Montessori-Fachtag: Wer Kinder erziehen will, sollte zunächst auf sich selbst schauen

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BERLIN. Beim Fachtag „MontessoriMove“ in Berlin ging es um nichts Geringeres als den Frieden: Wie kann es gelingen, Kinder und Jugendliche pädagogisch so zu begleiten, dass sie sich zu reifen und friedfertigen Erwachsenen entwickeln? Vorweg: Die Antworten fielen pragmatisch und praxisnah aus.

Auf das Vorbild kommt es an. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Wer Pädagogik mit Haltung sucht, konnte am vergangenen Wochenende in Berlin-Pankow fündig werden, genauer: in der dortigen Maria-Leo-Grundschule. Dort nämlich kamen Vertreterinnen und Vertreter der Montessori-Bewegung aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zusammen, um sich auszutauschen und zu vernetzen. Darunter: die vier international renommierten Montessori-Trainerinnen Patricia Wallner (Niederlande), Irene Fafalios (Griechenland), Baiba Krumins Grazzini (Italien/GB) und Jenny Marie Höglund (Schweden). Das ambitioniert gewählte Leitthema lautete mit Blick auf die aktuellen Weltkrisen: Wie sich Kinder und Jugendliche darauf vorbereiten lassen, später einmal friedvolle und friedfertige Erwachsene zu werden.

Nienhuis Montessori

Kennen Sie Albert Nienhuis? Der niederländische Zimmermann stellte in enger Zusammenarbeit mit Maria Montessori Lernmittel her, die ihrer pädagogischen Vision entsprachen. 1929 gründete er Nienhuis Montessori, den weltweit führenden Anbieter von Montessori-Materialien.

Seit über 85 Jahren vereint das Unternehmen Handwerkskunst mit technischer Finesse. Die Produktwelt von Nienhuis Montessori ermöglicht es Kindern heute so gut wie zu Albert Nienhuis Zeiten, ihre Welt eigenständig zu erkunden. Wir nutzen nur beste Materialien, verarbeitet mit Sorgfalt, Hingabe, dem Blick fürs Detail – und einer tiefen Verbundenheit mit der Pädagogik Maria Montessoris. Seit Jahrzehnten bereits ist Nienhuis Montessori offiziell von der Association Montessori Internationale anerkannt.

Hier bekommen Sie weitere Informationen über Nienhuis Montessori.

Der Ort war nicht zufällig gewählt worden. Die Maria-Leo-Grundschule, die als staatliche inklusive Schule von einer stark heterogenen Schülerschaft besucht wird, ist gerade erst in ihr neues Schulgebäude gezogen – ein Bau, in dem die Klassenräume als offene, von mehreren Seiten zugängliche Räume mit großen Fensterfronten gebaut wurden, in denen die Schü­le­rin­nen und Schüler selbstständig zwischen Schreibtischen, Stehtischen und Leseecken wechseln können.

„Wir wollen hier Schule neu denken“, sagt Schulleiterin Sandra Scheffel. Sie berichtete, dass sie und ihr Kollegium ein Konzept verfolgten, das zwar die Vorgaben der Bildungsverwaltung (wie Noten ab Klasse 5) einhalte, gleichwohl in diesem Rahmen so viel Montessori-Pädagogik wie möglich praktiziere – einschließlich einer Mischung der Jahrgänge von ein bis drei („Mikro“) und von vier bis sechs („Makro“). Etliche Lehrkräfte ihres Kollegiums hätten eine Montessori-Ausbildung zusätzlich absolviert. Entsprechend stolz sei man, „so viele Koryphäen“ der Bewegung in der Schule begrüßen zu dürfen.

Tatsächlich waren über 200 Montessori-Pädagoginnen und Pädagogen, darunter Vertreter*innen von Einrichtungen sowie Ausbilder*innen, aus ganz Deutschland, aus Österreich und der Schweiz zu dem „MontessoriMove“ benannten Meeting gekommen. Eingeladen hatten der Verband Montessori Deutschland, der Deutschsprachige AMI Pädagogen e. V. sowie Nienhuis Montessori. Jörg Boysen, Vorsitzender von Montessori Deutschland, freute sich über den regen Zuspruch, der die Dynamik der Bewegung belege. Er selbst übernahm zeitweilig die Simultan-Übersetzung der englischsprachigen Redebeiträge von einer Sprecherkabine aus.

„Lehrpläne kann man ändern, aber nicht die menschliche Natur. Die gilt es zu respektieren. Sonst wird es pathologisch“

Deutlich wurde in der Debatte um eine friedensbewegte Erziehung und Bildung schnell: Die Pädagogik und die Haltung gegenüber Kindern – gegenüber Menschen überhaupt – sind in der Montessori Bewegung nicht zu trennen. „Dass sich Kinder entwickeln, kommt nicht von außen. Es ist ein innerer Drang, der die Entwicklung vorantreibt. Ein Kind ist kein leeres Gefäß, das zu füllen, kein Stück Ton, der zu formen wäre. Es ist nicht der Erwachsene, der das Kind formt. Es ist das Kind, das den Erwachsenen prägt. Lehrpläne kann man ändern, aber nicht die menschliche Natur. Die gilt es zu respektieren. Sonst wird es pathologisch“, erklärte Baiba Krumins Grazzini, Direktorin der Fondazione Centro Internazionale, eines Studienzentrums im italienischen Bergamo.

