BERLIN. Bundesernährungsminister Cem Özdemir (Grüne) stellt heute im Kabinett seine Eckpunkte für eine Ernährungsstrategie der Bundesregierung vor. Dabei stehen Kitas und Schulen besonders im Fokus. Weniger Fleisch, mehr Bio-Gemüse – damit soll dem Trend zum Übergewicht unter Kindern und Jugendlichen entgegengewirkt werden. Umstritten ist ein geplantes Verbot von Werbung für ungesunde Lebensmittel, die sich an unter 14-Jährige richtet.
Der Handlungsbedarf ist groß. In Deutschland gelten rund 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler als übergewichtig, ein Teil davon – etwa ein Drittel – als adipös. Und: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit krankhaftem Übergewicht steigt einer neuen Untersuchung zufolge bundesweit seit Jahren deutlich. Zwischen 2011 und 2021 wuchs die Zahl der von Adipositas betroffenen 6- bis 18-Jährigen um 33,5 Prozent. Bei der Teilgruppe der 15- bis 18-Jährigen erhöhte sie sich sogar um 42,5 Prozent und bei Jungen von 15 bis 18 Jahren gar um 54,5 Prozent. Das geht aus Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse in Hannover hervor, über die News4teachers unlängst berichtete.
Und: Die Corona-Pandemie hat der unguten Entwicklung nochmal einen Schub gegeben. Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindesalter gibt es vor allem in sozialen Brennpunkten einen massiven Anstieg. Der Befund hat Folgen: Mit Appellen wird dem Problem kaum beizukommen sein, wenn es den meisten Eltern betroffener Kinder schlicht an Bildung darüber fehlt, was gesunde Ernährung bedeutet.
„Das Ernährungsverhalten ist vor allem durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Gewohnheiten geprägt”
Cem Özdemir, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, sagt deshalb: „Alle sollten die Möglichkeit haben, sich gut zu ernähren. Das Ernährungsverhalten ist vor allem durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Gewohnheiten geprägt. Viel zu oft ist es leider auch eine soziale Frage. Für mich heißt eine gute Ernährungspolitik deshalb auch: Fairness schaffen. Wir wollen die Entscheidung für eine gute Ernährung im Alltag für alle so leicht und selbstverständlich wie möglich machen.“
Die Bundesregierung werde nicht akzeptieren, dass geringe Einkommen, Sprachbarrieren oder Diskriminierung zu ungleichen Gesundheitschancen führen. Özdemir: „Es hat für mich auch etwas mit Wertschätzung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu tun, wenn sie gutes und ausgewogenes Essen in ihren Kantinen bekommen. Und ganz besonders hat es etwas mit Wertschätzung für unsere Kinder zu tun, also das Wertvollste, was wir haben, wenn sie in der Kita, der Schule oder der Uni-Mensa gutes Essen bekommen.“
Und daran hapert es Özdemir zufolge. „Gerade beim Schulessen wird gespart“, so zitiert ihn der „Tagesspiegel”. „Es kann doch nicht sein, dass die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt es nicht schafft, dass jedes Kind wenigstens einmal am Tag ein gesundes, vollwertiges Essen bekommt, das gut schmeckt und vielleicht sogar vor Ort in der Schule zubereitet wird.“
Unter Özdemirs Federführung erarbeitet die Bundesregierung – wie im Koalitionsvertrag vereinbart – nun ihre Ernährungsstrategie. In den Prozess würden Akteure aus Politik und Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft eingebunden, „denn für grundlegende Veränderungen braucht es eine gemeinsame Kraftanstrengung“, so heißt es.
Eckpunkte stellt der Grünen-Politiker heute im Kabinett vor. „Ziel ist es, eine gesundheitsförderliche und nachhaltige Ernährungsweise für Verbraucherinnen und Verbraucher einfacher zu machen. Dazu gehört auch, insbesondere vulnerable Gruppen, Kinder und Menschen mit Einwanderungsgeschichte besser als bisher zu erreichen“, so verlautete das Landwirtschaftsministerium. Dafür sehen die Eckpunkte vor: „eine stärker pflanzenbasierte Ernährung, die Reduzierung des Konsums von Zucker, Fett und Salz, die Verringerung der Lebensmittelverschwendung sowie die Förderung einer Gemeinschaftsverpflegung mit erhöhtem Anteil an saisonal-regional und ökologisch-klimafreundlich erzeugten Lebensmitteln.“
In staatlichen Kantinen will das Ministerium einen Bio-Anteil von 30 Prozent festschreiben, so berichtet der „Tagesspiegel“. Darüber hinaus soll Werbung für ungesunde Lebensmittel, die sich an Kinder unter 14 Jahren richtet, künftig verboten werden.
Die Union kritisiert, dass es keine wissenschaftlichen Studien darüber gibt, wie sich ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel auf Kinder auswirkt
Die Opposition im Bundestag ist laut einem Bericht der „tagesschau“ skeptisch. Die Union setze vor allem auf Bildung. Ernährungspolitiker von CDU und CSU forderten, dass das Thema einen höheren Stellenwert in den Kitas und Schulen bekomme, um mehr Bewusstsein dafür zu schaffen, was gesund ist und wie leckeres Essen zubereitet werden kann. Ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel lehnt die Union hingegen ab. Der ernährungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Albert Stegemann, meint, dass der Bundesregierung selbst noch keine Erkenntnisse darüber vorlägen, ob sich Werbeverbote auf das Ernährungsverhalten auswirken. Stegemann fordert dem Bericht zufolge eine „wissenschafts- und evidenzbasierte“ Ernährungsstrategie. News4teachers / mit Material der dpa
Bündnis fordert Werbeverbot für Gummibärchen und Co. nahe Kitas und Schulen
