an meiner Universität) ist der Frust über die praxisferne und forschungsorientierte Ausbildung groß, was ich an zahlreichen Gesprächen untereinander und an den Rückmeldungen zum Praxissemester erkenne”, so schreibt ein Lehramtsstudent an die Redaktion – passend zur aktuellen News4teachers-Debatte um die Zukunft der Lehrkräfteausbildung. Wir dokumentieren seinen Post im Folgenden – und erweitern gerne die Diskussion: Ist die Lehrkräfteausbildung an den Universitäten tatsächlich zu praxisfern?

Lehramtsstudierende müssen mitunter den Verlust ihrer Abschlussklausur verkraften (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Ein kleiner Rundumschlag auf die Lehrkräfteausbildung

Würden die IngenieurInnen in diesem Land ähnlich ausgebildet werden wie die Lehrkräfte, ich beträte kein einziges Gebäude und keine einzige Brücke mehr.

Dank des Föderalismus in der Bildungspolitik und trotz der Kultusministerkonferenz haben wir in der Bundesrepublik 16 teils sehr verschiedene Schulsysteme. Da führt Vielfalt zu Chaos. So wird es bei Eltern, die mit ihrem 11-jährigen Kind etwa von Bremen nach Berlin ziehen, wohl nicht mehr als Unverständnis und Kopfschütteln auslösen, wenn ihr Kind plötzlich statt einem Gymnasium wieder die Grundschule besuchen muss.

Anzeige

Was bei all den Schulreformen, Bildungspolitiken und internationalen Vergleichsstudien jedoch von der Öffentlichkeit weitestgehend außer Acht gelassen wird, ist die Frage, wer da überhaupt unterrichtet. Wie werden also die Lehrkräfte ausgebildet? Hier ist anzumerken, dass es Dank des Föderalismus in der Bildungspolitik und trotz der Kultusministerkonferenz eben auch 16 unterschiedliche Systeme der Lehrkräfteausbildung gibt. Da ich mich am Ende meines Lehramtsstudiums in NRW befinde, beziehe ich mich vor allem hierauf.

Alle 16 Systeme haben eine große Gemeinsamkeit: Sie sind gekennzeichnet durch einen überbordenden Lern- und Organisationsaufwand für die Studierenden, der Schwerpunktsetzung auf Forschung und Wissenschaft und zeichnen sich dadurch vor allem durch ihre Praxisferne aus.

Zum ersten Kritikpunkt lässt sich sagen, dass es für uns Studierende nicht nachvollziehbar ist, warum wir so viele Prüfungen und Studienleistungen erbringen müssen, bei der sich die für den späteren Beruf relevanten Kompetenzen kaum ausbilden können. Was bringt noch eine Klausur und noch eine Hausarbeit und noch eine mündliche Prüfung, wenn sie fernab des Klassenzimmers stattfindet oder keinerlei Bezug dazu hat?

Schwierig gestalten sich auch die Übergänge zwischen den einzelnen Etappen der Ausbildung. Beim Wechsel vom Bachelor in den Master, vom Master in das Referendariat und vom Referendariat in den eigentlichen Beruf kann es zu Problemen und Leerlaufzeiten kommen. In NRW wird uns empfohlen, vorübergehend eine Stelle als Vertretungslehrkraft anzunehmen. Wer studiert mindestens fünf Jahre, um daran anschließend in einem prekären Beschäftigungsverhältnis zu arbeiten und daran anschließend noch einmal 18 Monate lang wieder regelmäßigem Prüfungsstress ausgesetzt zu sein? Die Ungewissheit, wohin man im Referendariat geschickt wird oder ob man im Anschluss daran auch die heiß ersehnte Beamtenstellung am Wunschort erhält, kommt noch hinzu.

“Das Studium ist von der Realität in den Schulen weitestgehend losgelöst ist. So kommt es zu einem Praxisschock”

Fraglich ist zweitens auch, warum uns die Universität zu WissenschaftlerInnen ausbilden will, wo wir doch eigentlich in die Schulen und mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten wollen? Das Lehramt ist ein sozialer Beruf! Es besteht kein Zweifel daran, dass jede angehende Lehrkraft sich unbedingt mit dem Wissensstand und der Didaktik ihres Faches auseinandersetzen muss und hier auch profunde Kenntnisse vonnöten sind. Der Rückgriff auf die Theorie ist in der Praxis wichtig. Aber warum ist es notwendig, dass man nach drei Jahren wissenschaftlichen Bachelorstudiums mit wenig Praxisanteilen (in denen man vor allem eines ist: Praktikant) und mit wissenschaftlicher Abschlussarbeit sich zusätzlich noch durch ein komplettes Masterstudium kämpfen muss?

In NRW wird das Praxissemester im Master übrigens noch von aufwendigen Studienprojekten überlagert, sodass die Praxiserfahrung, nach der wir Studierenden so sehr bitten und betteln, größtenteils auf der Strecke bleibt.

Dies alles führt vor allem dazu, dass das Studium von der Realität in den Schulen weitestgehend losgelöst ist. So kommt es zu einem Praxisschock und enttäuschten Erwartungen, die auch in einen Studienabbruch oder Berufswechsel münden können. Ein Seminar zum Werk Adalbert Stifters ist keine ausreichende Vorbereitung für den Einsatz vor einer Deutschklasse.

