80 Jahre „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann: Nazi-Pädagogik, lustig verbrämt

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BERLIN. Mitten im Krieg sollte die Pennälerkomödie «Die Feuerzangenbowle», die an Heiligabend wieder in der ARD läuft, die Leute amüsieren. Nun wird der scheinbar unpolitische Klassiker mit Heinz Rühmann 80.

Deutscher Humor aus dem letzten Jahrhundert. Ort: Klassenzimmer. «Sie heißen?», «Johann Pfeiffer!», «Mit einem F oder mit zwei?», «Mit drei, Herr Professor!», «Mit drei F?»; viele wissen bei diesem Dialog gleich, woher er stammt: natürlich aus der «Feuerzangenbowle», dem vielleicht bekanntesten deutschen Kultfilm. Vor bald 80 Jahren kam das Werk ins Kino, an Heiligabend läuft es wieder im Fernsehen (24.12., 21.45 Uhr im Ersten).

Vor allem Ältere wissen, wie es an der Stelle mit den drei «F» weitergeht. Heinz Rühmann alias Gymnasiast Hans Pfeiffer sagt: «Eins vor dem Ei, zwei hinter dem Ei!» Und Erich Ponto als Lehrer Professor Crey (genannt «Schnauz») sagt knapp: «Sie sind etwas albern.»

Kult in Ost und West

Der wohl berühmteste Rühmann-Film erlangte im Nachkriegsdeutschland Kultstatus. Wie kaum ein anderer deutscher Film prägte er sich nachhaltig ins kollektive Gedächtnis. Viele Millionen in Ost und West sahen ihn wieder und wieder bei den Wiederholungen im TV. An deutschen Unis gab und gibt es Vorführungen in der Vorweihnachtszeit.

Ganz so unpolitisch wie der Film erscheint, ist er Historikern zufolge nicht. Braune Ideologie ist in der Schulkomödie aber eher versteckt, etwa wenn der schneidige Lehrer Dr. Brett Schülerinnen und Schüler mit Bäumen vergleicht («Junge Bäume, die wachsen wollen, muss man anbinden, dass sie schön gerade wachsen – nicht nach allen Seiten ausschlagen. Und genau so ist das mit den jungen Menschen: Disziplin muss das Band sein, das sie bindet, zu schönem, geraden Wachstum») oder wenn es im Unterricht rassenideologisch um die Völkerwanderung geht.

Bei Dr. Brett wird im Unterricht militärisch stramm gestanden und es herrscht Disziplin. «Ich pflege meine Klasse vor die Wahl zu stellen: Krieg oder Frieden. Die Klasse hat sich für Frieden entschieden, sie fährt ganz gut dabei.» Unterwerfung durch Kriegsdrohung wird launig als erfolgreiche Pädagogik präsentiert. Der Unterricht: Vortrag und Wiedergabe. Der Lehrer trägt einen uniformähnlichen Anzug mit angedeuteter Koppel, Nazi-Mode, die es in der Kaiserzeit, in der der Film spielt, nicht gab. Er vertritt als Sympathieträger die «neue Zeit».

Januar 1944: In Europa tobt der von Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg aufs Schlimmste. An der Ostfront holt die Rote Armee zum großen Gegenschlag aus. Hitlers Ende hat längst begonnen. Nach einer Bombennacht in Berlin findet am 28. Januar um 10.45 Uhr im Tauentzienpalast an der Ecke Nürnberger Straße die Erstaufführung des Films statt, der im Frühling 1943 gedreht worden ist.

Rühmann reiste extra zu Hitler

Rühmann selbst hat sich in den Wochen zuvor für den Film ins Zeug gelegt, nachdem es im Funktionärsapparat, vor allem aus dem Erziehungsministerium, Widerstände gegen die Pennälerkomödie gegeben hatte, die angeblich die Lehrerschaft verunglimpfe.

Adolf Hitler persönlich soll die Freigabe des Films angeordnet haben, nachdem Rühmann mit einer Filmrolle unter dem Arm im Hauptquartier «Wolfsschanze» nach Ostpreußen gereist war. Demnach fragte Hitler, der sich in jener Zeit keine Spielfilme mehr ansah, seinen Reichsmarschall Hermann Göring nur: «Ist der Film zum Lachen?» und meinte nach der bejahenden Antwort kurz: «Dann ist dieser Film sofort für das deutsche Volk freizugeben.»