Tatsächlich war viel von Respekt die Rede – vom Respekt gegenüber den Kindern und Jugendlichen, aber auch vom respektvollen Umgang der Erwachsenen untereinander. Denn von deren Vorbild hänge sehr viel ab. „Wenn die Erwachsenen kämpfen, werden es die Kinder auch tun“, erklärte Patricia Wallner, Historikerin, Anthropologin und Soziologin, die in Amsterdam mit den Allerkleinsten (null bis drei Jahre) arbeitet und Erzieherinnen und Erzieher ausbildet. Respekt gegenüber den Kindern äußere sich im Umgang. Als Beispiel nannte sie: Nase putzen. Ein Erwachsener sollte einem Kind nicht einfach plötzlich mit dem Taschentuch durchs Gesicht wischen, um Schnodder zu beseitigen, sondern sich auf Augenhöhe begeben – und die Aktion ankündigen. „Damit fängt es an.“

Wallner appellierte an Eltern und Pädagog*innen, die Kinder möglichst von Anfang an ins alltägliche Handeln miteinzubeziehen. „Dadurch entstehen viele Verbindungen im Gehirn, die die Kinder später nutzen können. Es macht auch Spaß, Arbeiten wie Staubsaugen oder Frühstückmachen gemeinsam mit den Kindern zu erledigen“, sagte sie, um lächelnd hinzuzufügen: „Auch wenn deren Priorität nicht in Sauberkeit und Ordnung liegt. Sie machen es, um einen Teil der Welt zu entdecken.“ Leider nähmen sich Erwachsene viel zu selten Zeit dafür.

Dass sehr viel von den Erfahrungen der Kinder in den ersten Lebensjahren abhänge, darüber herrschte Konsens bei den Referentinnen. „Wir lernen mehr in unseren ersten drei Lebensjahren als im gesamten Rest unseres Lebens“, sagte Baiba Krumins Grazzini. „Kinder lernen laufen – und werden dann ständig herumgefahren. Sie lernen, Dinge zu greifen – und dürfen dann nichts mehr anfassen. Sie leben im Hier und Jetzt – und bekommen dafür oft nur Bildschirme angeboten. Das ist nicht kinderfreundlich“, betonte Irene Fafalios, die in Athen ein Montessori-Ausbildungszentrum betreibt.

Ohnehin sei die zunehmende Digitalisierung des Alltags in den Familien ein sich verschärfendes Problem. Gefragt, was sie sich von Erwachsenen wünschen würde, antwortete sie: „Packt Eure Handys weg, wenn Ihr mit Menschen interagiert – zum Beispiel, wenn Ihr am Tisch sitzt. Das sagt dem Gegenüber: Du bist mir nichts wert. Kinder nehmen wahr: Ich sitze zwar mit meinen Eltern zusammen, aber die sind nicht bei mir“, erklärte sie. Und forderte: „Weg von den Bildschirmen!“

Patrizia Wallner unterstrich: „Wir müssen den Kindern und Jugendlichen ein wirkliches Leben ermöglichen, auch schon den Allerkleinsten. Sie brauchen die Wirklichkeit, um zu lernen, die Welt zu verstehen.“ In der Altersgruppe zwischen drei und sechs wachse dann das Gefühl heran, Teil einer Gemeinschaft zu sein, ergänzte Irene Fafalios. „Das Wichtigste dabei ist: in der Gruppe akzeptiert zu sein. Wir sind Säugetiere, wir benötigen das“, sagte Wallner. Im sozialen Miteinander lernten Kinder, sich zu benehmen und die dafür notwendigen Regeln zu entdecken und zu verinnerlichen. „Nicht, weil wir es vorgeben – es steckt in ihnen. Sie sind auf dem Weg. Unsere Aufgabe ist es, sie darauf zu begleiten“, betonte die Pädagogin. Ihre „goldene Regel“ für ein friedvolles Miteinander (das auch in der Erziehung gelte): Behandele Menschen so, wie du selbst behandelt werden willst. Eben auch Kinder.

„Pubertierende haben ein großes Interesse am Erwachsenenleben. Sie testen ihr Verhalten, ihre Ideen – und schauen sich eine Menge ab, wenn wir Seite an Seite mit ihnen arbeiten“

Darüber hinaus, so betonte Jenny Marie Höglund, die in Schweden eine Montessori-Schule mit angegliederter Lernfarm gegründet hat, kommt es darauf an, Kinder und Jugendliche in Aktivität zu bringen. „Pubertierende müssen die Erfahrung machen, dass sie die Welt mitgestalten können. Dafür brauchen sie beides: theoretisches Wissen und praktische Erfahrungen. Es hat Wirkung, wenn Jugendliche sehen, dass sie etwas bewirken.“ Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ermögliche es ihnen nämlich zu lernen, in einer Gesellschaft zu leben – und dabei Verantwortung zu übernehmen. „Es geht darum, die anderen mit in den Blick zu nehmen, achtsam zu sein gegenüber der Gemeinschaft, zu der sie etwas beitragen müssen, damit sie funktionieren kann.“ Wertschätzung sei der Schlüssel.

