Wird die Schulplattform Logineo zum Millionengrab? Fellers „Zukunftscheck“ spart Schätzung der Sanierungskosten aus

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DÜSSELDORF. NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU), die derzeit mit einer IT-Pannenserie zu kämpfen hat, will in den nächsten Wochen kundtun, wie es mit Logineo, der umstrittenen Schulplattform des Landes, weitergehen soll. Offensichtlich ist die Entscheidung längst gefallen – womöglich war sie das bereits, bevor Feller ein Gutachten in Auftrag gab, das die Zukunftsfähigkeit von Logineo überprüfen sollte. Dem Bericht fehlt jedenfalls jegliche Angabe zu den Kosten, die durch die notwendige Sanierung anfallen. Wird die Plattform zum Millionengrab?

Wie teuer wird Logineo NRW – und wie teuer wäre es, stattdessen eine kommerzielle Plattform für die Schulen einzukaufen? Dazu gibt es keine Informationen. Foto: Shutterstock
  • „Logineo erinnert an meine ersten Schritte im Programmieren in den 90er Jahren.“
  • „Die Symbole auf der Oberfläche sind nicht verständlich und zu unterscheiden.“
  • „Die Umgebung von Logineo beinhaltet zurzeit einen rudimentären Online-Texteditor. Dieser ist für schulische Zwecke unzureichend.“
  • „Es fehlt die Möglichkeit zur echten Kollaboration, um gemeinsam an Projekten arbeiten zu können.“
  • „Die Benachrichtigungsfunktion im Messenger funktioniert nicht richtig.“
  • „Die Organisation der Logineo Viko [Videokonferenzsystem] ist zu aufwändig.“

Die Kritik, die von Lehrerinnen und Lehrern und Schulleitungen in eigens veranstalteten Workshops über die Schulplattform des Landes Nordrhein-Westfalen „Logineo NRW“ geäußert und in einem „Zukunftscheck“ des vom Schulministerium beauftragten Fraunhofer Instituts dokumentiert wird, ist teilweise vernichtend – und betrifft eigentlich alles, was das Konstrukt ausmacht.

Beworben wird Logineo vom Ministerium als „digitale Lern-, Arbeits- und Kommunikationsplattform für Schulen“. Tatsächlich sind es drei getrennte Anwendungen (Schulplattform, Lernmanagementsystem und Messenger), für die nicht mal eine gemeinsame Anmeldemaske existiert. Es fehlen Schnittstellen, um Lern-Apps oder andere digitale Angebote etwa von Schulbuchverlagen anbinden zu können. Es gibt darin keine Office-Anwendungen – geschweige denn die Möglichkeit zum kollaborativen Arbeiten. Dass Logineo auch nicht barrierefrei ist (wie gesetzlich vorgeschrieben), spart das Gutachten komplett aus (News4teachers berichtete).

„Um eine kontinuierliche Weiterentwicklung von LOGINEO NRW zu gewährleisten, bedarf es zusätzlicher Investitionen“, so bilanziert das Fraunhofer Institut, hält aber trotz der vielen Kritikpunkte das System für zukunftsfähig.

Mehr noch: Es wird im Fazit des Evaluationsberichts geradezu als Wunderwerk der Informationstechnologie beschrieben. Wie in einem Werbeprospekt des Ministeriums heißt es (Versalien im Original): „LOGINEO NRW stellt alle wesentlichen Funktionen bereit, die für eine digitale Schulplattform aktuell und in naher Zukunft notwendig sind. LOGINEO NRW unterstützt die Organisation schulischer Abläufe mit der Schulplattform, stellt mit LOGINEO NRW LMS ein umfangreiches und komfortables Lernmanagementsystem bereit und ermöglicht die schnelle, direkte Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden sowie auch in den Gruppen untereinander mit LOGINEO NRW Messenger.“

Wie viele Investitionen nötig sind, bleibt aber völlig offen – es wird in dem Gutachten nicht mal ansatzweise geschätzt, wie viel Geld nötig ist, um die eklatanten Schwächen des Systems zu beseitigen. So werden auch keine Kosten dagegengehalten, die entstehen würden, wenn das Land eine kommerzielle, am Markt bewährte Plattform einkaufen und für die Bedürfnisse der Schulen im Land anpassen ließe. Dabei ist die Sorge, dass eine staatlich entwickelte Bildungsplattform zum Millionengrab wird, nicht unbegründet: Die 630 Millionen Euro teure Nationale Bildungsplattform, die das Bundesbildungsministerium entwickeln lässt, wird vom Bundesrechnungshof bereits scharf als „drohende Förderruine“ kritisiert.

