BERLIN. Die Pisa-Studie sorgt einmal mehr gehörig für Wirbel in Deutschland. Was lässt sich daraus ableiten? Der bildungspolitische Streit darüber wird die nächsten Monate prägen. Umso wichtiger erscheint es zu wissen, was wirklich erhoben wurde und welche Schlussfolgerungen sich direkt daraus ziehen lassen. Wir dokumentieren die wichtigsten Ergebnisse – Teil eins.
- 2022 fielen die Durchschnittsergebnisse in Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften schwächer aus als 2018. Die Leistungen der Schüler*innen in Deutschland lagen in den Bereichen Mathematik und Lesekompetenz nahe am OECD-Durchschnitt und in Naturwissenschaften über dem OECD-Durchschnitt. Zur OECD gehören Industrieländer wie die USA, Frankreich, Großbritannien, Italien und Japan, aber auch Entwicklungs- und Schwellenländer wie Kolumbien, Mexiko
- Insgesamt handelt es sich bei den Ergebnissen von 2022 in allen drei Kompetenzbereichen um die niedrigsten Werte, die jemals im Rahmen von PISA gemessen wurden. Die Differenz zwischen den Durchschnittsergebnissen von 2018 und 2022 in Mathematik und Lesekompetenz entspricht in etwa dem typischen Lernfortschritt, den Schüler*innen im Alter von ca. 15 Jahren während eines ganzen Schuljahrs erzielen. Der starke Rückgang der mittleren Punktzahlen zwischen 2018 und 2022 bestätigte und verstärkte indessen einen Trend, der bereits 2012 bzw. 2015 (je nach Kompetenzbereich) einsetzte.
- Gegenüber 2012 erhöhte sich der Anteil der Schüler*innen, deren Leistungen unter dem Grundkompetenzniveau (Stufe 2) lagen, um 12 Prozentpunkte in Mathematik sowie um 11 Prozentpunkte in Lesekompetenz und in Naturwissenschaften.
- Die Zahl der Schüler*innen in Deutschland, die in mindestens einem Kompetenzbereich zu den besonders leistungsstarken Schüler*innen (Stufe 5 oder 6) gehörten, entspricht in etwa dem OECD-Durchschnitt. Zugleich erreichte ein größerer Anteil der Schüler*innen als im OECD-Durchschnitt in allen drei Kompetenzbereichen das Mindestkompetenzniveau (mindestens Stufe 2).
- In Mathematik erreichten 70 % der Schüler*innen in Deutschland mindestens Kompetenzstufe 2 (OECD-Durchschnitt: 69 %). Diese Schüler*innen können zumindest ohne direkte Anweisungen interpretieren und erkennen, wie eine einfache Situation mathematisch dargestellt werden kann (z. B. Vergleich der Gesamtlänge zweier alternativer Routen oder Umrechnung von Preisen in eine andere Währung). In Singapur, Macau (China), Japan, Hongkong (China), Chinesisch Taipei und Estland (in absteigender Reihenfolge nach dem jeweiligen Anteil) erreichten über 85 % der Schüler*innen wenigstens dieses Grundkompetenzniveau.
- Etwa 9 % der Schüler*innen in Deutschland (ein ebenso hoher Anteil wie im OECD-Durchschnitt) erfüllten die Anforderungen von Stufe 5 oder 6 des PISA-Mathematiktests und zählten damit in diesem Bereich zu den besonders leistungsstarken Schüler*innen. In sechs asiatischen Ländern und Volkswirtschaften war der Anteil der Schüler*innen, die diesen Anforderungen genügten, am größten: Singapur (41 %), Chinesisch Taipei (32 %), Macau (China) (29 %), Hongkong (China) (27 %), Japan (23 %) und Korea (23 %). Diese Schüler*innen können komplexe Situationen mathematisch modellieren und sind in der Lage, geeignete Problemlösungsstrategien auszuwählen, zu vergleichen und zu evaluieren.