Rühmann war ein großer Star in den 40ern. Sein Name stand auf der legendären «Gottbegnadeten-Liste» der Nazis, auf der die Künstler verzeichnet waren, die vom Kriegsdienst befreit bleiben sollten. Er galt als weitgehend unpolitisch, was ihm später manchmal den Vorwurf des Opportunismus einbrachte. Seine Karriere ging im Nachkriegsdeutschland weiter. In Rühmann (1902-1994) konnten sich weite Teile des Publikums wiedererkennen.

Vorlage war ein Zeitungsroman

«Die Feuerzangenbowle» beruht auf einem 1933 in vielen Fortsetzungen erschienenen Zeitungsroman von Heinrich Spoerl (1887-1955). Beim Treffen alter Freunde kann der Schriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer bei den Schul-Anekdoten nicht mitreden, weil er einen Privatlehrer hatte. Um die Jugend nachzuholen, mal was Irrsinniges zu tun, albern und ohne Sorgen, macht er sich als Schüler zurecht und besucht das Gymnasium im beschaulichen Babenberg. Mit tollkühnen Streichen treibt er die schrullige Lehrerschaft in den Wahnsinn – und findet nebenbei die Frau fürs Leben: die Tochter des Schuldirektors.

Am Ende kommt jedoch heraus, dass die ganze Binnenhandlung nur ausgedacht ist – nur die Rahmenhandlung des Herrenabends mit Feuerzangenbowle ist am Ende wahr.

Film hat paradoxe Botschaften

«Die Feuerzangenbowle» ist somit der vielleicht schizophrenste Film der Nazi-Zeit, in der stets die leuchtende Zukunft der Deutschen propagiert wurde. In der durchaus melancholischen Komödie wird nämlich die Wilhelminische Epoche (1890 bis 1914) zur guten alten Zeit stilisiert. Und (Jugend-)Erinnerungen werden hier zu einem rettenden Paradies verklärt, die einem niemand nehmen kann; die man aber auch im Nachhinein nicht wirklich erzeugen kann.

Bittere Pointe: Einige der Darsteller der Oberprimaner erleben die Filmpremiere schon nicht mehr, weil sie nach den Dreharbeiten eingezogen wurden – und an der Front starben. News4teachers / mit Material der dpa

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18 Kommentare
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Müllerin
5 Monate zuvor

Es gab noch zahlreiche weitere sog. „Paukerfilme“ (speziell mit Theo Lingen), einfach mal „tv-kult.com Paukerfilme“ googeln. Und so ganz ohne Ideologie sind die wohl alle nicht, jedenfalls dann, wenn man sie aus zeitlicher Distanz rückwärts betrachtet. Das deutsche Publikum hat sich jedenfalls amüsiert, und ein geschäftlicher Erfolg war’s auch. Was erwartet man denn von Spielfilmen? Moralische Belehrungen?

Unfassbar
5 Monate zuvor
Antwortet  Müllerin

Besonders das Frauenbild ist aus heutiger Sicht sehr rückständig. Die Lümmel-Filme sind halt wie so ziemlich alle deutschen Komödien aus den 1970er Jahren sehr schlecht gealtert.

Moralische Belehrungen gibt es zu genüge, insbesondere in amazon- und netflix-Produktionen.

Lisa
5 Monate zuvor
Antwortet  Müllerin

Die sind grässlich und weit schlechter gealtert als die Feuerzangenbowle. ( Die übrigens als Schulexperiment Kooedukation einführt)

Freundlicher Misanthrop
5 Monate zuvor

Ein interessanter Ansatz der Analyse.

Auf die angedeutete Koppel muss ich mal achten, dass der Anzug von Dr. Brett „moderner“ wirkte als die Kleidung des übrigen Lehrkörpers, ist mir noch im Gedächtnis.

Sein Fokus auf Disziplin und Hang zu Militärischem allerdings scheint mir im preußisch dominierten Kaiserreich nicht erstaunlich, wobei sich viel nationalsozialistisches Denken eben u.a. aus diesem speiste, insofern vielleicht auch Henne-Ei-Problem.

Inwieweit die Völkerwanderungsdarstellung rassistischer war als es das (nicht unerheblich) rassistische Grundrauschen der Kaiserzeit erwarten lässt, braucht für mich auch mal ein erneutes Ansehen – in meiner Erinnerung ist es die oft holzschnittartige und somit arg simplifizierte und simplifizierende Darstellungsweise von Geschichte in der dargestellten Epoche.