„Das Fraunhofer-Team hat festgestellt, dass unseren Schulen mit Logineo NRW ein stabiles Angebot zur Verfügung steht“

Auch die Kosten für Logineo sind immens – allein für 2023 sind Landesausgaben in Höhe von 22,5 Millionen Euro veranschlagt worden. Dabei ist das System nach über zwölf Jahren Entwicklungszeit noch nicht einmal vollständig ausgerollt. Von einer flächendeckenden Nutzung kann in der Praxis keine Rede sein, auch wenn das Schulministerium in einer Pressemitteilung verkündet: „Gut 3.000 Schulen haben bislang auf eigenen Wunsch einen kostenfreien, datengeschützten und von den Personalvertretungen mitbestimmten Zugang zu einer oder mehreren dieser Anwendungen erhalten.“

Um die Zahl richtig einschätzen zu können, sind allerdings zwei Hintergrundinformationen nötig, die das Ministerium unterschlägt: Erstens konnten bestimmte Fortbildungen des Ministeriums von Schulleitungen und Lehrkräften nur abgerufen werden, wenn ein Zugang zu Logineo bestand. Zweitens durften für kommerzielle Alternativen nach den Richtlinien des Landes keine Fördermittel aus dem Digitalpakt abgerufen werden, was so manchen kommunalen Schulträger zum Umstieg nötigte. Trotzdem nutzen nach wie vor über 2000 Schulen in Nordrhein-Westfalen die Landeslösung gar nicht und von den 3.000 angeführten manche allenfalls teilweise (wenn überhaupt, es ist ja nur von einem vorhandenen Zugang die Rede).

Das verwundert nicht – angesichts der der im Evaluationsbericht angeführten Kritikpunkte:

  • „Es macht keinen Spaß mit Logineo NRW zu arbeiten, da es sehr kompliziert und umständlich ist. Wenn nicht benötigt, will man es auch nicht benutzen.“
  • „Da die Kolleginnen und Kollegen Logineo NRW nicht bedienen wollen, entsteht keine Routine. Die erhoffte Erleichterung ist nicht eingetreten.“
  • „Es besteht ein hoher Einarbeitungsaufwand in das System, der wiederkehrend ist. Die Bedienung sollte viel intuitiver werden.“

Umso erstaunlicher, dass Schulministerin Dorothee Feller (CDU) – die derzeit mit einer IT-Pannenserie in ihrem Verantwortungsbereich zu kämpfen hat – offensichtlich ihr Votum bereits gefällt hat (ungeachtet der Tatsache, dass der Evaluationsbericht und die anschließende Prüfung durch das Ministerium als „ergebnissoffen“ im Koalitionsvertrag von CDU und Grünen vereinbart worden war). „Das Fraunhofer-Team hat festgestellt, dass unseren Schulen mit Logineo NRW ein stabiles Angebot zur Verfügung steht, das zurzeit und in den nächsten Jahren alle wesentlichen Funktionen für das Lernen, die Kommunikation und die Organisation von Schule erfüllt. Positiv wird in der Bestandsaufnahme hervorgehoben, dass Logineo NRW den Datenschutz sicherstellt und von den Personalvertretungen mitbestimmt wurde“, erklärt sie. Ein Abgesang klingt anders.

Womöglich war die Evaluation auch gar nicht so ergebnisoffen, wie öffentlich behauptet wurde. Wie die „Rheinische Post“ berichtet, könnte es vertraglich schwierig werden, Logineo zu beerdigen. Die Redaktion will aus Fachkreisen erfahren haben, dass der Hostingvertrag für das System erst im vergangenen Sommer um drei weitere Jahre verlängert wurde. Ohnehin wäre ein Aus für Logineo für keinen der beiden Koalitionspartner ersprießlich: Die Entwicklung wurde einst von der grünen Schulministerin Sylvia Löhrmann in Auftrag gegeben und dann von der schwarz-gelben Landesregierung unter CDU-Ministerpräsident Armin Laschet weiter vorangetrieben.