- In Deutschland gaben 60 % der Schüler*innen an, dass sich die Lehrkraft in den meisten Mathematikstunden für den Lernfortschritt jedes*jeder einzelnen Schüler*in interessiert (OECD-Durchschnitt: 63 %), und 73 % bestätigten, dass die Lehrkraft bei Bedarf zusätzliche Unterstützung leistet (OECD-Durchschnitt: 70 %). 2012 lagen die entsprechenden Anteile bei 49 % bzw. 70 %. In den Bildungssystemen, in denen mehr Schüler*innen angaben, dass die Lehrkraft zusätzliche Unterstützung gibt, wenn die Schüler*innen Hilfe brauchen, haben sich die Mathematikergebnisse 2022 im Vergleich zu den Ergebnissen von vor zehn Jahren im Durchschnitt weniger stark verschlechtert.
- Viele Schüler*innen lernen Mathematik in einem Klima, das dem Lernprozess nicht förderlich ist: Rund 28 % der Schüler*innen in Deutschland konnten 2022 eigenen Angaben zufolge in den meisten oder allen Unterrichtsstunden nicht ungestört arbeiten (OECD-Durchschnitt: 23 %). 38 % der Schüler*innen gaben an, dass sie der Lehrkraft nicht zuhören (OECD-Durchschnitt: 30 %). 28 % berichteten von Ablenkungen durch digitale Geräte (OECD-Durchschnitt: 30 %), und 27 % fühlten sich durch Mitschüler*innen abgelenkt, die digitale Geräte nutzen (OECD-Durchschnitt: 25 %). Im OECD-Durchschnitt berichteten Schüler*innen seltener von Ablenkungen durch digitale Geräte, wenn die Handynutzung auf dem Schulgelände untersagt ist
- Im Bereich Lesekompetenz erreichten etwa 75 % der Schüler*innen in Deutschland mindestens Stufe 2 (OECD-Durchschnitt: 74 %). Diese Schüler*innen sind zumindest in der Lage, die Hauptaussage eines mittellangen Textes zu erfassen, sie können expliziten, z. T. aber auch komplexen Kriterien entsprechende Informationen finden und nach ausdrücklicher Anweisung über die Funktion und die Form von Texten reflektieren. Der Anteil der 15-jährigen Schüler*innen, die das Mindestkompetenzniveau in Lesekompetenz (mindestens Stufe 2) erreichten, variierte zwischen 89 % in Singapur und 8 % in Kambodscha.
- In Deutschland erreichten 8 % der Schüler*innen im Bereich Lesekompetenz Stufe 5 oder höher (OECD-Durchschnitt: 7 %). Diese Schüler*innen können längere Texte verstehen, mit abstrakten und kontraintuitiven Konzepten umgehen und aufgrund von impliziten Hinweisen in Bezug auf Inhalt oder Informationsquelle zwischen Fakten und Meinungen unterscheiden.
- In Naturwissenschaften wurden etwa 77 % der Schüler*innen in Deutschland mindestens den Anforderungen von Kompetenzstufe 2 gerecht (OECD-Durchschnitt: 76 %). Diese Schüler*innen können zumindest die richtige Erklärung für bekannte naturwissenschaftliche Phänomene erkennen und auf naturwissenschaftliche Kenntnisse zurückgreifen, um in einfachen Fällen zu ermitteln, ob eine Schlussfolgerung angesichts bestimmter Daten zulässig ist.
- In Deutschland erreichten 10 % der Schüler*innen in Naturwissenschaften Kompetenzstufe 5 oder 6 und waren damit der Kategorie der „besonders leistungsstarken Schüler*innen“ zuzuordnen (OECD-Durchschnitt: 7 %). Diese Schüler*innen können ihr naturwissenschaftliches Wissen und ihr Wissen über Naturwissenschaften kreativ und selbstständig auf eine Vielzahl von Situationen anwenden, auch auf solche, mit denen sie nicht vertraut sind. News4teachers
Quelle: www.oecd.org/publication/pisa-2022-results/country-notes/germany-1a2cf137/
Hier geht es zu Teil zwei der Pisa-Fakten.
Neuer Pisa-Schock: Deutschlands Schüler schneiden so schlecht ab wie nie