Eine Kommilitonin brachte es kürzlich auf den Punkt. Sie sagte, dass in den Seminaren immer von einer idealtypischen Klasse ausgegangen wird, die Realität aber ganz anders aussieht. In meinen bisherigen Praktika habe ich gelernt, dass die hochkomplexen Inhalte des Studiums mir herzlich wenig für die Unterrichtsplanung und -durchführung nützen, sondern vielmehr pädagogisches Geschick gepaart mit didaktisch-methodischen Kompetenzen, viel Geduld, Ausdauer, (Frustrations-)Toleranz und sehr viel Menschlichkeit. Nur ein Bruchteil davon kann in einem wissenschaftlich ausgerichteten Studium erlernt werden.

Wie also könnte die Lehrkräfteausbildung verbessert werden? Vor allem muss der universitäre Teil gekürzt bzw. modifiziert werden. In NRW und anderen Bundesländern dauerte die universitäre Ausbildung für einige Schulformen einmal nur vier Jahre zuzüglich Referendariat. Sind diese Lehrkräfte heute schlechter in ihrem Beruf als diejenigen mit einem fünfjährigen Studium? Das sind immerhin vier Jahre mehr, als die meisten QuereinsteigerInnen vorweisen können. Deren Leistung soll hier nicht geschmälert werden und ihnen gebührt höchster Dank und Respekt, zumal ohne sie in Ländern wie Berlin wahrscheinlich gar kein geregelter Schulbetrieb mehr möglich wäre. Allerdings ist der Widerspruch doch gravierend, warum einerseits auf einen langen Ausbildungsweg von ca. sieben Jahren und mehr bestanden wird und andererseits zur Behebung des Personalmangels Menschen ohne Vorerfahrung und Vorbereitung in den Schulen eingesetzt werden.

In einem Beitrag in der „Zeit“ vom Dezember 2019 haben drei BildungsexpertInnen eine dual organisierte Lehrkräfteausbildung mit Verbeamtung im Studium gefordert (aktuell auch Prof. Rainer Dollase auf News4teachers – hier nachzulesen). Junge Menschen ohne jegliche Vorerfahrung und Vorbereitung in den Schulen einzusetzen, ist ebenfalls ein Fehler. Dennoch ist die Grundidee keineswegs falsch.

Wie wäre es denn mit einer dreijährigen Ausbildung sowohl an der Universität als auch in den Schulen, allerdings stets unter Begleitung von Theoretikern und Praktikern? Statt realitätsferner Theorie werden zum Beispiel Fallanalysen und Feldforschungen durchgeführt, gemeinsam analysiert und diskutiert. Die Inhalte des Studiums müssen dringend an die Bedürfnisse der Studierenden sowie des Berufs angepasst werden. Kenntnisse in Psychologie, Sozialarbeit/-pädagogik, Diagnostik und Förderung, Stressbewältigung oder den für uns relevanten rechtlichen Bestimmungen sind unablässig für diesen Beruf, finden sich jedoch nur selten oder gar nicht in den Studien- und Prüfungsordnungen. Im Referendariat ist es zu spät dafür und eigentlich sollten hier etwa die Entwicklung eines professionellen Selbstkonzepts, die pädagogische Diagnostik und Förderung und die Unterrichtsgestaltung im Vordergrund stehen.

Das wichtige Referendariat wiederum ist zu kurz, der Übergang oftmals holprig und mit Prüfungen bzw. Unterrichtsbesuchen überladen. Dabei wäre gerade diese Zeit so wichtig, um die genannten Fähigkeiten zu entwickeln, sich auszuprobieren und schrittweise als Lehrkraft zu emanzipieren.

“Niemand hat uns gesagt, wie schwierig der Umgang nicht nur mit den SchülerInnen, sondern auch mit den Eltern sein kann”

Ich habe nicht alle Kritikpunkte und diese auch nicht in aller Tiefe angesprochen und sicher stimmen nicht alle Studierenden mit meiner Ansicht überein oder haben ganz andere Vorschläge. Dennoch muss darauf aufmerksam gemacht werden und hier wird mir die Mehrheit der Studierenden wohl zustimmen, dass die Lehrkräfteausbildung in unserem Land den tatsächlichen Anforderungen des Lehrberufes nicht genügt.

Die Kluft zwischen Universität und Schule ist zu groß und wir Studierenden werden regelmäßig ins kalte Wasser geworfen. Niemand hat uns gesagt, wie schwierig der Umgang nicht nur mit den SchülerInnen, sondern auch mit den Eltern sein kann. Niemand hat uns darauf vorbereitet, wie man bei Tränen im Klassenzimmer oder auch im Lehrerzimmer Trost spendet. So etwas kann man nicht erlernen, es muss erlebt werden. News4teachers

Aktuelle News4teachers-Beiträge zur Debatte um die Lehrkräfteausbildung:

Debatte: Wie sich der Lehrermangel schnell beheben ließe – und die Lehrerausbildung verbessern

Perspektiven der Lehrerausbildung: Wie bringen angehende Lehrkräfte das, was sie an den Unis lernen, in den Unterricht?

„‚Qualitätsoffensive Lehrkräftebildung‘ ist ein Witz“: VDR-Chef Böhm fordert, den Beruf für den Nachwuchs (wieder) attraktiver zu machen

 

 

Anzeige
Die mobile Version verlassen