Das sieht auch ein Teilnehmer der eigens einberufenen Lehrkräfte- und Schulleiterrunden so. Er meint: „Es wäre eine Bankrotterklärung, wenn Logineo eingestampft wird.“ Diese Blöße will sich die Landesregierung offensichtlich nicht geben. News4teachers

Hier geht es zum „Zukunftscheck Logineo NRW“ des Fraunhofer Instituts.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers heiß diskutiert:

Allen Ernstes: Feller ernennt nach IT-Pannenserie das Schulministerium zum „Kompetenzzentrum für Web-Anwendungen“

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20 Kommentare
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Hans Malz
8 Monate zuvor

Bitte immer im Auge behalten:
LogineoNRW und Logineo Messenger = Kernschrott!
Logineo LMS = absolut brauchbar

Preisfrage: Welche Plattform ist wohl nicht vom Ministerium selber entwickelt worden?

Einer
8 Monate zuvor
Antwortet  Hans Malz

Wobei doch Loginel LMS nichts anderes ist als Moodle mit einer etwas anderen Oberfläche. Hätte ich auch entwickeln können in kürzerer Zeit zu günstigeren Kosten. Und vo der Usability von Moodle und Logineo möchte ich erst garnicht reden. Ist halt altbacken.

Hans Malz
8 Monate zuvor
Antwortet  Einer

Logineo LMS ist genau Moodle. Da wurde gar nichts entwickelt, sondern nur übernommen. Die Oberfläche ist zwar etwas „altbacken“ (was immer das sein mag), aber die Funktionalität ist top und einfach erweiterbar.

Einer
8 Monate zuvor
Antwortet  Hans Malz

Funktionalität ist top? Viele Funktionen, die absolut Umständlich zu bedienen sind. Wenn sich der User erst an eine Software gewöhnen muss – ist due Software schlecht.

Hans Malz
8 Monate zuvor
Antwortet  Einer

Das sehen sehr viele Kollegen auch anders. Man kann sehr schnell produktiv tätig werden und dann Stück für Stück das Wissen in den Kollegien erweitern. Klappt gut. Viele Unis arbeiten später auch damit, das Wissen kann man also durchaus gebrauchen.

Es ist übrigens bei jeder Software, in die man sich komplett neu einarbeiten muss schwierig. Ganz viele Lehrer beklagen sich bei mir über die ach so intuitiven Apple Produkte. Andere wieder über die ach so verbreiteten Office 365 Produkte. Je nachdem in welcher Welt man „sozialisiert“ wurde.
Interessant ist immer, das viele Menschen „ihre“ Plattform als alternativlos darstellen.

Als Lernplattform steht LogineoLMS Produkten, wie HPI Cloud (wie immer das jetzt auch heißt) oder iServ in nichts nach.

Chapeau Claque
8 Monate zuvor
Antwortet  Hans Malz

Die Funktionalität ist dann top wenn der Anwender über die Jahre nichts anderes kennengelernt hat.

Johannes
8 Monate zuvor

Microsoft Teams

Ist von der Benutzeroberfläche und den Funktionen einfach super. Auch die Handy-App mit Sprachnachrichten-Funktion ist einfach toll.

Kritischer Dad*NRW
8 Monate zuvor
Antwortet  Johannes

Als (Handy-)App dann MS Teams für schulische Aufgaben inkl. Sprachnachrichten vielleicht auf dem privaten Smartphone mangels Dienstgerät. Unglaublich toll so ein bewusstes Datenschutz-vergehen falls es ein privates Endgerät wäre!

Last edited 8 Monate zuvor by Kritischer Dad*NRW
Brennpunktschule
7 Monate zuvor

@Kritischer Dad

Was besonderes ärgerlich am „Argument“ mit dem Datenschutz ist, dass niemand ein realistisches Missbrauchsszenario nennen kann, das sich aus einer vernünftigen Nutzung von Teams oder anderer großer Plattformen ergibt.

Ja, es gibt eine theoretische Möglichkeit (aber die gibt es mit vielen anderen Anwendungen auch, die selbstverständlich genutzt werden).

