BERLIN. In der vergangenen Woche berichtete News4teachers über eine Studie der Universitäten Mainz und Zürich, die aufzeigt, dass selbst eine kurze Förderung der Selbstregulation von Erstklässlerinnen und Erstklässlern signifikant wirksam ist – bis hin zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, später eine Empfehlung fürs Gymnasium zu bekommen. Der Beitrag (hier geht es hin) hat in unserem Forum eine lebendige Debatte ausgelöst und auch News4teachers-Leserin Marion beschäftigt, eine Kita-Fachkraft, die sich immer wieder mit überaus lesenswerten pädagogischen Betrachtungen zu Wort meldet. So auch jetzt wieder. Wir dokumentieren zwei aktuelle Posts von ihr.
Seit wir angefangen haben, Kindheit mehr und mehr zu institutionalisieren, geht es zunehmend bergab
Dieses Programm mag durchaus eine gute Ergänzung sein. Der Bericht liest dich aber ein bisschen so, als wäre mit 5 Stunden Selbstregulationstraining alles in Butter. Ist es aber nicht. Kinder haben heute verstärkt Probleme mit der Selbstregulation und nicht nur damit. Das spüren alle, die mit Kindern arbeiten, ganz deutlich. Das ist ja auch immer wieder Thema hier bei news4teachers. Auch der Spiegel hat neulich sogar eine ganze Titelgeschichte diesem Thema gewidmet, unter der Schlagzeile: „Gut (v)erzogen“. Mir wird zu wenig über die Ursachen diskutiert.
- Wir merken seit Jahren, dass im Erziehungs- und Bildungssystem etwas nicht mehr stimmt.
- Wir merken seit Jahren, dass Kindern wichtige, altersgemäße Kompetenzen fehlen.
- Wir merken seit Jahren, dass immer mehr Eltern Schwierigkeiten haben, ihrem Erziehungsauftrag gerecht zu werden.
- Grundschullehrer beklagen, dass sie Kindern die einfachsten Basiskompetenzen erst beibringen müssen, bevor sie überhaupt unterrichten können.
- Erzieher flüchten aus dem Beruf, weil sie der Belastung nicht mehr gewachsen sind.
Und außer hier auf news4teachers interessiert das den Rest der Gesellschaft, selbst die Eltern, eher so mittelmäßig bis gar nicht. Ab und zu erscheint mal der ein oder andere Artikel in der ein oder anderen Zeitung und dann war’s das auch schon wieder. Wir haben ja schließlich Krieg, Klimawandel und Inflation. Da können wir uns nicht auch noch mit solchen Nebensächlichkeiten befassen.
Aber halt! Da gibt es jetzt dieses tolle Programm: 5 Schulstunden spielerisch Selbstregulation üben. Super. Ich finde das gut, ehrlich 😉 Aber das kann es ja wohl nicht gewesen sein.
Kinder brauchen meiner Meinung nach wieder mehr Zeit, außerhalb von eigens für sie künstlich hergestellter institutioneller Ganztagsbetreuung
Das ändert nichts daran, dass Kindheit heute komplett institutionalisiert ist, obwohl wir gar nicht mehr die personellen Ressourcen haben, um diesem Anspruch gerecht zu werden. So ein Training ist da für mich der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Schadet nicht. Aber wirklich nachhaltig verbessern wird sich dadurch auch nichts.
Kinder brauchen meiner Meinung nach wieder mehr Zeit, außerhalb von eigens für sie künstlich hergestellter institutioneller Ganztagsbetreuung. Kinder sollten wieder sichtbarer im öffentlichen Raum werden. Vor kurzem bin ich auf dem Heimweg von der Arbeit durch eine der Ortschaften gefahren, die auf dem Weg liegen. Mitten auf dem Dorfplatz hielt sich eine Gruppe Kinder auf.
Kein Erwachsener in der Nähe. Die haben da einfach so gespielt. Das Schlimme daran ist, dass es mir aufgefallen ist, weil es so ungewöhnlich war. Ich sehe nämlich in unseren Dörfern kaum noch Kinder nachmittags draußen beim Spielen. Wenn, dann sieht man sie Hand in Hand in Zweierreihen marschieren und am Anfang und am Ende der Schlange jeweils eine pädagogische Fachkraft.
Oder man sieht sie hinterm Zaun, wenn man am Kindergarten vorbei geht. Kinder leben ihr Leben mittlerweile zu einem großen Teil in ihrer abgeschotteten, eigens künstlich für sie geschaffenen Kinderwelt, betreut von eigens dafür ausgebildeten Fachkräften.
Ja, ich weiß, dass sich die Lebensumstände der Menschen nun mal verändert haben.
Aber unseren Kindern wird dadurch so viel vorenthalten. Die Kindheit, die wir ihnen bieten ist um so vieles ärmer geworden. Wo können Kinder heute noch Abenteuer erleben? Im Kindergarten? Im Hort oder der Ganztagsschule? Wo können sie wirklich noch was ausprobieren, was vielleicht sogar ein kleines bisschen gefährlich ist, ohne dass sofort ein Erwachsener „Stopp“ ruft. Wo können sie heimlich was Verbotenes tun, ohne dass sie von einem der 25 anderen verpetzt werden? Wo können sie noch echte Streiche aushecken?
