GEW kritisiert Aufholprogramme von Bund und Ländern: Keine Hilfe für diejenigen, die es am nötigsten haben

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BERLIN. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat die Umsetzung der Corona-Aufholprogramme von Bund und Ländern für Schülerinnen und Schüler kritisiert. «Die Analyse der Aufholmaßnahmen belegt, dass die Fördermittel vielfach nicht dort ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, nämlich bei Schulen in schwierigen Lagen und armen Kindern und Jugendlichen», sagte GEW-Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze am Dienstag.

Erreichen die Aufholprogramme nicht die Schülerinnen und Schüler, die Unterstützung besonders nötig haben? (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

«Vielerorts erweist sich die zusätzliche Unterstützung eher als Mittelschichtsprogramm und Ankurbelung des privaten Nachhilfemarkts», stellte Bensinger-Stolze fest. Weitere Unterstützungsprogramme von Bund und Ländern, etwa das geplante „Startchancenprogramm“ für benachteiligte Schulen der Bundesregierung, müssten dringend effizienter, sozial ausgewogener und nachhaltiger gestaltet sein.

Sie bezog sich auf eine am Dienstag veröffentlichte Untersuchung in der von der GEW herausgegebenen Publikation «Die Deutsche Schule – Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Bildungspolitik und pädagogische Praxis». Darin wurde die Umsetzung des Aufholprogramms in den einzelnen Bundesländern analysiert.

Der Bund hatte den Ländern rund eine Milliarde Euro für Lernförderprogramme zur Verfügung gestellt und eine weitere Milliarde für die Aufstockung sozialer Projekte für Kinder, Jugendliche und Familien. Dieses sogenannte Aufholprogramm sollte dabei helfen, die Folgen der Schulschließungen und des eingeschränkten Betriebs während der Corona-Pandemie abzufedern.

„Dadurch erhielten vergleichsweise privilegierte Schulen wie etwa Gymnasien oder Privatschulen Mittel in demselben Umfang wie sozial belastete Schulen“

Die Autoren kritisieren, dass zwar in einigen Ländern versucht worden sei, Mittel etwa auf Grundlage von Lernstanderhebungen, Sozialindizes oder weiteren Schulmerkmalen zu verteilen. Die Zuteilung der Mittel sei in anderen Ländern aber «weitgehend nach dem „Gießkannenprinzip“» erfolgt. «Dadurch erhielten vergleichsweise privilegierte Schulen wie etwa Gymnasien oder Privatschulen Mittel in demselben Umfang wie sozial belastete Schulen.»

Die zusätzliche Unterstützung im Rahmen der Aufholprogramme sei für viele Schülerinnen und Schüler sicherlich ein Gewinn gewesen sei, sagte Bensinger-Stolze. Insgesamt und bundesweit zeige sich aber, dass die Ziele nur in kleinen Teilen erreicht würden. „Wenn – wie vielfach geschehen – Gelder mit der Gießkanne verteilt werden und die Lernangebote freiwillig und additiv gestaltet sind, kommen diese bei benachteiligten Eltern und deren Kindern kaum an. Dies zeigt sich besonders in den Ländern, die ihren Schwerpunkt auf Lernferien legen oder Gutscheine für private Nachhilfe ausgeben“, betonte sie. Vorne lägen die Länder, die schon vor der Pandemie gezielte Programme zu Förderung benachteiligter Kinder und junger Menschen etabliert hatten.

„Wenn sich manche Länder auf private Nachhilfeanbieter stützen, liegt das also teilweise an fehlendem Personal in Bildung und Erziehung“

Erneut werde deutlich, dass der eklatante Lehr- und Fachkräftemangel die Achillesferse des Schulsystems sei. Viele Schulen seien personell unterversorgt und hätten vielfach schlicht nicht die Zeit für zusätzliche Maßnahmen. Externes Personal für Förderangebote zu rekrutieren, sei angesichts des angespannten Arbeitsmarktes im Bildungs- und Erziehungswesen und angesichts der kurzen Zeit vielfach nicht möglich gewesen. „Wenn sich manche Länder auf private Nachhilfeanbieter stützen, liegt das also teilweise an fehlendem Personal in Bildung und Erziehung. Bis heute ist jedoch ein großer Teil der Gelder nicht ausgeschöpft oder abgerufen worden. Außerdem fehlen in vielen Ländern klare Vorgaben, eine ausreichende Datenlage, soziale Verteilungsschlüssel sowie – gesetzlich und pädagogisch untersetzte – Konzepte, um Kinder und Jugendliche gezielt zu fördern“, unterstrich Bensinger-Stolze.