Wer Logineo für ein schultaugliches System hält, hat noch nie mit einer richtigen Plattform gearbeitet. Versucht doch mal alle Prozesse in einer Unterrichtsstunde vollständig papierfrei mit Logineo abzubilden. Inklusive:
-> Heftführung
-> Arbeits“blätter“ mit Austeilen/Bearbeiten/Einsammeln
-> kolaborative Unterrichtsformen
-> gemeinsames Erstellen von Produkten wie Texten/Tabellen/Präsentationen/Graphiken
-> Tests und Klassenarbeiten
Und alles das bitte ohne Informatikstudium.

Dabei sind das ja nur die Grundvoraussetzungen, also ganz billiges „digital statt analog“.

Der Zauberlehrling
8 Monate zuvor

C:>

Diese Plattform hatten wir schon mal … die jüngeren Kollegen werden sich nicht erinnern.

In Baden-Württemberg bedient sich die Dienst-E-Mail-Seite, als wäre sie unter dem Netscape-Navigator entwickelt worden. Netscape (für die jüngeren) war mal sowas wie Edge oder Firefox 🙂

Gottlob arbeiten diese Ministerien nicht am autonomen Fahren oder sowas.

447
8 Monate zuvor

Jetzt machen Sie uns mal keine Angst!

Stelle mir gerade eine Welt vor, in der Ministerialbeamte Selbstfahrautos entwerfen, die dienstlich zu nutzen sind …

„Rennt, ihr Narren!“

Kanzler27
8 Monate zuvor

Sie ist bestimmt FÜR den Navigator entwickelt worden.

Der Zauberlehrling
8 Monate zuvor
Antwortet  Kanzler27

Und das schlimme daran ist, dass das Nutzen eines E-Mail-Clients zum Abrufen und Versenden der E-Mails in einer Rahmendienstvereinbarung zwischen Hauptpersonalrat und Kultusministerium untersagt wurde.

Völliger Blödsin, dass eine komfortable Software nicht genutzt werden darf.

Kanzler27
8 Monate zuvor

Ist in SH auch so. Soll dem Datenschutz dienen, damit personenbezogene Mails nicht auf irgendwelchen Handys oder Rechnern liegen. Zumindest kann man den Webclient hier einigermaßen nutzen.

Icke
8 Monate zuvor

„Die Redaktion will aus Fachkreisen erfahren haben, dass der Hostingvertrag für das System erst im vergangenen Sommer um drei weitere Jahre verlängert wurde.“
Da sind die Fachkreise der Redaktion leider falsch informiert. Diese Aussage ist schlichtweg unwahr… Gerne mal beim Ministerium nachfragen.

Maulwurffunkprüfer
8 Monate zuvor
Antwortet  Icke

Hörensagen macht es kaum besser.
Der neue 36 Monate dauernde Vertrag mit Beginn ab dem 1.06.2022 wurde nach Ausschreibung aus 2021 bisher nicht vergeben?

Lehrerkind
8 Monate zuvor

Tatsächlich ist die Ausschreibung noch im Gange und hängt. Eine Vergabe ist nicht erfolgt. U.a., weil ja noch gar nicht klar ist, ob und wie es weitergeht. Es wäre politisch fatal, einen Hostingvertrag für drei Jahre zu vergeben für eine Plattform, die vielleicht nach 3 Wochen eingestellt wird.

Dil Uhlenspiegel
8 Monate zuvor

Logineolithikum, mehr als nur viel Schotter.

Last edited 8 Monate zuvor by Dil Uhlenspiegel
StrichVorPunkt
7 Monate zuvor

„Wunderwerk“ ahhhhh… Meine Bauchmuskeln verkrampfen sich schon vor lachen. Hört doch auf mit diesen Scherzen. Ich kann nicht mehr…

Mein_Senf
7 Monate zuvor

Warum sollte das ganze Geld nicht für sinnvolle Dinge (Sanierung, sinnvolle Digitalisierung, Hilfskräfte, Förderung,…) ausgegeben werden, wenn man das bei Logineo sinnlos verbraten kann?
Hauptsache, man darf eine Plattform sein eigen nennen, anstatt bereits bestehende (und auch in wichtigen Bereichen mit sinnvollen Datenschutz benutzbare) Software zu nutzen….