Teen Court: Wenn Schülerrichter Sanktionen gegen Gleichaltrige verhängen

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WIESBADEN. Im Kampf gegen Jugendkriminalität setzt das Bundesland Hessen auch auf Schülergerichte. Jugendliche Straftäter verantworten sich dabei vor sogenannten Teen Courts. Doch wie funktioniert das?

Im Namen des Volkes: Der Teen Court kann durchaus Sanktionen verhängen. Foto: Shutterstock

Ein Flur mit rotem Linoleumboden führt im Amtsgericht Wiesbaden zu den vielen Gerichtssälen. Während es hinter einer der Türen um eine zwölfjährige Haftstrafe geht, stehen hinter einer anderen rosa Pappmaché-Schweinchen auf den Tischen. Wer in diesem Raum landet, hat gerade noch mal «Schwein gehabt», erklärt der Projektleiter des Schülergerichts Wiesbaden, Oliver Schillimat. Er leitet seit 2020 das Projekt Teen Court.

Seit 18 Jahren übernimmt das kriminalpädagogische Projekt echte Strafverfahren in der hessischen Landeshauptstadt. Bewertet die Staatsanwaltschaft Vergehen von jugendlichen Ersttätern als leicht bis mittelschwer, kann sie solche Fälle an den Teen Court abgeben. Voraussetzungen dafür sind, dass die Straffälligen zwischen 14 und 21 Jahre alt sind, dass sie geständig und mit der Zuweisung an den Teen Court einverstanden sind. Auch die Eltern müssen zustimmen. Entscheidend ist: Ein Eintrag ins Bundeszentralregister bleibt bei einer Sanktion des Schülergerichts aus.

«Jeder Fall ist anders», erzählt der 17 Jahre alte Schülerrichter Ben. Es handele sich oft um kleinere Vergehen wie Diebstahl in der Drogerie, leichte Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Fahren ohne gültiges Ticket. Details zu Fällen verraten er und die rund 30 weiteren jungen Richter und Richterinnen nicht. Die 14- bis 21-Jährigen stehen unter Schweigepflicht. Sie wurden zu den Themen Strafrecht, Jugendgerichtsgesetz und lösungsorientierter Gesprächsführung geschult.

«Junge Menschen sind gerade seit Corona sehr belastet und begehen zum Teil auch mehr Straftaten»

«Das Ziel ist es, dass sich die Jugendlichen mit ihrer Tat auseinandersetzen und ihr Fehlverhalten verstehen», erklärt Ben. Dabei gehe es nicht darum, die Schuldfrage zu erörtern, die stehe nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und mit dem vorliegenden Geständnis bereits fest. Das junge Richtergremium fragt unter anderem nach der Familiengeschichte, Schulnoten, Drogenkonsum und Interessen. «Wir versuchen, hinter die Masken zu schauen», sagt eine Schülerrichterin. «Manche kommen hier mit einer Alles-Egal-Haltung rein und am Ende steckt da emotional doch viel dahinter.»

Genauso individuell wie die Fälle seien auch die pädagogischen Maßnahmen, die nach den ein bis drei Sitzungen auferlegt werden, berichtet Ben. Handele es sich um einen Fall von leichter Körperverletzung, könne ein Anti-Aggressionstraining angeordnet werden. Erkennt der Teen Court, dass die Beschuldigten nicht ausgelastet und planlos sind, könne er einen Aufsatz über ihre Interessen und persönliche Ziele verlangen. Weitere mögliche Auflagen seien Sozialstunden, eine Buchpräsentation oder verschiedene Kreativarbeiten.

«Öffnet einer eine Autotür und verletzt so einen Radfahrer, steckt da ja meist kein Motiv dahinter», sagt der Projektleiter Schillimat. Dennoch gehe es darum, das Bewusstsein zu schaffen, dass man in Zukunft besser aufpassen müsse. «Deshalb geben wir gern die Aufgabe, ein Schwein zu basteln – denn die Person hat gerade noch Schwein gehabt.» Werden die Auflagen nicht erfüllt, geht die Verhandlung zurück an die Staatsanwaltschaft. Sie bleibt in jedem Fall hauptverantwortlich für das Verfahren und erhält nach erfolgreichem Abschluss einen Bericht des Schülergerichts.

Ursprünglich komme die Idee für das Projekt aus den USA, erklärt der Referatsleiter für Jugendstrafrecht im Justizministerium, Philipp Georgy. Neben Wiesbaden sind in Hessen auch Teen Courts in Darmstadt und Limburg eingerichtet worden. Das Projekt sei unter anderem in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Baden-Württemberg vertreten.

«Die Bedeutung des Teen Courts ist in den vergangenen Jahren in Wiesbaden stetig gestiegen», sagt Justizminister Roman Poseck (CDU). Die Staatsanwaltschaft habe dem Projekt im Jahr 2022 insgesamt 211 Vorgänge zugewiesen, fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Die weiteren hessischen Schülergerichte in Darmstadt und Limburg verzeichneten keine Zuwächse: In Limburg lag die Zahl den Angaben des Ministeriums zufolge bei jeweils elf Fällen in den Jahren 2021 und 2022. In diesem Jahr seien dem Limburger Schülergericht jedoch bereits zwölf Vorgänge zugewiesen worden. Damit deute sich ein Anstieg an.

In Darmstadt konnte das Projekt laut Ministerium im Verlauf der Corona-Pandemie nicht weitergeführt werden. Derzeit werde eine Neustrukturierung des Projekts vorbereitet und ein neuer Projektleiter gesucht. Minister Poseck sieht in den Schülergerichten nach eigenen Worten «eine effektive Maßnahme, um Jugendliche vor kriminellen Karrieren zu bewahren».

«Junge Menschen sind gerade seit Corona sehr belastet und begehen zum Teil auch mehr Straftaten», sagt Schillimat. Der Teen Court zeige ihnen, dass es auch einen anderen Weg gebe. «Prävention ist schwer messbar, doch viele Straftäter kommen danach zu mir und sagen, dass sie dankbar für die Chance sind und umgedacht haben.»

Die Schülerrichter zeigen sich von ihrer ehrenamtlichen Aufgabe begeistert. «Das Schöne ist, dass man sehen kann, dass man Individuen hilft in ihrem Leben und ihnen eine Perspektive schafft, was sie erreichen können», meint Ben. Doch nicht nur den Straffälligen könne der Teen Court helfen, meint eine weitere Schülerrichterin: «Wir lernen hier auch fürs Leben.» Von Alina Grünky, dpa

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Scott Peterson, Global Youth Justice, Inc.
11 Monate zuvor

Germany really is doing great with Teen Court Diversion Programs, expanding them in multiple settings. They are textbook inclusive democracy, and across government and essential public services, it’s unlikely there is another role for youth and young people to be active participants and involved in the decision making process in the Administration of Justice. The Netherlands is also expanding them, and the UK has started. South Korea, Philippines, Finland, and about 6 other Countries started. In America we now have over 2000+ in Justice, School, and Community Settings in 48 states and 35+ tribes.

Articles and News on them are important to educate the public. Thank You.

Scott Peterson
CEO and Founder
Global Youth Justice, Inc.
GlobalYouthJustice.org