Integration oder Brückenbau? Deutsch-Ukrainische Begegnungsschule startet als Modellversuch

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BERLIN. In Berlin ist ein nach Senatsangaben bundesweit einmaliges Bildungsprojekt für ukrainische Kinder und Jugendliche gestartet. In einer deutsch-ukrainischen Begegnungsschule werden Schüler, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflüchtet sind, mit Hilfe von Lehrinhalten beider Staaten und auch in beiden Sprachen unterrichtet. Sie sollen Schulabschlüsse beider Staaten erwerben können.

Viele geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine sitzen wie auch ihre Eltern zwischen den Stühlen. Wie weit auf Deutschland einlassen, ohne die Brücken zur Heimat abzubrechen? Ein neues Bildungsprojekt in Berlin versucht, dem gerecht zu werden. Foto: Shutterstock

Ziel sei, die Integration der Schüler hierzulande zu fördern und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit zu eröffnen, nach Kriegsende in die Ukraine zurückzukehren, sagte Berlins Schulsenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) am Mittwoch bei der Vorstellung des Projekts. Sie sprach von einem bisher einmaligen neuen Ansatz.

Gestartet ist die Begegnungsschule zunächst an zwei Standorten, und zwar an einer Grundschule in Kreuzberg und einer Integrierten Sekundarschule in Steglitz. Es gibt dort in den Jahrgangsstufen 1 bis 4 sowie 7 bis 10 sechs Klassen mit etwa 80 Schülern, um die sich deutsche und eigens eingestellte ukrainische Lehrkräfte, Erzieher und Sozialarbeiter kümmern. Geplant ist demnach, das Modellprojekt im kommenden Schuljahr auszuweiten.

Nach Angaben der Bildungsverwaltung wurde in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium der ukrainischen Hauptstadt Kiew eine spezielle Stundentafel erarbeitet, die Berliner und ukrainische Vorgaben erfüllt. Ein Schwerpunkt ist demnach Deutsch-Unterricht, denn Unterrichtssprachen sind bei vielen Fächern Deutsch und Ukrainisch.

In ihrer Muttersprache und nach Lehrplänen ihrer Heimat erhalten die ukrainischen Schüler Unterricht in den Fächern ukrainische Sprache und Literatur, in Geschichte und Recht. Dazu werden auch Online-Materialien auf ukrainischen Lernplattformen genutzt.

Laut Bildungsverwaltung soll die Schule Begegnung ermöglichen. Geplant seien unter anderem gemeinsame Projekte, Lerngruppen und weitere Aktivitäten mit anderen Schülern an den jeweiligen Schulen. Die Idee, einen separaten Standort für das Projekt zu schaffen, sei nicht zuletzt deshalb verworfen worden.

Nach Angaben der Senatorin Busse lernen mittlerweile rund 7000 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine an Berliner Schulen, vor allem in sogenannten Willkommensklassen. Das sei eine beachtliche Leistung. «Die Schülerzahlen wachsen von Woche zu Woche», so die Politikerin. Dazu werden Räume und Lehrkräfte benötigt, auch ukrainische Muttersprachler. Bislang wurden an Berliner Schulen 79 Lehrkräfte mit ukrainischer Staatsbürgerschaft eingestellt.

«Wir wünschen jedem der Kinder, dass es wieder zurück kann in die Ukraine, aber wir wissen nicht, wann das möglich sein wird», sagte Busse zu politischen Stimmen aus Kiew, die eine zu starke Integration der Kinder in Deutschland im Hinblick auf eine mögliche Rückkehr für nicht hilfreich halten. «Es wäre ein großer Fehler, wenn wir nicht anfangen mit Integration und dem Erlernen der deutschen Sprache.»

Maksym Yemelianov von der ukrainischen Botschaft in Berlin lobte das Projekt Begegnungsschule als Beitrag, den Kindern ein Stück weit ihre Kindheit zurückzubringen. Er hoffe, dass die «großartige Initiative» auch von anderen Bundesländern aufgegriffen werde. (dpa)

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2 Kommentare
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Georg
1 Monat zuvor

80 Schüler sind aber im Normalfall drei Klassen. Unter den Bedingungen der Modellschule gelingt jede Integration.

kanndochnichtwahrsein
1 Monat zuvor

Die Realität ist doch leider:
kein Platz in den Schule für zusätzliche Gruppen
keine ukrainischen Lehrkräfte greifbar
keine deutschen Lehrkräfte greifbar

Am Ende läuft es auf Notversorgung oder „Stuhl dazustellen“ hinaus.
Wir würden uns sicher alle Besseres wünschen.
Dann aber bitte gleiche Chancen auch für SuS aus Syrien, Afghanistan, Iran und all die anderen Staaten, aus denen Kinder kommen, die/deren Familien gerne zurückkehren würden, wenn sie könnten…
Und – so meine ich – auch gleiche Chancen für „deutsche“ Kinder, die auch lieber in kleinen Gruppen lernen würden, für die es auch einen „leistungs-)differenzierten Lehrplan mit entsprechend ausreichend Lehrkräften geben müsste, die mit einer weiteren Sprache über die gängigen Schulsprachen hinaus auch bessere Chancen auf einem internationalen Arbeitsmarkt hätten…

Leider ist unser Bildungssystem doch an allen Enden und Ecken am Ende.
Ich habe Angst, dass solche Sonderprogramme/Leuchtturmaktionen
erstens die vorhandenen Lehrkräfte einmal mehr überfordern und darüber hinaus Missgunst und Neid zwischen Kindern verschiedener Herkunft schüren, die ohnehin schon durch ungleiche Zuwandererbehandlung begünstigt wird.