Mein Vater, Jahrgang 38 konnte das. Ich, Jahrgang 68 konnte das. Meine Nichten und Neffen, Jahrgang so Anfang der Neunziger gingen zwar schon in einen Kindergarten, aber erst ab 3 oder vier Jahren und nur halbtags. Auch die konnten das noch. Aber danach wurde es dann schon eng für die freie Kindheit. Wir enthalten unseren Kindern so viele wertvolle Erfahrungen vor, die frühere Generationen noch ganz selbstverständlich machen durften. Mir ist nicht bekannt, dass man sich damals ständig um die Basiskompetenzen, das Sozialverhalten und die Bildung der Kinder hätte sorgen müssen.
Was mir besonders unangenehm auffällt: Seit wir angefangen haben, Kindheit mehr und mehr zu institutionalisieren, geht es zunehmend bergab. Und je mehr Verantwortung wir den Familien abgenommen haben und sie in „professionelle Hände“ gelegt haben, desto weniger funktioniert unsere Gesellschaft. Eltern ächzen unter der Doppelbelastung Familie und Beruf und sie verlernen mehr und mehr, wie man Kinder erzieht. Erzieher und Lehrer ächzen unter den Belastungen, die ihr Beruf unter den derzeitigen Bedingungen mit sich bringt. Keiner wird mehr den Ansprüchen, die an ihn gestellt werden, so richtig gerecht. Da ist doch etwas GANZ GRUNDSÄTZLICH falsch. Kinder gehören wieder MITTEN IN DIE GESELLSCHAFT. Sie müssen wieder teilnehmen können am Leben der Erwachsenen.
Aber dafür müssten wir weg von dem, was wir jetzt leben. Hin zu kleineren Einheiten, familiäreren Strukturen, weg vom Globalen und wieder mehr zum Regionalen, nachhaltiger, weniger. Ich weiß, das ist Utopie. Aber so wie es jetzt ist, funktioniert es auch nicht. Da könnt ihr Selbstregulation üben, bis ihr schwarz werdet. Sorry, es ist schon wieder mit mir durchgegangen.
(…)
Wir haben Kinder in der Einrichtung, aus ganz „normalen“ Mittelstandsfamilien, die mit 5 Jahren kaum in der Lage sind, mit Frustrationen umzugehen. Kleinste Hindernisse sind Anlass für Weinkrämpfe, bei denen die Kinder sich derart hineinsteigern, dass sie alleine aus ihrer Wut und Verzweiflung nicht mehr herausfinden. Ich behaupte nicht, dass solche Kinder in der Mehrzahl sind. Aber es werden mehr.
Ich kann nur sagen, was ich sehe: Überforderung allerorten, in der Politik, der Wirtschaft, dem Gesundheitswesen, in der Erziehung und der Bildung
Nicht alle reagieren so extrem. Aber die Tendenz geht schon dahin, dass es Kindern immer schwerer fällt, mit den ganz normalen Zumutungen des Alltags fertig zu werden. Ich kenne die Ursachen nicht wirklich, aber ich nehme Entwicklungen in unserer Gesellschaft wahr, die mich wechselweise traurig, wütend und fassungslos machen. Es fällt mir schwer, die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge in ihrer ganzen Komplexität zu überblicken und das eine mit dem anderen in Einklang zu bringen.
Ich kann nur sagen, was ich sehe: Überforderung allerorten, in der Politik, der Wirtschaft, dem Gesundheitswesen, in der Erziehung und der Bildung. Ein Gesellschaftssystem, dass an allen Ecken und Enden am Erodieren ist. Nicht mal mehr die kleinste Einheit innerhalb dieses Gesellschaftssystems funktioniert: die Familie.
Ich kann jetzt nur mal ganz grob schätzen, aber ich glaube, in unserer Kita leben so zwischen einem Drittel und der Hälfte der Kinder nicht mehr in ihrer „Ursprungsfamilie“. Das heißt, diese Kinder haben bereits in ihren ersten Lebensjahren die Trennung ihrer Eltern miterleben müssen. Dazu kommt bei vielen die allzu frühe und viel zu lange Krippenbetreuung.
Ein weiterer Punkt ist die zunehmende Überforderung mancher Eltern, die eigentlich Unterstützung durch ein Elternkompetenztraining bräuchten, um ihrem Erziehungsauftrag gewachsen zu sein. Diese Gesellschaft zerbröselt doch schon seit Jahren von innen heraus.
Erst wenn das Kind durch stabile Bindungen das nötige Urvertrauen aufbauen konnte, sollte es erste Erfahrungen mit einem Kindergarten machen
Wenn schon die kleinsten Gemeinschaften nicht mehr funktionieren, wie soll es dann im Großen gehen? Meiner Meinung nach haben wir in den letzten Jahrzehnten viel zu sehr der individuellen Verwirklichung und dem Konsum gehuldigt und dabei völlig vergessen, dass es da kleine Menschen gibt, die nicht nur möglichst frühe Bildung brauchen, sondern stabile Bindungen, am besten zu ihren Eltern.
Und erst DANN, wenn das Kind durch diese stabilen Bindungen das nötige Urvertrauen aufbauen konnte, sollte es erste Erfahrungen mit einem Kindergarten machen. Mag sein, dass das alles nicht kompatibel mit den Wünschen und Bedürfnissen heutiger Erwachsener, dem allgemeinen Wohlstand und der Konkurrenzfähigkeit unserer Wirtschaft ist. Aber dann muss das öffentlich auch GENAU SO kommuniziert und nicht hinter wohlklingenden Phrasen wie dem „Recht der Kinder auf irgendwas…“ versteckt werden. News4teachers
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