Der Vorwurf in Bezug auf die Methodik „Vortrag-Wiedergabe“ an einer traditionellen höheren Schule des Kaiserreiches ist in meinen Augen aber wohlfeil. Hätte es eine fishbowl-Diskussion, flipped classroom und Wochenplan mit freier Aufgabenteilung sein sollen? Ich befürchte, dass der Film da um so viel näher an der historischen Realität ist wie er von einem modernen Didaktik- bzw. Pädagogikverständnis entfernt ist.

Für mich war Dr. Brett die überzeichnete Mary Sue in Form des Superpaukers, ein Shakespearean stock character ohne wirkliche Tiefe, immer souverän, immer überlegen – aber weniger als Herrenmensch sondern als foil zum Rest des Lehrkörpers mit seinen menschlichen und mehr oder weniger überzeichneten Schwächen.

Und wer noch nie bei der einen oder anderen Klasse zumindest gedacht hat „Ok, wenn Ihr Krieg wollt, den könnt Ihr haben…“, der werfe den ersten Rotstift.
Manchmal ist eine Zigarre auch nur eine Zigarre.

So oder so lohnt sich vermutlich mal wieder ein Blick in den Film bzw. das Buch, welches naturgemäß noch etwas ausführlicher ist.

Lisa
5 Monate zuvor
Antwortet  Redaktion

Ja, der ist ein Fremdkörper im Lehrkörper:)

PaPo
5 Monate zuvor

Textinterpretationen demonstrieren tendenziell vielmehr die Perspektive des Interpreten als objektive Botschaften der Medien, wie bereits der Aquinate realisierte.

SuSanne
5 Monate zuvor

Für die um 1900 geborenen Menschen der oberen Mittelschicht war ja die Kaiserzeit vor Ausbruch des ersten Weltkriegs tatsächlich die schönste Zeit gewesen. Ab da an waren Tod an der Front, an Hunger, an Spanischer Grippe Pandemie realistische Szenarien in jeder Familie mit jungen Männern.

Inflationen raubten Altersgelder, die Versailler Verträge bürdeten Deutschland solche Lasten auf, dass nach Winston Churchill der zweite Weltkrieg damit schon vorprogrammiert war.
Quelle: Der zweite Weltkrieg. Autor: Der brittische Premierminister Winston Churchill. Erstes Kapitel

Es hilft nichts, überheblich zurückzublicken.

Filmische Zeitdokumente gerade in dieser Mischung aus Muff und Humor sind Verständnistransporteure.

Die Studenten, die ihn kollektiv ansahen, hatten ja Eltern und Großeltern erlebt, die versuchten, trotz der unvorstellbarern realistischen Ängste in Kombination mit berechtigten, aber schwer verarbeitbaren Schuldgefühlen
ihr Leben, ihr Land wieder aufzubauen nach Ende der Massenpsychose „Hitler“.

Der Zauberlehrling
5 Monate zuvor

Letzte Woche erst geschaut – wie jedes Jahr einer der Weihnachtszeitklassiker.

Einfach zeitlos herrlich gut.

Erinnerungen an die Uni – Asta-Kino im S108 mit viel Glühwein.

Achin
5 Monate zuvor

Danke für diesen Artikel, der aufzeigt, was sich hinter manchem sog. „Kult“ verbindet.

Kohlrabi
5 Monate zuvor

Ich verstehe nicht, was dieser Artikel soll. Lustig verbrämte Naziideologie? Was war im „Bildungswesen“ dieses Filmes anders als in gleichen Filmen aus der Zeit zuvor (vor den Nazis) und aus der Zeit danach (50er Jahre in WD, wo Lehrern das Schlagen von Schülern erst in den 1970ern verboten wurde)? Also eben typisch und originär „Nazi“? Was wäre an Schulen der Weimarer Republik oder des Kaiserreichs in einem Film anders gewesen? Spielt der Film überhaupt in der Nazi-Zeit und bildet daher absichtlich/unabsichtlich lustig verbrämte Naziideologie ab? Ich verstehe nicht, was dieser Artikel soll, außer uns diesen Film madig zu machen?!

