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“Das ist fast eine kleine Revolution”: Erstes Bundesland geht die Erfassung der Arbeitszeit von Lehrkräften an

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BREMEN. Wie viel arbeiten Lehrkräfte? So ganz genau weiß das niemand. Denn die Arbeitszeit im Schuldienst wird bislang nicht aufgezeichnet. Das soll sich ändern – im ersten Bundesland jedenfalls: Der Stadtstaat Bremen will mit ausgewählten Pilotschulen an einem Projekt der Telekom Stiftung zur Arbeitszeiterfassung für Lehrkräfte teilnehmen. Hintergrund ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zur Arbeitszeiterfassung.

Auch die Arbeit von Lehrkräften zu Hause muss erfasst werden. Illustration: Shutterstock

„Unsere Lehrerinnen und Lehrer leisten tolle Arbeit. Jeden Tag. Bei der Frage der Arbeitszeiterfassung gibt es Nachholbedarf, weil der Beruf der Lehrerin und des Lehrers längst nicht mehr dem tradierten Rollenverständnis entspricht“, sagt Bildungssenatorin Sascha Aulepp (SPD). „Für unsere multiprofessionellen Teams an Schule brauchen wir moderne Arbeitszeitmodelle, die gerecht und flexibel sind. Das ist fast eine kleine Revolution.”

Der Bremer Senat hat in seiner Sitzung den Vorstoß der Senatorin für Kinder und Bildung zur Arbeitszeiterfassung begrüßt, gemeinsam mit den Interessenvertretungen neue Arbeitszeitmodelle in Schulen zu entwickeln und einzuführen.

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Aus der Perspektive des Senats besteht aus unterschiedlichen Gründen ein Anpassungsbedarf. Zum einen aufgrund der veränderten Rechtslage infolge der europäischen Rechtsprechung. Zum anderen aber vor allem auch deshalb, da Schule sich in den letzten Jahren sehr stark verändert hat und weiter verändern wird. „Ganztag, Inklusion, multiprofessionelle Teams, Digitalisierung und KI sind Begriffe, die tiefgehende Veränderungsprozesse illustrieren“, so heißt es in einer Pressemitteilung.

„Wie mit Blick auf den bundesweiten Lehrkräftemangel ein neues, zeitgemäßes Modell aussehen könnte, ist eine wesentlich schwierigere Frage“

Das derzeit eingesetzte Deputationsmodell orientiere sich im Grunde aber nur an der Zahl der erteilten Unterrichtsstunden und hat sich im Prinzip und im Gegensatz zum schulischen Alltag seit 150 Jahren kaum verändert. „Dass hier Raum für Innovation besteht, erschließt sich auf den ersten Blick. Wie aber auch mit Blick auf den bundesweiten Lehrkräftemangel ein neues, zeitgemäßes Modell aussehen könnte, ist eine wesentlich schwierigere Frage. Trotzdem – oder gerade deshalb – wird Bremen hier vorangehen und in einem transparenten und partizipativen Prozess gemeinsam mit den Interessenvertretungen eine Lösung erarbeiten“, so heißt es weiter. Die länderübergreifende Kommunikation sei dabei für ein möglichst gemeinsames Vorgehen der Bundesländer wichtig, „ein Bremer Sonderweg ist nicht geplant“.

Die Frage, inwieweit das Urteil des EuGH zur Arbeitszeiterfassung auch auf Lehrkräfte anzuwenden ist, werde aktuell in der Kultusministerkonferenz noch kontrovers diskutiert, so Aulepp. Die KMK hatte im vergangenen Jahr einen Brief an Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) geschrieben, Lehrkräfte von der geplanten Regelung auszunehmen. Sie war damit zwar abgeblitzt. Auf die Umsetzung der Pflicht zur Arbeitszeiterfassung warten Lehrkräfte in ganz Deutschland aber noch immer – obwohl das Bundesarbeitsgericht das EuGH-Urteil mittlerweile bestätigt hat.

Deshalb sei Aulepp mit den Interessenvertretungen der Schulbeschäftigten im Gespräch, um bis zum Sommer einen Projektauftrag zur Lehrerarbeitszeiterfassung abzustimmen und möglichst zum nächsten Schuljahr zu starten. „Bereits in der Vergangenheit haben erste Schulen von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, ein Arbeitszeitmodell zu erproben, das bei der Aufteilung der Arbeitszeit der Lehrer und Lehrerinnen eher von den Jahresarbeitszeiten der Lehrer und Lehrerinnen ausgeht. Die jeweiligen Arbeitszeitmodelle orientieren sich an den Vorgaben der Präsenzzeitverordnung, was vor allem eine weitgehende Verlagerung der Arbeitszeit von Lehrkräften in die Schule bedeutet“, so heißt es in der Pressemitteilung.

Die Telekom Stiftung hatte im vergangenen Jahr eine Expertise des Strategieberaters und früheren Berliner Staatssekretär für Bildung Mark Rackles herausgegeben. Ergebnis: Das in Deutschland vorherrschende Arbeitszeitmodell für Lehrkräfte ist ungerecht, unflexibel, ineffizient und tendenziell überlastend (News4teachers berichtete). News4teachers

Zwei Lehrkräfte ziehen vor Gericht, weil sie zu lang arbeiten müssen – ihr Ziel: Eine Erfassung der Arbeitszeit im Schuldienst

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