„So sehr die Gelder der aktuellen Programme nötig sind: In einem unterfinanzierten und sozial selektiven Schulsystem ist die soziale Schieflage nicht mit befristeten Projektmitteln zu korrigieren. Hier müssen die Bundes- und die Landesregierungen ein größeres Rad drehen. Nicht nur in Richtung eines inklusiveren, gerechteren und solide finanzierten Schulwesens, sondern auch mit Blick auf den eklatanten Personalmangel“, betonte die Gewerkschafterin.

Die Studie

Die heute veröffentlichte Studie, die die Max-Traeger-Stiftung (MTS) der GEW unterstützt hat, untersucht, wie das Bund-Länder-Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona“ in den 16 Bundesländern umgesetzt wurde. Dabei werden die bundesweiten Maßnahmen, Zielsetzungen, Zielgruppen, Umsetzungsschwerpunkte und Ressourceneinsätze analysiert. Das Ergebnis: Es gibt viele Schieflagen und Konstruktionsfehler. Die Autorinnen und Autoren tragen darüber hinaus Herausforderungen und Gelingensbedingungen für Förderprogramme dieser Art zusammen.

Bibliografische Daten: Marcel Helbig, Benjamin Edelstein, Detlef Fickermann und Carolin Zink: Aufholen nach Corona? Maßnahmen der Länder im Kontext des Aktionsprogramms von Bund und Ländern. In: Die Deutsche Schule. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Bildungspolitik und pädagogische Praxis. Herausgegeben von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. 19. Beiheft, September 2022, Waxmann-Verlag.

Hier ist die Studie online abrufbar (open access): www.waxmann.com/buch4603

Bildungsrückstände – Meidinger: Aufholprogramme von Bund und Ländern greifen kaum

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5 Kommentare
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Lera
16 Tage zuvor

TÄTERÄTÄ:

Das Aufhol- Chancen- Perspektiven- Zukunftsprogramm war …

Trommelwirbel

ein Schuss in den Ofen, eine Nullnummer, Augenwischerei, totale Ver…sche, ein Pappkamerad, ein Ablenkungsmanöver, eine Beruhigungspille, deren Wirksamkeit über den Placebo-Effekt nicht hinaus geht.

KRASS!

Damit hat wohl niemand gerechnet – meine Erwartungen wurden total enttäuscht.

Ron
16 Tage zuvor

Die Politik sollte bitte guten regulären Unterricht ermöglichen. Da hat sie genug zu tun.

Georg
15 Tage zuvor

Programme, die auf Freiwilligkeit und intrinsische Motivation basieren, funktionieren bei fehlender Motivation konstruktionsbedingt nicht. Gerade die fehlende Arbeitsmoral ist doch die Hauptursache für fachliche Lücken.

Ron
14 Tage zuvor
Antwortet  Georg

Aus dieser Gemengelage heraus kommt dann bald der nächste Vorstoß zur verpflichtenden Ganztagsschule, da man aus rechtlichen Gründen Robin Jason nicht allein zum Nachholen verdonnert kann. Dumm für Anna Sophia.

Inklusionswahnsinn
15 Tage zuvor

Ganz ehrlich , an meiner NRW Schule, guter Sozialindex, sah das “Programm” so aus :

IPad Kurs : Durchgeführt von 2 jungen Personen , ca. 18, 19 Jahre . 1 Person sagte direkt , sie kenne sich mit Tablets nicht gut aus, die andere sagte , sie hätte noch nie mit Kindern gearbeitet . Die Schülerinnen und Schüler wurden für diesen Kurs jeweils in halber Klassenstärke aus dem regulären Unterricht heraus genommen . Insgesamt war jeder Schüler 2x im Kurs.
“Pausen-Spiele” : 1x in der Woche kamen 2 Studentinnen in der Pause, welche die Schüler zum gemeinsamen Spiel animieren sollten.
“Hund”: Person mit “ausgebildetem Begleithund” ging mit 5-6 Schülern mit dem Hund spazieren. In Pausen und in einer 6. Unterrichtsstunde.

Das Ganze wurde bei uns durch einen “freien Träger” vermittelt , dieser hat dafür auch Geld bekommen.