Hinter den Kulissen
5 Monate zuvor
Antwortet  Kohlrabi

In dem Artikel wird leider vieles mit dem Wissen der heutigen Zeit nachträglich hineininterpretiert. Wie du richtig schreibst, wäre ein „Paukerfilm“ aus der Weimarer Republik und aus dem Kaiserreich kaum anders gewesen. Wohl auch ein Film aus dem Preußen dieser Zeit (Zitat aus Wikipedia: „Das Land Preußen wurde fast durchweg von den Parteien der Weimarer Koalition regiert: von SPD, DDP und Zentrum, zeitweise erweitert um die DVP.“)

Man kann das alles kritisieren, ablehnen und schlecht finden, aber es war nicht „Nazi-Pädagogik“, sondern weitgehend die Pädagogik der damaligen Zeit. Insofern finde ich diesen Artikel unsäglich und ahistorisch.

Lisa
5 Monate zuvor

Dr. Brett ist mir gar nicht so in Erinnerung geblieben. Gegenüber der großartigen alten “ Pauker“ mit ihren Schwächen bleibt er doch blass. Aber es ist richtig, er spricht wie ein Nazi.
Wo bei der Völkerwanderungsszene wird es denn rassistisch? Das ist mir tatsächlich nicht aufgefallen.Ich weiß von meinen Großeltern, dass Geschichtsunterricht früher so war. Alle Jahreszahlen und Lehrer, die nur ein Schlachtendatum für “ richtige Geschichte“ hielten. Also das war schon so im patriotischen Kaiserreich.

Ich würde sagen, dass mit eventuell bösen Absichten und in einer schweren Zeit dennoch ein richtig unterhaltsamer Film entstanden ist.

Pauker_In
5 Monate zuvor
Antwortet  Lisa

Frei aus dem Gedächtnis zitiert:
„Welche Unterrichtsmethode halten Sie denn für die richtige?“
„MEINE!!“
Großartig.
And die Völkerwanderungsszene erinnere ich mich auch nicht mehr, muss den Film mal wieder gucken.
Erich Knaufs Schicksal allerdings sollte nicht vergessen werden. Der Dichter des m. E. skurrilen Liedchens „Der Frühling liebt das Flötenspiel“ wurde von den Nazis umgebracht.

Pauker_In
5 Monate zuvor
Antwortet  Lisa

Ich habe mir die Szenen nochmal angesehen und kann in der Stunde zur Völkerwanderung keinen Rassismus sehen. Eine wirre Geschichte zu den Goten, die von Schweden über die Region Danzig nach Russland wandern und sich schließlich aus Ratlosigkeit in Ost- und Westgoten aufteilen – das ist doch nur albern und ein Aufhänger für Pfeiffers Versuch, Dr. Brett zu betuppen.
An Dr. Brett gibt es nicht wirklich nazitypisches. Er gibt sich preußisch-militärisch, sein Mantel (was genau trägt er eigentlich?) hat einen Gürtel. Aber ein Koppel kann ich damit nicht assoziieren, und selbt wenn! Koppel waren bis in die 90er Jahre Bestandteil der Uniform der Bundeswehr. Einem Mantel geben sie eine Taille.
Klar dürfte Dr. Brett die Lieblingsfigur der Nazis in diesem Film gewesen sein, aber einen Warnhinweis würde ich nicht in den Vorspann pappen.

B. aus A.
5 Monate zuvor

Dafür unterrichten wir heute – zumindest in NRW – die Völkerwanderung gar nicht mehr… vielleicht sollten wir aus ideologischen Gründen auch die Dampfmaschine streichen. Ganz im Ernst: zur Völkerwanderung habe ich Ende der 80er Jahre an einer französischen Schule eine didaktisch weitaus grottigere Stunde gesehen. Da las der Lehrer einen Lückentext über „les Visigoths et les Ostrogoths“ vor, und die Schüler füllten die Lücken im Chor.

Natürlich ist der Film wie jeder andere ein Dokument seiner Zeit, und interessant ist, daß dort bereits die Vergangenheit verklärt wird, woraus sich auch schließen läßt, daß vielleicht nicht jeder mit den aktuellen Entwicklungen der Zeit einverstanden war. Im übrigen sollten wir auch manchmal von unserem hohen moralischen Roß herunterkommen: ich möchte nicht wissen, wie spätere Zeiten einmal über unsere Irrungen und Wirrungen urteilen werden…

Clara
5 Monate zuvor
Antwortet  B. aus A.

Ja, das sehe ich auch so. Im Rückblick lässt es sich vom gemütlichen Sofa aus leicht über die Vorfahren urteilen – den Beweis der eigenen Integrität unter dem Druck einer Diktatur muss ja keine(r) antreten.

Nick
5 Monate zuvor

Schau ich mir an Heiligabend gern wieder an. Warum auch nicht?