Die Fachtag „MontessoriMove“ war ausverkauft. Foto: Agentur für Bildungsjournalismus

Mit Blick auf die Erwachsenen sagte sie: „Wir müssen wissen, welche Werte wir vertreten. Pubertierende haben ein großes Interesse am Erwachsenenleben. Sie testen ihr Verhalten, ihre Ideen – und schauen sich eine Menge ab, wenn wir Seite an Seite mit ihnen arbeiten.“ Tipp am Rande von der Pädagogin: „Wenn man wissen will, wie Pubertierende ticken, sollte man mit ihnen kochen.“

Dass die Montessori-Pädagogik auf diese Haltung baue – um reife und damit friedfertige Persönlichkeiten hervorzubringen –, sei nicht allen bewusst, sagte Irene Fafalios. „Studierende denken oft, es geht nur um die Materialien“, so berichtete sie aus ihrer Ausbildungspraxis. „Doch es geht nicht in erster Linie um die Materialien, es geht vor allem um die Kinder – aber auch um uns Erwachsene. Wir müssen auf uns selbst schauen“, betonte sie. Andrej Priboschek, Agentur für Bildungsjournalismus

Montessori-Pädagogik: „Viel hängt von der Beziehung zwischen Kind und Lehrkraft ab“

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Achin
3 Monate zuvor

Ein weiteres Kapitel aus der Reihe „Montesorri-Schulen haben für alle kleinen und großen Probleme dieser Erde eine nachhaltige und sanfte Lösung“. Geht es nicht eine Nummer kleiner?

So originell sind die ratgebenden Beispiele nun auch wieder nicht („Weg von den Bildschirmen“, „Respekt vor den Kindern und Jugendlichen“,…).

Achin
3 Monate zuvor

Es muss natürlich „Montessori-Schulen“ heißen, hier bitte ich um Entschuldigung.

Alx
3 Monate zuvor

„Es ist nicht der Erwachsene, der das Kind formt. Es ist das Kind, das den Erwachsenen prägt.“

Warum zahlen dann die Schüler an den Montessori-Schulen Schulgeld und nicht die Lehrer?

Bei uns an der staatlichen Schule prügeln und beschimpfen sich die Lehrer übrigens auch nicht, sondern gehen äußerst höflich und wertschätzend miteinander um.
Trotzdem zeigen die Schüler mitunter derartiges Verhalten.

Ob der Unterschied etwas damit zu tun haben könnte, dass sich Eltern und Schüler aktiv für den Besuch einer Montessorischule engagieren müssen und somit eine deutliche Vorselektion stattfindet?

Bla
2 Monate zuvor
Antwortet  Alx

Indirekt zahlen viele Lehrer doch? Der Lohn/das Gehalt ist normalerweise (deutlich) niedriger.
Und ja, mit der Aussage des Zitats gehe ich nur bedingt mit: Kind und Erwachsener prägen sich gegenseitig.
Das ist sogar unabhängig vom Schulprinzip. Das ist eben sozialer Umgang in einer Gesellschaft.
Gemeint ist es allerdings wohl anders. Aber sei’s drum. Es geht mehr um die Eigenverantwortung und Selbständigkeit der Schüler. Die Lernumgebung wird gestellt und angeleitet. Nach dem Prinzip: „Hilf mir, es selbst zu tun.“

Ja, das ist einer von viele Gründen. Natürlich. Das ist ein „Privileg“ von Privatschulen. Hat alles so seine Vor- und Nachteile eben.

Alexia
22 Tage zuvor

Mehr Freiheiten im Lernstoff für die Schüler, was den individuellen Kernfortschritt ermöglicht, keine Noten und Verbieten des 45 Minuten- Taktes wären tatsächlich die Maßnahmen, die schon sehr helfen würden. Denn nicht nur für die schwachen SuS, sondern insbesondere für die Starken ist der derzeitige Unterricht eine Qual und eine große Zeitverschwendung.
Die Möglichkeiten, die viele Kinder haben, übersteigen das Angebot, das sie im Zwangsrhythmus bekommen dürfen. Und das ist eben einfach eine Vergeudung von Ressourcen.
Das Problem, dass wir in Deutschland haben ist grundsätzlich: Menschen, Politiker, die keine Ahnung von Bildung haben, niemals als Lehrer vor einer Klasse standen oder in irgendeiner Weise mit Pädagogik in Berührung gekommen sind, entscheiden über die Bildung und wissen offenbar, wie sie am besten funktioniert. Dabei beziehen sie selbst die Forschungsergebnisse nicht ein, die sie selbst durch die Errichtung von Laborschulen und anderen Forschungseinrichtungen angeregt (und gewonnen) haben. Ja, und das Ergebnis ist ja dann auch nicht überraschend, oder?